Der Po:esie vierter Teil: Woodys Rache heißt Sven.
Der Po:esie vierter Teil: Woodys Rache heißt Sven.

Der Po:esie vierter Teil: Woodys Rache heißt Sven.

In einer Stadt, deren höchstes Gebäude ein siebenfarbiger, 302 Meter hoher Schornstein ist, sitzen an einem Novembertag drei Pärchen in einem französischen Restaurant. Es sieht aus, als hätte Woody Allen an den drei Zweiertischen vor dem großen Fenster ein Panoptikum der menschlichen Liebesbeziehung in Szene gesetzt, geordnet nach Jahreszeiten: Team Frühling ist ein frisch verliebtes Pärchen um die 20, das ununterbrochen plappert und kein Auge für die Welt vor dem Fenster hat. Vor allem redet sie, und er könnte sich wahrscheinlich den Café au lait auch durch die Nase ziehen und sie fände es zauberhaft.

Team Herbst ist ein frisch verzweifeltes Paar um die 40, dem vom zähen Schweigen sichtlich unwohl ist. Vorwurfsvoll blicken sie abwechselnd sich und die Passanten an. Die fußwippenden Pausen zwischen Gesprächen der Marke „Ich brauch mal wieder ein paar ordentliche Laufschuhe.“ – „Deine alten sind doch noch gut“ fiepen schmerzhaft wie das Hochfrequenzmarderschutzsignal durch die Nacht einer Stadt, von der es heißt, sie habe 240.000 Einwohner.

Und ein Paar um die 70 – Team Winter – hat offenbar nie damit gerechnet, dass zwischen Saftschorle und Salzkartoffeln jemals ein Gespräch stattfindet. Es sieht auch nicht so aus, als wäre ihnen das unangenehm. So ist das halt. Man wird alt. Auf den Geburtstagskarten („Es geht uns den Umständen entsprechend gut“) steht längst nur noch eine Unterschrift. Und ein Trockenstrauß auf dem Tisch wirkt auf beide so hypnotisch als blühte dort in 3D noch einmal die Mittagspause vor dem Getränkekombinat auf, während der sich die beiden das erste Mal zum Rudern auf den Schlossteich verabredeten.

Wo Woody Allen – der geniale Arrangeur des banalen Auf und Ab’s der Liebe lässt sich übrigens nirgendwo sehen – das Team Sommer einsetzt, bleibt ungeklärt. Vielleicht hat er den Erzähler, der ein glücklicher Single oder ein unglücklicher Protagonist in einer Fernbeziehung sein könnte, dem Doppeltrio gegenüber als unfreiwilligen Spiegel auf eine Eckbank gesetzt.

04

Als solch einen Erzähler muss man sich wohl Sven Frommhold vorstellen. Von einem dem Kitschigen nahestehenden Regisseur ist der Karl-Marx-Städter mit dem Beruf eines Zeitungsredakteurs ausgestattet worden. Wir wissen zwar nicht, ob er ab und zu französisch essen geht, wohl aber, dass er mit den Höhen und Tiefen des Lebens vertraut ist. Und da er nach seinem Tagwerk bei der Freien Presse die banalen Auf und Ab’s der Liebe gelegentlich zu delikaten bis schweinischen Gedichten zusammenfasst, haben wir ihn zu unserem Po-eten des Monats gekürt. Sozusagen Woodys Rache am Team Frühling. Womit wir uns nun wieder der Suche nach Team Sommer widmen.
(fck)

in wirklichkeit

besass ich keine freunde
mir bliebst nur du
ich war dein halt
der spiegel der es
besser mit dir meinte
für dich der mantel und
für alle andern kalt
in wirklichkeit hab ich
selbst dich niemals besessen
ich steh mit doppelt
leeren händen vor der welt
was mich so an dich band
ich wills vergessen
die tage meiner widerlichen Liebe
sind gezählt

 

ausgelöscht

als er ihr das kalte metall
auf die schlafwarme stirn drückte
erwachte sie mit einem blick
den er sein lebtag nicht wieder
vergessen hätte

dies bild
gehörte ausgelöscht

 

naturtalent

ihre zunge
wusste genau wo sie
zu suchen hatte

sie ließ sie
an den empfindlichen
stellen kreisen
und alle männer
in der stadt
fraßen ihr aus der hand

die
die davon
berichten konnten
und die
die sich darum
bewarben

die nicht darauf
zu hoffen wagten
waren die schlimmsten

 

Karl-Marx-Städter, Anfang 30

Das Land
in dem mein Vater meiner Mutter
auf der Motorhaube
eines alten Wartburgs
die Strumpfbänder zerriss
ist pfutsch

Die Stadt
die mich mit ihren Ampeln
in die Tobsucht treibt
tut so als wären
meine Jugendjahre besser
nie passiert

Meine Lehrer
verkaufen Lebensversicherungen
an Typen die
schon gestorben sind
und träumen von
schweißtreibenden Polonaisen
an der Costa del Sol

Die Frau
vor der ich mich mit 55
zum Idioten machen werde
ist wahrscheinlich
noch gar nicht geborn

Kein Mensch weiß
wohin das alles führen soll
In den Kneipen werfen sie dir
Konfetti ins Bier
und Wartburgs werden
auch nicht mehr gebaut

 

Oktoberende

Das abgenutzte Land
ist wie ein alter Mann
in seinem Sessel eingenickt
Der Takt
der tiefe Furchen zieht
verharrt
Bartstoppeln stehen
auf den Feldern

Ein gelbes Mal
auf seiner welken Haut
beschwört die Illusion
von Nähe
Vorm Auto fliegt
ein Rabe her und krächzt
komm gehe

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