Abgefakt: Holding Back The Years – Studentendisko revisited.

Wir sind wieder hier. In unserm Revier. Warn nie wirklich weg. Ham uns nur versteckt. Nach gefühlten Jahrzehnten der Abstinenz begab sich re:marx, getrieben von Nostalgie und Wermut äh Wehmut, bei der allseits beliebten Chemnitzer Studentendisko auf die Suche nach dem Gefühl von früher und der Antwort auf die Gretchen-Frage: Sind die anderen uncool, oder sind wir einfach nur alt geworden? Ein Abgefakt: Studentendisko. Oder ist es ein eher ein Abgefakt: Wir selbst ?

Das war:
Nichts wie es heute ist. Bevor man dem Johannisplatz die graue Kellnberger-Glasfassaden-Uniform übergestülpt und mit der Ansiedlung eines Vapianos endgültig zum Einkaufsstraßen-Einerlei komplettiert hatte, befanden sich hier kreisrunde Blumenbeete, meist mies bepflanzt. Hip sahen die nicht aus, aber man konnte auf ihren gekachelten Rändern sitzen und sich von der Clubnacht abkühlen. Bier trinken, rauchen, seriöse Suff-Gespräche führen, nach Gras gefragt werden. Anlass dafür war meist die Studentendisko: Jeden soundsovielten (wir wissen es gerade gar nicht mehr, so lang ist das schon her) Mittwoch im Monat, der Eintritt war frei – ein Highlight im studentischen Veranstaltungskalender. Immer traf man hier alle, die man gern treffen wollte, und auch die anderen. Immer liefen hier handfeste Indie-Hits und immer Madness. „Our House“ bis zum Britpop-Erbrechen. Irgendwann konnte man es nicht mehr hören: Tausend mal gehört, tausend mal ist nichts passiert.

konfetti

Früher war mehr Konfetti.

Daran denkt man heute nicht mehr. Man denkt an die Momente, als man einen Kreis bildete und zu A-Punk rhythmisch auf den Boden klopfte. In denen sich Freunde bei „One more Chance“ die T-Shirts vom Leib und auf der Tanzfläche alles ab- rissen. An die Euphorie, die „1901“ auslöste. An die amourösen Dramen des Dancefloors. Wie man sich bei „Don’t Look Back in Anger“ in den Armen lag, weil einen nur die Liebe entzwei reißen konnte.

Das ist:
Das Atomino ist inzwischen einmal durch die ganze Stadt gezogen, im Intro-Ranking zum dritt-heißesten Club Deutschlands gewählt worden und jetzt tief im Tietz-Keller angekommen. Die Tapete ist geblieben. Die Bar scheint besser als je zuvor. Die Anlage auch. Die Ecken sind noch dunkler, und die Leute, die früher hinter der kleinen Bühne rumgemacht haben, tun dies jetzt zwischen Heizungsrohren. Der Eintritt kostet mittlerweile fünf Euro, zumindest an Freitagen. (Das wäre zu unseren Zeiten undenkbar gewesen.) Der Laden ist trotzdem voll. Man kennt nach wie vor wenigstens irgendwen. Der Deutschrap-Hype hat Einzug gehalten, und kopfschüttelnd fragen wir uns: Sind die anderen uncool oder sind wir einfach nur alt geworden? Außerdem: Hört man jetzt wieder Panjabi MC? Und warum läuft hier eigentlich Cro? (Es waren doch die Strokes – da ist uns wohl ein Aneurysma im Stammohr geplatzt). Manchmal, wenn zwischen Kendrick Lamar und Future Islands beispielsweise Sean Paul läuft (Das hätt’s früher nicht gegeben!), wähnt man sich fast schon im Brauclub. Wenn hier jetzt irgendwer seine Selfie-Stange herausholen würde, wäre man zwar angewidert, aber nicht verwundert. Nach einem Glas Wein und einem Bier der Marke Jeffer befindet man sich bereits im Vollrausch und plötzlich erkennt man, was die Wurzel allen Übels ist: Man selbst. Schließlich ist man längst kein Student mehr, sondern – höchstwahrscheinlich – ein langweiliger Berufstätiger. Oder Familienvater. Oder beides. Oder gar nichts davon, weil arbeitsloser Akademiker, der schon mit Anfang 20 das geistige Alter eines Enddreißigers hatte. Jedenfalls wohnt man jetzt auf dem Kassberg und sitzt abends lieber im Cafè, wo man sinnig das Weinglas schwenkt. Man fühlt sich bescheuert, wenn man die Arme in die Luft reißt und „We are your friends“ grölt. „Ich bin zu alt für den Scheiß“, denkt man und seufzt: „Die fetten Hipster-Jahre sind vorbei“.

Das hat man in den letzten Jahren vermutlich verpasst: Nichts.

Fun-Kurve:
Chemnitzer Club-Nächte funktionieren nach wie vor alle gleich: Gegen zwölf wirkt der Club wie ausgestorben und man fühlt sich sehr verloren. Ab eins wird es schlagartig voll. Halb zwei tanzen alle: Ekstase. Um vier wird es schlagartig wieder leer. Halb fünf will man das übrig gebliebene Elend auf der Tanzfläche lieber auch nicht mehr sehen: Nachtbus.

Manchmal gibt es Momente, in denen man sich zwischen all den ausgelassenen Menschen (aus multikausalen Aspekten) unsäglich einsam fühlt – dann ist der Abend meist gelaufen. Seltsamerweise haben einige, also eine, von uns genau diese Momente verdächtig oft im Atomino erlebt: Egal ob Posthof oder Turnhalle. Weil man über die Jahre hinweg mittlerweile genug Erfahrung mit sich selbst sammeln konnte, hat man dem nun vorgebeugt und neulich drei Euro mehr in eine wasserfeste Mascara investiert.

Hermann Hesse hat übrigens mal ein Gedicht über genau diese Situationen geschrieben, dessen Name uns gerade nicht mehr einfällt, das wir aber zitieren würden, wenn wir pseudo-tiefsinnige Twens am Anfang der Selbstsuche wären. Da wir aber abgefakte End-Twens, also Twends (grob geschätzt), sind und uns die elendige Sinnsuche längst ruiniert hat, zitieren wir jetzt einfach was destruktiefsinniges von Bukowski. Nach dessen Buch hat sich schließlich die Band genannt, deren Name auf dem Shirt stand, das einer unserer Redakteure an diesem Abend trug, was vom Kassenmann mit einem denkwürdigen „Und du kochst also mit heißem Wasser Musik?“ quittiert wurde.

“ […] In other words, loneliness is something I’ve never been bothered with because I’ve always had this terrible itch for solitude. It’s being at a party, or at a stadium full of people cheering for something, that I might feel loneliness. I’ll quote Ibsen, „The strongest men are the most alone.“ I’ve never thought, „Well, some beautiful blonde will come in here and give me a fuck-job, rub my balls, and I’ll feel good.“ No, that won’t help. You know the typical crowd, „Wow, it’s Friday night, what are you going to do? Just sit there?“ Well, yeah. Because there’s nothing out there. It’s stupidity. Stupid people mingling with stupid people. Let them stupidify themselves. I’ve never been bothered with the need to rush out into the night. I hid in bars, because I didn’t want to hide in factories. That’s all.”

Das könnte sein: Zu Vampire Weekends „A-Punk“ klopfen wir alle kollektiv rhythmisch auf den Boden, um uns später bei „Don’t Look Back in Anger“ in den Armen zu liegen.

Das wird hier wohl nichts mehr: Zu Vampire Weekends „A-Punk“ klopfen wir alle kollektiv rhythmisch auf den Boden, um uns später bei „Don’t Look Back in Anger“ in den Armen zu liegen.

Darum muss man trotzdem wieder mal da gewesen sein: Auch wenn man, wie wir, die Johannisplatz-Vergangenheit nostalgisch verklärt, kann es nicht schaden, die schnapsverschwommenen Erinnerungen mal einem nüchternen Realitätsabgleich zu unterziehen. Denn selbst als in die Jahre gekommener, höchstens nur noch halb-hipper Blogger, sollte man wissen, was die Jugend von heute so bewegt. Und weil man in den letzten Jahren bevorzugt zu elektronischer Musik Viervierteltakte in Grund und Boden stampfte, kann man auch mal wieder zu handfestem Indie tanzen, mit genügend Abstand macht schließlich auch die eingerostetste Liebe irgendwann wieder Spaß. Was vermutlich man aber nicht kann: Das verlorene Gefühl von einst im Weinglas der Erinnerungen reproduzieren.

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