Hello 2020,

das hört sich erstmal ziemlich einschüchternd an. Erstens, weil die Zwanzigzwanzigerjahre nach genau der Zukunft klingen, in die man sich früher immer unbedingt beamen wollte, und zweitens weil nach den Zwanzigern meistens die Dreißiger kommen. Und die Dreißiger haben bisher noch nie Gutes gebracht, nur Älterwerden und Nazis, man will beides nicht. Andererseits sieht 2020 wirklich sehr gut aus: Klar, symmetrisch, aufgeräumt, perfekt für Leute mit Zahlen-Zwangsstörung oder Marie-Kondō-Fans.
Und obwohl man direkt zu Jahresbeginn schon wieder recht schlimm „Welt“ hat, möchte man fast ein bisschen optimistisch werden, und gönnerhaft sagen:
2020 wird dein Jahr, Chemnitz“.
Aber Chemnitz ist noch ein bisschen unsicher und etwas neujahrsdeprimiert vielleicht und hat an Silvester zu viel Feinstaub, zu viel Schnaps geschluckt und sagt deshalb trotzig:
„Das sagst du doch jedes Jahr.“

Nee, nee, liebes Chemnitz, das haben wir schon länger nicht gesagt. Genauer genommen haben wir das schon drei Jahre lang nicht mehr gesagt, weil die Hälfte unserer selbsterfüllend prophezeiten Jahresausblicke irgendwie immer wahr geworden ist, und das hat uns Angst gemacht. Außerdem hat die Chemnitzer Freie Presse das Format dreist bei uns geklaut, weshalb wir erstmal drei Jahre lang beleidigt waren, jetzt aber den alten Gram ab- und uns eine neue Glaskugel zugelegt haben. In die haben wir für unseren sinnlosen Jahresausblick sehr tief geschaut und folgendes gesehen:
2020 wird dein Jahr Chemnitz. Mit Abstrichen vielleicht, aber ansonsten wirklich!

Januar:
Der Insolvenzverwalter bekommt eine eigene Reality-Show bei RTL. Als „Der Pleitegeier“ hilft er hoffnungslosen Hängern dabei, noch hoffnungslosere Hänger zu werden. Das Format wird nach nur wenigen Folgen erfolgreich wieder eingestellt. 

Aus Versehen gelächelt: Chemnitz-Fresse entgleist in Ebersdorf. 

Plötzlicher Wintereinbruch: Tausende Chemnitzer können nicht zur Arbeit.

Die Deutsche Bahn vermeldet: Der Intercity nach Rostock kommt vielleicht schon 2035. 

Februar:
Lars Fassmann kündigt auf Facebook endlich offiziell seine Oberbürgermeister-Kandidatur an. Lars Franke gefällt das. 

Einige wenige CWE-Mitarbeiter unternehmen eine geheime Dienstreise nach Döbeln. Sehr viele Chemnitzer Steuerzahler sind außer sich.

Der Kaßberg bekommt eine dritte Kaffeemaschine, die Situation ist angespannt.

Beate bricht aus. Einem Stadtrat gefällt das.

März:
Der Stadthallenparkbrunnen wird wieder mit Schnaps gefüllt.

Großer Erfolg für die Maker Faire: Chemnitzer Informatiker kämmt sich die Löten. 

Endlich Sommerzeit: Die Zenti-Uhr wird umgestellt. Genauer gesagt soll sie aus Gründen der Barrierefreiheit abgerissen, und am Omnibusbahnhof anstelle des Klapperbrunnens rekonstruiert werden. Der Denkmalschutz schaltet sich ein. Entrüstete Bürger gründen eine Initiative zum Erhalt der Zenti-Uhr am Uhriginalschauplatz. Das Kulturhauptstadtbüro hängt im ganzen Stadtgebiet Plakate mit „Chemnitz2025. Auf den Zeiger gehen lohnt sich“ auf.

Die Deutsche Bahn vermeldet: Wahrscheinlich gibt es keinen Intercity nach Rostock. Dafür ist in der Stadthalle bald wieder Ostrock. 

April:
Wegen Supermarkt-Großbaustelle am Johannisparkplatz: Döner-Drive-In zieht in den ehemaligen Ratskeller. 

Ein Entblößer fotografiert im Küchwald einen Wolf. Die Aufregung ist groß, die Chemnitzer haben Angst um Parkbahnmaus Klaus. Die AfD fordert den sofortigen Abschuss, die Grünen sind dagegen, Pro Chemnitz bildet eine Wolfswehr aus. Das Thema wird im Bürgermeisterwahlkampf instrumentalisiert, weil man die Ängste der Bevölkerung ernst nehmen muss. Der Entblößer wird zum Held, tag24 berichtet. Ein Tuner lässt sich den „Küchwolf“ beim Chemnitzer Tuning Treffen „Gemeinsam stark gegen den Markenhass Vol 5“ auf seinen höhergelegten Range Rover airbrushen. 

Käsemaik gründet eine eigene Partei: Brie Chemnitz.

Auf dem Sonnenberg bricht eine hochansteckende Kriminalitätsrate aus. Das Gesundheitsamt verordnet eine Impfpflicht für die Bazillenröhre. 

Mai:
Prügelei um Projektgelder eskaliert: Balboa verhängt temporäres Hausverbot für Sonnenberg-Akteure. 

Die Oberbürgermeisterwahlen rücken näher: Neben Sven Schulze (SPD), Nico Köhler (AfD), Almut Patt (CDU), DJ Geyer (parteilos) und Lars Fassmann (freie Szene) geben auch Käse Maik (Brie Chemnitz) und der sprechende Nischel (MLPD) ihre Kandidatur bekannt. 

Die Niners steigen fast auf, scheitern aber knapp in den Playoffs. Ein Satire-Blog stellt Verbindung zur Chemnitzer Kulturhauptstadtbewerbung her. 

Chemnitz ist fast wie eine richtige Stadt und erlaubt neuerdings E-Rollatoren. Doch die flinken Cityflitzer liegen bald überall auf den Fußwegen rum oder werden achtlos in den Schlossteich geworfen. Ein Senior stolpert und klagt. E-Rollatoren werden wieder verboten. 

Alternative Realität: Die Niners steigen endlich auf. Ein Satire-Blog stellt Verbindung zur Chemnitzer Kulturhauptstadbewerbung her.

Juni:
Überraschender Korruptionsskandal bei der UEFA: Die Verantwortlichen der eigentlichen Austragungsorte wurden mit Listerin-Wurstkörben geschmiert. Die Fußball-EM wird spontan im Chemnitzer Gellertstadion ausgetragen. Alle fünf Hotels sind so ausgebucht wie sonst nur bei Nazi-Skandalen oder Sachsenringrennen.

Bei den Oberbürgermeister-Wahlen kommt es zu einer Stichwahl. Wer genau jetzt noch zur Wahl steht wird allerdings nicht öffentlich bekanntgegeben, weil Chemnitzer Millennials Angst vor Spoilern haben.

Das Ordnungsamt verhindert einen weiteren unangemeldeten Nischel-Hupper Auftritt vor der Omni-Uhr: Chemnitz kann nicht mehr Kulturhauptstadt werden. 

Statt Trainingslager: CFC absolviert Alpha-Mentoring. 

Juli:
In stillem Gedenken an Sigmund Jähn: Das Kosmonaut findet erstmals nicht in Chemnitz, sondern in Morgenröthe-Rautenkranz statt. 

Die Sanierung der Bazillenröhre beginnt: Bei der 1,4 Millionen Euro teuren Desinfektionsmaßnahme entdecken Bauarbeiter eine Bombe aus dem zweiten Weltkrieg, die Sachsen-Juwelen, den geheimen Eingang zum Conti-Loch sowie die verschollen geglaubte Fortsetzung des Kraftklub-Zehn/Kurze-Interviews.

Die Deutsche Bahn vermeldet: Ein Intercity nach Rostock ist doch möglich.

Wegen einer linksliberalen Großveranstaltung in der Innenstadt können tausende Chemnitzer nicht zur Arbeit und erst recht nicht parken.

Das zweite Bid Book wird rechtzeitig abgegeben. Lars Fassmann entdeckt fünf Fehler. 

August:
Tag der Entscheidung: Bei der Stichwahl wird der sprechende Nischel (MLPD) zum Oberbürgermeister von Chemnitz gewählt. Pro Chemnitz kündigt neue Freitagsdemonstrationen an, Kretsche warnt auf Twitter vor einem bedenklichen Linksruck nie da gewesener Dimension. 

re:marx will in den Weltecho-Hof einlaufen und stolpert.

Beim Besuch der Kulturhauptstadtjury präsentiert sich Chemnitz von seiner allerbesten Sommer-Seite: Weindorf, Parksommer, Begehungen, Menschen auf den Straßen, sogar ein paar Nazis und die Pariser Gelbwesten aus dem ersten Bid Book sind da, um „Jahrestag“ zu „feiern“.  

Die zweite Auflage des Bürgerfestes floppt trotz Andreas Gabalier-Double und Uwe Steimle-Auftritt, weil zeitgleich in der Spinnerei die „Was ist das für 1Horn-Party“ stattfindet. 

September:
Der Chemnitzer Stadtrat beschließt die Rettung eines weiteren Schandflecks durch ein teures LED-Konzept. Das Gellert-Stadion leuchtet fortan nachts in drei schönen Farben. 

UNESCO ernennt Chemnitzer Schlüpfermarkt zum Weltkulturerbe. Das Erzgebirge ist eifersüchtig. 

Weil die Gäste ausbleiben und zu wenig Getränke umgesetzt werden: Der Stadthallenpark schließt. Ausgerechnet so kurz vor der Kulturhauptstadtentscheidung entflammt in Chemnitz erneut eine Debatte über die städtische Clubkultur.

Die Deutsche Bahn vermeldet: Die Intercity-Strecke Chemnitz-Dresden-Berlin-Rostock muss noch mal geprüft werden.

Oktober:
Was macht eigentlich der CFC? 

Der Nobelpreis für Physik geht an die Entdeckerin des „Chemnitzer Halbkreises“.  Die anonymen Melancholiker feiern das mit ihrem ersten richtigen Treffen.
Niemand kommt.

Brühl-Verlängerung: Weil der superschicke Szenekiez so krass floriert, wird auch die Karl-Liebknecht-Straße zur neuen „Karli“ umgentrifiziert. Die ersten Leipziger ziehen nach Chemnitz.

Lonely Planet erklärt Chemnitz zum Neukölln des Südens.  

November:
Endlich mal wieder eine neue Straßenbahn: Die alten Tatra-Bahnen gibt es nicht mehr. Dafür fahren ab sofort brandneue ICEs mit WLAN von der Zenti in Richtung Technopark, Hauptbahnhof, Bernsdorf und Hutholz.  

Zu viel Höhe: Oberdeck wird tiefergelegt.

Wegen zu arroganter re:marx-Artikel: Dresden wird zur European Capital of Culture 2025 ernannt. Karl-Marx-Stadt wird nicht umsonst mit Karma geschrieben, und das Karma schlägt jetzt hart zurück. Chemnitz stürzt kurz in eine Krise. Und macht dann, was es am besten kann: stoisch weiter arbeiten.

Vokuhilamaik moderiert erstmalig die „Drehscheibe Chemnitz“.

Dezember:
Ökologisch nachhaltig: Ein Baum aus dem versteinerten Wald wird zum offiziellen Chemnitzer Weihnachtsbaum. Chemnitz Fernsehen berichtet. „taff“ kürt den Baum zum „hässlichsten Weihnachtsbaum der Welt“. Viele Chemnitzer solidarisieren sich mit „ihrem Steini“, denn beleuchtet sieht der gar nicht mal so schlimm aus. Er ist ein bisschen wie die Stadt selbst, finden sie: Im Dunkeln geht’s.

Die Kaßbergauffahrt ist endlich fertig restauriert. Auf der Weststraße geht es trotz dritter Kaffeemaschine steil kaßbergab: Der Einhundertmeter-Weihnachtsmarkt muss wegen Parkplatzknappheit um fünfundzwanzig Meter gekürzt werden. 

Das Atomino zieht ins Oberdeck.

Die Deutsche Bahn kauft die CVAG-App auf. Der Intercity nach Rostock kommt übrigens vielleicht doch schon 2040. 

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