Leaving Chemnitz is never easy – re:marx in München.

Um latenten Vorwürfen der einseitigen Berichterstattung gekonnt zu entgehen flüchtet re:marx für den aktuellsten Artikel ins ferne Nachbarland Bayern, genauer: in dessen exotische Hauptstadt München, da wo Männer noch Männer sind, wilde Tiere, die selbst bei winterlichen Temperaturen ihre Lenden in knackig kurzes Leder hüllen. Da wo der weltweit verbreitete Konsumterror am fanatischsten praktiziert wird und die Größe der gesichteten Menschenmenge in der Innenstadt alles bisher Gesehene dramatisch übersteigt. Hier sind nicht nur die Männer noch richtige Männer, hier ist auch das Bahnhofsviertel noch ein richtiges Bahnhofsviertel mit feurig lodernden Spielhöllen im bunt leuchtendem Zwielicht.

Doch re:marx war nicht da um wilde Leder-Kreaturen, überfüllte Shopping-Tempel oder anrüchige Table-Dance-Bars zu begutachten, nein, einzig die Arbeit lockte uns in den weihnachtlichen Glitzerrausch Münchens – schließlich haben wir einen Bildungsauftrag. Und den erfüllte uns der Bayrische Rundfunk am vergangenem Wochenende in Form einer güldenen Akkreditierung für das ON3-Festival. Ich danke der Academy, meiner Familie, Gott, und allen die mir das überhaupt erst ermöglicht haben. Aufgrund von Platzmangel und nebligem Licht ist es mir leider misslungen von meinem Fotopass korrekt Gebrauch zu machen und während der ersten drei Lieder eines jeden Künstlers Aufnahmen ohne Blitz anzufertigen – nichts desto trotz soll es im folgenden eine kleine Sammlung audiovisuell unterstützter Eindrücke vom ON3-Festival in München geben.

Aller Anfang gebührt einem Land, ferner als das ferne Bayern: Ägypten. Ägypten ist heute (und heute ist übrigens der 26.11.2011) einfach omnipräsent in München, immerhin durfte schon ein unkontrollierter Mob von ca. 20 jungen Ägyptern vor der Oper lauthals für Freiheit und gegen Diktatur demonstrieren. In Studio 1, einem der drei Orchesterstudios des BR, eröffnet ein scheinbar etwas kontrollierterer Mob von ca. 5-6 Musikern also gegen 21 Uhr ein Festival, das sich Insider-Sein und Zukunftsprognosen groß auf die öffentlich-rechtliche Stirn schreibt.Und so ist Ägyptische Musik der erste große Stempel, den sich das Festival bei der diesjährigen Ausgabe aufdrückt. Künstler wie Wurst ääh Wust El-Balad (ehemaliger Resident Act vom Tahir-Platz) oder Deeb dürfen lauthals für Freiheit und gegen Diktatur singen – doch wer hört schon hin, wenn man nichts versteht?

Der zweite große Stempel der auf nahezu jeder Bühne proudly presented wird heißt überraschender Weise Hip Hop, spricht bevorzugt Deutsch, ist aber dennoch von vielfältiger Couleur und diese reicht von Bläser-Wucht (Moop Mama) über mainstreamtaugliche Indiekredibilität (Kasper. Hihi) oder Ghetto-Female-First (Ebow) bis hin zum elektronisch untermalten Bombast-Rap von Ghostpoet (Favorit!). Welchen Schluss ziehen? Big beats back in 2012?

Den Rest der vertretenen Künstler könnte man grob mit „Indie-Elektro-Pop-Klimper-Wave“ etikettieren aber vielleicht einfach auch mit „Belanglosigkeit“. Team Me aus Norwegen klingen nicht, wie versprochen, nach Friska Viljor, sondern lassen, glücklicher Weise, den Versuch einer Annäherung an die bombastische Ekstase von Arcade Fire erkennen. (könnte noch was werden).

Hinter den in mystischen Nebel der Anonymität gehüllten „Serenades“ aus Schweden verbergen sich ein scheinbar weniger erfolgloser Songwriter und ein scheinbar von der Hauptband gelangweilter Shout Out Louds-Sänger.

Auf der Bühne klingt das nett, doch nett reicht längst nicht mehr und so leert sich das Studio so rapide wie es voll ward. Welchen Schluss also ziehen? Stirbt der Indiepop nun endgültig aus? Oder wird uns der Chillwave alle überleben?

Nun fällt mir auch Stempel Nr. 3 wieder ein: die Kapazitäten-Problematik. Studio voll, Maß voll. Alternative: Public Viewing in der Vorhalle. Konzerterlebnis getrübt – nie wieder Festival!

Welche güldene Erkenntnis hat re:marx nun von dem fernen Festival für euch mitgebracht:

Ägyptische Popmusik ist at the gates und on the bubble. HipHop-Revival und großes Indie-Sterben. Elektro will survive, Festivals sind überschätzt und vor allem: Chemnitz zu verlassen lohnt sich eben doch nicht immer!
einen Rückblick gibt es auch hier.

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