Der Po:esie zweiter Teil. Mit Lyrik von Tom Schilling.

Ein Montag fühlt sich irgendwie tröstlicher an, wenn man am Tag zuvor schon den neuen Spiegel gelesen hat. Vielleicht, weil man dann für einen Tag lang das Gefühl hat, gut informiert zu sein. Was man natürlich nie ist – allein während der Lektüre des Spiegels könnte man schon verpasst haben, dass in einen Supermarkt in Chemnitz eingebrochen wurde, dass das Weltecho noch geöffnet, dass sich im Conti-Loch ein Occupy-Zeltlager gebildet und das ZDF unserem Beispiel gefolgt ist, und Lanz kalt gestellt hat. Oder dass ein Chemnitzer Grundschulhausmeister die Polizei rief, weil vor der Schule Fußbälle lagen. Originalverpackt! Außerdem hat Tape TV unsere alkoholigrafische Interviewreihe Zehn Kurze/Fragen kopiert. Allerdings mit nur sechs Schnäpsen. Ist ja auch vernünftiger.

Der Spiegel jedenfalls stellt auf seinem aktuellen Titel die Frage, wie schädlich Pornografie für Jugendliche ist. Nicht nur, dass wissenschaftlich längst erwiesen ist, dass Masturbation häufig Fieber verursacht und blind machen kann – ein Spiegelredakteur hat mittels Selbstbespiegelung und Umfragen in seinem Bekanntenkreis festgestellt, dass Pornokonsum dazu führt, dass das männliche Brusthaar ausstirbt. Stark gefährdet sind auch Achselhaare. Fiebrig fingierte Umfragen in unserem Bekanntenkreis  haben jedoch ergeben: diese erregende Erkenntnis ist schlichtweg falsch. Deshalb haben wir den Chemnitzer Lyriker Tom Schilling (Anfang 40, behaart) gebeten, die Wahrheit über Sex zu schreiben und das Intro seiner spritzigen Analyse auf einem behaarten Männerkörper festgehalten. Es folgt Teil zwei unserer schlüpfrigen Lyrik-Latte
02

Ich, ein Gedicht über Sex

schreibend
die älteste Form der Verständigung
seit Erfindung der Massenware

Sprechblasen ohne Inhalt
Onomatopöien allenfalls
Esperanto für Fortgeschrittene
sex sells

II

die älteste Form der Kommunikation
seit Erfindung des Taktgefühls

die beliebteste
es zu zeigen
im Takt der Zeit
zu bleiben

III

unsern täglichen fick gib uns heute
die lüge die uns nährt
über sex und despotie spricht man nicht
fuck maschine heißt hierzulande
liebes maschine
als grund wurde die
umsatzentwicklung genannt
sex ist eine beziehungsübereinkunft
kopulationsvertrag wäre wohl
das passendere wort dafür
nur die liebe zählt alles
andere wird nicht mitgezählt
gefühle haben schweigepflicht sagt
andrea berg
über beziehungen spricht man nicht
es sei denn man hat keine
und eine ehe bleibt eine ehe
auch wenn man sie wiederholt
nur die liebe zählt bei
spermatozoen die trefferquote
einer für alle alle für einen

IV
sex als bezugsebene gemeinsamer
nenner was ich
zu sagen hätte
gibt meine language nicht her

zu umständlich
gestrickt um zur sache zu kommen
zu verkopft
um mit dem schwanz zu denken

zu schön um wahr zu sein
eine hure die
sich missbrauchen lässt
sprachpolizeilich geregelt

nach leistungsprinzip
einer männerclique
politisch korrekt
geführt von einer alibifrau

erigierter phallus
als zeichen der zeit
über frankfurt der nachthimmel
und nach mir die sintflut

es wäre viel zu sagen über sex
oder als gegendarstellung
doch was ich zu sagen hätte
is anything but

fuck machine

fühlte ich mich wie aus der zeit gefallen und ich fragte mich wozu so eine fuckmaschine gut sein soll die doch so eine gute alte sache wie sex auf reine motorik reduziert rein raus ohne anfassen und angefasstwerden wie früh zur arbeit gehen und abends zurückkommen rein raus ohne von dem was da draußen wirklich passiert etwa der lauf der sonne im wandel des tages oder der eines zaunkönigs den zaun entlang etwas mitzubekommen rein raus und das soll dann schon alles gewesen sein und ich träumte von einer zeit ohne anpassen und angepasstwerden einer zeit in der man sich zeit nähme und ich fragte mich wenn doch zu jeder guten sache immer zwei gehörten rein raus und nun neuerdings eines davon ersetzbar wäre wieso ersetzte man dann nicht auch das andere durch eine maschine und ich sah mich schon durchaus belustigt jener maschine beim maschine ficken zusehen

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