Stolz und Vorurteil: Das Chemnitzer Bekenntnis Bingo.

Der Chemnitzer Stolz ist ein Phänomen, das führende Soziologen wie uns schon mal an den wissenschaftlichen Rande des Wahnsinns treibt. Wäre man irgendwie schlau, dann könnte man jetzt mit (ein-)gebildet klingenden, aber völlig unpassenden Theorien wie Webers protestantischer Ethik oder irgendwas von Bourdieu oder gar mit Vorwürfen der Deutschtümelei hantieren, aber als stolze Holzköpfe wagen wir die hölzern-hohle These, dass sich die Stolzfrage auf folgende formvollendete Formel
Chemnitz = Industrialisierung = Arbeit = Leistung = Stolz.
herunter brechen lässt. q.e.d. Letztendlich ist es ja auch vollkommen egal, woher der Stolz auf diese stählerne Stadt kommt, so lange er sich clever vermarkten lässt. Denn das, was Chemnitz am dringendsten braucht, ist bekanntermaßen ein funktionierendes Stadt-Marketing-Konzept – die Stadt hat das rechtzetig erkannt und im Oktober 2013 eine große Stadt-Marketing-Kampagne ausgeschrieben, die sowohl auswärtige Fachkräfte anziehen als auch die eingerostete Eigenliebe der Chemnitzer beflügeln sollte. Den Zuschlag  erhielt die ortsansässige Agentur Zebra, doch als deren erste Stolz-Offensive „Proud to be a Chemnitzer“ – eine volkstümliche Weisheit, gehüllt in den weltoffenen Deckmantel der Internationalität – hochgepitcht wurde, stieß das seltsamerweise auf wenig Gegenliebe. Vermutlich, weil die schrecklich hohe Sprachbarriere den Zugang zum gemeinsam geteilten Stolz versperrte.

Seit zwei Monaten gibt es nun die offizielle Version von „Proud to be a Chemnitzer“ in absolutistischer Abwandlung: Die Stadt bin Ich. Hatte es der legendäre Claim „Stadt der Moderne“  bereits in jedes internationale Ranking der peinlichsten Städte-Slogans of all time geschafft, so schwört die Stadt bin Ich auf ein altbackendes Rezept, das schon vielen anderen Städten zu marktwirtschaflichen Weltruhm verhalf (Be Berlin, München mag dich, Stadt Mannheim -Leben im Quadrat, Lohne lohnt sich): Man nehme etwas Louis Quatorze, schließlich lebt man ja à la Paris de l`est secrète, eine Prise Egozentrik, einen Esslöffel gehäufte Heimatliebe, mische dies mit einer ordentlichen Portion Stolz und schon ist sie fertig, die urbane Identitätsfindung. Auf der eigens dafür errichteten Webseite stehen Macher im Mittelpunkt und Liebesschwüre säuseln durch den virtuellen Raum, Bürger bekennen sich zu ihrer Stadt, ganz Chemnitz scheint vereint in Glaube, Liebe, Hoffnung.
Das ist zumindest nett anzuschauen und auch amüsant zu lesen, weil die Seite auch kritische Töne zulässt, um aus dem stets zwischen Meckerei und Stolz schwankenden Chemnitzer Konsens eine optimale Marketing-Strategie zu schöpfen.
Wir jedenfalls haben die Glaubens-Bekenntnisse akribisch analysiert – und sind dabei auf erschreckende Erkenntnisse gekommen: alle bekenndenden Aussagen sämtlicher Bürgerinnen und Bürger weisen eine inhaltliche Übereinstimmung von 99% auf. Jenny, Ronny, Klaus und Ingrid, sie alle sagen das Gleiche. Deshalb haben wir für euch ein exklusives Bekenntnis-Bingo für todlangweilige Tatort-Abende, banale Business-Konferenzen und spannungsarme Soziologie-Vorlesungen gebastelt.

BingoWeil die allerschönsten Aussagen leider den Rahmen des Lotteriespiels sprengen würden, haben wir aus den besten Bekenntnissen eine Ode an die Stadt verfasst:

Eine Ode an Einöde:

Chemnitz ich liebe dich,
du bist ehrlich und identisch.(sic!)
Bei Tag und bei Nacht raucht die Esse vom HKW.
Schöne Frauen und Autos, wohin ich auch seh.

Chemnitz ich hasse dich,
Bei all den hässlichen Menschen fühle ich mich
immer wie der Schönste.
Mein Lieblingsplatz in Chemnitz ist der Fußgängerüberweg
vom Tietz zur Zentralhaltestelle.
Das ist Chemnitz.
Gestresst, verarmt, alt, traurig und
müde.

Zweckegoisten in Ihren Fahrzeugen sind isoliert,
keiner lernt sich kennen,
keiner kommt ins Gespräch,
soziale Interaktion wird sich nicht entwickeln!
Und so ist es für Zugezogene schwer Kontakt zu finden,
wenn Einheimische zwischen Arbeit und Wohnung
außer beim Einkauf
für sich
sind

Und ich hasse es hier
wegen den ganzen chemischen Drogen!
das zu viele junge Menschen kiffen in ihrer Freizeit
is schon schlimm

Chemnitz, ich brenne für dich,
durch deine topographische Vielfalt
können wir an unsere Kinder viele Herausforderungen stellen.
Für eine gute Arbeit in Sachen Jugendfeuerwehr
brauchen wir genau das.

Von Wäldern bis Gewässern,
von Waldbrand bis Hochwasser.
Wir sind in der glücklichen Lage
all dies hier zu üben.

Chemnitz ich kann dich gut leiden,
deine Bewohner sind ehrlich und bescheiden
Nur die Öffnungszeit des Chemnitzer Weihnachtsmarktes
sollte dringend verlängert werden!

Chemnitz, ist Schweiß,
Chemnitz ist harte Arbeit,
Chemnitz ist Leidenschaft
Wir sind wer wir sind,

Wir sind Chemnitz
Chemnitz ist Deutschland und
Deutschland ist Chemnitz.

(etwaige Fehler blind via Copy und Paste von www.die-stadt-bin-ich.de übernommen)

in dem Sinne:

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