Post der Moderne (KW 17): Was diese Woche in Chemnitz geschah.

In Chemnitz, sagt man, kommt jeder Trend mit etwa zwei bis zwanzig Jahren Verspätung an. Demnach heißt der derzeit neueste Hype: Illegale „Rave-Partys“. So nennt es jedenfalls die Presse. Im März gab es einen dieser extrem wilden und unglaublich illegalen Raves in einer alten Fabrik und vergangenen Sonntag unter einer Autobahnbrücke als Open Air. Beide fanden auf der Zwickauer Straße in Chemnitz statt – was passender nicht sein könnte, weil Zwickau ein bisschen wie Detroit und Chemnitz ohnehin das sächsische Manchester, und weil Detroit die Wiege des Techno und Manchester deine Mutter des Raves ist. Und wenn es hier schon eine Straße gibt, die Manchester mit Detroit verbindet, sollte sie auch gebührend genutzt werden. Jetzt, nur über zwanzig Jahre nach der Madchester-Ära, hat auch die kleine graue Partnerstadt im Osten Deutschlands Ravepartys und Acid-Trips entdeckt, damit es im post-industriellen Brachland endlich etwas bunter aussieht.

pdm

Könnte man angesichts des plötzlichen Trubels jedenfalls denken. Die Medien sind informiert, die Polizei, die die Sause am Sonntag sprengte, ist es auch und selbst im erlauchten Kreis der Stadtverwaltung hat man erkannt, dass illegale Techno-Openairs  seit ein paar Jahren tatsächlich auch in Chemnitz angekommen sind. Jetzt muss man sich schnell etwas einfallen lassen, um den von Experten etwarteten Ansturm illegaler Rave-Touristen Herr zu werden. Und siehe da  – im Rathaus hat man verstanden, was den Reiz illegaler Partys ausmacht. Nämlich, dass sie illegal sind. Genau deshalb prüft das Dezernat für Recht und Ordnung nun: Das Eilverfahren für Spontanpartys. Moment: Schließt sich das nicht irgendwie aus? Allein das Konglomerat der Worte „Eil“ und „Verfahren“ klingt im Kontext des Bürokratieapparates eher nach keiner spontanen Party.  48 Stunden soll es dauern, dann wird die spontane Party genehmigt. Oder auch nicht. Wir vermuten: Generell eher nicht. Aber egal: Das Eilverfahren für Partys – das ist hip, das ist Subkultur, untergroundiger als die Chemitzer U-Bahn, das ist, wie urbane Szene in Chemnitz zukünftig funktioniert: Sonntags Hand in Hand mit dem Ordnungsamt an der Chemnitz zu sanften Tech-House-Klängen entlang schlendern. Mal ehrlich: Es wird Zeit, dass Rico Ranunkel das Amt des Ordnungsjägermeisters übernimmt. Uns liegen exklusive  Informationen vor, dass er bei der Stadtverwaltung bereits ganz eilig eine Veranstaltung angemeldet hat, die „Sieg Eil“ heißen und am Stadthallenbrunnen stattfinden soll.

Die Runkelspielchen gehen aber ohnehin in die zweite Runde: Das Alkoholverbot in der Innenstadt  war 2014 eine volle Erfolgsgeschichte und soll nun auch in diesem Jahr gelten – und zwar noch viel schärfer. Keine Alko-Holi-Openairs im Stadthallenpark, auch nicht im Eili-Verfahren. Flaschen bleiben äußerst ungebetene Gäste in der Chemnitzer Innenstadt, ganz egal ob voll mit Bier oder voll im Tee. Da das Verbot selbst so wirr ist wie ein Re:marx-Redakteur nach Ausführung eines Zehn/Kurze-Interviews, haben wir zum Verständnis alle zehn Kurze-Fragen, die unsere Leser beschäftigen, hier noch einmal zusammengefasst.

1) Wann darf man nicht trinken: Vom 01. April bis 31. Oktober, jeweils Montags bis Samstag von 09 bis 22 Uhr.
2) Was darf man nicht trinken: Bier, Wein und Schnaps in Glasflaschen. Tetrapacks sind okay. Dosen anscheinend auch. Über die Möglichkeit von Champagner-Verzehr ist nichts weiteres bekannt.
3) Wo darf man nicht trinken:  Am Wall, am Johannisplatz und auf dem Stadthallengrün
4) So beeindruckend sind die Verbots-Erfolgszahlen aus dem letztem Jahr:
Rund 500 Aufforderungen, das Trinken zu beenden und exakt 45 Platzverweise wurden  ausgesprochen. Die durch Alkohol bedingte Kriminalitätsrate in der Innenstadt ist dadurch von 0,000 Prozent auf 0,0 Prozent gesunken.
5) Wann darf man trinken: Eigentlich immer: Zumindest nach 22 Uhr und an Sonntagen ungehemmt
6) Wo darf man trinken: Eigentlich überall: Dort, wo kein Gras wächst, wo herrlicher Beton sprießt, auf Gehwegen und vor Geschäften.
7) Mit wem darf man dann dort trinken: Mit sich selbst und allerhöchstens einer Begleitung seiner Wahl, aber Obacht: Hier „greift Paragraf 13 der Chemnitzer Polizeiverordnung, der es Gruppen von mehr als zwei Personen untersagt, sich zum Trinken zu treffen, wenn „durch Grölen, Belästigung und aggressives Verhalten andere an der Nutzung des Weges gehindert werden“.
8) Was passiert wenn ich auf dem Rasen mit einer Flasche Pfeffi erwischt werde?
„Wer auf dem Grünstreifen mit einem Bier erwischt wird, muss zwar runter, darf es aber ein paar Schritte weiter friedlich austrinken – vorausgesetzt, er ist allein oder höchstens zu zweit.“ Außerdem drohen Bußgeldstrafen von 5 bis 1000 Euro.
9) Darf ich meinen Kasten Sterni vor dem Roten Turm leeren und mich dann in den Stadthallenpark legen? Nein. Das grünflächenübergreifende Verbot gilt auch für das harmlose „Aufhalten im alkoholisierten Zustand im Grünflächenbereich“
10) Was sagt die Facebook-Community dazu: „Armes Deutschland“

Hoher Besuch am Samstag in der Chemnitzer Innenstadt: Kathrin Oertel – genau, die Ex-Sprecherin von, na.. wie hieß das gleich noch mal..ach ja, Pegida – zu Besuch auf einer hundert Mann starken Demonstration gegen TTIP und Obama. Ein Gegenentwurf zu Pegida, für Frieden mit Russland, gegen Genfood, für Palästina, direkte Demokratie und für einen Austritt Deutschlands aus der NATO. Und siehe da: Am Rande der Veranstaltung wurde auch schon das erste Hakenkreuz gesichtet. Juhu – die verschworenen Montagsdemonstranten sind zurück. Jetzt neu am Samstag und unter dem glorreichen Namen: „Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“. Sagt natürlich keiner so, weil Abkürzungen viel cooler sind, aber das hat man in Chemnitz ja schon immer gewusst. Also kurz: „Endgame“ – die wohl bescheuertste Abkürzung für eine Demonstration seitdem es bescheuerte Abkürzungen für Demonstrationen gibt.
„Gegen 13.45 Uhr hatte indes ein Berliner Bürger bei der Versammlungsbehörde spontan eine weitere Versammlung für etwa 50 Teilnehmer angemeldet. Das Thema der Versammlung entsprach dem der Vereinigung Endgame. Die Versammlung fand keine Resonanz, der Anmelder blieb laut Polizei allein“, schreibt die Freie Presse. Das macht uns fast ein bisschen traurig. Denn so eine Demo ganz allein könnte auch eine Anekdote aus dem Leben Ranunkels sein.

Was sonst noch geschah:
Vor dem Smac wurde gestern eine wahre Ruhe-Oase zum Smacke des gemütlichen Sitzens errichtet: Ein Einbaum – der heimliche Eintänzer unter den Bäumen. Wo ließe sich es auch schöner verweilen, als auf einer 15 Meter langen und 61.000 Euro teuren Baum-Bank, Typ Eiche Rustikal, mitten an der Brückenstraße? Eine dringende Frage jedoch bleibt hier so offen wie die Bierdose von Rico Ranunkel: Wird das Alkoholverbot zukünftig auch für den Einbaumbereich gelten?
Über Chemnitzer Busfahrer hatten wir uns ja bereits Anfang des Jahres ausführlichst ausgelassen – mit unerwartetem Erfolg. Jetzt fühlen wir uns angesichts unserer haltlosen Hetze ein bisschen schlecht, denn am Samstagabend wurde ein Busfahrer krankenhausreif geprügelt. Von einem 16-jährigen. Wegen eines ungültigen Fahrscheins.  Bereits im Februar hatte es einen gewalttätigen Zwischenfall in einer Chemnitzer Buslinie gegeben, schreibt die Morgenpost. Geld wurde gestohlen. Kripo Live ermittelt. Die Statistik über den Anstieg der Gewalt gegenüber Busfahren in Chemnitz nach Erscheinen des re:marx-Artikels sparen wir uns an dieser Stelle lieber…
Zum Schluss noch zwei MoPo-Schlagzeilen, die wir nennen müssen, weil wir nicht glauben können, dass es sich dabei um keine Satire handelt: „Waschbär beißt in Stromkabel – tot“ heißt die eine, die andere: „Serien-Einbrecher bettelt: Bitte steckt mich in den Knast!“

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