Gebraut to beer a Chemnitzer! Abgefüllt: Die Nacht der langen Schnäpse.

Fast jeder, der schon mal in Italien war, erzählt von typisch italienischen Nächten, in denen man nachts draußen sitzt, statt in Clubs oder Kneipen zu gehen. Auf Treppen, in Parks und an Brunnen in historischen Stadtzentren. Doch das bedeutet eben auch: Mehr Müll, mehr Lärm und mehr Wildpinkler – was im inkontinenten sozialen Gefüge einer Stadt wie Chemnitz manche mehr und manche weniger stört.
Diese Italiener sind uns jedenfalls sehr sympathisch. Und immer, wenn wir nachts draußen sitzen, auf Treppen, in Parks und an Brunnen und was trinken oder auch nicht, weil in Kneipen oder Clubs nichts los ist oder gerade deswegen, denken wir: Ist ja fast wie in Italien. Oder in Spanien.
Nur eben hier.
Warum ist Draußensitzen nicht gleich Draußensitzen? Hat der Italienneid ein Zimmer im champagnerfarbenen Neubaublock des kollektiven Unterbewusstseins der Karl-Marx-Städter? Was ist der Unterschied zwischen Großstadtflair und Ruhestörung? Wir wissen nicht, ob das die Fragen sind, die Rico Ranunkel beschäftigen. Der hat einen Abend, bevor das Alkoholverbot in der Innenstadt in Kraft getreten ist, zur Nacht der langen Schnäpse eingeladen. Zeit für ein sommerlich-schnapsgetränktes Abgefakt Abgefüllt über den ersten Chemnitzer Flasch-Mob.

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Ein Ort friedlicher Ko-Existenz, die Quelle italienischen Lebensgefühls: Der Brunnen im post-historischem Stadtzentrum.



Das ist hier jetzt nicht mehr erlaubt:
Glasflaschen auf Grünflächen. Grüne Flaschen auf Grasflächen. Zumindest Montag bis Samstag von 10-22 Uhr (Rewe-Öffnungszeiten). Bier auf Beton ist okay, Sonntag bleibt Sauftag und auch das Vorglühen im Park vorm nächsten Brauclub-Besuch dürfte nicht in Gefahr sein, so lange man sich nur artig an die vorgeschriebenen Zeiten hält.

Wer ist eigentlich dieser Rico Ranunkel?

Ein Facebook-Event von einem Typ, den niemand kennt, erstellt am Montag, reicht, damit sich am Mittwochabend mehr als 100 Leute am Brunnen vor der Stadthalle und auf der grünen Wiese daneben treffen. 1200 Mal wird die Einladung geteilt, 173 Suffis sagen zu.
Die Polizei lief ab 20 Uhr in blauem Kampfstrampler Streife, während sich im Sixpack Polizeihundekehlen wundkläfften, im Rewe die Biersixpacks knapp wurden, die Partei Die Partei sich mit Parteibanner postierte und die Freie-Presse-Reporterin mit dem Kugelschreiber klickte.

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Erhöhte Polizeipräsenz bei Massendemonstration am Mittwochabend in der Chemnitzer Innenstadt

Alles nur wegen Rico Ranunkel, dessen Name merkwürdig an den des Ordnungsbürgermeisters Miko Runkel erinnert und der im Namen eines Amtes für Zucht und Ordnung auftritt, dabei auf seinem Facebook-Profilbild einen weinroten Talar trägt und Bier auf dem Kopf balanciert. Ranunkel: Ist er der Rächer für so viele amtlich boykottierte Partys oder von Lärmschutzklagen geplagte Veranstalter? Der Robin Hood der still gelegten Ampeln? Oder Der Letzte Anwohner, der mit Guerillataktik ein komplettes Menschenverbot in der Innenstadt durchsetzen will ? Oder doch nur ein Marketing-Gag des Atomino? Re:marx hat damit auf jeden Fall nichts zu tun. Absolut gar nichts.

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Wo die Jugend ist, ist auch die Freie Presse nicht weit.

Erhöhte alkoholbedingte Kriminalitätsrate in Chemnitz gemäß der Statistik von Miko Runkel: Null Prozent.
Anzahl der Facebook-Freunde von Rico Ranunkel:
Null.

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Die Chemnitzer Freiheitsstatue: Die Bierflasche am Stadthallenbrunnen.

Wofür die Jugend anderswo auf die Straße geht : Frieden, Freiheit, Demokratie. Gegen staatliche Zensur, Korruption und eingeschränkte Grundrechte. Für die Unantastbarkeit der Menschenwürde und so. Naja, eben so Kram, den eh keiner braucht.

Wofür die Jugend in Chemnitz auf die Straße geht:
Frieden heißt friedlich Pfeffi trinken. Freiheit ist flüssig, alkoholhaltig und lässt sich bis 22 Uhr bei Rewe in Flaschen kaufen. Demokratie bedeutet friedlich Pfeffi-Trinken genau dort wo man eben gerade friedlich Pfeffi trinken will. Städtische Zensur ist scheiße, im Amt sind eh alle korrupt, wir lassen uns das Saufen nicht verbieten, die Würde des Wodka ist unantastbar.
Es scheint, als fühlen sich die Deutschen generell recht schnell in ihrer Freiheit beschränkt: Freie Fahrt für freie Bürger (Vgl. Tempolimit), freies Fleisch für freie Burger (siehe Veggie-Day) und nun eben auch freier Schnaps: Für alle!

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Von wegen unpolitische Jugend: Dass man auch junge Menschen heutzutage noch mobilisieren kann, hat DNdlS (kurz: Die Nacht der langen Schnäpse) am Mittwochabend eindrucksvoll bewiesen.

Das Sterni des Anstoßes:
Spontan und ohne Werbung mehr als 100 (junge!) Menschen an einem Mittwochabend zu einer Veranstaltung in Chemnitz zusammen zu bekommen – nicht schlecht, Herr Schluckspecht! Das Ranunkel-Rezept: Adoleszente Alkoholverherrlichung gemixt mit etwas folgenfreiem Revoluzzertum.

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So schön kann Saufen sein.

Dass die Veranstaltung am letzten Abend vor dem Alkoholverbot stattfand und nicht am ersten Abend danach, fanden manche „obrigkeitshörig“. Die „Bereinigungsideologie“ der Stadt, die alles Unbequeme, Ungeliebte, Problematische aus der blankgeputzten Konsumzone Innenstadt verbannen will, hätte man viel offensiver kritisieren können, wäre Ranunkel nicht so eine Pussy.
Andere fanden, man muss ja nicht gleich ein Fass aufmachen, nur weil die Stadtverwaltung ein Alkoholverbot erlässt, das offenbar die Idee eines in den Tiefen des Amtes herumbürokratisierenden Einzelnen ist, auf wenige Grünflächen beschränkt bleibt und eigentlich auch gar nicht soooooooo streng kontrolliert werden soll. Ob so ein Verbot überhaupt erlaubt ist, ist ohnehin noch nicht sicher. In anderen Städten wurde es bereits wieder gerichtlich einkassiert und auch in Chemnitz hat schon der erste Politiker dagegen geklagt.

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Trinken wie Gott in Frankreich.

Wieder andere fanden: „Ist so ein schöner Abend, warum saßen wir eigentlich noch nie hier?“ Der Pfandflaschensammler fand: „Heute ist mein letzter Arbeitstag. Morgen bin ich arbeitslos.“ Wodka auf die Mühlen der Freunde des Verbots ist dagegen die Polizeimeldung, dass einen Abend zuvor ein 22-Jähriger an der Stadthalle mit einem Messer angegriffen wurde.

Philosophische Fragen nach dem achten Pfeffi:
Der Brunnen ist beleuchtet? Wo ist eigentlich der Typ mit der Anlage? Wofür ist das eingeländerte Loch zwischen Brunnen und Roter Turm-Galerie gut? Was würde Oliver Kahn dazu sagen? Ist Benny schon los? Wo kann man hier mal pissen?

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Rebellion auf dem Rasen.

Fazit: Die Sache mit dem Alkoholverbot ist eine Schnapsidee. Rico Ranunkel sollte bei Zebra einsteigen. Italien ist immer, wo die anderen sind. Das einzige, was die Chemnitzer Jugend von heute wirklich noch zu mobilisieren scheint: Freier Schnaps für freie Bürger.
Man könnte öfter mal am Stadthallenbrunnen sitzen. Das hat den Vorteil, dass man auch mal andere Leute trifft als in den Stammkneipen, und das dritte Wiedersehen mit Aaltra-Jörg und Lokomov-Lana innerhalb einer Woche nicht zum selbstzüchtigenden und damit letztlich wirtschaftsschädigenden Delirium-Deja-Vu führt.

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So fühlt sich Freiheit an.

 In diesem Text sind acht alkoholische Getränke versteckt. Wer sie zuerst errät, findet ab nächstem Mittwoch jede Woche eine kleine Flasche luftgekühlten Pfeffi am Brunnen vor der Stadthalle.

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Friedlicher Flaschmob und die Frage: Wer von denen ist nun Rico Ranunkel?

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