Im Görli von Karl-Marx-Stadt: Ein Abend im städtischen Sperrgebiet Stadthallenpark.

Als wir vor langer Zeit nach Chemnitz zogen, waren die Straßen der Stadt kein sonderlich hartes Pflaster – trotz des bombastischen Betons, der hier in kapitalistischen Nachwende- und kommunistischen Nachkriegszeiten verbaut wurde. Zu alt, zu überschaubar, zu beschaulich schien die Stadt und die Gehwege waren oft so leer, dass sich nicht mal ein ausgefuchster Kleinkrimineller nach Einbruch der Dämmerung alleine hinaus wagte – schließlich war ja auch niemand da, den man hätte überfallen können. In Chemnitz blieb es meist derart ruhig, dass schon leisester Lärm als mittelschweres Verbrechen galt: Eine Hochburg der Sicherheit.
Im Laufe der letzten Jahre jedoch scheint die Kriminalitätsrate rund um den Marx-Kopf drastisch gestiegen zu sein. Man denke nur an das gewaltsam heruntergerissene Schland-Trikot während der Fußball-WM, an die Wildpinkler auf dem Brühl oder die unzähligen Verstöße gegen das Glasflaschenverbot. Glaubt man obendrein Facebook-Kommentaren, Zeitungsberichten und „Tatort Chemnitz“-Befürworten, so leben wir mittlerweile in einer Hochburg des Verbrechens.

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Ort des Grauens: Der Stadthallenpark – der Görli von Chemnitz.


Sachsenweit bleibt Chemnitz aber wie immer nur dritte Wahl und muss sich in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik sogar noch hinter Leipzig und Dresden einreihen. 25.560 Straftaten erfasste die zuständige Polizeidirektion für die Stadt Chemnitz (ohne die umliegenden Regionen) im Jahr 2014 – 3,6 Prozent mehr Delikte als im Vorjahr. Das meiste davon waren Diebstähle, Vermögens- und Fälschungsdelikte, Rohheits- und Rauschgiftdelikte, Sachbeschädigung. Als gutmenschelnde Lügenpresse legen wir natürlich ein verschwörerisches Schweigen über den Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger – ist ja letztendlich auch egal, ob jemand aus Flöha oder jemand aus Florida das brandneue Fixie gestohlen hat. Im Kleingedruckten des Polizeijahresberichtes steht aber auch folgender Satz:

„Betrachtet man die Anzahl der erfassten Rauschgiftdelikte im Verhältnis zur Einwohnerzahl, liegt die Stadt Chemnitz mit 387 Fällen je 100 000 Einwohner vor den Städten Leipzig (355) und Dresden (338).“

Chemnitz hat also doch endlich mal die Koksnase vorn – vielleicht liegt die Stadt aber auch einfach nur ein bisschen näher an der tschechischen Grenze, und man kann gar nichts dafür, dass einem Methpäckchen unter das frisch geputzte Auto geklebt werden, wenn man einfach nur billige Zigaretten oder gepanschten Alkohol kaufen möchte. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sich im Herzen der Stadt eine erfolgreiche sächsische Zweigstelle des Görlitzer Parks befindet.
„Im Zentrum wird rumgelungert, gepöbelt, gebettelt, getrunken, Straftaten werden begangen. Da wollen wir gegenhalten“, wurde Polizeichef Uwe Reißmann Anfang August in der MoPo zitiert. Gemeinsam mit Sparringspartner und Reizfigur Runkel sowie der „Händler-Interessen-Gemeinschaft Innenstadt“ kämpft er nun für die Sauberhaltung einer „publikumsorientierten Innenstadt“ – eine Formulierung, die genauso kriminell klingt wie Meldungen über Schlägerein im Stadthalli.

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Ein grasgrüner Riss im Herz der Chemnitzer Innenstadt.

Zentrum der Chemnitzer Kriminalität ist also keineswegs der Sonnenberg, wie wir von re:marx, oder Hilbersdorf, wie die von Pro Chemnitz, oder Kappel, wie dessen Einwohner glauben – sondern die Innenstadt. Wenn man mehr als drei Sekunden darüber nachdenkt, ist das nun auch nicht weiter überraschend. Viele der graufassadigen Gebäude und das Programm des Stadtfestes sind ein Verbrechen am guten Geschmack, ein gefühltes Drittel der Menschen in der Innenstadt scheint chronisch alkoholisiert, Busfahrer heizen wie gefürchtete Todesraser durch das Zenti-Valley – und an Montagen marschiert hier neuerdings wieder Cegida/ redet Lutz Bachmann vorm Marx-Kopf (!). Im Fokus der Crimeszene steht aber ein beschauliches Fleckchen grünbewachsener Erde: Der Stadthallenpark – der Görli von Karl-Marx-Stadt.

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Ein Bild vom anderen Sterni

Jene Grünanlage, die genau der friedliche Ort zum Verweilen sein könnte, den die Schlager- und Volksmusiksternchen bei ihren Konzerten in der Stadthalle immer besingen, gäbe es da nicht ein Problem: An der kleinen, grünen Lunge der Stadt, deren Bronchien stark befallen sind, nagt der Verdacht auf Tuberkulose – und auf irreperable Leberschäden. Nirgendwo anders ist das Adjektiv „grasgrün“ so zweideutig wie hier. Das Ordnungsamt hat den Stadthallenpark zwar schon auf Entzug geschickt, nach unserem Eindruck aber eher erfolglos. Vielleicht sollte man im Amt für Zucht und Ordnung noch einmal die Sinnhaftigkeit eines Alkohol- und Glasflaschenverbots in Frage stellen, das besagt, dass man zwar zu bestimmten Tageszeiten auf der grünen Fläche nicht an der grünen Flasche nuckeln darf, daneben aber schon. Wir berichteten bereits mehrfach. Am Wall, zwischen Aldi und Rewe, treffen sich nach wie vor Kids und Klientel, um alkoholisiert mit Glasflaschen zu klirren und Schwachsinn zu grölen. Manche von ihnen landen anschließend im Stadthallenpark oder am Brunnen, um dort in Gruppen herumzusitzen, weiter zutrinken oder Fußball zu spielen, kurz: um rumzulungern, öffentlich in einer Stadt.
Aus diesem Grund hat die Polizei nun eine 15-köpfige OEG – eine operative Einsatzgruppe, eine Art Sondereinsatzkommando für alltägliches Stadtgeschehen – gegründet, die täglich Razzien vor der Stadthalle durchführt, vermutlich aber mehr Koksreste im Backstage bei einer herkömmlichen Volksmusikveranstaltung in der Stadthalle finden würde. Immerhin: 24 Straftaten (Diebstahl, Hehlerei, Körperverletzung, Drogen, Waffenbesitz) und 21 Ordnungswidrigkeiten (Glasflaschen) konnten so schon verhindert, sieben Personen festgenommen werden.

Re:marx wagte sich an einem lauen Sommerabend ins finstere Herz der Chemnitzer Nacht und verbrachte einige Stunden ohne Polizeischutz im Stadthallenpark, um dort außer Rand und Band rumzulungern. Anlass gab die Chemnitzer Morgenpost, unsere liebste lokaljournalistische Nabelschnur, die kürzlich über die „Drogen- und Trinkerszene“ im Park und über besoffene Bürger berichtete, die sich nicht mehr sicher fühlen, Tag und Nacht im Park.

Seit Jahren treffen sich Trinker, Junkies und Drogendealer am Stadthallenvorplatz und im Park. Seit Jahren meiden Bürger und gar Familien deshalb diesen attraktiven Ort. Gut, dass die Polizei jetzt mal dazwischen geht. Dealer treiben sich im Park vor dem Terminal 3 herum. Natürlich ohne Drogen. Im Bedarfsfall ein kurzer Druck aufs Handy, schon starten Kuriere auf Fahrrädern in den umliegenden Hinterhöfen und bringen den Stoff. Jetzt kriegen die Drücker Druck. Unangenehm ist auch die Trinkerszene vor der Halle. Ihre Glasscherben gefährden auch spielende Kinder am und im Brunnen.

So kommentierte das der Morgenpost-Redakteur, und der virtuelle MoPoMob bestätigte den Stadthallenpark als potenzielles Sperrgebiet für unsereins – denn natürlich sei allen absolut klar, wer genau hier Drogen verticken würde – #ArmesChemnitz.

IMG_7854Es scheint, als nutzen einige Migranten, übrigens auch Familien, den Park als öffentlichen Zufluchtsort, an dem sie einfach nur etwas Zeit verbringen können. Am Brunnen sitzt eine Familie und schaut verschwiegen auf die abendliche Innenstadt, der kleine Sohn planscht im Wasser. Vermutlich wissen sie noch nicht, dass man sich in Chemnitz bereits verdächtig macht, wenn man einfach nur gerne draußen sitzt. Auf der Wiese hat sich eine große Gruppe junger Männer versammelt, um gemeinsam Fußball zu spielen und eine Sportart zu praktizieren, die wir so noch nie gesehen haben. Ein Teil des Spiels besteht darin, möglichst viele Mitglieder der eigenen Mannschaft auf vier hintereinander aufgereihte Mitglieder der gegnerischen Mannschaft aufspringen zu lassen. Die beiden Spielleiter tragen schwarze Jogginghosen und Turbane aus violetten Tüchern – ein Look, den wir uns auch als neuen Hipstertrend vorstellen können. Manchmal fragen sie bei den urchemnitzer Wiesennachbarn nach Feuer. Als sie den Park verlassen, sammeln sie sorgfältig ihren hinterlassenen Müll wieder ein.

IMG_7862IMG_7886Hinter uns hat sich eine große Gruppe junger, deutscher Teenager versammelt, um Alkohol und Energy-Drinks zu trinken und Selfies davon zu machen. Sie sind vorbildlich uniformiert mit Hipsterbrillen, bauchfreien Tops, Leggins, bunten Schuhe und Haaren. Wie ein Schwarm schwirrt die Gruppe über die Wiese, ganz eigene Dynamik, die sie immer wieder von einander weg und zueinander hin führt, nur scheint es etwas an Schwarmintelligenz zu mangeln. Der Müll liegt überall zerstreut, fürchterliche, an Helene Fischer auf Acid erinnernde Musik krächzt aus den Handy-Lautsprechern, nach etwa einer Stunde wird gegrölt und gepöbelt. Manche rauchen Joints. Zwei bauchfreie Mädchen namens Ey beschimpfen sich lautstark.

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– „Ey, komm mal auf dein Leben klar“
– „Isch kiff wenigstens nich wie so ne Behinderte, ey!“
Ein blonder Jüngling fragt nach uns Tabak, leicht lallend und mit wenig Zeit, der Bus kommt gleich.
– „In der MoPo stand, hier gibt es ein Drogenproblem“
– „Ja, dasis aufalleFälleso“
– „Wie äußert sich das denn?“
– „Ischkann dazunix sagen, mein Bus kommtgleisch“

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Hier trifft sich die „Drogen- und Trinkerszene“

Sirenen heulen, aber keine hält hier. Dabei haben wir das Grün extra mit Pfeffi- und Bierflaschen dekoriert – die Ordnungswidrigkeit bleibt ungeahndet, wie vermutlich viele an diesem Abend. Der Teenie-Schwarm löst sich auf, hinterlässt eine Spur von Glasflaschen, unter das Fußballteam mischen sich drei Blondschöpfe. Der Stadthallenpark könnte auch ein Ort der der Begegnung sein, der berüchtigte kulturelle Schmelztiegel, anstatt wie geplant das nächste seelenlos hinbetonierte Chemnitzer Glasfassadenmodell. Die Pöbel-Kids, die genauso einen Zufluchtsort brauchen wie die Jungs aus dem Asylbewerberheim, haben vielleicht weniger Vorbehalte gegen die, die nebenan einfach nur Fußball spielen, als manch 60jähriger „Denns“-Kunde. Einer aus dem vielgefürchteteten Morgenland fragt die Autorin, als sie ein Foto macht, ob sie von der Poliziei und ob sie Single ist – es ist ja gemeinhin bekannt, dass Gebiete wie der Stadthalli unlängst als No-Go-Area für Frauen ausgerufen wurden. Sagt der MoPoMobb.

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Keiner, nicht mal einer aus der vielgefürchteten Morgenleite, fragt uns nach Drogen. Unsere Idee, Leute im Park zu fragen, womit sie dealen, scheitert an grober Feigheit. Womit sie hier dealen, kann man auch den Polizeiberichten entnehmen – im November vergangenen Jahres war die Rede von Cannabis, Cannabis und naja, Cannabis. Von einer außer Kontrolle geratenenen Drogenproblematik zu sprechen ist  ungefähr so, als würde man Rewe vorwerfen, mit Alkohol zu dealen – was der Supermarkt ja auch tut, trotz innerstädtischer Prohibition

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Frisches Obst statt madiges Meth.

Nachdem wir diesen Abend mit Gefahr und  kugelsicheren Westen seelisch verarbeitet hatten, blieb vor allem eine Erkenntnis in unserem porösen Kurzenzeit-Gedächtnis kleben. Chemnitz hat auf jeden Fall ein Problem: Mit der Idee einer lebendigen Innenstadt. Denn in einer solchen leben nicht nur mittelständige Mitvierziger und solvente Senioren. Wer eine Großstadt sein will, sollte es für alle sein. Auch wenn dabei Sozialdynamiken entstehen, die nicht ins glatt polierte Schaufensterbild der Händler-Interessen passen. Wenn nächstes Wochenende aber wieder Stadtfest ist, sind die Trinkfesten plötzlich gern gesehen – auch im Sinne der Händler-Interessen.
Was jene „herumlungern, pöbeln, betteln, trinken“ nennen, nennen wir Innenstadtbelebung. Dazu gehören neben Vorzeigefamilien, Durchschnittskonsumenten und senilen Schlagerfans auch aufgekratzte Jugendliche, Biertrinker und Migranten, die sich hier mehr die angestaute Zeit vertreiben oder sich einfach nur treffen, als dass sie die angestaute Wut herauslassen. Es mag Zwischenfälle geben, aber Konflikte werden immer dort ent- und bestehen, wo in einer Großstadt, die Chemnitz ja zu sein behauptet, verschiedene Lebenswelten- und Entwürfe aufeinander treffen. Die Jusos Chemnitz haben sich dem Thema auch angenommen – und das ganz ähnlich formuliert.

Die Polizei will gegen ‘herumlungernde Menschen’ vorgehen. Das ist absurd! Das Argument der Kriminalitätsbekämpfung ist doch vorgeschoben – in Wahrheit geht es um die Interessen der Händler, die befürchten, dass ein paar Menschen, die nicht in ihr feines Weltbild passen, Kunden verschrecken.

Die Bevölkerung einer Stadt muss ertragen können, dass es Menschen gibt, denen es möglicherweise nicht so gut geht oder die einen anderen Lebensentwurf gewählt haben, als die Mehrheitsgesellschaft. Sie aus den Augen dieser Mehrheitsgesellschaft zu verdrängen ist keine Antwort auf irgendeine Frage.

Vielleicht sollte Runkel doch noch mal über ein komplettes Menschenverbot nachdenken – oder die kürzlich dem Stadtrat vorgelegte Agenda Chemnitz 2000 von Rico Ranunkel umsetzen, deren Ziel es ist, jegliche Lebhaftigkeit der Innenstadt zugunsten eines sicheren und ruhigen Lebensraums im Keim einer restriktiven Verordnungspolitik zu ersticken.

Ein Gedanke zu „Im Görli von Karl-Marx-Stadt: Ein Abend im städtischen Sperrgebiet Stadthallenpark.

  1. Der Artikel gefällt mir, dem vom Alter her eher beschriebenen „Denn`s“-Kunden, sehr gut, da er sehr treffend das Gesehene (Geschehene) beschreibt!

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