The Perks of Being a Mallflower: Chemnitz, deine Center.

Plattenbaugebiet: Parkplätze, Einkaufscenter, ein leerer Spielplatz. Die Farbe auf den Laden-Schildern verblasst, die Läden stehen leer. Das Sinnbild ostdeutscher Tristesse. Wir alle sind irgendwie im abgeblätterten Glanz der Plattenbau-Patina aufgewachsen, und vielleicht ist das der Grund dafür, dass unsere Seele so dunkel und unsere Laune so schlecht und unsere Schreibe so Melancholie-durchtränkt ist und niemand hier sein Leben auf die Reihe bekommt. Das Bild könnte jede ostdeutsche Stadt beschreiben: Dessau, Hoywoy, Ha-Neu, Cottbus, wichtig ist, dass es inmitten der plattengrauen Monotonie ein Einkaufscenter gibt, das einst kapitalistische Pracht versprach und jetzt so welk ist wie die Hoffnung auf blühende Landschaften.

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Über allen Konsumtempel-Kadavern kreisen jetzt die Krähen.
Über Chemnitz kreisen die Krähen immer.
In Chemnitz gibt es Einkaufscenter wie Einkaufscenter in Chemnitz.

Nach dem Mauerfall – wir alle erinnern uns – wollte man auch hier schnellstmöglich einen Teil vom profitablen Pfirsch-Kuchen abhaben, und baute auf die grüne Wiese zwischen Hochhäuser, zwischen Autobahnauffahrten, neben Parkplätze und in die Lücken, die der Krieg hinterlassen hatte, dezentrale Center, in denen man plötzlich alles kaufen konnte, was es vorher nur im Westfernsehen zu bestaunen gab.

IMG_9663Die Wochenenden waren gerettet (ein sinnlicher Samstag im stickigen Shoppingparadies!) Die Jugend hatte eine Perspektive (sinnloses Saufen im saufeinen Shoppingparadies).
Das Geld konnte investiert werden (schicke Sachen aus dem schönen Shoppingparadies). Und währenddessen bröckelte das Leben in der vereinsamten Innenstadt – was sich bis heute beobachten lässt.

Sachsenallee, Chemnitz-Center, Gablenz-Center, ACC, Rabensteincenter, Neefepark, Vitacenter, Ermafapassage, Roter Turm, NewYorck-Center – in fast allen Stadtteilen hat  Chemnitz die freie Marktwirtschaft in ordentlich Beton gegossen und sich daraus herrliche Konsumtempel geformt, in denen gläserne Konsumenten unter gläsernen Dächern Sachen kaufen sollen, die sie gar nicht brauchen. Wir von re:marx haben nicht alle Wondermalls besucht. Aber einige davon.  In Berlin-Mitte ist die Galerie ein Ort, an dem Kunst ausgestellt wird, in Chemnitz ein Ort, an dem Waren schlecht ausgeleuchtet werden – für uns ein Grund, eine nervenaufreibende Reise in die Zentren der ausgefransten Ränder dieser Stadt anzutreten, bei der es vor allem um eins ging: Nicht nachgeben an der verhärteten Konsumopferfront. Den Verlockungen widerstehen. Die Reizüberflutung unter Kontrolle halten.

Roter Turm, Zentrum.

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In der Galerie Roter Turm, die im Oktober ihr 15-jähriges mit Sekt und Fitflaschen feierte, schlägt der müde Puls der Stadt. Mit Cinestar und C&A erfüllt sie den Mindeststandard großstädtischer Galerien, und hat darüber hinaus noch H&M und Hussel sowie Saturn im Oeuvre. Gierig verschlingt sie all das Leben, das sich in der Innenstadt abspielen könnte, wenn es in der Innenstadt Leben gäbe. Hier werden Miss und Mister Sachsen gekrönt, hier thronen Kids mit ihren Smartphones auf runden Sitzgelegenheiten, hier regiert der Hunger nach den neuesten Produkten.

IMG_9553Die Galerie ein heiliger Ort des Gedrängels und Gerrangels, Geleiers und Gemeckers und Schauplatz adoleszenter Dramen. An einem Mittwochvormittag kann man hier folgendes beobachten: Rentergrüppchen frühstücken Eisbecher, eine Teenagerin bettelt bei ihrer Oma um den neuesten Band von Fifty Shades of Grey, Menschen kreisen we Geier um den Bücherwühltisch und rollen auf Rolltrepen Richtung Kauf-dich-glücklich-Paradies. Konsum-Alltag im Stadtzentrum.

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Gablenz-Center, Gablenz.

IMG_9562Ins Gablenz-Center kann man vom Roten Turm aus mit Bus, Bahn oder Rollator rollen, und wer richtig viel Muse hat, kann von hier aus gleich mit dem Bus Nummer 43 ins abschüssig gelegene Rabensteincenter durchstarten.
IMG_9588Belebt durch rauschenden Rollatoren-Verkehr liegt es idyllisch im Plattenseegebiet und hätte infrastrukturell durchaus seine Berechtigung als Epizentrum der Nahversorgung, gäbe es hier nicht so viele kitschige Kramläden. Auch hier regt sich noch das Leben (auf), wenn auch etwas langsamer. Ein Altherrenverband ertränkt die Dämmerung seines Lebensabends im obligatorischen Asia-Imbiss in Bier und Bratnudeln, das Reisebüro „Der Alte Chemnitzer“ verkauft Kreuzfahrten, eine junge Asiatin Brathähnchen.

640Hier findet man den einzigen Edeka der Stadt und mittwochs einen Wochenmarkt mit frischen Schnittblumen, geblümten Kittelschürzen und anderen fettigen Asia-Nudeln. Unser Herz erwärmt hat vor allem der traurigste Buchladen der Stadt, der im Zuge seiner realistischen Weitsicht „Er ist wieder da“ und „Unterwerfung“ unter Sachbüchern führt.

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New Yorck Center, NewYorck-Gebiet.

IMG_9613Ihr wart noch niemals in NewYorck? Dann wird es Zeit. Wenige Fußminuten und vom Gablenzcenter und einige Busminuten von der Zentralhaltestelle entfernt, liegt der grellbunte Times Square von Chemnitz und droht fast förmlich in traurigem Trubel zu ersticken. Das NewYorckCenter ist nicht nur die Krönung aller Chemnitzer Wortspiele – so viel schwermütige Selbstironie ist selbst in Chemnitz selten – es ist auch Sinnbild der Kapitalisierung.

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In der DDR, als die USA für die Chemnitzer so unerreichbar schienen wie  die Champions League für den CFC, stand hier ein schlichtes Versorgungszentrum, das nach der Wende dank der Zauberkugel zu NewYorck wurde, symbolisch für den großen Traum von Freiheit. Freiheit kann man jetzt bei Kik kaufen, sie wurde von bettelarmen Kindern in Bangladesh genäht. New York ist Einwandererstadt, im NewYorck-Gebiet jedoch hat man nicht unbedingt das Gefühl, dass diese sonderlich willkommen sind. Aber auch hier, im NewYorck-Gebiet, am Rande der Stadt gilt: If you can make it here, you’ll make it anywhere.
IMG_9621Mit Kik, Ernstings, China-Town, dem Reisebüro „Reisefreiheit“ (Freiheitsstatue als Logo) sowie dem einzigen Edeka der Stadt, bietet der schon etwas gammlige Big Apple des Ostens heute weitaus mehr als nur Bananen. Nur einen New Yorker gibt es nicht.
Stressgeplagte Großstadthipster und behämmert-gewordene Chai-Latte-Blogger finden in der Zwischenzeit Erholung im nahegelegenen Centralpark, wo sie mit einem Buch aus der Stadtteilbibliothek Enten füttern können.

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ACC, Alt-Chemnitz-Center, Altchemnitz.

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Das Altchemnitzcenter, erreichbar mit der Linie 6 (jetzt C11, warum auch immer) Richtung Stollberg, gilt als Tor zum Erzgebirge. Und weil Sachsen ja das Texas des Ostens ist, treten hier manchmal noch echte Männer mit Cowboy-Hüten auf und schreiben eifrig Autogramme mit den Läufen ihrer Colts. Tom Astor zum Beispiel. Stefanie Hertel auch, der lonesome man Michael Hirte oder die Hobos von den Randfichten.

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Freude schenken, traurig werden. Geschenkgutscheine fürs ACC.

Wenn hier gerade kein abgehalfterter Volksmusikstar Playback singt, wirkt die Meile so verlassen, dass selbst uns dazu nichts mehr einfällt. Vielleicht ist es das Wörtchen „alt“, das dieser Mall diese greise Atmosphäre verleiht, die ungefähr so viel Hoffnung versprüht wie ein Kaffekränzchen im Altersheim.
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Vita-Center, Heckert.

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Ganz anderes verspricht da das „Vita-Center“ im mythenumrankten Heckertgebiet. Hier wird das Leben in gläsernen Drehtüren schwindelig gespielt und direkt in die Läden gespuckt.

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Hier trifft sich jung und alt zu Mittagsbier und Eiskaffee. Hier werden Gelnägel geformt und Gangster gemacht. Hier kauft der bourgeoise Bürgerwehrler seine Schreckschusspistole im Tabakladen, hier glänzt die goldene Kalaschnikow für 250 Euro. Also als Deko, versteht sich. Das Heckert ist schließlich das hartumkämpfte Getto einer großen Gangster-Stadt, da sind Angebote dieser Art recht naheliegend.

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Ermafa-Passage, Kellnberg

IMG_9704Die Ermafa-Passage am schmutzigen, stinkenden Fuße des Kaßberges ist Sperrzone für junge, aufstrebende Investigativ-Journalisten wie uns. Denn die Ermafa-Passe ist Kellnberger-Territorial und als solches kreuzgefährlich, weil man da, wie uns zu Ohren kam, schon mal mit der Polizei gedroht bekommen kann.
Dennoch wollen wir erwähnen, dass es hier die neusten Dildo-Modelle im Orion gibt, ein Fitnesscenter, in das man großartig reinglotzen und Muskel-Männer mit Eiweißshakes auf Laufbändern schwitzen sehen kann, und ein Cafè. Und den einzigen Edeka der Stadt, der die Bild-Zeitung nicht mehr im Sortiment hat.

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Zum Schluss bleibt uns zu sagen, dass es solche Center natürlich geben darf, für die fußlahme, die gebrechliche Bevölkerung, die es nicht mehr so gut in die Stadt schafft. Die restliche Bevölkerung halten diese Einkaufstempel eher von der Stadt fern, wobei man sich nie sicher sein kann, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Fest steht: Aufgrund des demografischen Wandels werden diese prächtigen Tempel bald mahnende Ruinen sein, und wer weiß, was dann aus ihnen wieder aufersteht. Vielleicht ein Naturschutzgebiet: The Circle of Life.

 

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