Die Post der Moderne (KW wasweißich): Was letzte Woche im Chemnitzer Internet geschah.

Weil wir von Re:marx uns als zwangsklicks-finanziertes, öffentlich-nichtganzrechtliches Blog dem Bildungsauftrag verpflichtet fühlen, wollen wir euch an dieser Stelle mal ein essentielles kommunikationstheoretisches Konzept vorstellen: Die Schweigespriale. Das ist keine besonders stille Verhütungsmethode, sondern eine Theorie zur öffentlichen Meinung. Und im Kern ganz einfach: Merkt man, dass man die Meinung, die man hat, scheinbar alleine hat, weil sie nicht konsensfähig ist, verzichtet man lieber darauf, diese Meinung öffentlich zu äußern. Man hüllt die strittige Meinung in den sanften Schutzmantel des Schweigens. Warum das so ist? Weil der Mensch als Rudeltier Angst vor sozialer Isolation hat und stets nach gesellschaftlicher Anerkennung und Inklusion strebt. Glaubt man aber zu wissen, dass die eigene Meinung gerade angesagt ist, steigt die Bereitschaft, sie zu äußern, bzw. sie in grausamen Deutsch in die Kommentarspalten unter diverse Facebook-Posts zu tippen und dafür mit Zustimmung – also Likes und „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Kommentaren – überhäuft zu werden. Fast fertig ist die Theorie, über die man sich als angehende_r KommunikationswissenschaftlerIn im Laufe des Studiums gefühlt 30 Referate anhören darf. In jedem dieser 3000 Referate über Noelle-Neumanns Schweigespirale gab es jedenfalls ein spezifisches Beispiel: Die BILD-Zeitung.

pdm

Die liest ja keiner, angeblich, weil gemeinhin bekannt ist, welche Meinung man zur BILD zu haben hat. Und trotzdem ist sie das auflagenstärkste Blatt des Landes, was ja eigentlich gar nicht sein kann, wenn sie doch niemand liest. Gefangen im Auge der Schweige-Spirale:  In Wirklichkeit lesen wir also alle jeden Morgen die BILD und am Abend verbrennen wir die aktuelle Ausgabe dann heimlich im Hof, gemeinsam mit den Büchern von Ufo Ulfkotte.  Nur zugeben würden wir das niemals.
Aber Moment – ist das nicht Zensur? Zeitungsverbrennung? Und überhaupt: Zeitungsverbannung? Diese finsterste Diktaturmethode wird jetzt wieder praktiziert – natürlich in Chemnitz, und zwar in einer der wichtigsten Insititutionen der Stadt: Im Edeka. Die Edeka-Filiale Heymer in der pulsierenden Ermafa-Passage hat sich vor geraumer Zeit dazu entschlossen, das Blatt, das ja ohnehin keiner liest, nicht mehr zu verkaufen. Grund war dessen an journalistischer Qualität nicht zu untertreffende Berichterstattung über den German-Wings-Absturz. Dieser Edeka ist jetzt eine Art Endboss in den sozialen Medien und hat mit 3.756 „Gefällt mir“-Angaben wesentlich mehr als wir, was ein ganz neuer Skandal ist. Letzte Woche wurde berichtet, dass der Edeka Heymer aufgrund des BILDboykottes auch keine einzige andere Zeitung mehr verkaufen darf, wegen des monopolistischen Pressevertriebes und so. Der Edeka-Inhaber sprach: Dann verkaufen wir jetzt eben Kinderbücher und das Netz jubelte und likte ob der ordentlichen Eier, die er im Sortiment und vor allem auch in der Hose habe.
Chemnitz  statuiert jetzt endlich mal ein Exempel, denkt man da braustolz. Aber mein Vater sagt immer: Man soll nicht denken. Lieber  jammern. Das tut jetzt die Presse, beziehungsweise ihre im Bezug auf sich selbst hochsensiblen Macher, die sich ja schon angegriffen fühlen, wenn die Frage nach der Penislänge vom Pressesprecher nicht gestattet wird. Die Entscheidung dieses einzelnen Einzelhändlers grenze an Zensur und sei ein tiefer Einschnitt in die Pressefreiheit. Weil ein Edeka sich weigert, die BILD-Zeitung zu verkaufen, die ja ohnehin keiner liest. Wutbürger, die die BILD natürlich auch nicht lesen, fühlen sich trotzdem in ihrer persönlichen Freiheit beschränkt. Das tun sie zwar auch, wenn es um den Veggie-Day oder das Tempolimit geht, aber jetzt werden sie auch noch vom Zeitungsregal bevormundet. Wenn Reporter ohne Grenzen anlässlich der Ereignisse also bald eine aktualisierte Weltkarte der Pressefreiheit veröffentlicht, dann ist Chemnitz da ganz ganz schwarz.

Zum 25. Mal jährt sich heute der „Tag der Befreiung vom sozialistischen Kampfname Karl Marx Stadt“ /“Tag der besinnungslosen Karlitolation“: ein historisches Datum, das den Name der Stadt für immer verändert und dem Nischl im Grunde genommen seine Daseins-Berechtigung geraubt hat. Wie ein wuchtiges, graues Mahnmal erinnert der Nischl heute schmerzhaft an die dunkelrote Zeit des Sozialismus, weswegen man vergangenes Jahr erfolglos versuchte, ihn mittells eines Benz gesponserten Deutschland-Trikots im Kapitalismus zu verstecken. „Für mich war die Rückbenennung ein Symbol der Freiheit und des Beginns einer neuen Zeit für die Stadt“, sagte Babo Lu der Freie Presse im Rahmen des gestrigen Festaktes auf dem Neumarkt. Dafür hatte man Zeitzeugen geladen,  die beim Speed-Dating in Erinnerungen an die Stimmauszählung schwelgten. Auch auf Die Stadt bin Ich erzählen sie ihre Geschichten. Oh du wunderschöne Wendezeitfolklore!
Komisch nur, dass Chemnitz immer noch an diesem Namen zu hängen scheint wie ein schwerverletzter Patient am Schmerzmitteltropf. Jeder Zugezogene kennt mindestens zehn gebürtige Chemnitzer  – sorry, Karl-Marx-Städter, –  die einem ständig stolz den Ausweis unter die Nase halten, um ihre Karl-Marx-Städtische Originalität zu demonstrieren. Dann tut man natürlich irgendwie beindruckt und versucht schnell eine absolut spektakuläre Geschichte zum eigenen, eigentlich vollkommen unspektakulären Geburtsort zu erfinden. Damit nicht genug: Auch der CFC wird in den Herzen der Hools immer der FCK – der FC Karl-Marx-Stadt – bleiben, Blogs heißen „Unterwegs in Karl Marx Stadt“ oder „Unser Chemnitz und Karl-Marx-Stadt“ oder „Karlocity“ oder ähm „Re:marx“ und deutschlandweit gröhlen tausende von Menschen regelmäßig und sehr laut, dass sie aus Karl-Marx-Stadt kommen.

Auf Logos, Aufklebern und Stoffbeuteln, ja überall in Chemnitz wird man vom gewaltigen Barte des Marxes angestarrt und Babo Lu sagt, sie habe überhaupt kein Problem damit, wenn Touristen in die Stadt kämen, um den Nischl zu sehen. Im Gegenteil: „Viel zu wertvoll ist heute das Image, Karl-Marx-Stadt gewesen zu sein, als dass sich daraus nicht Kapital schlagen ließe. Für Chemnitzer mittleren Alters bleibt Karl-Marx-Stadt ohnehin ein Teil ihrer Identität“, schreibt die Freie Presse sehr treffend dazu – abgesehen davon, dass „mittleres Alter“ wohl auch schon auf 15-Jährige zutrifft. Dass diese Umbennung nun so festlich gefeiert oder pathetisch erinnert wird, scheint da irgendwie ambivalent. Wir fordern deshalb: Schluss mit Chemnitz und dem ewigen Karl-Marx-Stadt-Gedöns. Anlässlich des tausendjährigen Likes für Re:marx ist eine Umbenennung in Ranunkelrode längst überfällig.

Was sonst noch geschah:
Bei der letzten Ausgabe der Post der Moderne berichteten wir ja darüber, dass Peter Maffay den Veilchen seinen Song „Wenn der Himmel weint“ als Heilmittel gegen den Abstiegskampf „schenkte“ – vermutlich der wahre Grund dafür, dass Aue jetzt tatsächlich abgestiegen ist. Weshalb der Himmel jetzt wirklich weint: Große, lilafarbene Regentropfen fallen traurig auf das Erzgebirge. Oder sind es die Himmelblauen, die hier Freudentränen weinen? Jedenfalls wird die nächste Spielzeit der dritten Bundesliga (Dresden, Chemnitz, Aue, Magdeburg, Ostrock) ultrahammerhart. Yeah! Überhaupt Abstiegskampf: Für unseren HSV-Fan im Re:marx-Team hinterlassen wir zum Abstieg Abschied dieses Foto vom sensationellen Uns-Uwe-Mettigel – der kann ja nur Glück bringen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*