Chemnitz – Eine Stadt steht Kopp. Neun bessere Vermarxungsstrategien für den Nischel.

Eine Sache gibt es in Chemnitz fast genau so wenig wie Spätis am Sonnenberg: Sehenswürdigkeiten. Der Rote Turm ist nur das handgeziegelte Modell einer Fit-Flasche, der Versteinerte Wald bloß eine plumpe Pompeji-Kopie und Burg Rabenstein der gescheiterte Versuch, einen auf Game-Of-Thrones-Kulisse zu machen. Der Lulatsch zählt auch nicht, das ist nur ein überdurchschnittlich bunter Schornstein, der traurig braune Kohle-Wolken exhaliert und ohnehin bald abgerissen wird, damit Deutschland endlich seine Klimaschutzziele erreicht. Die Wahrheit ist: Abgesehen von der Parkeisenbahn und vielen denkmalgeschützten Parkhäusern bietet Chemnitz all den Touristen, die hier gern Geld für Touristen-Sachen ausgeben möchten, absolut nichts: Keinen Turm, auf den man mit dem Fahrstuhl fahren kann, keinen Dom, in dem man seine finanzielle Seele der Katholischen Kirche spenden kann, kein nostalgisches Kinderkarussell im Stadthallenpark, keinen prächtigen Brunnen, in den man seine Hundert-Euroscheine werfen und sich was wünschen kann, keine alternative Kneipenmeile auf dem Brühl, ja nicht einmal eine Seilbahn, die verirrte Fixski-Touristen zum Kaßberg rauffährt. Ok, das liegt vielleicht daran, dass Chemnitz einfach keine Touristenstadt ist, in der im Stundentakt CO2-vergnügliche Kreuzfahrtschiffe am Uferstrand anlegen, aber trotzdem — irgendwas müssen sie sich doch angucken, die zwei vietnamesischen Großfamilien, die jährlich zum Sightseeing hier her kommen. Denn die Stadt Chemnitz wäre nichts als ein trostloses Einkaufszentrum, gäbe es da nicht ihr einziges Wahrzeichen:

Den verfallenen Plattenbau an der Reichsstraße.

Spaß.
Den N I S C H E L. 
Über 13 Meter hoch, 40 Tonnen schwer, die zweitgrößte Portraitbüste der Welt, Wikipedia-Fakt, Wikipedia-Fakt: Der Karl-Marx-Kopf ist das Gesicht und der Betonfuß von Chemnitz, der Anker einer orientierungslosen Stadt, die sich auf der Suche nach sich selbst im Steinernen Wald verlaufen hat. Und: Er ist ihr einziges Wahrzeichen, ihre drittbeste Google-Suchanfrage nach „hässlich“ und „nichts los“. Deshalb klebt er auf handgebrauten Pfefferminzlikör-Flaschen, deshalb guckt er grimmig von der Sparkassen Karte (ausgerechnet!), deshalb versammeln sich hier jeden Dienstag die zehn Nazis von Cegida und schwenken verwirrt ihre Reichsflaggen. Am Kopp brüten die indigenen Nischlhupper, am Kopp spielen im Sommer angesagte Hipster-Acts. Am Kopp machen die fünf versprengten Touris tatsächlich Selfies, am Kopp scheitern alle Chemnitz-Wortspiele, am Kopp hält der Bus sogar nachts.
Fun Fact, der tief fundiertes Insiderwissen verlangt: Die in Leningrad gegossene Bronzebüste von Karl-Marx steht in Chemnitz, weil Chemnitz früher kurz mal Karl-Marx-Stadt hieß und als „sozialistische Musterstadt“ wiederaufgebaut werden sollte. Das mit dem Namen weiß zwar heute kaum noch jemand, weil es von allen Betroffenen verschämt verschwiegen wird und niemand, wirklich niemand hier jemals freiwillig erwähnen würde, dass er aus Karl-Marx-Stadt kommt, aber Fakt ist auch: Die Stadt hat sich niemals davon erholt, 47 Jahre lang mal eine andere gewesen zu sein.
Heute klammert sie sich an dieser alten, ostalgischen Erinnerung fest, obwohl sie doch die Stadt der Moderne sein will. Selbst Kids, die 2001 zu Nickelback gezeugt wurden, bezeichnen sich heute noch als Karl-Marx-Städter%Innen. Chemnitz ist eine Hochburg für Neo-Marxis. Und so heftet man die Hoffnung auf ein besseres Selbst- und Stadtbild an eine protzialistisch überdimensionierte Büste, die von einem Namen zeugt, den es seit 27 Jahren nicht mehr gibt. Chemnitz wäre gern eine Marke, ist aber eigentlich nur viele Marxe. Tausend Marx berührt, tausend Marx ist nichts passiert. Die kopflastigen Stadtvermarxungs-Versuche sind deshalb so lahm wie die hier random aufgetischten, schlechten Worstspiele, mit denen wir jetzt aufhören: Es gibt Nischel-Shirts- und Sticker, Nischel-Stoffbeutel und Schokolade, ja es gibt sogar ein Blog mit „marx“ im Namen — zugegebenermaßen ein kapitaler Fehler. Trotzdem denken wir manchmal, sollte sich eine Stadt, die gerne Kulturhauptstadt werden will, über mehr definieren können als über einen in Bronze gegossenen, längst vergangenen Namen. Vor allem wenn dieser Name für eine Ideologie steht, die von irgendwelchen Vermarktungs- und Gewinnmarximierungsabsichten so weit weg ist wie der Lulatsch vom Eiffelturm. Deshalb fordern wir die Entmarxifizierung von Chemnitz — nehmt uns unseren Namen, köpft den Kopp, gebt Chemnitz endlich ein neues Gesicht.
Andererseits: Machen es andere Touri-Städte nicht genauso? Sie sind alt und schön und ruhen sich aus auf ihrer Geschichte, ihren Kirchen, ihren schönen Plätzen, ihren Schlössern, ihren Häfen und Flussufern, ihren Geburtshäusern berühmter Persönlichkeiten. Da Chemnitz nichts von all dem hat bleibt nur eins: Die Geschichte. Wie schön’s hier früher mal war. Dann der Krieg. Dann der Sozialismus. Dann der Nischl. Deshalb fordern wir jetzt doch: Schlagt mehr Kapital aus dem Kopp, macht den Nischl zu einer Touristenfalle, lasst uns unseren Namen. Hier ein paar Vorschläge zur ökonomisch effizienteren Nischl-Nutzung:

Aussichtsplattform: Mit gläsernen Außenaufzug gelangen die Besucher für nur 10 Euro pro Person in Blitzgeschwindigkeit auf die 13 Meter hoch gelegene Aussichtsplattform, auf der Käsemaik einen Imbiss namens „Karlmenbert“ betreibt. Von hier aus lässt sich die fantastische Aussicht auf den gesamten Stadthallenpark und den Brückensquare genießen.

Erlebnisrestaurant: Im Inneren des Nischles entsteht ein rentabler Event-Gastronomiebetrieb. Die  neuverglaste Stirn des Kopfs dreht sich dabei wie die Kugel des Berliner Fernsehturms. Es gibt Soljanka für zehn und Ragout Feng für fünfzehn Euro und keine Coca Cola. Das Konzept von “Karlpiano“ heißt schließlich „simple.eastern.karlicious“. Die Speisekarte hat die Form von „Das Kapital“. In der Küche kochen Aushilfsköche aus Bangladesh Makkaroni mit Jagdwurscht nach Originalrezept.

Nischl-Geburtshaus: Scheißegal, dass Marx in Trier geboren wurde und nie einen Fuß nach Chemnitz setzte — die Parteisäge eignet sich perfekt als Nischel-Geburtshaus. Eintritt nur durch den Gift-Shop, wo man DVD-Boxen und Bildbände über das bewegte Leben der Bronze-Büste kaufen kann. Wie und wo der Nischel geboren und aufgewachsen ist kann man in den mittleren drei Stockwerken  hautnah nacherleben.

The Nischel-Experience: Die Nischelwelt ist ein echter Publikums-Magnet, besser als Disney- und Seaworld zusammen. Durch den schlecht gelaunten Schlund der Büste gelangt man zurück in die Bronze-Zeit und dort kann man krasse Dinge erleben wie damals in der DDR. Nervenspitzel garantiert!

Karlrussell: Es muss nicht immer die große Erlebniswelt sein, manchmal reicht auch ein einfaches Kinderkarussell. Am Eiffelturm steht schließlich auch eins, hübsch und nostalgisch, mit Zuckerwatte-Stand, das sieht nicht nur auf Fotos zauberhaft aus, das zieht Eltern auch ein bisschen Geld aus der Tasche. So ein Ketten-Der-Ostalgie-Karussell, auf dem die kleinen Racker in Trabis, Ladas und Wartburgs kreisförmig durch die Luft sausen, würde auch der ungenutzten Freifläche neben dem Kopp gut zu Gesicht stehen.

Supermarx: Statt des neuen Supersimmels an der Johanniskirche eröffnet ein brandneuer „Konsum“ im Inneren des Marx-Kopfes, ein Superlativemarkt, ein Konsumtempel, denn das ist es, was Chemnitz so dringend braucht: Endlich mehr Einkaufsmärkte fernab der 700 Edekas, 234 Lidls, 283 Nettos und 239 Rewes. Endlich ein neuer Ort, vor dem sich die verlorene Chemnitzer Jugend treffen und besaufen kann. Der Supermarx verbindet Touristenattraktion mit freier Marxwirtschaft, ein Sinnbild des modernen Kapitalismus. Und das könnte an diesem Ort nicht passender sein — schließlich hat der Kopp doch „Das Kapital“ geschrieben, oder?

Bananen-Stand: Manche Dinge ändern sich nie. Auch heute kann im Osten keine Menschenschlange ohne Bananenwitz existieren. Viele Touristen aus der ausländischen Konsumwelt haben es nie erlebt und verzehren sich deshalb danach: Das einmalige Gefühl der Verknappung, des Verzichts, des Mangels. Am Bananen-Stand „Wir hatten ja nüscht“ können sie durch meditatives Nach-Südfrüchten-Anstehen im authentischen Flair wieder zu sich und einem minimalistischeren Lebensstil finden. Katharina Witt verkauft hier jeden zweiten Mittwoch im Monat Bananen aus der Region und aussortierte Amiga-Juwelen von Jan Kummer.

Idyllische Einkaufsgasse: Nach Vorbild des Montmarxe in Paris entsteht um den Kopp herum ein malerisches Bummelgässchen. In der Parteisäge siedeln sich kleine Geschäfte an, die hauptsächlich nutzlose, kitschige Andenken verkaufen: Marx-Miniaturen- und Magnete, Plüsch-Nischels, Postmodernekarten und re:marx-Beutel. Außerdem eröffnen ein brandneuer MarxDonalds mit grünem Logo und endlich auch ein Starbucks. Rund um die Büste tummeln sich russische und chinesische Reisegruppen und Straßenhändler, die im Brennpunkt-Banlieu Heckert ein vergessenes Getto-Dasein führen und hier Badehandtücher, Kokosnüsse und Lulatsch-Ohrringe verkaufen müssen. Jeden Dienstag spielt der Roma mit den traurigen Augen melancholisch Schifferklavier. Peter-Paint malt Aquarellfilter-Portraits, Käse Maik verkauft Käseroster. Einheimische meiden den Platz.

Karlsbrücke: Der Nischel als Hauptpfeiler einer Besucherbrücke im Stile eines historischen Viadukts, die über die Brückenstraße (eine Brücke über die Brückenstraße. So dope.) und die No-Go-Area Stadthallenpark direkt in die Galerie Roter Turm führt. Die von Liebesschlössern verstopfte Brücke wird bald zu einem lebhaften Ort, einem Treffpunkt der Kulturen, der Straßenmusikhippies, der Kleinkünstler, später zum Ballermann von Chemnitz, zu einer Art Warschauer Straße. Bis Miko Runkel ein Alkoholverbot einführt und die Karlsbrücke zum Eisenbahnviadukt für die Parkeisenbahn umfunktioniert.  Nach nur drei Jahren droht die Deutsche Parkeisenbahn mit dem Abriss der Brücke für ein rentableres Prestige-Projekt – den Transrapid nach Leipzig.

Ein Gedanke zu „Chemnitz – Eine Stadt steht Kopp. Neun bessere Vermarxungsstrategien für den Nischel.

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