abgefakt: 875 Jahre Chemnitz. Industrie. Krieg. Zerstörung.

Als Event-entwöhnter Chemnitzer ist man direkt immer überfordert, wenn in der Stadt mehr als drei interessante Sachen gleichzeitig passieren. Das ist aktuell der Fall:  Überall sprießen Projekte, Feste, Festivals, Vorträge, Thementage und Podiumsdiskussionen aus dem geliebten Betonboden, ständig gibt es wichtige Ereignisse, die irgendwas mit 2025 Jahren Chemnitz und Kulturhauptstadt 875 zu tun haben, und man ist schon ganz verwirrt von dem Über-Angebot. Denn: Chemnitz hat Geburtstag, also so ein bisschen. Chemnitz wird 875 Jahre alt, also fast. Chemnitz feiert das – mit einer Party, die eigentlich gar keine ist. Wir haben der bewegten Stadtgeschichte und dem unglaublich aufregenden Jubiläumsprogramm ein historisches abgefakt gewidmet.

Das war: 1143. Vielleicht das Jahr, das die Welt veränderte, vielleicht auch nur ein Mittelalter-Jahr wie jedes andere. Ein bisschen Blut, ein bisschen Krieg, ein Typ namens Guido di Castello wird Papst, irgendjemand wird Kaiser, irgendjemand wird erhängt, Portugal wird unabhängig — und Chemnitz zum ersten Mal urkundlich erwähnt.  Chemnitz feiert also nicht Geburtstag wie jede andere normale Stadt, Chemnitz feiert die urkundliche Ersterwähnung und die Verleihung des Marktprivilegs 1143. Denn was wäre Chemnitz heute ohne das Marktrecht, auch bekannt als das Recht, seelenlose Einkaufszentren auf grüne Wiesen und  in große Kriegslücken zu bauen. Was folgt ist eine Stadtgeschichte, so episch wie ein Ken Follett-Roman oder eine zehnteilige „Die Wanderhure“-Verfilmung auf Sat1.

Deshalb wollen wir die wichtigsten Ereignisse noch mal zusammenfassen: Ersterwähnung Gablenz. Stadtbrand. Erlass der Feuer und Brandordnung. Wieder Stadtbrand. Pest. Noch ein Stadtbrand, Dreißigjähriger Krieg. Straßenbeleuchtung. Großstadt. Industrie, Krieg, Zerstörung: Karl-Marx-Stadt. Wende. Einweihung des Saxonia Brunnens.

Was man sonst noch über die Chemnitzer Geschichte wissen sollte:
Ganz ganz früher, als alles besser und die Welt noch eine Scheibe war, existierte  Chemnitz nur als Benediktiner-Kloster namens „Locus Kameniz“. Gegründet wurde das Kloster von Kaiser Lothar, dem gemeinsamen Sohn von Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus. Auch heute bekommt man den isolativen Gründungsgeist der Stadt noch an allen Ecken zu spüren: Wenn man im Sommer nachts betrunken mitten auf der Straße heimläuft zum Beispiel, und dabei einbeinig auf dem Mittelstreifen balanciert und laut „Rocket Man“ von Elton John oder so singt, und das absolut niemanden interessiert, weil absolut niemand da ist. Dann fühlt man sich nicht nur unglaublich frei — man weiß auch: Tief im Herzen ist Chemnitz immer ein Kloster geblieben. Ein Ort der Stille und Abgeschiedenheit, ein Ort des Verzichts. Was man an echten Großstädten immer so gut findet, ist letztendlich doch nur die Möglichkeit, noch viel mehr zu konsumieren: Mehr Essen, mehr Kultur, mehr Party, mehr Menschen, mehr Marken.  Chemnitz hingegen bleibt eine Stadt für Minimalisten und Aussteiger. Ansonsten: Chemnitz’ erster eingetragener Bürger hieß Gottfried an der Mauer und war vermutlich der Ur-Ur-Großvater von Benedikt an der Betonmauer, einem direkten Vorfahre Claus von Kellnbergers. Chemnitz erste Zeitung erschien 1800, hieß kurz und rechtsbündig „Der Gnädigst bewilligte Chemnitzer Anzeiger, ein Intelligenz- und Wochenblatt für Chemnitz und umliegende Gegend“ und gilt als Urfassung von tag24.de/Chemnitz. Außerdem kam es 1542 zu den sogenannten Bierkrawallen, die die Einschränkung von politischen Rechten zur Folge hatten und als die historischen Vorläufer der heutigen „Ausschreitungen im Stadthallenpark“ und dem damit verbundenen Alkoholverbot gelten.

Das ist: 2018. Darüber, was Chemnitz nun alles ist und was nicht, haben wir mittlerweile so viel geschrieben, dass wir es selbst nicht mehr lesen können. Eine Stadt, an der man manchmal bis oft verzweifelt und scheitert, aber immer wieder weiter macht, weil Scheitern und Zweifel nun mal dazugehören. Eine Stadt, die das Verständnis von Schönheit so sehr verändert, dass man sich irgendwann lieber Plattenbauten statt Blütenbilder auf den Arm tätowieren lassen will. Eine Stadt, über die man lacht, weil hier alles so schön realsatirisch ist, und die manchmal so bescheuert agiert, dass es schon wieder geil ist. Eine Stadt, so rührselig wie ein Mittsechziger, der noch einmal jung und wild sein will, weshalb er sich die Nase piercen und drei bunte Strähnen färben lässt und lustige Internet-Clips aus dem Jahr 2009 bei Whatsapp verschickt. Die Stadt mit dem ältesten Bevölkerungsdurchschnitt, dem meisten Meth im Abwasser, der höchsten Apothekendichte, den wenigsten Spätshops und den meisten Schornsteinen mit einer Höhe von über 200 Meter. Man würde was vermissen, wenn Chemnitz plötzlich schön und stylisch statt seltsam und peinlich wäre. Man fände es auch komisch, wenn Chemnitz tatsächlich eine richtig gute 875-Jahr-Feier auf die Beton-Beine gestellt hätte.


Die Feier:
Stattdessen hatte die Stadt, oder vielmehr die CWE, die brillante Idee, einfach jede — wirklich jede — Veranstaltung, die ohnehin stattgefunden hätte, mit dem „875 Jahre Chemnitz“-Stempel zu versehen und ins Jubiläumsprogrammheft zu schreiben: Jedes Dorffest, jedes Freiwillige-Feuerwehr-Besäufnis, sogar das Stadtfest, den Weihnachtsmarkt und das Kartoffelfest in Stelzendorf.
Die Feier findet also dezentral und über das gesamte Jahr verteilt statt — das passt ganz gut zur Stadt: Hier ist zwar immer was los, nur eben nicht immer unbedingt im Stadtzentrum. Das Programm basiert auf einem komplizierten Konzept: Man errichtete fünf Projekträume und ordnete diesen jeweils ein Thema und mehrere Stadtteile zu. Form, Fortschritt, Herausforderung, Höchstleistung und Liebe hießen die Projekträume schließlich, was mehr nach wahllosen Marketing-Buzzwords als nach echten Chemnitz-Charakteristika klingt. In den Projekträumen konnte jeder, der Lust darauf hatte, Projekte pitchen bis die Soja-Latte leer war und damit das Programm party-zipativ mitgestalten.

Das Programm: Wer schon vorher nicht Chemnitz-depressiv war, der wird es spätestens beim Blick ins Programmheft. Das liest sich nämlich wie das Vorabendprogramm von ZDF-History, nur mit etwas weniger Hitler, dafür mit mehr Stein. Es gibt Themen-Gottesdienste und -Radtouren und spannende Geschichtsvorträge, beispielsweise über Gedärme im 13. Jahrhundert, einen historischen Streit im Fachgebiet der Paläontologie und die schönsten Steine aus 875 Jahren Stadtgeschichte. Und weil zu jeder guten deutschen Eventkultur ein Großsportereignis und was mit Wagner gehört, bekommt die Stadt dieses Jahr die U20-Basketball-EM sowie vom Schauspielhaus eine Komplett-Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ geschenkt, wobei das Layout von „Der Ring 2018“ so aussieht, als sei der epische Opernzyklus nicht von vier Frauen, sondern von Peter Jackson inszeniert worden.

Das ultimative re:marx-Ranking der 20 besten Jubiläums-Veranstaltungen:

Platz 20: Feuer und Flamme für Chemnitz. Eine Führung zum Thema Leidenschaft
Platz 19: Münzprägung. Schauprägung numismatischen Vereins
Platz 18: Wohngebietsfest Markersdorfer Oase
Platz 17: Der Friedhof — Ein guter Ort
Platz 16:  Wasserspiele — Spiele mit Wasser. Eine Führung zum kühlen Nass

Platz 15: Parkfest Röhrsdorf mit Heimatvereinsstammtisch
Platz 14: Loktransport — die Alternative zum Festumzug
Platz 13: Frühjahrsputz. Wir machen unsere Stadt hübsch für’s Jubliäum
Platz 12: 95 Jahre KGS Beutenberg
Platz 11 Über verstopftes Geäder und erbärmliche Leibesschmerzen. Vortrag zur Sozial und Krankengeschichte der Neuzeit

Platz 10: 875 Kinder golfen für Kinder
Platz 9:  Winterausstellung des Arbeitskreis Modellbahn Chemnitz
Platz 8:  Wenn Steine sprechen könnten. Unentdecktes Chemnitz
Platz 7:  Weg mit dem Baum — Wärmen Sie sich auf beim Baumfeuer in Stelzendorf
Platz 6:  Großes Bleichen 1357 — Bleichen auf historischer Stätte

Platz 5 : Chemnitzer Feldbahntage. Feldbahndampf im Eisenbahnmuseum
Platz 4:  Bomben auf Chemnitz — Ein Vortrag im Rahmen der Reihe des Stadtarchives
Platz 3:  Geschichtstag Einsiedel: Mehr als irgendwo im Wald. Erleben Sie Einsiedel
Platz 2:  Tagung historischer Nahverkehr. Die Spezialisten der Schiene zu Gast in Chemnitz
Platz 1:  80 Jahre Siedlung an der Autobahn

Was die Stadt sonst noch so macht:  2018 wird alles in der Stadt mit „875 Jahre Chemnitz“ gelabelt, Brote zum Beispiel, Busse und Biere. Auch der Hauptbahnhof erstrahlt im Zeichen der 875-Jahr-Feier. Vor dem Rathaus steht eine digitale Stele mit Infos zur Stadtgeschichte, an der man sich nachts betrunken festhalten kann. Man kann zum Gründerzeitlunch ins „Scala“ gehen.  Oder interaktiv mitmachen, kann malen, basteln und Lieblingsplätze fotografieren, kann Stadtgeschichten schreiben und seine schönsten Chemnitz-Erinnerungen vorm Nischel tanzen. Man kann für nur 250 Euro pro Person Luftschiff fahren und mit der Hindenburg über Chemnitz abstürzen.

Was die Stadt stattdessen hätte machen könnte:
Ein großes Benefiz-Konzert mit vielen guten Bands in der Community-4-Arena, dessen Einnahmen armen Vereinen aus der Drittliga-Welt zu Gute kommen. Den Ring im Ringbus aufführen, fünf Stunden Bus fahren bis zur ultimativen Übelkeit und dabei Hochkultur auf kleinsten Raum genießen – eine Herausforderung für Passagiere wie Protagonisten. Überhaupt: Eine Technoparty im Technobus, als Geschenk von der CVAG an die Stadt.
Projekt Autofreier Kaßberg: Die große SUV-Verschrottungsshow mit anschließendem Tanz ums Reifenfeuer. Die Stadtgeschichte als zehnstündige Opernaufführung mit Laiendarstellern. Barock am Kopp. Projekt lebendige Innenstadt: Ballspiel- und Bierfest im Stadthallenpark. Geführte Tour: Der Friedhof der toten Clubs. Sowieso: Mal die Geschichte der Chemnitzer Subkultur erzählen statt immer nur die von Großindustriellen. Stadtgeschichte wird als Film auf Lulatsch projiziert. Chemnitz-Monopoly, Sonderausgabe: Lars Fassmann. Chemnitz wird zum zwei Wochen lang zum Schweigekloster. Die besten Beschwerden der Stadthistorie als szenische Lesung. Vortrag über Betonschichten im Wandel der Zeit. Der große Frühjahrsputz: Wir machen unsere Stadt nazifrei. Wiederaufbau des Conti-Lochs als Freibad vorm Gunzenhauser, es gibt Pommes mit himmelblauer Majo. Straßenfest mit Klassik-Openair in der Bazillenröhre. Die Parkeisenbahn pendelt als historischer Nachtbus zwischen allen Chemnitzer Clubs. Rekonstruktion des Brühls als belebtes Szeneviertel. Autogrammstunde mit den historischen Persönlichkeiten Katharina Witt, Michael Ballack und Matthias Schweighöfer.  Chemnitz bekommt die langersehnte ICE-Verbindung – ein ICE fährt 48 mal täglich vom Hauptbahnhof zum Technopark. Käsemaik kreiert Chemnitz-Käse.

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