Endhaltestellen im Chemnitzability-Check: Burgstädt.

Wir haben es an dieser Stelle schon mehrfach geschrieben: Chemnitz hat sich verändert. Die Stadt platzt aus allen Nähten, sie krankt an Überfüllung. Überall sind jetzt Menschen: In den Bussen, in den unzähligen kleinen Bars, in der Innenstadt, manchmal begegnet man ihnen sogar nach 21 Uhr auf offener Straße. Und wenn man die Ampel an der Zenti überquert, fühlt man sich wie auf dem Time Square, so viele Leute kommen einem entgegen. Sie sind wie Waschbären und die Wildschweine in Berlin— eine Plage: Sie flanieren in Scharen über den Brühl, sie dealen im Stadthallenpark, sie spucken feine Rotzefäden an die Zenti. Sie zerstören unseren Wall, klirren mit leeren Schnapsflaschen und grunzen so laut, dass man nachts nicht mehr schlafen kann, sie gentrifizieren den Kaßberg, sie warten am Hauptbahnhof auf den ICE. Sie warten und warten, sie warten ewig, sie warten für immer. Der ICE, er kommt einfach nicht.
Stattdessen hält am Gleis gegenüber eine kleine rot-weiße Bahn, sehr modern, sehr schnittig. Sie sieht aus wie ein Toyota Coupè aus den Neunzigern, viel schöner und schneller als so ein komischer ICE, das wird sich doch eh nicht durchsetzen, dieses Fernverkehrsnetz. Vorne an der Bahn blinkt in grellem LED das Ziel: Burgstädt — das kennt man, weil hier immer der Schienenersatzverkehr nach Leipzig hält und weil Penig in der Nähe liegt – der Ort, bei dem alle immer ein pubertäres Kichern unterdrücken. Wir steigen ein. Wir halten den Lärm nicht mehr aus, das Großstadttreiben, die Enge, die Menschenmenge. Auf der Suche nach neuem Lebensraum und innovativen Landlustoasen im Osten prüfen wir umliegende Städte auf Chemnitzability. Also auf nach Burgstädt.

Die Stadt: Burgstädt hat knapp 11.000 Einwohner und kein eigenes KFZ-Kennzeichen. Es liegt nur 15 Kilometer von Chemnitz entfernt, ist also auch per Segway gut erreichbar. Der Jahresniederschlag beträgt 685 mm. Zur Bundestagswahl haben hier 35 Prozent CDU gewählt, das ist für sächsische Bundestagswahlverhältnisse überdurchschnittlich hoch. „In Burgstädt gibt es ein Heimatmuseum, ein Feuerwehrmuseum und das Museum Historische Arztpraxis Dr. Böttger.“ (Wikipedia)
Soweit die Fakten. Aber was heutzutage zählt, ist das Gefühl: Wir bereisen Burgstädt an einem handelsüblichen Donnerstag, dem Tag, an dem die Supermärkte immer voll und die Leute schon nervös sind, weil bald Wochenende ist. In Burgstädt ist niemand, also wirklich keiner. Auf der Straße nicht, in den Läden nicht, nirgendwo. Burgstädt ist ein humanes Vakuum, ein menschenleerer Raum, die einsamste Stadt Sachsens, den Mond haben schon mehr Menschen betreten, selbst Grönland ist lebhafter. Es ist Anfang Oktober, Herbstferienzeit. Das gigantische Gymnasium thront verlassen auf einem Hügel Richtung Bahnhof. Vielleicht, denken wir uns, besteht Burgstädt ja nur aus Schülern. Das würde wenigstens erklären, warum hier keiner ist. 

Urbanes Gefühl vong Zenti-Feeling her:  Wer in Burgstädt Menschen sehen und sich ein bisschen wie an der Zenti fühlen will, hält sich am besten am Bahnhof auf. Hier trifft sich immerhin eine kleine Horde wild-lebender Burgstädt-Punkerkids zum Saufen, Grölen und Zenti-LARP, hier weht ein letzter Hauch Leben durch den Ort wie ein vertrocknetes Tumbleweed durchs Death Valley. Manchmal hält hier auch eine MRB — mit etwas Glück sogar länger, wenn mal wieder technischer Defekt oder irgendwas anderes los ist. Dann steigt die Burgstädter Bevölkerungsdichte um 50%. 

Fassmannsches Freiraumpotenzial: Hoch. Es gibt viele verfallene Gründerzeit-Villen, die man kernsanieren, mit Überwachungskameras ausstatten und dann der Start-Up-Szene anbieten kann, wenn in Chemnitz bald kein Co-Working-Platz mehr ist, weil uns zahllose zugezogene Kreativ-Fachkräfte die Freiräume wegnehmen. Es gibt auch ganze Straßenzüge, auf denen man Zietenstraßen-Projekte outsourcen und somit den Sonnenberg kulturell endlich etwas entlasten könnte.

Architektonischer Moderne Faktor: Ist in der DDR hängen geblieben, Typ kleinstädtisches Reihenhaus. Abgesehen von ein paar modernen Skulpturen und etwas Stahl auf dem Marktplatz sieht man hier kaum Beton, keine Glasfassaden, keine neumodischen Brunnen-Entwürfe, keine architekturpreisverdächtigen LED-Installationen am Bahnhof, keine Einkaufszentren, keine Plattenbauten mit Streetart dran, keine renommierten Graffiti-Meilen wie den Brühl. Dafür gibt es eine gut erhaltene Innenstadt mit alter Kirche und mittelalterlicher Mauer. Muss man mögen – unser Ding ist es eher nicht.

Lärmpegel:  Vom straßenüblichen SUV-Verkehr abgesehen, ist Burgstädt eine Oase der Ruhe und könnte problemlos auch zum Kurort umfunktioniert werden: Gutes sächsisches Gereiztklima, die totale Ruhe sowie die absolute Abstinenz von Vergnügungsstätten jeglicher Art fördern die Erholung vom krassen Chemnitz-Stress oder heilen euren DJ-Tinnitus. Burgstädt könnte als zukunftsträchtiges Modell für die geräuschbefreite Chemnitzer Innenstadt 2025 dienen: Lärmbelästigung durch Nachtleben, Großstadttreiben, Musiker oder Kneipenmeilen findet hier einfach nicht statt.

Einsamkeitsgefühl:  Wer sich schon nach 20 Uhr an der Zenti einsam fühlt, sollte Burgstädt lieber meiden: Hier ist wirklich niemand. Es gibt zwar einige nette, kleine Läden, aber da ist natürlich keiner drin. Wenn man voyeurisitsch gaffend den Einzelhandel ausbluten sehen will, sollte man also unbedingt mal Burgstädt besuchen. Doch Obacht! Nach Burgstädt zu fahren und dabei nicht depressiv zu werden, ist fast so unmöglich, wie an Emmas Onkel vorbei zu laufen und nicht zu gucken, wer drin sitzt. Selbst der größte Menschenhasser wird sich in Burgstädt nach Gesellschaft, nach menschlicher Nähe und Zuneigung sehnen – versprochen.

Wer hier hinziehen sollte: Menschen mit Platzangst und übertriebenem Ruhebedürfnis. Leute, die sich endlich mal wieder fühlen wollen wie Will Smith in „I am Legend“, die dieses wohlig-einsame Gefühl der „Chemnitz in den 00ern-Nostalgie“ vermissen. Großindustrielle, denen die drei Villen in Schönau platzmäßig einfach nicht mehr ausreichen. Leute, die gern in Leipzig leben würden, sich aber einfach nicht von ihren seelischen Chemnitz-Altlasten trennen können. Jenen empfehlen wir: Kleine Schritte machen, mal ein halbes Jahr Auslandserfahrung in Burgstädt sammeln, mal ein Jahr in Geithain arbeiten, mal sechs Wochen Reha in Bad Lausick gönnen, mal an den Cosi zum Baden, dann klappt es bestimmt bald mit dem Barjob im IfZ.

Wer besser in Chemnitz bleiben sollte: Menschen, die Angst vorm Alleinsein haben.  

6 Gedanken zu „Endhaltestellen im Chemnitzability-Check: Burgstädt.

  1. Als Burgstädt und Kabarett-Liebhaber muss ich sagen: sehr geiler Text. Klar total übertrieben, aber wer noch ein zwei andere Blogposts der Seite kennt, weiß dass das halt hier so bewußt ist. Ich les gern hier. Ich weiß nicht ob man sich angegriffen fühlen muss. Denke nicht. Kleinstadt bleibt Kleinstadt. Chemnitz bekommt ja auch regelmäßig sein Fett weg. Würde sagen, 12 von 10 Punkten auf der nach oben offenen Naumannschen Richtersskala!

  2. Da hat aber jemand seinem Ärger Luft gemacht. Mensch wir sind eine Kleinstadt und von den vielen Möglichkeiten Kontakte zu knüpfen hast du Null Ahnung. Aber wenn ich deinen Text so lese, wirst du wahrscheinlich auch keine Freunde haben!

  3. Auf den Punkt! „Wenn man voyeurisitsch gaffend den Einzelhandel ausbluten sehen will, sollte man also unbedingt mal Burgstädt besuchen.“ Der Markt hat reizvolles Friedhofs Flair. Es wird alles in unmöglich große Supermarkthallen ausgelagert, kleinen Geschäften fehlt schlicht die Laufkundschaft.

    Ich habe sehr gelacht, danke für den Text!

  4. Ein sehr peinlicher Text und schlecht recherchiert. Hat der/die/das Autor/in noch eine Rechnung mit Burgstädt offen? Zum Beispiel wegen Ausbürgerung aufgrund von unheilsamen Pessimismus? Naja, vielleicht gelingt es ja mit diesem Burgstädt-Verriss eure Plattform etwas bekannt zu machen. Vermutlich aber eher im negativen Sinn.
    Wer das richtige Burgstädt kennenlernen möchte, fährt einfach mal hin. Zugverbindung 2x die Stunde vom Chemnitzer Hbf.

  5. Dem Verfasser dieses Beitrag hat man wahrscheinlich ins Gehirn geschissen. Schäm dich und verpiss dich am besten auf den Mond

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