I Bless the Rains Down in Africa – Spaziergang im Chemnitzer Tierpark

Wir wollten einen tristen Ausflug machen. In Chemnitz. Im Herbst, unter grauem Himmel, im feinen Nieselregen vielleicht. Aber dann war Wetter zu schön, der Himmel zu blau, die Sonne zu strahlend — wie immer in den letzten sechs Monaten. 2018, ein einziger ewiger Sommer, der selbst in einer Stadt wie Chemnitz mittelschwere Paradiesdepressionen ausgelöst hat. Ein Sommer, so gnadenlos schön, so furchtbar lang, dass man sich mit Regengenerator auf voller Lautstärke in abgedunkelten Räumen verschanzen und zum Netflix gucken in den Keller gehen musste, um gegen das schlechte Schöne-Wettergewissen anzukämpfen.
Was kann man also tun, wenn sich die mittlerweile weltberühmte Chemnitzer Tristesse, wegen der man die Stadt so verzweifelt liebt, aber auch so verdammt oft verflucht, einfach nicht einstellen will, nicht mal dann, wenn die Nazis mit ihren tätowierten Mondgesichtern die Sonne verfinstern?
Wir empfehlen einen ausgiebigen Spaziergang im Chemnitzer Tierpark. 

Der Chemnitzer Tierpark liegt jwd am Rabensteiner Rand der Stadt und schafft es, gleichzeitig die traurigste und die beliebteste aller Chemnitzer Freizeitaktivitäten zu sein — ein Spagat, der bisher nicht mal dem Chemnitz Center gelang.
„Der Tierpark Chemnitz“, schreibt Wikipedia über den Tierpark in Chemnitz, „ist ein Tierpark im sächsischen Chemnitz“. Er wurde 1964 eröffnet, ein ehemaliges Sachsen-Sumpfgebiet, und beherbergte zunächst vor allem Tiere aus der Sowjetunion, bevor er sich der kaum artgerechten Erhaltung von vom Aussterben bedrohter Arten widmete. Dabei wirkt der Tierpark selbst wie vom Aussterben bedroht und hätte längst entweder mit städtischen Finanzspritzen aufgepäppelt oder konsequent eingeschläfert werden müssen. Vielleicht ist der Tierpark ja ein bisschen wie die Stadt selbst, denken wir vor unserem Besuch. Schließlich haben beide erst jüngst ihre größte Attraktionen verloren — Chemnitz den Nischel an die Nazis, der Tierpark seinen Löwen an den Raubtier-Himmel…

Malik.
Malik wurde eigentlich in Leipzig geboren und berühmt, zoog später aber Chemnitz, allein das machte ihn besonders, wo doch sonst immer alle in Chemnitz geboren und berühmt werden und dann einfach nach Leipzig ziehen. Maliks Kindheit war in etwa so schwer wie man sich eine Neunzigerjahre-Jugend im Heckert immer vorstellt: Von der eigenen Mutter verstoßen, hing er schon früh an der Flasche und lebte gesellschaftlich isoliert, seine einzigen Spielkameraden waren zwei Tigerbabys. Ein gefallener König der Tiere, ein Star im MDR. Bis er nach Chemnitz kam, wo man ihm eigens eine neue Anlage baute und ihn mit einem Weibchen namens Kimba verkuppelte. Doch Malik wurde krank und Kimba verstarb, der nierenleidende Löwe ließ sich gehen, zeigte sich zuletzt zottelig und ungepflegt. Irgendwann trug er Dreadlocks im Stile Chemnitzer Verschwörungs-DJs, irgendwann litt er allein im Gehege. Sein Schicksal rührte Millionen Chemnitzer, sie sammelten Unterschriften, sie malten Bilder, Malik wurde zu einem der beliebtesten traurigen Tiere in ganz Chemnitz — noch vor Papagei Felix im Gartenfachmarkt Richter und gleich hinter dem alten CFC-Maskätzchen, das vor zwei Jahren vom Verein auf den Maskottchen-Gnadenhof abgeschoben wurde.
Wir besuchen den Tierpark kurz nachdem Malik eingeschläfert und zu Biodiesel verbrannt wurde, ganz anders als Simbas Vater Mufasa, der sich in eine imposante Sternenstaub-Erscheinung verwandelte. Wir hoffen ein bisschen, dass Malik im Himmel erscheint wie Mufasa damals und dass er uns in diesen Krisenzeiten weise Ratschläge mit auf unseren Weg durch die emotionale Chemnitz-Wüste gibt.

Aber im Himmel erscheint nichts außer die gnadenlos scheinende Sonne, unter der wir an Maliks Trauerstelle kurz innehalten: Besucher haben Blumen niedergelegt, Kinder haben Bilder gemalt, sie kleben an den Glasscheiben des leeren Geheges. 

Was bleibt von einem Tierpark, fragen wir uns, der seinen erfolgreichsten Catcontent verloren hat?

Geblieben sind die idtiotenapostrophierte Imbissbude und der Geruch nach Freibadpommes. Geblieben sind traurige Tieraugen hinter eisernen Gitterstäben. Geblieben ist Leerstand in den Einzelgehegen. Geblieben ist der Faultiertreff am Wochenende und an Feiertagen um 14 Uhr im Tropenhaus. Geblieben sind die Flamingos, die in einer großen Pfütze stehen, sind die exotischen Hirsche mit gesundheitlichen Problemen, weil man das Gehege einfach nicht eichelfrei bekommt, sind die bemitleidenswerten Hinweisschilder. „Für einen Abriss des massiven Baues fehlen derzeit finanzielle und personelle Kapazitäten“, steht auf einer Hinweistafel am alten Bärengehege und man möchte direkt ein mitleidiges Krokodilstränchen verdrücken.

Geblieben ist die Wildkatze, die in den Hungerstreik getreten ist und mit depressiver Verweigerung auf die tote Rate vor sich starrt wie Ryan Gosling auf sein Müsli. Geblieben sind die rostigen Volieren mit flugängstlichen Raubvögeln, ist diese DDR-Zoo-Nostalgie, die in Leipzig fast vollkommen weggentrifiziert wurde.

Wild Katze won’t eat its cereal

Geblieben sind die anderen Raubtiere: Das Leoparden-Weibchen hat schon mehrere Pfleger auf dem Gewissen, aber man kann es ihr kaum verübeln. Einer der beiden persischen Leoparden zieht nervöse und doch resignierte Kreise im kleinen Käfig und rezitiert dabei manisch
Rilke.
Der Panther.

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht. 

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.  

Der einsame Amur-Tiger starrt stur durch die Gitter hinweg ins Freie, sehnt sich nach Sibirien und summt leise Westernhagens „Freiheit“. Der Affe hat ganz aufgegeben, er stützt seinen Kopf kraftlos gegen einen Ast, im Hintergrund läuft Radioheads „How To Disappear Completley“. Manche Käfige scheinen komplett leer zu stehen wie Läden am Brühl, oft gibt es in den Käfigen nur abgewetzte Baumstämme zu sehen, die kann man auch vorm smac bewundern. Die Tiere haben sich verkrochen, sind in die innere Steppe emigriert. Hello? (hello) (hello), fragen wir, 

Is there anybody in there?
Just nod if you can hear me
Is there anyone at home?

Come on (come on), now
I hear you’re feeling down
Well, I can ease your pain
And get you on your feet again

Auf der Homepage, die aussieht, als wäre sie mit Paint programmiert worden, nur die Facebookfanseite des Kosmonautenzentrums ist besser, findet man den Spendenaufruf „Mäuse für unsere Wildkatze“. Das ist zwar rührend, aber das reicht noch lange nicht: Wir fordern Netflix für die Leoparden, wir fordern Kinder Happy Hippos für die Zwergflusspferde, Breitband für den Tiger und einen Späti für die Schneeeule. 

Es ist nicht alles schlecht im Chemnitzer Tierpark, das Tropenhaus zum Beispiel, von dem das Leipziger Gondwanaland ganz offensichtlich nur eine billige Kopie ist, die Erdmännchen auch, denn Erdmännchen gehen immer, die fidel hoppsenden Kängurus machen Hoffnung, überhaupt die Tierbabys und der Streichelzoo und die Waffeln vom Waffelstand

Geblieben ist aber auch das alte Bärengehege, das düster an ein ehemaliges Stasi-Gefängnis erinnert, ein gruseliger Grizzlyknast. Man kann in das Gehege klettern und sich wie ein verurteilter Problembär fühlen, der Menschen in Camp-David-Hemden bei der Bockwurstfütterung zugucken muss. Man stellt fest: Der Bär sieht die Menschen genau so, wie die Menschen den Bär — als animalische Attraktion, als begaffenswerte Affen. Das Bärengehege ist beeindruckend bedrückend, und wäre ein toller Ort für verstörende Theaterperformances, die nächsten Begehungen oder eine neue Konzertreihe der CWE, Stichwort Kulturhauptstadtbewerbung. 

Bis 2030 soll der Tierpark umgebaut werden, verkündet die Stadt genau eine Woche nach unserem Besuch. Endlich, möchte man meinen: Fokus auf die Amphibien, ein Abenteuerspaziergang durch die Erd- und Evolutionsgeschichte, größere, begehbare, tierfreundlichere Gehege (so tierfreundlich wie ein Zoogehege eben sein kann), Eiszeitspielplatz, Baumwipfelpfad, Afrika-Lodge statt Bockwurstbude, fast 40 Millionen Euro wird der Umbau kosten, so viel wie Martin Kohlmann damals gerne in Freibäder statt Gunzenhauser investiert hätte.

Bis es soweit ist, bleibt der Tierpark ein bisschen wie die Stadt selbst:
Die Kinder heißen AJ und Joyce, ihre Väter vermutlich Chico. Der Eintritt kostet sechs Euro, ermäßigt drei, Kinder null — das ist einerseits viel zu wenig, wie man es sonst nur in der Chemnitzer Subkultur kennt, andererseits aber sehr familienfreundlich. Es gibt Veranstaltungen wie „Erdmännchenfütterung“ und „Kugeltier wiegen“ und wenn man sich bei Google die Stoßzeiten anzeigen lässt, steht bei jeder Uhrzeit „Nicht allzu viel Betrieb“. Es gibt viel Leerstand aber wenig Freiraum, einige Gehege sind alt und heruntergekommen und erinnern an den unsanierten Charme ausgewählter Fassmann-Immobilien: Der Chemnitzer Tierpark ist der Sonnenberg der zoologischen Gärten. 

Allein die Tatsache, dass die größte Attraktion des Tierparks ein alter, kranker Löwe war, passt so gut zu Chemnitz wie die Tatsache, dass die beste Zugverbindung der Stadt eine im Kreis fahrende Parkeisenbahn mit uniformierten Kinderschaffnern ist. Und so fristet der Tierpark sein Dasein im Schatten des angesagten Szenezoos Leipzig, wo die im IfZ gezeugten Plagwitzplagen in Massen auf den Spielplätzen cornern, wo die Löwen in künstlich angelegten Savannen chillen, wo es keine Gitterstäbe, sondern Wassergräben und internationale Küche statt Imbissbuden gibt und der Eintritt 20 Euro kostet. Man bemüht sich zwar redlich in Chemnitz, aber irgendwann hat man den Anschluss verpasst und jetzt kommt man nur noch mühsam hinterher.

„Es geht…“
schreibt jemand auf Tripadvisor über den Tierpark oder über Chemnitz allgemein, wer weiß das schon,
„aber wer was wirklich Schönes sehen will, muss nach Leipzig“.

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