Die Post der Moderne: Was im Januar in Chemnitz geschah

Wenn der Januar der Montag des Jahres ist, dann hat Chemnitz einen ziemlich miesen Montag erwischt. Dabei hatte die Stadt ein echt geiles Wochenende: Der Dezember war ein einziger Rausch. Aus den Wasserhähnen floss Glühwein, die Weihnachtsnächte waren lang und lasterhaft, und bei der Verkündigung der sehr langen ECoC-Shortlist wurde die Stadt von einer Euphorie erschüttert, wie man sie hier sonst nur…wie man sie hier sonst nie erlebt. Man hatte Dresden geschlagen — und damit eigentlich schon alles gewonnen. Doch wie immer, wenn die Glückshormone ein bisschen zu doll reinkicken, schlägt jetzt der Stimmungsabfall zu, härter als betrunkene Zenti-Kids vorm McDonalds. Diesen Stimmungsabfall nennt man in Chemnitz gemeinhin auch „Januar“. 

Januar in einem Wort

Im Januar haben alle gute Vorsätze, aber niemand gute Laune. Im Januar muss man trotzdem ran, obwohl der Kater vom Vorjahr noch nachklingt. Im Januar redet man ständig über Schnee, auch wenn keiner liegt. Im Januar macht man einen auf alkoholfrei oder am besten gleich Dopaminfasten — was im Silicon Valley plötzlich Trend sein soll, ist in Chemnitz schon lange angesagt. Bisschen wie mit dem Clubsterben, das sich Berlin seit einiger Zeit von Chemnitz abguckt. Im Januar hustet man schlechte Virus-Witze in die Gesichter seiner Mitmenschen. Wobei man seine Mitmenschen kaum sieht, denn im Januar macht man meistens eine Art Social-Retreat — und erholt sich von der eigenen Geselligkeit. Im Januar verlässt man das Haus nur, wenn es nötig ist. Also normalerweise, außer es ist wie neulich plötzlicher Frühlingseinbruch. Dann verirrt sich selbst die scheue Chemnitzer*In schon mal vorzeitig in den Biergarten wie ein verwirrtes Wildtier, das brutal aus der Winterstarre gerissen wurde. Im Januar wird außerdem abgerechnet: Dann werden knallhart Vorjahres-Statistiken serviert. Und da ist Chemnitz dieses Jahr schwer abgeschmiert:
Erst beim Focus Money, der Bravo Sport der Finanzwelt. Dort belegte die Stadt einen hinteren Platz im Wirtschaftswunderranking, weshalb prompt Magazincover anprangernd in Kameras gehalten wurden, während andere zur beleidigten „Mobbing“-Vorwurfskeule griffen, weil opfern einfach immer geht. Kaum hatte sich Aufregung gelegt, wurden die aktuellen Einwohnerzahlen publiziert, und die sind — trotz einer zugezogenen Französin, niedriger Mieten und Chemnitz-Hype in der Süddeutschen — rückläufig. Nachwie vor sterben in der Stadt jährlich mehr Menschen als geboren werden, obwohl oder vielleicht auch weil es hier einen CFC-Kreissaal gibt, nach wie vor gibt es nur minimal mehr Zu- als Wegzüge.  Das hat natürlich an der jahrhundertealten Chemnitzer „Alles geht den Bach herunter“-Mimimi-Mentalität gerührt, und man hat erstmal schwere Seufzer in die semikalte Winterluft geatmet, aber das hat seltsamerweise auch nichts besser gemacht. Wenig später wurden die sächsischen Tourismuszahlen veröffentlicht, und die sehen absolut prächtig aus. Also für Leipzig, Dresden, das Erzgebirge, die Lausitz, vermutlich sogar für das Vogtland und für die Lommatzscher Pflege, alle liefern Besucherzahlen im Millionenbereich. Nur unser Chemnitz liegt ganz hinten irgendwo, mit gerade mal traurigen 400.000 Gästen, aber drei neu gebauten Hotels. Und als wäre der Schmerz nicht schon groß genug, wurde ausgerechnet das zu oft gelobte Land Leipzig von der New York Times als Topreiseziel 2020 erwähnt. Ein Schlag in die Chemnitzer Magengrube, früher auch Contiloch genannt. Wieviele Leute sollen wir denn noch an Leipzig verlieren? 

Es läuft aktuell nicht sonderlich gut für Chemnitz: Von Erfurt längst als Meth-Metropole abgelöst, vom MDR nicht im Wetterbericht erwähnt, die gemeine Jury kritisiert unsere Kulturhauptstadtbewerbung, die New York Times empfiehlt uns nicht als Reiseziel und kein Starschnitt im Focus Money — was bleibt uns überhaupt noch, möchte man klagend fragen und das Gesicht zur Chemnitz-Fresse ballen. Doch zum Glück gibt es in der Stadt genügend spitzfindige, mutige Macher und Menschen, die niemals verzagen. Die Stadträte zum Beispiel, die die in Frankfurt gescheiterte Internationale Automobil-Ausstellung nach Chemnitz holen wollten. 

„Wird Chemnitz zur Autostadt?“, fragte die Mopo, und man saß begeistert vorm Twitter und dachte „END-LICH!“ Denn bekanntermaßen wird in Chemnitz absolut nichts mehr unterschätzt und weniger gewürdigt als das Auto. Die IAA wäre unsere Chance, endlich ein bisschen mehr Autokultur und Fahrspaß in die Stadt zu bringen. Die CSU könnte hier wunderbar erfolgreich ihre Anti-Tempolimit-Kampagne plakatieren, die Stadt könnte endlich in mehr Parkhäuser investieren, Fahrbahnen würden zehnspurig und statt Radwegen mehr SUV-Spuren gebaut, Rechtsabbieger rasieren Radfahrer weg und anstelle irgendwelcher Innenstadtfestivals finden hier bald gigantisch große Tunertreffen mit internationalen EDM-Stars statt. Scheiß auf das 365-Euro-ÖPNV-Ticket, auf das sich Chemnitz im Januar beworben hat. Scheiß drauf, dass das Italienische Staatsfernsehen Chemnitz kürzlich wegen des Chemnitzer-Models in einer Dokumentation  neben Nizza und New York als „Intelligente Stadt“ adelte. Scheiß auf den hochmodernen IC, der vielleicht schon Ende 2028 kommt, der wird eh viel zu laut. Chemnitz wird Europäische Autohauptstadt, European Capital of Cars 2021.

Es ist schon ein bisschen süß, wie oft sich Chemnitz an irgendeiner Art von Stadtwerdung versucht: Kulturhauptstadt, Autostadt, Stadt der Moderne. Es gibt so viele Arten von Stadt, die Chemnitz noch werden oder sich dafür bewerben könnte. Unsere Vorschläge: Innenstadt, Hauptstadt, Altstadt, Hansestadt, Oasenstadt, Geburtsstadt, Olympiastadt, Zeltstadt, Elbflorenz, Heimatstadt, Millionenstadt, Weltstadt, Sportstadt, Mozartstadt, Gaulandstadt, Kreisstadt, Heldenstadt, Fahrradstadt, Umweltstadt, Modestadt, Documentastadt, Stadtstaat, Filmstadt,  Stadt der Liebe, Studentenstadt oder — kennt ihr das, wenn man ein Wort so oft schreibt oder liest, dass es plötzlich ganz hässlich aussieht — überhaupt einfach mal Stadt. 

Hitchcock-Szenen. Kennt man in Chemnitz

Zum Schluss noch was Schlimmes, ihr habt es vielleicht schon auf Instagram gesehen, denn die morbide veranlagten Chemnitzer finden es insgeheim ziemlich schön: Die Stadt hat ein Problem mit Krähen. Chemnitz leidet unter einer akuten Saatkrähenplage, Schauplatz ist natürlich wieder mal das Problemviertel Stadthallenpark, der MDR spricht von nächtlichen Horror-Szenen wie im „Hitchcock-Film“, man kennt es in Chemnitz. Die Krähen machen nicht nur unerträglichen Lärm, sie kacken auch überallhin: Auf unsere schönen Bänke, auf unsere leeren Gehwege, auf unsere frisch geputzten Autos. Endlich mal was los trotz Januar in der Innenstadt, könnte man auch sagen. Aber die Stadt macht mal wieder nur, was sie bisher mit jedem berüchtigten Stadthallenparkproblem gemacht hat: Sie verlagert es einfach nur woanders hin. „Chemnitz will nun versuchen, den Saatkrähen Schlafplätze außerhalb der Innenstadt als Schutzzonen auszuweisen.“
Man könnte auch Abschiebung dazu sagen. 

Ein Gedanke zu „Die Post der Moderne: Was im Januar in Chemnitz geschah

  1. Ich find im Sommer die Krähen ehrlich gesagt sehr heimelig. Weil dann das Blau ins Abendrot verschwimmt und sich das über der Zenti zusammen mit den Krähen eben wie Zuhause anfühlt.

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