Re:marx steigt in den Ring. Eine Anleitung zum Ringbusfahren.

Der Tag, an dem sich alles ändert, ist ein Sonntag im Dezember. Zweiter Advent, der wintergraue Himmel hat den Lulatsch verschluckt, Schnee wirbelt von den Dächern. In den Kaßberg-Fenstern strahlen prachtvolle Schwibbögen, blinken epileptische Leuchtsterne — ein heimliches Wettrüsten um die größte Erzgebirgskredibilität. Alles scheint wie immer in Chemnitz, und doch ist nichts mehr wie es war. Chemnitz hat jetzt einen Ringbus. Chemnitz ist jetzt Berlin.

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Abgevagt: CVAG. Weil wir auf dich abfahren. 

Zugegeben, so schlecht steht es gar nicht um die CVAG, der schönsten Nahverkehrsgesellschaft, seit es intimen Stadtverkehr gibt. Die Busse und Bahnen fahren meistens, und das sogar nachts. Außer natürlich, es ist gerade Winter, womit aber vorher niemand rechnen konnte, mitten im Januar. Oder es ist gerade Unfall, Bergparade, Roland Kaiser oder Bombenfund, da kann es schon mal zu Ersatzverkehr kommen. Die Preise sind je nach Kontostand mit 2,20 Euro pro Stunde einigermaßen akzeptabel oder unverschämt teuer. In Berlin kostet das aber auch nur 60 Cent mehr, und dort gibt es U-Bahnen, Doppelstockbusse und das Kotti. Hier gibt es stattdessen immerhin die Zenti, die ist mindestens genau so gefährlich, und überhaupt ein krasser Partytouristen-Hotspot, vielleicht sogar der einzige der Stadt. Und obwohl niemand versteht, was genau da eigentlich gerade „modernisiert“ wird an der Zenti und warum sie jeden Tag anders aussieht und der Bus schon wieder an einem anderen Bahnsteig abfährt, ist im Prinzip alles okay mit der CVAG: Es gibt das Chemnitzer Modell und ab Sonntag eine revolutionäre Ringbuslinie im 20-Minutentakt. Wären da nicht der Youtube-Kanal, die Image-Filme und die Fahrplanauskunft auf der Homepage.

Plötzlicher Wintereinbruch im Januar. Das konnte wirklich keiner wissen. Alle Screenshots sind  von der CVAG-Facebookseite.

Der Medienauftritt einer Verkehrsgesellschaft muss nicht unbedingt immer aufregend sein, außer natürlich, man ist zufällig „Arm-aber-Sexy“-Berlin und muss mit poppigen Kampagnen davon ablenken, dass es mit anderen Verkehrsprojekten gerade eher nicht so gut läuft. #weilwirnichtfliegen
Vielmehr sollte der Medienauftritt einer Verkehrsgesellschaft funktionieren, Übersicht geben, durchs Liniennetzdickicht navigieren. Außer natürlich, man ist zufällig „Alt-aber-Sexy“-Chemnitz, dann ist der Medienauftritt weder aufregend noch übersichtlich, sondern hochgradig modernisierungsbedürftig.

Alle elf Minuten übergibt sich ein Single an der Zenti.

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Clubcheck: Institut für Zukunft

Seitdem das N* Dorphin schließen musste, weil es von re:marx nie in den Party-Dates erwähnt wurde, gibt es in Chemnitz keinen Club mehr für aufrichtige Raver. Auch die Partypoesie Instanz des Clubchecks wurde aufgrund akuten Chemnitzer Clubmangels vorerst auf Trockeneis gelegt. Wer in Chemnitz was auf sich hält, feiert jetzt in Leipzig. Denn Leipzig hat neben dem MDR auch viel MDMA zu bieten, und heißt jetzt neuerdings Detroitnitz, weil es bekanntermaßen die Wiege des Techno ist und weil es das „Institut für Zukunft“ hat. Das ist ein Club wie die „Zukunft“, nur dass dort noch härter gegendert wird und das Plenum vermutlich wesentlich anstrengender ist. Lange haben wir von re:marx uns nicht ins IfZ getraut – zu sagenhaft waren die kolportierten Geschichten von auf Tabletts gereichten Früchten und Amphetamin-Orgien. Doch weil das IfZ nicht umsonst auch „Zwerghain“ genannt wird, was so viel wie Berghain für Chemnitzer bedeutet, wird es Zeit, den Hype nach drei Jahren endlich mal auf Herzrasen und Nierenschäden zu prüfen. Der Clubcheck ist zurück. Als werft ein bisschen Acid ein äh an und rollt eure Geldscheine zusammen, denn hier kommt unser Ausgehtrip für’s Wochenende.

Location
Das IfZ ist im Keller einer Leipziger Biogasanlage untergebracht. Die langen verwinkelten Gänge erinnern an ein Institut der Vergangenheit. Der Haupttanzsaal ist gefliest. Alles fühlt sich etwas nach einer Omnibusbahnhoftoilette an und der DJ-Bereich erinnert an eine ländliche Fleischertheke. Eine Treppe führt in den Saal hinunter, eine hinauf. Hinter einem kleinen Vorhang liegt ein Ruhebereich mit Neunzigerjahre-Sofas. Hier ist es ungemütlich offen und in der Mitte könnte man sich einen Billardtisch vorstellen.  Eigentlich ist es ein Hobbykeller. Die Bar erinnert mit ihren Kinositzen an einen Studenten-WG-Flur, genauso eng ist es auch. Der kleine Darkroom ist hell und ungemütlich, hier lässt man sich ungern entjungfern. Das Beste am IfZ ist aber: Man kann es mieten, auf so einer Seite, die schicke Eventlocations für Stadtobere und solche, die es noch werden wollen, anbietet. „Der Alte Fabrikkeller im Kohlrabizirkus überzeugt mit einem authentischen Industrieambiente bei jedem Event. Freuen Sie sich auf einen der begehrtesten Clubs des Leipziger Nachtlebens. Der rustikale und industrielle Charme wurde beim Ausbau erhalten und bietet eine authentische Kulisse für Ihre Präsentation, Betriebsfeier oder Privatparty„, verspricht die Beschreibung. Hier kann man bei Bedarf auf Weihnachtsfeiern übergriffig werden, Hahnenkämpfe mit 200 wettsüchtigen Asiaten oder einfach seine eigenen Raves veranstalten, vorausgesetzt man hat die ganze Kohle nicht schon vorher für Koks und Ecstasy verpulvert.

Seltene Außenaufnahme vom IfZ, das sich im „Kohlrabizirkus, einer ehemaligen Biogasanlage, befindet

Tür
Ein schlaksiger Junge mit Kapuze fragt mich am Einlass, ob ich schonmal aware getanzt habe. Ich antworte, dass er ruhig deutsch mit mir reden kann. Die Stimmung kippt leicht. Er fragt, warum ich hier sei. Darauf antworte ich vorbereitet mit: „Na wegen der Inka Bause!“. Auch das kommt nicht gut an, Inga Mauer wäre der richtige Name gewesen. Da ich aber die vorgeschriebene Mode trage (völlig beliebig, drittes Semester Wirtschaftsingenieur in dunkel) darf ich rein. Der Insecurity tastet mich ab und übersieht mein Fläschchen Poppers. Ich zahle irgendeinen Unkostenbeitrag an der kleinen Kasse und gehe rein. Weiterlesen

Endhaltestellen im Chemnitzability-Check: Mittweida

Immer wenn es Herbst wird, riecht die Luft so, als hätte jemand heimlich den Himmel angezündet. Vermutlich war es aber doch nur der Feuerteufel, der am Kaßberg fünf falschgeparkte SUVs und den Reifenstecher in Brand gesteckt hat. Jedenfalls starrt man dann meist trübsinnig ins himmlische Pastellgrau, inhaliert ein bisschen von der guten Diesellandluft und wälzt sich in Wehmut. Wer ohnehin chronisch melancholisch veranlagt ist, hält diese seltsame Zwischenwelt aus schwermütiger Sommerfrische und fröhlicher Herbstverstimmung für die beste Saison aller Jahreszeiten. Für alle anonymen Melancholiker und Weltschmerzmittelabhängige haben wir gute Nachrichten: Man muss nicht mehr auf den Herbst warten, um sich richtig schön trist zu fühlen.  Es reicht vollkommen aus, montags mal nach Mittweida zufahren. 

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Wegzug oder Zug weg? Das Brettspiel zum Chemnitzer Bahnverkehr.

Chemnitz ist eine Stadt mit wenigen Vor-, aber keinen Fernzügen und der Nahverkehr ist auch nur so mittelmäßig. Es gibt Anbindungen in die umliegenden Neubauerholungs-Gebiete, kindergerechte Küchwaldrundfahrten und bald auch die Bahnlinie N114, die direkt vom Hahnenbäck in den größten Hörsaal der Orangerie führt. Mehr braucht man als Chemnitzer im Prinzip auch gar nicht: Hier will niemand rein und scheinbar auch keiner  wieder raus. Die Stadt ist so hermetisch abgeriegelt wie eine wasserstoffblonde Bomben-Diktatur in Ostasien oder Nordamerika. Zwar gibt es einen halbmodernisierten Hauptbahnhof mit Allianz-Arena-Beleuchtungstechnik, Ditsch und Burger King, eigentlich aber würde der Bahnhof Mitte für die ortsansässigen Nahverkehrsbedürfnisse vollkommen ausreichen.  Manchmal fahren trotzdem Züge nach Dresden, Leipzig, Hof und Zwickau. Und nach Elsterwerda, das ist quasi gleich bei Berlin, ein lausiger Lausitz-Suburb in der  gigantischen Metropolregion Brandenburg. Alles Orte jedenfalls, von denen aus man den Lulatsch angeblich noch sehen kann — viel weiter traut sich ja eh niemand von Chemnitz weg. Die Deutsche Bahn hingegen hat den schwierigen Absprung aus der Stadt geschafft, und sich komplett von den Chemnitzer Gleisen zurückgezogen. Diese werden jetzt von der MRB, der Mitteldeutschen Regionalbahn, mit chronisch kaputten oder einst ausrangierten Zügen bedient. Für alle Retroreisenden, die endlich mal wieder Zugfahren wollen als wär’s 1937 und die Welt noch in Ordnung, ist das sicherlich perfekt. Für alle, die sich eine fixe Fernbahnbeziehung wünschen ist es hingegen ein totaler Zugausfall – im Vergleich zur MRB bietet die Deutsche Bahn puren Serviceporno.

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Parksommer der Moderne – Was zuletzt im Stadthallenpark geschah

Für das größte Chemnitzer Krisengebiet, den Stadthallenpark, gab es schon mindestens genau so viele Rettungsversuche und dabei genauso wenig Hoffnung wie für den CFC, dem zweitgrößten Chemnitzer Krisengebiet.

Doch die Kriseninterventionen der Stadt fielen bisher vergleichsweise dürftig aus: Statt Millionen locker zu machen, straffte man das Alkoholverbot und erwog ein Ballspielverbot, Papa Razzia schickte ein paar Polizisten mehr und durch Busch-Waxing versprach man sich radikal rasierte Kriminalitätsraten. Geholfen hat das alles nichts. Auch unsere zugegebenermaßen brillanten Vorschläge vom Vorjahr wurden von allen ignoriert, außer von der Kellnberger Family. Deren Familienoberhaupt hat sich unseren Tipp „Versteinern“ zu Herzen genommen und wollte die lästige Grünfläche einfach wegbetonieren: Einkaufspassage, Parkhaus, 5000 Quadratmeter Großstadtflair. Der Stadthallenpark war versetzungsgefährdet, stand kurz vor der Abschiebung zur Johanniskirche und bekam im Winter auch noch Crime-Konkurrenz von der Zentralhaltestelle. Doch dann hat die Stadt das kriminalitätsfreie Gütesiegel „Europäische Kulturhauptstadt“ erfunden, eine Art Harz IV für imagelose Städte — der Park darf bleiben und wird vermutlich bald derart mit Subventionen gefüttert, dass der CFC ganz roter Bulle wird vor Wut.

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Chemnitz 2025 – Leben.Lieben.Lärmbeschwerden.

Aus sicheren Geheimdienst-Quellen wissen wir, dass in den tiefschattigen Kreisen der Chemnitzer Kreativwirtschaft gerade gepitcht wird wie sonst nur in Tracks von David Guetta, falls der überhaupt noch angesagt ist: Die Stadt hat schließlich eine neue prestigeträchtige Kampagne im CFC-Trikot-Ärmel, und ja, natürlich geht es um die Kulturhauptstadt 2025. Oder um die Bewerbung darum. Das scheint ja fast schon vergessen, weil es in all der Aufregung so wirkt, als stände der Champions-League-Titel unter den Fördergeldzuschlägen schon längst fest.

Was fest steht ist, dass die Stadt für die Bewerbung mal wieder eine neue Kampagne braucht, die sie sexy und selbstbewusst aussehen lässt, europäisch und weltoffen auch, dabei aber die interessanten Schönheitsfehler hervorhebt und generell gleichermaßen das schwer beschädigte Selbstwertgefühl der Bürger als auch das Image im nichtsächsischen Ausland aufpäppelt. Doch natürlich wären wir nicht die „besserwisserischen Berufszyniker“ (371-Magazin) von Re:marx, wenn wir das zart blühende städtische Selbstbewusstsein nicht zertrumpeln würden wie ein narzisstischer Dreijähriger die kleinen Gänseblümchen auf der Frühlingswiese.

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Dieunterenzehntausend, 1. Konzert: Friends of Gas

Am kommenden Dienstag startet Dieunterenzehntausend, eine Veranstaltungs-Kooperation von Re:marx und dem Atomino, bei der wir tief ins Chemnitzer Veranstalter-Leben eintauchen und uns danach auf jeden Fall in misanthropischen Konzertberichten verlieren werden, ganz egal wie viele Leute kommen.

Den Auftakt machen Friends of Gas, und die sind mindestens die Band der Stunde, obwohl sie aus München kommen. Alles, was ihr sonst noch über die Band wissen und warum ihr am Dienstag unbedingt ins Atomino kommen müsst, steht in unserem Bandportrait.


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abgefakt: Konzerte in Chemnitz

Ein schönes Konzert  findet in Chemnitz mindestens einmal wöchentlich statt, natürlich je nach dem, was genau man als schön empfindet.
Wer kuschelige Folklore und große Gefühle in kleinen Räumen mag, kann sich im aaltra einlullen, mit echt gefühltem Befindlichkeitsfolkpop bespucken lassen und dabei vielleicht das ein oder andere frisch gezapfte PU-Tränchen vergießen.
Wer cool ist und die Intro oder zufällig Mitglieder einer (über-)regional agierenden Band kennt, steht an der Bar im Atomino und trägt ein fliederfarbenes Unknown-Basics-Sweatshirt.
Wer cool ist und die Intro kennt, dabei aber rotzigen Chuzpe beweisen will, steht halblässig verkrampft  im Tesla rum.
Wer im Herzen Punk oder vom Phänotyp her Hardcore ist, fährt mit dem Klapprad bis ins AJZ oder ins AC17. Wer generell geschmacklos ist, blüht im Flowerpower auf.
Wer ausgewiesener Popkulturkenner und etwas mutiger, also experimentell und so, und überwiegend in Nischen heimisch ist, geht einfach ins Weltecho zu HGichT oder einem Montagskonzert.
Wer alt ist, klatscht in der Stadthalle bei der großen PinkFloydQueenKaisermaniaLedZepplinPhuddys-Revivalshow sture Vierviertel-Takte in die Welt.
Wer gebildet und alt ist wartet damit bis zum vierten Satz.
Wer gerne Avocados isst, sitzt bei noch untapezierten Indieperlen gemütlich im Lokomov.

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Lonely Planet Zenti – ein Reiseführer.

Die Zentralhaltestelle liegt zentral auf der Chemnitzer Inneren und ist das Peking des städtischen Nahverkehrs – mit einem Hauch von Methico-City: Laut und luftverschmutzt, hässlich bebaut, verhältnismäßig viele Menschen, ekliges Essen an jeder Ecke, Drogenkriminalität. Kurz: Hier muss man mal gewesen sein, um sich einen dieser Kulturschocks einzuholen, die man sonst nur in asiatischen Mega-Metropolen findet.
Die Zentralhaltestelle – von Einheimischen auch „Zenti“ genannt – ist stark frequentiert, und doch kaum bereist. Dabei vereint sie die multi-ethnische Vielfalt von New York mit dem Charme von Nordkorea. Hier trifft postsozialistische Tram-Tradition auf westliche Meth-Moderne, Altbau-Anwalt auf Plattenbau-Polierer, Chemnitz auf sich selbst. Am besten erreicht man die Zenti zwar per Bus oder Bahn von irgendwo anders herkommend, aber wir gehen zu Fuß. Wandern ist schließlich das neue Tanzen, nur ohne Drogen. Wir tragen einen orangefarbenen Fjällräven-Rucksack, das Wort „Wanderlust“ auf die Wade tätowiert und ein ganz neues, individuelles Freiheitsgefühl spazieren. Diese Reise wird unser Leben verändern – und unseren Instafame potenzieren.

An die Zenti geht man am besten an einem Wochentag zur Mittagszeit, wenn sich das müde Herz der modernen Stadt noch einmal wild schlagend gegen den bevorstehenden Tiefschlaf aufbäumt. Die Zenti ist nicht nur ein Ort, sie ist viele Orte, sie hat viele Persönlichkeiten, tausende Gesichter, aber nur eine hässliche Fratze. Wir haben sie für euch portraitiert. Und dafür eigens eine aufwändige und journalistisch hochinnovative Storymap gebaut.