Lonely Planet Zenti – ein Reiseführer.

Die Zentralhaltestelle liegt zentral auf der Chemnitzer Inneren und ist das Peking des städtischen Nahverkehrs – mit einem Hauch von Methico-City: Laut und luftverschmutzt, hässlich bebaut, verhältnismäßig viele Menschen, ekliges Essen an jeder Ecke, Drogenkriminalität. Kurz: Hier muss man mal gewesen sein, um sich einen dieser Kulturschocks einzuholen, die man sonst nur in asiatischen Mega-Metropolen findet.
Die Zentralhaltestelle – von Einheimischen auch „Zenti“ genannt – ist stark frequentiert, und doch kaum bereist. Dabei vereint sie die multi-ethnische Vielfalt von New York mit dem Charme von Nordkorea. Hier trifft postsozialistische Tram-Tradition auf westliche Meth-Moderne, Altbau-Anwalt auf Plattenbau-Polierer, Chemnitz auf sich selbst. Am besten erreicht man die Zenti zwar per Bus oder Bahn von irgendwo anders herkommend, aber wir gehen zu Fuß. Wandern ist schließlich das neue Tanzen, nur ohne Drogen. Wir tragen einen orangefarbenen Fjällräven-Rucksack, das Wort „Wanderlust“ auf die Wade tätowiert und ein ganz neues, individuelles Freiheitsgefühl spazieren. Diese Reise wird unser Leben verändern – und unseren Instafame potenzieren.

An die Zenti geht man am besten an einem Wochentag zur Mittagszeit, wenn sich das müde Herz der modernen Stadt noch einmal wild schlagend gegen den bevorstehenden Tiefschlaf aufbäumt. Die Zenti ist nicht nur ein Ort, sie ist viele Orte, sie hat viele Persönlichkeiten, tausende Gesichter, aber nur eine hässliche Fratze. Wir haben sie für euch portraitiert. Und dafür eigens eine aufwändige und journalistisch hochinnovative Storymap gebaut.

Next Stop: Central Interchange Point. Busfahren in Chemnitz – ein Reiseführer.

Der Januar ist der Montag des Jahres. Zu viel zu tun, zu wenig los. Auf der Suche nach spannenden Storys müssen wir deshalb derzeit mehr Abstriche machen als ein beliebter Gynäkologe. Klar, einige von uns waren bei der Mutter aller Montagsdemos (natürlich nur aus Recherche-Gründen), andere auf verschiedenen Demonstrationen dagegen. Dass wir daraus eine dicke Geschichte machen könnten, wurde ebenso diskutiert wie eine Mohammed-Karrikatur oder – jetzt wo dessen großes Vorbild nicht nur in Frankreich für ordentlich Aufruhr gesorgt hat – das Erscheinen des zweiten Teils von Ranunkels Erfolgsroman: „Unterzuckerung“. Doch dann haben wir etwas gefunden, das noch abenteuerlicher, noch aufsehenerregender ist als Witze über Religion oder literarische Ergüsse über abgespritztes Sperma im Kontext demokratischer Konsum-Gesellschaften: Busfahren in Chemnitz. Eine der wohl am meisten unterschätzten Freizeitbeschäftigungen der Stadt. Zum Busfahren in Chemnitz könnte man so viele Geschichten erzählen, dass ein eigenes Blog mit den besten Bus-und Bahngeschichten angebracht wäre. Denn wer wissen will, wie sich Leben in Chemnitz wirklich anfühlt, muss nur ein bisschen Bus fahren. Oft ist das nicht nur eine Fahrt zur übernächsten Haltestelle, sondern eine Reise zum Bodensatz der Gesellschaft, immer aber auch eine Reise zu sich selbst. Ein Reiseführer.

Der Bus: von Mercedes Benz hat – in seiner neuesten Ausführung – Tagfahrlicht, besticht mit einer markanten Frontblende, modernen Seitenfenstern und einer dynamisch geschwungenen Unterkannte. Er bietet 89 Plätze, davon 27 Sitz- und 69 Stehplätze, ist 12,15 Meter lang, 2,55 Meter breit und 3,35 hoch und wiegt leer rund elf Tonnen. Die Aussführung mit Gelenk verfügt über 132 Plätze, davon 36 Sitz- und 96 Stehplätze, sie ist 18 Meter lang und hat ein Leergewicht von fast 17 Tonnen. Beide Aussführungen verfügen über drei Türen, optisch/akustische Türschließwarnung, Plätze und Klapprampe für Rollstuhlfahrer, Videoüberwachung und Klimaanlage sowie einen Sechs-Zylinder-Dieselmotor und Fußboden in Holzoptik.

img_8163_web_11644Einsteigen: Darf man seit August 2013 nur noch vorn, unter dem Blick des Busfahrers, der längst nicht mehr so streng ist, wie er sein sollte: Im besten Fall erntet man ein gleichgültiges Nicken. Schwierig wird das Vorne-Einsteigen jedoch, wenn man zufällig einen Kinderwagen, ein Fahrrad, einen Rollator oder fünf Kästen Sterni dabei hat. Hier zeigt sich die hässliche Fratze einer diskriminierenden Gesellschaft, in der Sterni-Trinkern und Rollator-Fahrern wie so oft die Chance auf einen Sitzplatz mit Ausblick und ein moralisch gutes Leben verwehrt wird.

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