Die Post der Moderne: Was im Februar in Chemnitz geschah.

Es ist immer noch Winter in Chemnitz. Die Grippe- und die Kältewelle und die Kelly Family  haben die Stadt fest im Griff. Die Stadt selbst hat sich auch einigermaßen im Griff. Unsere Post der Moderne für den Monat Februar.

Das Lichtkonzept des Monats: 
Seitdem die einst finstere Stadt Chemnitz die wunderbare Welt der Elektrizität für sich entdeckt hat, rückt sie alles ins grelle LED-Licht, was bei Tageslicht eigentlich keiner sehen will: Den stillgelegten Hauptbahnhof hat man kurzerhand zur LED-Leinwand umfunktioniert, einen bedeutungslosen Schornstein zum Graypride-Tower der Stadt gemacht, der Zentrale Umsteigestelle einen funkelnden Sternenhimmel verpasst. Und nun soll auch das abrissgefährdetste Bauwerk seit der Wende illuminiert werden: Das Eisenbahnviadukt, das als eines der sieben Weltwunder und kleine Schwester des Pariser Eiffelturms seit jeher Millionen erzgebirgische Eisenbahnfans in die Stadt lockt. Auf Wunsch einiger Stadträte soll die stahlromantische Brücke jetzt angemessen beleuchtet werden, damit man die meisterhafte deutsche Ingenieursleistung noch besser würdigen kann. Außerdem passt die epochale Eisenbahnbrücke dann endlich besser zum hypermodernen Hauptbahnhof. Über das Farb- und Beleuchtungskonzept hielten sich die Räte noch bedeckt: Himmelblau oder Bahnrot? Oder lieber gleich in den lebensbejahenden Farben der MRB? Wir plädieren für eine öffentliche Ausschreibung und freuen uns schon: Eine leuchtende Eisenbahnbrücke. Über die kein Zug nach irgendwo fährt.

Ohnehin könnte die Stadt noch viel mehr beleuchten: Dem Nischel würden laserrote LED-Augen gut stehen, der CFC wäre mit feinen LED-Applikationen im Trikot garantiert nicht mehr abstiegsgefährdet, die Dealer-Hecken im Stadthallenpark wären mit Lichterketten ein viel freundlicher Ort

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Re:marx steigt in den Ring. Eine Anleitung zum Ringbusfahren.

Der Tag, an dem sich alles ändert, ist ein Sonntag im Dezember. Zweiter Advent, der wintergraue Himmel hat den Lulatsch verschluckt, Schnee wirbelt von den Dächern. In den Kaßberg-Fenstern strahlen prachtvolle Schwibbögen, blinken epileptische Leuchtsterne — ein heimliches Wettrüsten um die größte Erzgebirgskredibilität. Alles scheint wie immer in Chemnitz, und doch ist nichts mehr wie es war. Chemnitz hat jetzt einen Ringbus. Chemnitz ist jetzt Berlin.

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Abgevagt: CVAG. Weil wir auf dich abfahren. 

Zugegeben, so schlecht steht es gar nicht um die CVAG, der schönsten Nahverkehrsgesellschaft, seit es intimen Stadtverkehr gibt. Die Busse und Bahnen fahren meistens, und das sogar nachts. Außer natürlich, es ist gerade Winter, womit aber vorher niemand rechnen konnte, mitten im Januar. Oder es ist gerade Unfall, Bergparade, Roland Kaiser oder Bombenfund, da kann es schon mal zu Ersatzverkehr kommen. Die Preise sind je nach Kontostand mit 2,20 Euro pro Stunde einigermaßen akzeptabel oder unverschämt teuer. In Berlin kostet das aber auch nur 60 Cent mehr, und dort gibt es U-Bahnen, Doppelstockbusse und das Kotti. Hier gibt es stattdessen immerhin die Zenti, die ist mindestens genau so gefährlich, und überhaupt ein krasser Partytouristen-Hotspot, vielleicht sogar der einzige der Stadt. Und obwohl niemand versteht, was genau da eigentlich gerade „modernisiert“ wird an der Zenti und warum sie jeden Tag anders aussieht und der Bus schon wieder an einem anderen Bahnsteig abfährt, ist im Prinzip alles okay mit der CVAG: Es gibt das Chemnitzer Modell und ab Sonntag eine revolutionäre Ringbuslinie im 20-Minutentakt. Wären da nicht der Youtube-Kanal, die Image-Filme und die Fahrplanauskunft auf der Homepage.

Plötzlicher Wintereinbruch im Januar. Das konnte wirklich keiner wissen. Alle Screenshots sind  von der CVAG-Facebookseite.

Der Medienauftritt einer Verkehrsgesellschaft muss nicht unbedingt immer aufregend sein, außer natürlich, man ist zufällig „Arm-aber-Sexy“-Berlin und muss mit poppigen Kampagnen davon ablenken, dass es mit anderen Verkehrsprojekten gerade eher nicht so gut läuft. #weilwirnichtfliegen
Vielmehr sollte der Medienauftritt einer Verkehrsgesellschaft funktionieren, Übersicht geben, durchs Liniennetzdickicht navigieren. Außer natürlich, man ist zufällig „Alt-aber-Sexy“-Chemnitz, dann ist der Medienauftritt weder aufregend noch übersichtlich, sondern hochgradig modernisierungsbedürftig.

Alle elf Minuten übergibt sich ein Single an der Zenti.

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Lonely Planet Zenti – ein Reiseführer.

Die Zentralhaltestelle liegt zentral auf der Chemnitzer Inneren und ist das Peking des städtischen Nahverkehrs – mit einem Hauch von Methico-City: Laut und luftverschmutzt, hässlich bebaut, verhältnismäßig viele Menschen, ekliges Essen an jeder Ecke, Drogenkriminalität. Kurz: Hier muss man mal gewesen sein, um sich einen dieser Kulturschocks einzuholen, die man sonst nur in asiatischen Mega-Metropolen findet.
Die Zentralhaltestelle – von Einheimischen auch „Zenti“ genannt – ist stark frequentiert, und doch kaum bereist. Dabei vereint sie die multi-ethnische Vielfalt von New York mit dem Charme von Nordkorea. Hier trifft postsozialistische Tram-Tradition auf westliche Meth-Moderne, Altbau-Anwalt auf Plattenbau-Polierer, Chemnitz auf sich selbst. Am besten erreicht man die Zenti zwar per Bus oder Bahn von irgendwo anders herkommend, aber wir gehen zu Fuß. Wandern ist schließlich das neue Tanzen, nur ohne Drogen. Wir tragen einen orangefarbenen Fjällräven-Rucksack, das Wort „Wanderlust“ auf die Wade tätowiert und ein ganz neues, individuelles Freiheitsgefühl spazieren. Diese Reise wird unser Leben verändern – und unseren Instafame potenzieren.

An die Zenti geht man am besten an einem Wochentag zur Mittagszeit, wenn sich das müde Herz der modernen Stadt noch einmal wild schlagend gegen den bevorstehenden Tiefschlaf aufbäumt. Die Zenti ist nicht nur ein Ort, sie ist viele Orte, sie hat viele Persönlichkeiten, tausende Gesichter, aber nur eine hässliche Fratze. Wir haben sie für euch portraitiert. Und dafür eigens eine aufwändige und journalistisch hochinnovative Storymap gebaut.

Next Stop: Central Interchange Point. Busfahren in Chemnitz – ein Reiseführer.

Der Januar ist der Montag des Jahres. Zu viel zu tun, zu wenig los. Auf der Suche nach spannenden Storys müssen wir deshalb derzeit mehr Abstriche machen als ein beliebter Gynäkologe. Klar, einige von uns waren bei der Mutter aller Montagsdemos (natürlich nur aus Recherche-Gründen), andere auf verschiedenen Demonstrationen dagegen. Dass wir daraus eine dicke Geschichte machen könnten, wurde ebenso diskutiert wie eine Mohammed-Karrikatur oder – jetzt wo dessen großes Vorbild nicht nur in Frankreich für ordentlich Aufruhr gesorgt hat – das Erscheinen des zweiten Teils von Ranunkels Erfolgsroman: „Unterzuckerung“. Doch dann haben wir etwas gefunden, das noch abenteuerlicher, noch aufsehenerregender ist als Witze über Religion oder literarische Ergüsse über abgespritztes Sperma im Kontext demokratischer Konsum-Gesellschaften: Busfahren in Chemnitz. Eine der wohl am meisten unterschätzten Freizeitbeschäftigungen der Stadt. Zum Busfahren in Chemnitz könnte man so viele Geschichten erzählen, dass ein eigenes Blog mit den besten Bus-und Bahngeschichten angebracht wäre. Denn wer wissen will, wie sich Leben in Chemnitz wirklich anfühlt, muss nur ein bisschen Bus fahren. Oft ist das nicht nur eine Fahrt zur übernächsten Haltestelle, sondern eine Reise zum Bodensatz der Gesellschaft, immer aber auch eine Reise zu sich selbst. Ein Reiseführer.

Der Bus: von Mercedes Benz hat – in seiner neuesten Ausführung – Tagfahrlicht, besticht mit einer markanten Frontblende, modernen Seitenfenstern und einer dynamisch geschwungenen Unterkannte. Er bietet 89 Plätze, davon 27 Sitz- und 69 Stehplätze, ist 12,15 Meter lang, 2,55 Meter breit und 3,35 hoch und wiegt leer rund elf Tonnen. Die Aussführung mit Gelenk verfügt über 132 Plätze, davon 36 Sitz- und 96 Stehplätze, sie ist 18 Meter lang und hat ein Leergewicht von fast 17 Tonnen. Beide Aussführungen verfügen über drei Türen, optisch/akustische Türschließwarnung, Plätze und Klapprampe für Rollstuhlfahrer, Videoüberwachung und Klimaanlage sowie einen Sechs-Zylinder-Dieselmotor und Fußboden in Holzoptik.

img_8163_web_11644Einsteigen: Darf man seit August 2013 nur noch vorn, unter dem Blick des Busfahrers, der längst nicht mehr so streng ist, wie er sein sollte: Im besten Fall erntet man ein gleichgültiges Nicken. Schwierig wird das Vorne-Einsteigen jedoch, wenn man zufällig einen Kinderwagen, ein Fahrrad, einen Rollator oder fünf Kästen Sterni dabei hat. Hier zeigt sich die hässliche Fratze einer diskriminierenden Gesellschaft, in der Sterni-Trinkern und Rollator-Fahrern wie so oft die Chance auf einen Sitzplatz mit Ausblick und ein moralisch gutes Leben verwehrt wird.

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