Chemnitzer Einkauf.

Unser neues und liebstes Kneipenspiel ist das Erraten der unbekannten Adresse eines Gegenübers anhand der Fußminuten zu ALDI, NETTO und EDEKA. Bernsdorfer machen uns dabei bisweilen durch ihre naive Unkenntnis der Tatsache, dass es zwei NETTO in ihrem Stadtteil gibt, die größten Schwierigkeiten, während Kaßbürger durch ihre starke EDEKA-REWE-Polarität schnell zu erraten sind.  „5,5,10“, das ist leicht als Bodelschwinghstraße identifiziert. „15,1,1“, das muss die Wartburgstraße sein, während „14,1,1“ die Dittesstraße ist. Doch nicht nur der Wohnort eines Chemnitzers lässt sich mithilfe der Supermärkte aufschlüsseln, nein, der gesamte Charakter wird dem Kenner offenbar. Bereits die Betonung der stets in zwei Handklatschern sauber als zweisilbig zu klassifizierenden Ladennamen lässt uns die Zu- oder Abneigung erkennen, die unser zu analysierendes Opfer für den genannten Supermarkt in sich trägt – und auf sein Wertesystem schließen. Beginnen wir dazu unsere Reise sanft auf der hinteren Limbacher Straße, einer Zwischenwelt aus Kaßbergidyll und Tscheljabinsk. Wenn wir die Stadt auf diesem Weg betreten, staunen wir immer wieder über die Vielfalt an scheinbar willkürlich platzierten Märkten.

     14642764_169343700185114_545629552_n

Weiterlesen

abgefakt: Disneyland Chemnitz.

Chemnitz und Touristen. Zwei Wörter, die sich ähnlich kategorisch auszuschließen scheinen wie CFC und Aufstieg oder re:marx und Impressum. Die Vorstellung, dass es Menschen in Weimar, Wismar oder Worms gibt, die sich auf ein kuscheliges Romantik-Wochenende im Hotel Mercure oder ein Shoppingweekend in der Sachsenallee freuen, scheint so abwegig wie die Errichtung eines Kellnberger-Towers.

Wenn Touristen nach Chemnitz kommen, dann sind das vermutlich Erstsemester im Oktober, geschäftsreisende Ingenieure, Weihnachtsmarkt-Groundhopper, Florian Silbereisner-Ultras oder der blutjunge Kraftfanklub. Oder einfach nur Menschen, die gerne in Krisengebiete fahren, um dann auf Periscope für die BILD darüber zu berichten.

Um den Tourismus kümmert sich hier unter anderem die CWE, die Chemnitzer Wirtschafts- und Entwicklungsgesellschaft, und die hat im Januar 2016 zusätzlich zur Entdecker-App und einem virtuellen Stadtrundgang endlich das neue Reisemagazin „Visit Chemnitz“ herausgegeben, auf das wir alle so sehnlich gewartet haben, wobei es natürlich direkt einen Skandal gab. Weil wir unerträglichen Event-Aufreger von re:marx wie Aas-Geier über inhaltlichen Kadavern wie diesen kreisen, haben wir dies gleich als Anlass genommen, die Marketingmaßnahmen zu begutachten oder vielmehr einen zwangskritischen Blick auf den Chemnitzer Tourismus zu werfen.

IMG_4000

„Es lohnt sich also, für das Chemnitz Wochenende einen größeren Koffer zu packen, um für jede Laune gewappnet zu sein“ (vor allem für schlechte, Anm. der Red.)

Weiterlesen

La Vie en Rose: Montkass, le plus beau quartier du monde.

Ein Freitagabend im April. Im Hinterhof eines großen, grauen Eckhauses an der Weststraße wird Glut geschürt. Jemand hat einen halben Baum ins Feuer geworfen und die Flammen haben jetzt die Höhe eines siebenfarbigen Schornsteins – natürlich stilsischer gestaltet von einem Franzose – erreicht. Farbton: Feuerwehrrot. Irgendwo nebenan geht ein Fenster auf, die Stimmung: Beschwerdegrau. „Jetzt macht doch mal das verdammte Feuer aus. Wisst ihr wie das stinkt? Wir versuchen schon seit ’ner halben Stunde zu schlafen“, pöbelt die einsame Eingabe aus dem Nichts der Nacht. Das Fenster knallt wieder zu. Freitagabend, um elf: Die Ruhe auf dem Berg wird nur gestört vom Knistern des Feuers.
Ein Freitagabend im Mai. Im Hinterhof eines großen, grauen Eckhauses an der Weststraße wird Grillgut kredenzt. Keine profanen Bratwürste, sondern feinste, fettige Chorizo. Es gibt lauwarmes Pils aus dem Fass, „VIPils“ der Edelbiermarke Perlbacher, aus dem Lidl von der Limbacherstraße. Mit der Nacht hat sich auch die Stille über Dächer gelegt, vereinzelt ertönt schrilles Mitvierziger-Lachen. In einer Wohnung flackert blaues Strobo-Licht. Irgendwo nebenan steht ein Fenster offen: Jemand hat Sex und das ganze Karree, vielleicht auch der halbe Hügel, hört mit. Keine Beschwerden an dieser Stelle. Schließlich muss man dafür sorgen, dass der erhöhte Kinderwagenverkehr auf der Weststraße nicht zum Erliegen kommt. Schließlich wird Ramontik hier noch falsch geschrieben. Schließlich ist Chemnitz die Stadt der Liebe.

1_weststraße

Weiterlesen

Chemnitzer Wahlverwandschaften: Emmas Onkel.

Auf den Punkt kommen ist einfach nicht so unser Ding – kein re:marx-Beitrag ohne vorher kilometerweit auszuholen. Deshalb schlenken wir heute mal gaaanz kurz circa 68 Kilometer gen Norden: Hype, Hyper, Hypezig ist derzeit die gefühlt hipste Stadt der Welt – immerhin fragte neulich selbst die rennomierte Super-Illu in einer gewohnt innovativen Reportage „Was ist dran am Hype um Leipzig?“. Die erschütternde Erkenntnis lautete zwar: Nichts. Doch das wiederum kann eigentlich gar nicht sein, schließlich zieht es die coolen Peeps gerade scharenweise in die ehemalige Messe-Metropole, durch die nun der angebliche Spirit des Berlins der 90er Jahre weht. Gut, statt MDMA gibt`s hier den MDR und Neo hieße in Berlin vermutlich Rausch mit Nachname. Darüber kann man aber angesichts der unzähligen geilen Clubs, Kneipen, Ateliers und Wächterhäuser auch ruhig mal hinwegsehen. Leipzig ist mindestens das neue Berlin, vielleicht sogar London, was natürlich auch die ansteigende Chemnitzhipster-Fluktuation entschuldigt. Dabei – und hier nähern wir uns langsam dem eigentlichen Thema – wollte Leipzig doch nichts weiter sein, als das (Klein-)Paris des Ostens. Blöd nur, dass ziemlich viele Städte diesen verlockend amourösen Beinamen für sich beanspruchen. Prag, Beirut, Budapest, Bukarest  – oder vielleicht doch dieses neue Paris-Plagiat in China? Alles ganz falsch! Das einzig wahre Paris des Ostens heißt natürlich: Chemnitz. (Okay, letzte Woche schrieben wir hier zwar was vom sächsischen Manchester – aber das ist schon wieder voll KW 49 und außerdem, wenn DIE ZEIT das so sagt, muss es einfach stimmen.)
Weiterlesen