Die Qual der Chemnitzer Wahl: Der re:marx Wahl-O-Mat für die Bundestagswahl
Die Qual der Chemnitzer Wahl: Der re:marx Wahl-O-Mat für die Bundestagswahl

Die Qual der Chemnitzer Wahl: Der re:marx Wahl-O-Mat für die Bundestagswahl

Zu unseren schwersten Chemnitz-Stunden gehörte der zweite Wahlgang der OB-Wahl vor knapp einem Jahr. Als man ungefähr eine Stunde angstschwitzend in der Wahlkabine verbrachte, das Kreuz dann schweren Stiftes bei der vermeintlich am wenigsten schlimmsten Option setzte und peinlich berührt ein eisernes Schweigen über die Wahl stülpte. Damit ihr dieses Jahr kein ähnliches Dilemma bei der Wahl der Chemnitzer Direktkandidat:innen für den Bundestag erleben müsst und damit wir ganz subtil Einfluss auf euer Wahlverhalten nehmen können, haben wir die Kandidat:innen der „großen“ Parteien für euch streng unter die Lupe genommen. Das war gar nicht so leicht, denn für Chemnitz kandidieren fast nur Männer, die Müller heißen oder Frank oder sogar beides – da kann man vor lauter Alter-Weißer-Männer-Wirrwarr schon mal den Überblick verlieren.

Frank Heinrich:
Partei: Heilsarmee, äääh sorry, freudscher Vertipper, wir meinen natürlich die CDU.
Slogan: “Herz. Verstand. Chemnitz”. So weit, so langweilig, mag man denken, aber Slogans, die aus drei im Woxikon synonym zusammengewürfelten Wörtern und künstlerischer Interpunktion bestehen, liegen im aufregenden Chemnitzer Wahlkampf voll im Trend, äh sie sind Angesagt. Innovativ. Chemnitz.
Wie er sich präsentiert: Als eine Art Rezo der Chemnitzer Silver-Surfer-Szene, der in knackigen Welterklär-Videos erzählt, wie man “Briefwahl beantragen” richtig googelt. Als bodenständiger  Mann, der gerne Sauerbraten mit Spätzle isst und der die Nähe zu den Bürger:innen sucht wie kein anderer. Dafür hat er verschiedene Formate etabliert, zum Beispiel die “Tour de Frank” oder “Wandern mit Frank” oder “Stammtisch mit Frank im City Pub” oder “Happy Hour mit Frank” oder die “Herztour durch Chemnitz mit Frank”, die herzförmig durch Chemnitzer Herzensorte wie Einsiedel und Ebersdorf führt. Er ist offensichtlich der perfekte Kandidat für eine dauerschläfrige und von Natur aus konservative Stadt wie Chemnitz und hat nicht umsonst drei Mal hintereinander das Chemnitzer Direktmandat geholt.
Was er verspricht: ist CDU-typisches Wahlprogramm (Wirtschaft. Wohlstand. Wachstum), aber eben mit Chemnitz-Fokus und immerhin etwas konkreter formuliert als die unglaublich lasche Laschet-Litanei der Bundes-CDU. So wagt er es zum Beispiel, Klimaneutralität “schon” 2040 erreichen zu wollen und nicht erst 2045, wenn die Erde längst abgebrannt ist. Er predigt das Prinzip mit Rechten reden (aber nicht regieren), nennt es aber “der AfD zuhören” – das liegt entweder an seiner gutmenschlichen Pfarrer-Mentalität oder an der chronischen Rechtsblindheit der Sachsen-CDU.
Was er hält: das C in CDU. Frank Heinrich ist sozusagen das evangelische Pendant zu Peter Patt, nur auf Bundesebene und weniger schlimm. Als Protestant wirkt er im Vergleich zu den erzkatholischen Machtstrippen, die Laschet im Hintergrund zieht, jedenfalls fast schon progressiv. Er ist der klassische christlich-konservative Humanist, ein Mann der gelebten Nächstenliebe, und setzt sich vor allem für soziale Themen und Menschenrechte ein.
Was er gegen Klimakrise tun will: die „grüne Null“ einführen, wobei das bei der CDU vor allem heißen könnte, dass man null für’s Grüne tut.
Kernkompetenzen: Hat Theologie und Sozialpädagogik studiert and it shows, denn Frank Heinrich engagiert sich wirklich überall: Bei der Tafel, bei “Tischlein deck dich”, im Chemnitzer Schwimm-Club, im Kinderland, bei der Afrika-Stiftung, in der Bundeszentrale für politische Bildung, etc. Ist außerdem Berichterstatter für Kinderrechte, Menschenhandel und Sklaverei, im Einsatz für Frauenrechte, Wasser und Nahrung, Nichtdiskriminierung, humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz und wir haben vor lauter ehrenamtlichen Einsatz ganz vergessen, in welchem Ausschuss er eigentlich sitzt.
Schwachstelle: CDU
Unbedingt wählen, wenn: alles so wie immer bleiben und nach euch die Sintflut kommen soll.

Frank Müller Rosentritt:
Partei: Angeblich FDP.  Was uns ehrlich gesagt überrascht – wir wussten gar nicht, dass die FDP überhaupt noch andere Mitglieder außer Christian Lindner hat.
Slogan: Auf seiner Homepage prangt im peppigen FDP-Pink der visionäre Spruch “Eine neue Generation Deutschland”, auf seinen Plakaten wirbt er wiederum mit dem staatsmännisch schwammigen “Ihr Botschafter für Chemnitz in Berlin und der Welt” – beides ist in etwa so belanglos wie die neoliberal lieblose Investoren-Architektur, die in Chemnitz derzeit aus jeder Baustellen-Grube sprießt. An seiner Stelle wären wir ja mit “Chemnitz ist nur eine dornige Chance” ins Rennen gegangen, aber uns hat ja wieder mal niemand gefragt! 😡😡
Wie er sich präsentiert: Als leidenschaftlicher Trompeter, sportlicher Hufeisen-Werfer (“Wir brauchen ein liberales Bollwerk gegen Extremisten von Links und Rechts”), “geborener Netzwerker” und leistungsfixierter Familienvater. Als als glühender Globalist, als Fan von “Die Welt”, als kleiner Mann mit großen Ambitionen. Macht aber irgendwie kaum Wahlkampf – muss er auch gar nicht, dafür hat die FDP ja schließlich ihren liberalen Posterboy Christian Lindner, der sich auf sinnlichen Schwarz-Weiß-Fotos zum GQ-Man-of-the-Year-Award posiert, während sich Frank Müller-Rosentritt weiterhin engagiert um sein Herzensthema Außenpolitik kümmern kann.
Was er verspricht: Chemnitz als global agierende Wirtschaftsmacht gleich hinter China.
Was er hält: ist letztendlich auch egal, der Markt regelt das schon.
Was er gegen Klimakrise tun will: auf Innovation, Wachstum und Wohlstand setzen. Dass der Wachstums-Fetisch des wirtschaftlichen Westens auch Treiber der Klimakrise ist, können Parteien wie die FDP und die CDU erstaunlich gut ausblenden.
Kernkompetenzen: Wie alle FDP-Mitglieder-  und  Wähler:innen war er früher Bänker und Investment-Berater und macht nebenbei noch was mit Immobilien. Außerdem sitzt er für Chemnitz im Bundestag und ist Mitglied im auswärtigen Ausschuss, Schwerpunkt Asien. Engagiert sich außerdem stark für die jüdische Community und gegen Antisemitismus.
Schwachstellen: sieht erstens nicht so gut aus wie Christian Lindner, aber wer tut das schon, denkt zweitens viel zu international für eine Stadt, in der selbst das Erzgebirge schon als Ausland gilt. Unbedingt wählen, wenn: man selbst in der größten (humanitären) Krise erstmal “ABER DIE WIRTSCHAFT!” ruft. 

Detlef Müller:
Partei: Müller ist Mitglied in der neuen Hype-Partei “SPD”, auch “Sozialdemokraten” genannt. Die SPD ist der Buffalo-Plateau-Schuh unter den Volksparteien: Sie war zum Beispiel 1998 schon mal krass angesagt (40,5 Prozent!), galt zwischenzeitlich als tot (14 Prozent) und ist jetzt wie so viele Neunzigerjahre-Hypes wieder voll im Trend. Also bei 26 Prozent, aber mehr hat derzeit einfach niemand.
Slogan: Unser “Mut. Macher. Müller.” springt auf den Chemnitzer Drei-Wörter-Phrasenmäher auf, der schon vor 20 Jahren durch andere Städten gerollt ist. Dabei hat Müller aber anscheinend noch nicht mitbekommen, dass man in Chemnitz seit der Ernennung zur europäischen Kulturhauptstadt nicht mehr Macher sondern Maker sagt – oder Macker. Beides bedeutet in Chemnitz das gleiche: Alte weiße Männer machen super schnarchige Sachen und feiern sich dafür ab. Ist in der Politik nicht anders.
Wie er sich präsentiert: Als linksradikaler Rumpel-Revoluzzer, der wie ein besonders gemeiner Sozialist von überlebenslarsgroßen Plakaten auf die Stadt schaut und den blutroten Kommunismus über unser schönes schlumpfblau-schwarzes Sachsenland bringen will. Tatsächlich machen die SPD-Plakate einen auf Russische Revolution 1917, wobei die SPD derzeit ungefähr so viel mit revolutionärem Geist zu tun hat wie die katholische Kirche mit Aufklärung. Doch in Zeiten, in denen die Union den Diskurs immer weiter nach rechts verschiebt und sich der Wahlkampf immer mehr dem niedrigen US-Niveau annähert, kann aus einem gemütlichen Eisenbahner wie Detlef Müller schon mal ganz schnell ein roter Rächer werden.
Was er verspricht: Abgehängte Provinzstädte wie Berlin, Hamburg, München und Frankfurt haben keine direkte Fernbahnanbindung in die europäische Kulturhauptstadt Chemnitz. Das will Müller ändern und setzt sich seit Jahren dafür ein, dass zumindest das von der MRB völlig vergessene Berlin eine Direktverbindung nach Chemnitz bekommt. “Zug um Zug nach Berlin”, steht auf seinen Plakaten, aber was tut er eigentlich für Chemnitz? Ach ja: bisschen Sicherheit als Bürgerrecht fordern, bisschen so tun als wäre die SPD noch eine Arbeiterpartei, bisschen soziale Gerechtigkeit, bisschen dünne vielleicht, aber für Chemnitz reichts.
Was er hält: Müller ist im Prinzip eine Art Schulze, wobei wir uns Sven Schulze auch extrem gut als gesamtdeutschen SPD-Kanzlerkandidaten vorstellen könnten. Er würde dann ein paar Würstchen grillen, Bierfässer anstechen, Polizeiautos streicheln, Stadtfeste besuchen und die Herzen der Wähler:innen würden ihm zufliegen wie Olaf Scholz die Steuerskandale. Ach so, es geht ja hier gar nicht um Sven, es geht um Detlef. Der gibt sich ähnlich volksnah, sportbegeistert und currywurstaffin – wie man es von einem SPD-Kandidaten eben erwartet.
Was er gegen die Klimakrise tun will: dafür sorgen, das morgen in Chemnitz ein ICE gehalten haben wird, Mobilitätswende, Kohleausstieg, Verbrenner abschaffen.
Kernkompetenzen: Alle Arten von Eisenbahn, egal ob Dampflok, Reichsbahn, Modelleisenbahn, Parkeisenbahn, noICEtea oder Chemnitzer Modell.
Schwachstellen: versprüht ungefähr so viel innovativen Pep wie eine alte Reichsbahn der MRB.
Unbedingt wählen: wenn man keine Angst vor einem von Olaf Scholz angeführten Linksruck hat und vor allem, wenn man nicht will, dass das Chemnitzer Direktmandat an die AfD geht.

Tim Detzner:
Partei: Die Linke, das ist die Partei, die angeblich noch linker ist als die SPD, wenn das überhaupt geht, weshalb sie die CDU und ganz besonders Markus Söder fast noch mehr fürchten dürften als, sagen wir mal, Nordkorea.
Slogan: Auch Tim Detzner hat drei Wörter gewürfelt und dabei „Haltung, Mut und Solidarität!“ gezockt, ein Trio der abgedroschensten Begriffe unserer Zeit. Doch Detzner traut sich was, verzichtet auf Interpunktionsexperimente und wagt sogar Konjunktion. Wer hingegen auf Konjunktur schwört, muss zur FDP gehen.
Wie er sich präsentiert: als intellektueller Leisetreter mit stabilen politischen und menschlichen Werten, der unermüdlich mit seinem Wahlkampf-Team durch die Stadt tingelt.
Was er verspricht:  Gerechtigkeit für alle, Mindestlohn, Mindestrente, Mietdeckel, ultimative Transparenz, profitfreie Politik und einen Fernbahnanschluss nach Chemnitz nicht nur für Berlin, sondern sogar für die Chemnitzer Partnerstadt Düsseldorf.
Was er gegen den Klimawandel tun will: „Angebote statt Verbote“. Huch, klingt ja fast nach FDP,  aber Detzner ist eigentlich schon lange auch als Umweltaktivist unterwegs, will unter anderem große Konzerne schwerer CO2-besteuern oder kostenlosen Nahverkehr einführen.
Kernkompetenzen: Leider konnten wir keine Angaben zu beruflichen Skills, Hobbys, Haustieren oder Lieblingsspeisen finden. Kann aber anscheinend ziemlich gut Lastenrad fahren.
Schwachstellen: wirkt eigentlich viel zu nett und unauffällig für jegliche Politik-Machtspiele. 
Unbedingt wählen, wenn: ihr Bonzen, Nazis und die Nato enteignen und der CDU so richtig Angst machen wollt.

Karola Köpferl
Partei: Bündnis 90/Grüne. Das sind die, die es in Sachsen am allerschwersten haben, weil Sachsen ein ewig rückwärtsgewandtes Hinterland von Weltfremd ist, in dem der Klimaschutz als „Volksverrat“ und eine Klimakatastrophe als „Wetter“ gilt. In Sachsen grassiert eine historisch gewachsene Angst davor, dass einem irgendjemand irgendetwas wegnehmen will, die Fabriken, die Arbeit, das Geld, die Handys, die Frauen. Und jetzt kommen auch noch die Grünen und wollen den ewig betrogenen Sachsen ihr Auto und die Billigfleisch-Bratwurst wegnehmen. Schlimm! 😡😡
Slogan:  Hier konnten wir nichts finden, außer „Für Chemnitz in den Bundestag.“ Mh naja, könnte auch von Frank Müller Rosentritt sein.
Wie sie sich präsentiert: Als Sonnenblume vom Sonnenberg, als grüner Hoffnungsschimmer in der politischen Betonwüste Chemnitz, als engagierte Stadtteilakteurin vom Sonnenberg, als Annalena von Chemnitz, allein unter alten weißen Männern.
Was sie verspricht: Artenvielfalt, Digitalisierung, Inklusion und Pflege, für Chemnitz nix konkretes.
Was sie hält: das Gemüse im Zietengarten frisch und knackig.
Was sie gegen die Klimakrise tun will: auf erneuerbare Energien setzen, CO2 besteuern, den Chemnitzer:innen das Rasen und damit die herrliche Freiheit auf ein unbeschwertes Verkehrsunglück verbieten.
Kernkompetenzen: Pflege, Inklusion, Digitalisierung, Artenvielfalt und Sonnenberg.
Schwachstellen: Agiert sehr sonnenberglastig, weshalb zum Beispiel viele Kaßberger völlig verunsichert sind, ob sie sie überhaupt wählen dürfen, hat sich noch nicht in Carola Cöpferl umbenannt, obwohl das K in Chemnitz seit diesem Sommer offiziell gecancelt ist.
Unbedingt wählen, wenn: ihr euch auch schon darauf freut, bald mit eurem staatlich subventionierten Lastenrad den bockigen alten Chemnitzer SUV-Boomern die Parkplätze und Straßen wegzunehmen.

Michael Klonovsky
Partei: AfD
Slogan: „Courage für Chemnitz“, kurz CFC, in einem Logo, das verdächtig an das alte Kulturhauptstadtlogo erinnert. Wobei das bei der AfD nicht sehr schwer ist, die Farben sind schließlich die gleichen. Wirbt außerdem unter anderem mit dem Spruch „Sie können mir vertrauen, ich bin kein Politiker“. Das ist witzig, weil: er ja einer werden will.
Wie er sich präsentiert: Als rechtskonservativer Bildungsbürger, schöngeistiger Literat, Klassikliebhaber und vom bösen Spiel der Systemmedien betrogener Journalist (arbeitete lange beim Focus). Also Typ gutbürgerlicher Cicero-Rechter.
Was er verspricht: wollen wir hier nicht reproduzieren, es ist hauptsächlich identitäre Deutschtümelei.
Was er hält:  hoffentlich sein Versprechen, kein Politiker zu sein, denn wenn es danach geht, zieht er ja gar nicht erst in den Bundestag ein.
Kernkompetenzen: hat als Autor ein unfassbares literarisches Oeuvre. Es reicht von „Kleine Philosophie der Passionen: Radfahren“ über „Der Schmerz der Schönheit. Über Giacomo Puccini“, „Die Liebe in Zeiten der Lückenpresse“ und „Der fehlende Hoden des Führers“ bis hin zu den lyrischen Bundestagsreden des Chemnitzer Flüchtlingsurgesteins Alexander Gauland. Für den arbeitet Klonovsky nämlich aktuell als Redenschreiber. Nur so als kleine Einordnung.
Was er gegen den Klimawandel tun will: aus dem Atomausstieg aussteigen, ein AKW für Chemnitz, die deutsche Automobilindustrie stärken, Tempo 200 zur Bürgerpflicht erklären oder was die AfD halt so unter Klimaschutz versteht.
Schwachstellen: Wohnt überhaupt gar nicht in Chemnitz, sondern in München  – er könnte also hoffentlich an der Fremdenfeindlichkeit seiner eigenen Wähler:innen scheitern, die seine Partei über Jahre hinweg heiß geschürt hat.
Unbedingt wählen, wenn: ihr danach den Stimmzettel zerreißt. 

Die Illustrationen hat cutesyartstuff für uns gemacht.

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