Vor ein paar Wochen hatten wir mal wieder einen dieser fast schon rührenden Realsatire-Momente, wie man sie nur in Chemnitz erlebt: Die Stadt hatte eine Pressemitteilung herausgeben, die stolz verkündete, dass die viel verlachte „Stadt der Moderne“ nun der Antike angehört und bald nur noch als nostalgisches Relikt in verbitterten Boomer-Witzen ausgegraben wird. Denn Chemnitz schaut nach vorn – genauer genommen bis ins Jahr 2025, weiter reicht die Chemnitzer Zukunftsvision noch nicht. Und weil 2025 schon ziemlich bald ist, wird jetzt endlich alles anders: Neues Logo, neuer Claim, neues Chemnitz. Chemnitz heißt ab sofort nämlich „Kulturhauptstadt Europas 2025“, das ist zwar keine stadteigene Marke, sondern ein EU-Förderprogramm, und trifft auch auf Nova Gorica zu, aber wenn der Minderwertigkeitskomplex gerade sonst nichts im Angebot hat, kann man sich das mal ins offizielle Logo schreiben.

Das neue Logo wiederum ist eigentlich das alte, in das man mit abenteuerlichen Zeilenabständen „Kulturhauptstadt Europas 2025“ geschrieben und damit eine Art Menschenrechtsverletzung am Berufsstand der Grafikdesigner:innen begangen hat. Es sieht aus, als hätte es jemand in der Pressestelle schnell mit bürokratischer Word-Gewandtheit im Schreibprogramm entworfen und wäre nicht mal 1961 innovativ gewesen. Dass das „Europa“ in „europäische Kulturhauptstadt“ für Internationalität steht, hat man auch noch nicht erkannt – in Chemnitz scheint man Englisch jedenfalls immer noch für eine exotische Minderheitensprache zu halten.
Warum wir uns so aufregen, fragt ihr euch vielleicht, ist doch nur ein langweiliges Logo? Naja nicht ganz, denn dieses Logo steht repräsentativ für die chronische Fortschrittsverweigerung der Stadt Chemnitz. 

Wahrscheinlich ist es wirklich kein Zufall, dass unmittelbar nach der Kulturhauptstadternennung der Lockdown begann, der Chemnitz zu einem deutschlandweiten Gefühl machte, nämlich zu dem Gefühl, immer und immer wieder das Gleiche nicht zu erleben. Wobei sich die Stadt schon bewegt, aber eher wieder zurück, jetzt wo sie den Titel sicher und das Image erstmal gerettet hat.
Okay, das ist vielleicht ein bisschen zu hart, denn immerhin: Seitdem Chemnitz Kulturhauptstadt ist, hat man in der Stadt ein neues, geniales und krank kreatives Konzept entdeckt: Es heißt „Kultur“. Einfach nur Kultur, nicht Hochkultur oder Popkultur oder Freikörperkultur oder Hefekultur oder Debattenkultur oder internationale Kultur, das schon gar nicht, nein, einfach nur „Kultur“, die schwammigste aller Kulturen. Kultur ist scheinbar neu in Chemnitz, deshalb muss man jetzt immer und überall erwähnen, dass man sie hat. Irgendwas mit „Kultur“ kann man jetzt in Chemnitz alles nennen, was man nicht irgendwas mit „Karl“ nennen will, und wer richtig originell ist, nennt sein nächstes Projekt einfach gleich Karltur (🤯: WOW, jetzt werden wir endlich reich). Oder vielleicht „Karltour“, satirische Stadtführungen zu den kulturellen Hotspots in Chemnitz, ha jawohl, das ist es — Mikroprojektantrag ist raus! Doch leider war die Stadt Chemnitz mal wieder schneller origineller als wir, und hat sich einen besonders creativen Namen für den Chemnitzer Sommer ausgedacht – den Cultursommer, ein zehnwöchiges 30-Tage-Festival, das C steht für Chemnitz. Oder für Corona! Oder für CDU, schließlich hat die die sächsische „Stille Mitte“ jahrelang so konsequent auf politisches Valium gesetzt, dass uns ihr Schnarchen noch auf Jahre begleiten wird – und damit letztendlich auch dafür gesorgt, dass in Chemnitz Dorffeste als „endlich mal was los“ beklatscht werden. Versteht uns nicht falsch, wir freuen uns über alles, was neu in der Stadt passiert, und der Cultursommer ist sicherlich gut gemeint und wichtig für Menschen aus der Kulturbranche und wir gehen bestimmt auch mal hin, auch wenn manche sagen werden, er sei nur culturhauptstadtstaugliche Cosmetic dafür, dass man die Cultur in der Korona-Pandemie crößtenteils consequent hängen lassen hat.  

Trotzdem bleibt das Gefühl, dass man sich in der Stadt mit richtig innovativen, zeitgemäßen, nach vorne blickenden Konzepten schwer tut, dass Chemnitz sich selbst nie größer, sondern immer noch als Dorf denkt. Man schwört einfach aufs Chemnitz-Prinzip: Bisschen bunt anmalen, bisschen Karl-Mags-Witze, bisschen was mit Kultur, und wenn mal wieder Nazis irgendwo abhitlern, sagt man einfach dreimal das magische Wort „Demokratie“, und schon sind sie wieder weg. Kann man machen, muss man sich aber nicht dafür feiern. Klar, das passt alles wunderbar zur Idee der Stillen Mitte, aber andererseits bleibt die Stadt mit ihrem „Stille Mitte Nicht-Swag“ schön bequem in der ewigen Chemnitz-Comfort-Zone und snoozed bis 2025 weiter, anstatt mal bisschen eher aufzustehen und was Krasses zu probieren, zum Beispiel was für die junge und die nächste Generation oder was Digitales oder — richtig heftig — was Internationales? Warum nicht mal ein internationales E-Roller-Rennen, ein Gamingfestival, einen Tiktok-Tanzmarathon, einen Rechte-Strukturen-Auflösen-Hackathon, einen autofreien Tempolimit-Monat, ein Festival von und mit migrantischen Communitys?
Das Prinzip „bunt“ ist in Chemnitz meist nur oberflächliche Anmalerei, die nicht mal besonders elegant darüber hinwegtäuscht, dass es innerhalb der städtischen Strukturen und auch bei den Kulturhauptstadt-Makern (und Projekten) an echter Diversität fehlt. Gut gesehen hat man das neulich wieder bei der digitalen Bürgersprechstunde der Stadt, ein Alte-Weiße-Männer-Gipfeltreffen, zu dem man noch ganz schnell eine Frau eingeladen hatte. Und so wurde daraus eine meditative Einschlafveranstaltung, nur als Miko Runkel leidenschaftlich über Mülltonnen referierte, sind wir kurz aufgewacht, oder wusstet ihr, dass die braune Bio-Tonne in der Region einmalig und ganz Mittelsachsen neidisch auf uns ist? Ach, Chemnitz.

In Chemnitz kommen alle Trends fünf bis zehn Jahre später an, keine Ahnung wie oft wir diesen fucking Satz schon geschrieben haben, aber der Hype um diese Feststellung ebbt einfach nicht ab. Doch seitdem der neue Megatrend „Kultur“ in Chemnitz angekommen ist und Leute vor Projektgelder-Ausgaben Schlange stehen wie vor der virtuellen Impfterminvergabe, haben auch andere peppige Trends in die Stadt Einzug gehalten, nämlich die firstworldigsten aller Trends: Foodtrends. Und so kringeln sich seit kurzem ewig lange Überflussgesellschaftsschlangen durch die Innenstadt, um bis zum Diabeteskoma für Donuts und Bubble-Tea anzustehen. Jap, Bubble Tea, das edle Trendgetränk, dessen Bubbles schneller platzen als die Dotcom-Blase, ist jetzt in Chemnitz angesagt. Also denken wir, kann natürlich sein, dass die Kids dort schon seit 2010 anstehen, uns das aber noch nie aufgefallen ist. Und jap, Donuts, 1989 von Homer Simpson erfunden, sind 2021 wieder ein Ring äh Ding (nicht nur in Chemnitz), vor allem, wenn sie mit pervers vielen Ferreroprodukten verziert und tiktoktauglicher bzw. foodpornfreundlicher Magen- und Mediacontent sind. Und so feiert man zwar Memes über Almans, die sich vor Aldi um Sonderangebote prügeln, steht dann aber stundenlang für Donuts an, was im Prinzip der selbe Spirit ist. Uns kommt ein grausamer Verdacht: Sind wir in Chemnitz am Ende alle Boomer, auch die Jugend? Und überhaupt: Warum haben wir noch nie Menschenmassen beim Bäcker für Spritzringe anstehen sehen, obwohl die mindestens genau so geil sind? Vermutung: Spritzringe vom Bäcker sind einfach nicht grammable genug, und das finden wir irgendwie sad.

Also Leute: Don’t do it for the gram. Do it for Chemnitz. 

 

P.S.: Macht euch trotzdem mal ein Kulturbier auf, das ist gerade noch so von uns approved, aber wenn demnächst noch mal IRGENDWO DAS PSEUDO-ORIGINELLE PRÄFIX „KULTUR“ AUFTAUCHT, DANN 😡🤬 (ziehen wir endlich nach Magdeburg, da ist einfach nur Hauptstadt, ohne Kultur.)

P.S.S.: Liebe Stadt Chemnitz, wenn ihr uns „Karlturhauptstadt Europas 2025“ als Claim für das nächste neue Logo abkaufen wollt, dann meldet euch doch gern mit euren Preisvorstellungen bei party-pop-poesie@remarx.eu.  

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