Die Post der Moderne: Was im März in Sachsen und Chemnitz geschah
Die Post der Moderne: Was im März in Sachsen und Chemnitz geschah

Die Post der Moderne: Was im März in Sachsen und Chemnitz geschah

Keine Ahnung was ihr zur Zeit so macht, aber wir stehen meistens nur noch am Fenster, schauen mit verschwommenem Blick nach draußen und fragen uns, ob wir nach Monaten der sozialen Isolation jemals wieder vollständig gesellschaftsfähig sein werden. Manchmal versuchen wir auch, die ganze Lage auf einer Skala von „sinnlos“ bis „sinnlos“ zu bewerten, und kommen dabei meistens zur Erkenntnis, dass das völlig sinnlos ist. Manchmal leben wir unser bestes bourgeoises Kaßberg-Life, lesen zum Frühstück dicke Jahrhundertromane, spielen danach ein bisschen Klassik auf dem Klavier, trinken Leitungswasser aus Weingläsern — und schauen dann wieder nur stundenlang zum Fenster raus, dieses mal im Bademantel. Manchmal tut uns der rechte Daumen weh, weil wir uns tagelang durch die Einsamkeit doomscrollen. Aber manchmal, da raffen wir uns auf und schaffen es sogar, mal wieder was zu schreiben, die Post der Moderne für den März zum Beispiel. 

Anno 2021 begab es sich, dass ganz Sachsen von fiesen Viren namens Corömern überfallen und besetzt worden war. Wirklich ganz Sachsen? Nein! Ein kleines unbeugsames sächsisches Dorf namens „Vogtland“ leistete eifrig (aber erfolglos) Widerstand gegen die gefährlichen Aeorosol-Besatzer. Während die ganze Welt von der Pandemie dahin gerafft wurde, schien das Virus einfach an den Festen des Vogtlandes abzuprallen: Für die Bewohner gab es kein Virus, sie brauchten auch keinen Mundschutz, denn sie hatten einen geheimen Zaubertrank namens „Grünbitter“, und überhaupt, sie waren ja nicht einmal richtige Sachsen, sie waren Vogtländer. Die Vogtländer „Sachsen“ zu nennen war, als würde man die Sarden als Italiener, die Franken als Bayern, oder Bernd als Björn Höcke bezeichnen – ein Affront.
Das Vogtland war sehr schön, und seine Bewohner waren sehr stolz darauf: Hier hatte man schon ein gravierendes Problem mit Crystal Meth, als man im entfernten Chemnix noch „Hitler Speed“ dazu sagte, hier regierte die CDU so stabil, dass die AfD nur auf karge 23 Prozent kam, hier gab es Partyformate wie „Kließ raus, Frühling“, eine Art vogtländisches Springbreak. Man hatte Ikonen wie Stefanie Hertelix und Siegmund Jähnix, man lebte allerdings auch sehr nah an Böhmen und deshalb gab es im Vogtland die Plauener Spitze. Die Plauener Spitze war einst als filigranes Textil bekannt, doch im Winter 2021 bezeichnete sie die höchsten Inzidenz-Werte im ganzen Sachsenland (und weit darüber hinaus). Doch das vogtländische Dorfoberhaupt, Landrat Keilix (CDU), wollte von der neuen Plauener Spitze nichts wissen, und weigerte sich lange Zeit, dem RKI zu melden, wie viele der Vogtländer wirklich vom fiesen Coroma-Virus überfallen worden waren. Als daraufhin Kritik auf ihn einprasselte wie schwerer Hinkelstein-Regen, orientierte er sich am großen amerikanischen Populismusidol Trumpelix, und behauptete, die feindlich gesinnten Medien würden Falschinformationen und Lügen über das Vogtland verbreiten. Die unbeugsamen Vogtländer protestierten laut gegen die Schließung der Dorfschulen, ja sie schmierten sogar das Wort „Gift“ an die Wände der heiligen Impfsaft-Hallen Treuens. Unter ihnen lebte zu jener Zeit auch der spitzfindige Busunternehmer Kadenix, der nicht nur Dieselfeinstaub, sondern auch Querdenker-Aerosole durch ganz Teutonien karrte, nach Berlin und Leipzig, nach Kassel und Dresden. Und weil Coronatouren die neuen Kaffeefahrten waren, gründete Kadenix „Honks for Hope“ äh „Honk for Hope“ und fuhr Busse voller maskenloser Menschen zu Nena-Songs durch die wankende Welt, während im heimatlichen Vogtland, diesem gallischen Dorf in Sachsen, die Fallzahlen stiegen und stiegen und stiegen.
Und so schritt bald der Sächsische Kaiser und Demokratie-Druide Michaculix zur Tat und belohnte die sture vogtländische Widerspenstigkeit, indem er allen Vogtländern einen neuen Zaubertrank zur Verfügung stellte: Den magischen Impfsaft. Der magische Impfsaft floss im Vogtland nun durch die Adern aller, die von ihm kosten wollten und über 18 Jahre alt waren, was das Vogtland zu einer Art Impf-Mallorca und andere sächsische Dörfer wie den Landkreis Görlix neidisch machte. Was ist nun die Moral von der Geschicht? Einfach kollektiv Corona ignorieren, dann bekommt man den Impfsaft viel eher gespritzt. 

Die gute Nachricht: Aktuell ziehen wieder mehr Menschen nach Sachsen. Die schlechte: Es sind vor allem Neonazis aus dem Westen, die sich ein bisschen Lebensraum im Osten zurückholen wollen. Sie kommen zum Beispiel aus Dortmund, dem Chemnitz Nordrhein-Westfahlens. Dort hatte der führende Fascho Michael Brück schon Ende letzten Jahres die Stadt verlassen und in einem Interview beklagt, dass die Dortmunder nur sehr schwer für die ganze Rechtsextremismus-Sache zu begeistern seien. Wo zieht der geneigte Nazi hin, wenn ihm die eigene Stadt keine rechte Perspektive mehr bietet? Nach Chemnitz natürlich. Hier kann man sich schließlich nicht nur bequem ins gemachte Nazi-Nest setzen, hier kann man selbst als strammer Dortmund-Nazi noch was lernen, als Azubi von Martin Kohlmann zum Beispiel.
„Zusammenrücken Mitteldeutschland“ heißt die Initiative, die seit Februar 2020 gewaltkompetente Fascho-Fachkräfte ins pittoreske Mitteldeutschland locken und so die vom Aussterben bedrohte Arier-Art aufrecht erhalten will, also ernsthaft jetzt. „Teile Europas sind für uns Europäer fast schon verloren. Lasst uns zusammenrücken, um unsere Art zu erhalten, unser Antlitz, unser Aussehen – um vielleicht in fünf, sechs Generationen wieder eine Stärke zu erreichen“, telegramte einer der Rechts-Aktivisten laut MDR. Klingt also stark nach geschlossener Nazi-Inzestgesellschaft im Thüringer Wald. Und so wurden angeblich schon hundert nullqualifizierte Nazis vom Westen in den Osten „vermittelt“. Wobei westdeutsche Nazis schon länger nach Sachsen siedeln, zum Beispiel gleich nach der Wende in die Sächsische Schweiz, weil die einfach so schöne Initialen und einen besonders fruchtbaren Nährboden für rechte Ideologien hat. Mittlerweile sind die rechten Strukturen in Ostdeutschland über Jahre hinweg so breit getreten und so gewissenhaft ignoriert, ja vielleicht auch akzeptiert, dass jetzt sogar endlich auch mal der Westen vom Osten profitiert: Er wird seine unliebsamen Nazi los und kann weiter mit dem Finger auf den Osten zeigen. Die Nazi-Szene scheint davon nur beflügelt, sie regt sich auch vermehrt in Chemnitz wieder: Auf dem Brühl patrouilliert eine Prügelbande und grölt „Heil Hitler“ vorm Schalom, in Reichenbrandt schießt ein Bürgerwehrhafter und ehemaliger Stadtrats-Kandidat von Pro Chemnitz mit Schreckschusspistolen auf Polizisten, Kohlmann hat Pro Chemnitz umbenannt und will jetzt mit den Freien Sachsen, zu denen übrigens auch oben besagter Busunternehmer gehört, das ganze Erzgebirge annektieren und noch mehr rechte Corona-Proteste etablieren. Brauner Rauch steigt aus dem Lulatsch auf, und man sollte davon zumindest beunruhigt sein und das Ganze wachsam verfolgen. 

In Chemnitz regieren aber zum Glück nicht die Nazis, sondern Sven Schulze, und der weiß ganz genau, wem die Zukunft gehört: den Männern. Deshalb posiert er schonmal breitbeinig mit dem Militär im Rathaus und baut sich gerade einen schönen Männerhaushalt auf, Bros before Hoes eben, so gehört sich das im Jahr 2021. Man sieht derzeit erstaunlich viele Bilder von ihm, auf denen er ausschließlich von Männern umringt ist. Alle Bürgermeister-Ämter sind von Männern besetzt, wobei das Kulturamt gerade frei wird, fast alle städtischen GmbHs und Töchter werden von Männern geführt, alle wichtigen Wirtschaftsunternehmen auch, und in der neu gegründeten Kulturhauptstadt GmbH spielen Frauen bisher so gut wie gar keine entscheidende Rolle. Dass das vor allem für die Kulturhauptstadt aktuell nicht besonders gut und auch nicht sonderlich progressiv aussieht, ist nun sogar der Freie Presse aufgefallen. Schon in der Bewerbungsphase war es so, dass hauptsächlich Männer die Musik machten, während die Frauen hin und wieder mal die Notenblätter halten durften, was sich auch ein bisschen im Gesamtkonzept widerspiegelt. Vermutlich hat man damals beim Ausmachen des Maker-Themas einfach nur das C vergessen, C the unseen halt, und eigentlich Macker gemeint, Chemnitz als Macker-Mekka des kleinen Makers, wir sind jedenfalls gespannt, was man bald auf mackerspace.eu alles erleben kann. 

Zum Abschluss wollten wir eigentlich noch was Versöhnliches schreiben, denn es muss sie ja irgendwo noch geben, die guten Nachrichten. Also haben wir mal beim Good-Vibes-Only-Anbieter tag24 vorbei geguckt. Immerhin: Die Parkeisenbahn fährt bald international, denn Chemnitz bekommt vielleicht ihre lang ersehnte Fernverkehrsanbindung, den IC nach Rostock über Dresden und Berlin. Aber dann das: „CHEMNITZ HAT DIE SEUCHE(N)! GEFAHR FÜR MENSCH UND TIER AUS ALLEN HIMMELSRICHTUNGEN“ steht da in plakativ apokalyptischen roten Lettern geschrieben, und dann werden die vier apokalyptischen Reiter freundlicher Weise beim Namen genannt: Corona, klar, Vogelgrippe in Burgstädt (wobei man Burgstädt auch einzeln zählen könnte), Schweinepest und die afrikanische Faulbrut, das ist eine Bienenkrankheit. Und als ob das nicht alles schon düster genug wäre, hat sich nun ein fünfter Reiter dazu geseucht: Eine Rattenplage hat die Chemnitzer Innenstadt befallen, Experten müssen jetzt ran an die Ratten.  

Wir geben es vorerst auf mit dem Optimismus. Miko, just let the city go to purge. 

 

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