Die 500 besten Chemnitz-Songs aller Zeiten
Die 500 besten Chemnitz-Songs aller Zeiten

Die 500 besten Chemnitz-Songs aller Zeiten

Menschen, die in Chemnitz leben, müssen viel verarbeiten: Wie viele Texte, Kommentare, Tweets, Lieder, Zeit-Artikel, Insta-Posts und Bücher wurden schon über diese Stadt geweint? Wir haben den Überblick verloren. Selbst Menschen, die nicht (mehr) in Chemnitz leben, müssen Chemnitz verarbeiten – wie lässt sich sonst erklären, dass es ausgerechnet über Chemnitz so viele Songs gibt wie sonst nur über New York oder Paris oder Bochum? Es gibt finnische, französische und tschechische Chemnitz-Songs, es gibt gleich mehrere bekannte Welthits, es gibt stabile Stadtfest-Schlager und grenzwertige Gangsterrap-Versuche, es gibt viel Ironie und noch mehr Cringe, es gibt antifaschistische und Nazi-Hymnen, es gibt alles, was man sich von Chemnitz wünscht.  Wir haben uns mal wieder todesmutig ins Chemnitzer Darknet gestürzt und ALLE dort existierenden Chemnitz-Songs für euch gehört und analysiert, damit ihr es nicht tun müsst. Herausgekommen ist diese Liste der 500 besten Chemnitz-Songs aller Zeiten, deren Erstellung anstrengender war als ein Zehn/Kurze-Interview auf der Rückbank des Ringbusses: Immer, wenn wir dachten, wir hätten alles gehört, ist irgendwo ein neuer Chemnitz-Song aufgetaucht. Weil das mit den 500 Songs am Anfang nur ein Witz war, der dann aber Wirklichkeit geworden ist, ist dieser Text ein bisschen sehr lang geraten. Wer die drei Wochen Lesezeit also nicht investieren will, kann auch einfach nur die Playlist dazu hören, allen anderen wünschen wir viel Spaß mit:

Die Illustrationen hat die fabelhafte Cutseyartstuff gemacht.

The Chimneys of Chemnitz (2010)
Von: The Knockouts
Worum geht’s: „Wer zur Hölle schreibt denn ein Lied über Chemnitz?“, steht auf der Seite von laut.de, wenn man dort nach „The Knockouts“ sucht. Die Frage ist völlig falsch, wie diese intensive Darknet-Recherche zeigt, sie sollte vielmehr heißen: „Wer zur Hölle schreibt denn KEIN Lied über Chemnitz?“  The Knockouts haben jedenfalls nicht kein Lied über Chemnitz geschrieben, und das, obwohl sie aus Schweden kommen. Warum dieser Song existiert, bleibt trotzdem rätselhaft: War die Band für ein Konzert in der Stadt und hat sich im Rausch ein Lulatsch-Lichtermeer herbei halluziniert? Sind sie so gelangweilt von der schwedischen Bullerbü-Idylle, dass sie in ihren Songtexten von einer rauen beschornsteinten Industriestadt fantasieren? Ist Chemnitz mit seinem phallischen Wahrzeichen schon ein Fall für YouPorn oder doch nur ein Stadtname, der zufällig die Alliteration mit chimney perfekt macht? Dafür ist der Text dann doch zu präzise: Leere Straßen, grauer Beton, man kommt einfach nicht los davon.
Beste Textzeile: Dark grey clouds on the horizon / The dim lit streets are all empty now / The sound of factories grates in my ears / The ashes have grown cold and the flames are all gone / Bricks and glass, all smashed to pieces / And bullet holes in the concrete walls / There’s no place for us in this city / But to say goodnight took us all night long.“
Klingt wie: ein Ohrwurm, den man wochenlang nicht wieder los wird.
Unbedingt hören, wenn: Okay, „Einschusslöcher in Betonwänden“ und „kalte Asche“ klingen zwar nach Eindrücken aus dem Jugoslawien-Krieg, dieses Lied könnt ihr trotzdem gut hören, wenn ihr nach dem Punkkonzert im AJZ auf den Nachtbus wartet, der einfach nicht kommt. 


Breakfast in Chemnitz
von: Robb Johnson, dem letzten britischen politischen Liedermacher, dem Bob Dylan der Insel. Sagt zumindest Wikipedia.
Worum geht’s: Robb wollte scheinbar mal richtig dekadent in Chemnitz Frühstücken gehen, hat dann aber nur das Alex vorgefunden und seine Enttäuschung über diese orangensaftige Niederlage in einen melancholischen Song gepackt. Darin unterhält er sich mit Karl Marx darüber, dass früher alles besser war. Oder etwa nicht?
Beste Textzeile: „No, books aren’t burned now, it’s just no one reads them / and on the street of nations now we don’t need them / we let them eat Big Macs for breakfast in Chemnitz.“  Und: „Yes well, says Karl / it was nice to chat / you miss having breakfast when you’re just a statue / and on the street of nations there was this cafè you could get such good coffee / now there’s a Kaufhof the size of Berlin / but sun’s still shining and the world’s still turning and down on the street of nations the wind is blowing sharp as black coffee for breakfast in Chemnitz.“
Klingt wie: Chemnitzer „Wind of Change“.
Unbedingt hören, wenn: ihr auf der Suche nach einer guten Brunch-Location mal wieder stundenlang erfolglos durch die Stadt irrt, bis es Mittag ist und ihr völlig ausgehungert eine Thüringer Bratwurst am legendären grünen Thüringer-Bratwurst-Stand essen müsst. 

„Die 500 besten Chemnitz-Songs aller Zeiten“-Spezial: Andere Sprachen
Auch wenn man in Chemnitz als erste Fremdsprache lieber einen seltenen osterzgebirgischen Dialekt als Englisch spricht, scheint die Stadt doch ein Hit-Garant für fremdsprachige Musik zu sein:
Chemnitzzum Beispiel ist ein verträumt gehauchter französischer Jazz-Song von Jean-Daniel Botta über Carlfriedrich Claus oder so, den vermutlich viele Pariser:innen hören, wenn sie sehnsüchtig am Seine-Ufer sitzen und von einem Leben in Chemnitz träumen. Hach ja, Paris – das Chemnitz des Ostens. In Nic v Chemnitz wiederum singt der Tschechische Filmkomponist Michal Hruza Sachen, die wir leider nicht verstehen, aber wir wissen, dass der Song übersetzt „Nichts in Chemnitz“ heißt und dass damit auch schon alles über die Stadt gesagt ist.
Im melancholisch getriebenen „karl-marx-stadt“ von Alexander Ringbäck, einem Songwriter aus Göteborg, geht es natürlich um die Fährverbindung Sassnitz-Trelleborg. Und weil viele Künstler:innen bei der Betitelung ihrer Chemnitz-Songs so einfallsreich sind wie die Kellnberger Familiy bei der Gestaltung ihrer Betonfassaden, hat auch die finnische Gniedel-Rockband I.N.K. einen ihrer Songs ganz ausgefallen – Achtung! – „Chemnitz“ genannt.

Steig in mein Boot (Chemnitz Brühl Boulevard) (2020)
von: Poet
Worum geht’s: Zwei Freunde wollen in Chemnitz mal so richtig fett feiern und treffen sich deshalb vormittags mit einem Gummiboot und blauen Perücken auf dem Brühl, um vorm ZUHAUSE-Monument den Ballermann raushängen zu lassen. Völlig logisch eigentlich.
Beste Textzeile: „Steig in mein Boot, wir machen Fiesta / wenn du dich traust, bin ich deine Keisha“ oder auch „Badaboom Badabang / ich komm mit meiner Gang / ich stampf dich in den Boden.“ (Reimschema plötzlich vorbei).
Klingt wie: der große Rausschmeißer beim Sonntagsbrunch im Espitas.
Unbedingt hören, wenn: die Fomo mal wieder so hart kickt, dass ein klammer Schmerz im Brustkorb aufflammt. Dann hört man einfach kurz diesen Song und will garantiert nie wieder in Chemnitz feiern gehen.
Alternativ hören: I Like Karl-Marx-Stadt  von Viel zu Viel ist wahrscheinlich der bessere Abriss-Song, nervt aber nach 30 Sekunden mehr als die Nasenpenis-Armada an der örtlichen Edeka-Kasse. Dafür bringt die Textzeile „Heute Abend will ich Party machen / guck ins 371 / vergeht mir das Lachen“ das Chemnitzer Partyleben perfekt auf den Punkt.

Heimatkunde (2021)
Von: AG Schwebebalken
Worum geht’s: „Heimatkunde“ soll eine Art Chemnitz-Flex sein, beweist aber vor allem eines: Diese Stadt hat überhaupt gar kein, also wirklich NULL, Scham-Gefühl – sondern eine Cringe-Resistenz, von der selbst der ZDF Fernsehgarten noch viel lernen kann.
Beste Textzeile: „Noctulus mit Bollerwagen, ohne festen Standfleck/ Hinterhöfe, Beistelltische, Pinguine auf Crack“
Klingt wie: die „lustige“ Spontan-Performance von angeblichen „Freunden“ auf einer zwangsfröhlichen Hochzeit und auch ein bisschen wie „Just can’t get enough“ von Depeche Mode.
Unbedingt hören, wenn: ihr genauso fremdschamfest und cringeresistent seid wie der Rest der Stadt.

CHEMNITZ (unbekannt)
von: Klemmi, Sänger von ROCKWÄRTS – das waren in den Achtzigerjahren die Pioniere des Chemnitzer ROCK, und sind damit quasi die Urväter von Falko Rock. Von Klemmi gibt es übrigens ein ganzes Album namens „Made in Klemmnitz“, dieser Typ muss eine absolute Legende sein.
Worum geht’s: Was für eine verdammt geile Stadt ist eigentlich Chemnitz? Das ist eine Frage, die man hier ständig gefragt wird, woraufhin man sich natürlich erstmal euphorisch in stundenlangen Schwärmereien verliert und völlig verklärte Sachen sagt wie: „Geht schon.“ „Für Chemnitz reicht’s.“ „Vielleicht zieh ich ja auch bald weg, aber erst in drei Jahren.“
Beste Textzeile:Altes Stiefkind, wirst nie erwähnt / aber du hast dir verdient, dass du für mich die heimliche Hauptstadt bist.“
Klingt wie: die inoffizielle Kommunalhymne, bei der man im Bierzelt beim Kartoffelfest besoffen aufsteht und sich ergriffen die Hand aufs Herz legt, das „Bochum“ des Ostens.
Unbedingt hören, wenn: ihr wieder mal nachts betrunken an der Chemnitz flaniert und dabei sehr plötzlich schrecklich sentimental werdet.
Alternativ hören: Meine Stadt (Song für Chemnitz) von Felsenreich Akustik Projekt, ist nicht nur ein Lied über Chemnitz, nein, es ist auch ein Lied über die Stadt der Liebe (auch Chemnitz). „Hier drehte Kati ihre Runden, und der Ballack netzte ein, hier hab ich mein Heil gefunden und hier bin ich nie allein.“  Mehr müssen wir gar nicht dazu sagen, denn ihr „Heil“ haben hier wirklich viele gefunden, vor allem viele aus Dortmund.
In Chemnitz – Tor zum Erzgebirge  zählt die Stadtfest-Ikone Astrid Himmelreich tapfer alle drei Chemnitzer Besonderheiten auf und wird dabei grammatikalisch derart experimentell („Die Stadt heißt Chemnitz, wie ihr wisst, und das Tor zum Erzgebirge ist“ ), dass man hier schon von Pink-Floyd-Niveau sprechen kann. Von Astrid Himmelreich gibt es noch andere sächsische Super-Smash-Hits wie „Sachsen – Meine Heimat“ oder „Mein Wittgensdorf“, aber nur „Chemnitz – Tor zum Erzgebirge“ könnte auch die Titelmelodie zur Drehscheibe Chemnitz sein. Wer sich zu Punk für Astrid Himmelreich fühlt, kann alternativ auch „Chemnitz“ von den Arbeitslosen Bauarbeitern hören, das ist inhaltlich der gleiche Song, nur mit verzerrten Gitarren, und Die Arbeitslosen Bauarbeiter sind die Chemnitzer Die Ärzte, nur ohne Ironie.

Karl-Marx-Stadt (2011)
von: Kraftklub
Worum geht’s: Was für eine verdammt geile Stadt ist eigentlich Chemnitz? Das ist eine Frage, die man hier so gut wie nie gefragt wird. Stattdessen immer diese Fragen, in die man direkt einen mitleidigen Unterton hinein interpretiert: „Du wohnst also immer noch in Chemnitz?“ Dann verfällt man in stundenlange Rechtfertigungen darüber, warum man nicht wegziehen kann oder – noch krasser – gar nicht wegziehen will, und fühlt sich dabei, als hätte man im Leben schwer versagt. In der Allgemeinen Chemnitzwissenschaft, auch Küchenpsychologie genannt, sagt man dazu „Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex“, und der ist derart ausgeprägt, dass er sogar einen eigenen Welthit hat.
Beste Textzeile: „Ich cruise Banane essend im Trabant um den Karl-Marx-Kopf / Die Straßen menschenleer und das Essen ohne Farbstoff / Diskriminiert, nicht motiviert / Von der Decke tropft das Wasser / nix funktioniert.“ 
Klingt wie: „Loser“ von Beck.
Unbedingt hören, wenn: ihr diese kollektive, fast schon euphorische Aufbruchsstimmung der frühen Chemnitzer Zehnerjahre noch mal kurz aufleben lassen wollt.
Alternativ hören: Meine Stadt ist zu lautaber bitte nur angemessen leise hören, sonst reichen wir sofort Lärmbeschwerde ein. Oder aber Ich will nicht nach Berlin – der einzige Berlin-Song, der tief im Herzen eigentlich ein Song über Chemnitz ist. 

Karl-Marx-Stadt (1994)
von: Megapolis
Worum geht’s: Die Mutter aller Chemnitz-Lieder, das „Like A Rolling Stone“ Sachsens, hat im Prinzip gar nichts mit Chemnitz zu tun, sondern heißt vermutlich nur aus Gründen einer basiskommunistischen Sympathie „Karl-Marx-Stadt“.
Beste und einzige Textzeile: „Karl-Marx Stadt, du bist die Stadt roter Blumen, aber ich mag nur weiß.“
Klingt wie: die Aftershowparty eines Arbeiterpartei-Plenums, viel Wodka und saure Gurken.
Unbedingt hören, bevor: die supergute Schnapslaune in wehleidige Wodkamelancholie umschlägt.

Chemnitz California Song (2007)
von: Mittweida Community Choir – die Chemnitzer Verzweiflung strahlt bis nach Mittelsachsen.
Worum geht’s: Chemnitz, das Kalifornien Südwestsachsens, wo sich lauter liberale Linke am Long Ufer Beach sonnen, wo das Sachsen Fernsehen selbst den Hollywood-Studios Konkurrenz macht, wo die Bleichen und Schönen mit sonnenberggebräunten Strähnen im Haar am Wall flanieren, na ihr wisst schon. So zumindest scheint Chemnitz aus der Ferne zu wirken, wenn man in Mittweida wohnen oder studieren muss. 
Beste Textzeile:  We all love the sun / We eat bratwurst in a bun / Che-he-hemnitz here we come / Right back where we started from“
Klingt wie: California von Phantom Planet natürlich. Außerdem wie die wuchtige Welle der Nostalgie, die einen überrollt, wenn man zurück an die unzähligen Jugendstunden denkt, die man mit O.C., California vorm Fernseher verbracht hat.
Unbedingt hören, wenn: ihr wissen wollt, wie trostlos sich ein Leben in Mittelsachsen anfühlen muss.

Urlaub am Uferstrand (2018)
von: Integral
Worum geht’s: Seitdem hier die Dreharbeiten zu „The Beach“ und die Bauarbeiten zu „Stadt am Fluss“ stattfanden, wird der einst paradiesisch entlegene Uferstrand regelrecht von Touristen überrannt. Jedes Jahr verbringt die Stille Mitte ihre Sommerfrische an der ostdeutschen Copa Cabana bei Apérol und Roster, reserviert Liegen mit Deutschlandfahnen, zeigt Hakenkreuz-Arschgeweihe beim Beach Volleyball.
Beste Textzeile:3,50 Euro für die Roster sind ja günstig“ und „Ich bin zu dämlich einen See zu finden“
Klingt wie: NCW – Neue Chemnitzer Welle, und damit sind natürlich die Beach Waves des Uferstrands gemeint.
Unbedingt hören, wenn: ihr eure Chemnitz-Urlaube bisher immer auf der Schlossteichinsel, dem Mallorca Sachsens, verbracht habt und zur Abwechslung mal was anderes sehen wollt. 

Chemnitz Stadt (2018)
von: Baumarkt
Worum geht’s: das weiß man nicht so genau, wir vermuten aber mal um Chemnitz, Chemnitz Stadt. Übrigens wird Chemnitz, Chemnitz Stadt in keinem anderen Chemnitz-Song öfter erwähnt als in Chemnitz, Chemnitz Stadt.
Beste Textzeile:Wir tanzen Ringel-Ringel-Reihe / stehen uns auf den Füßen und gehen dann heim / Chemnitz. Chemnitz.“
Klingt wie: die Titelmusik des völlig schrägen und hochgradig neurotischen Indiefilms mit Lars Eidinger in der Hauptrolle seines Lebens als trauriger Stille-Mitte-Mann mit zurückweichendem Haaransatz, den wir uns schon so lange wünschen.
Unbedingt hören, wenn: das Lied passt eigentlich für alle Chemnitzlagen.
Alternativ hören:  Chemnitz Stadt von Augenringemann, ein Rapsong mit Baumarkt-Sample und ironischem Flex-Text: „Chemnitz, was ne aufregende Stadt / ich fahr nach Leipzig um zu sehen, wie schön ich es hab“ 

Chemnitz – Karl-Marx-Stadt (2020)
von: Arba Manillah
Worum geht’s: Um Vibes. Um gute Vibes, um Anti-Bengalo-Dobermann-Vibes.
Beste und einzige Textzeile: „Chemnitz/ Karl-Marx-Stadt/ everybody known the history“
Klingt wie: die friedliche Eskalation auf der Diversity-Stage beim Chemnitzer Hutfestival.
Unbedingt hören, wenn: ihr euch mal wieder vergewissern müsst, dass in Chemnitz nicht nur alte weiße Nazi-Boomer leben. 

Weder grau noch braun (2018)
von: Money$Mufasa, einem jungen Rapper aus Chemnitz (inzwischen anscheinend nach Leipzig gezogen, Anm. der Red), der das Ostgame owned. Zumindest hat er in einem seiner Videos schon mal vor einem Trap-bant posiert.
Worum geht’s: Während Trettmann und KUMMER unser schönes Chemnitz immer nur schlecht machen wegen der Nazis, die es hier doch überhaupt gar nicht gibt, traut sich Money$Mufasa endlich auch mal positive Vibes aus der Stadt zu senden. Sein Song appelliert an Menschlichkeit und Zusammenhalt, was eine ehrenwerte Message ist, mitunter aber etwas übertrieben bonoesque anmutet.
Beste Textzeile: „Das geht raus an die Welt / heißt doch jeden hier willkommen/ sind alle bunt wie die Esse/ darum sing ich diesen Song.“
Klingt wie: die Buntmacher*innen als Pop-Rap-Song.
Unbedingt hören, wenn: ihr mal wieder grauen Beton mit bunter Kreide anmalt, um Hakenkreuz-Schmierereien zu kaschieren.

Bastion (2017)
von: Skrab
Worum geht’s: Wenn man in Chemnitz lebt, muss man einiges aus- und gegen vieles dagegenhalten. Das war schon vor dem August 2018 so, das war während dieser Zeit noch mal um ein Vielfaches schlimmer und auch aktuell fühlt sich sachsenweit alles ziemlich finster an. Wir glauben auch nicht, dass das in nächster Zeit besser wird, diese Menschen hat man verloren, die holt man nicht mehr zurück. Wenn man in Chemnitz lebt, und zum Beispiel regelmäßig tausende Menschen mit den Freien Sachsen durch die Stadt marschieren sieht, geht man im Kopf immer wieder individuelle Fluchtoptionen durch. Gleichzeitig fragt man sich, ob man es den Rechten damit nicht erst recht leicht macht, ob Wegziehen wirklich die Lösung ist. Skrab sagt: Nein, ist es nicht.
Beste Textzeile: Ich seh mich um / Dreckskaff / Gesichter einer Meth-Stadt / über die Ausländer wird gelästert …
Klingt wie: eine düstere Bestandsaufnahme der Chemnitzer Stadtgesellschaft und gleichzeitig wie ein Mutmacher, sich hier aktiver einzubringen. 
Unbedingt hören, wenn: ihr hier auch weiterhin tapfer die Bastion gegen die braune Invasion haltet und die Gegend nicht aufgeben wollt.

9010 (2019)
von: KUMMER
Worum geht’s: vor Hunderttausenden von Jahren (also Anfang der Neunzigerjahre) hatte Chemnitz mal eine andere Postleitzahl – und Faschos, die sich in Ostdeutschland durch das von der Wende hinterlassene Vakuum prügelten. Heute sieht die Chemnitzer Postleitzahl auch nicht viel anders aus und die Faschos sind immer noch da, nur anders: ihre Strukturen haben sich mittlerweile gefestigt.
Beste Textzeile: „Plastikbeutel, Korn, Westpoint-Zigarillos, schlechte Haut/Chemnitz-City-Swag, alles sieht irgendwie traurig aus“
Klingt wie: ein Faustschlag in die verharmlosende „Chemnitz-ist-bunt“-Romantik, die hier gerne für Image-Politur propagiert wird.
Unbedingt hören, wenn: euch ein armseliger Stollbergnazi aus dem tiefer gelegten BMW heraus mal wieder „Scheiß Zecken“ entgegenruft, nur weil ihr ein bisschen zu weit links steht.
Alternativ hören: Schiff, aber das ist uns persönlich viel zu negativ, sorry.

Grauer Beton (2017)
von: Trettmann
Worum geht’s: Die Neunzigerjahre beginnen, die DDR ist zu Ende. Dort, wo die Wende Leerstellen hinterlassen hat, wuchern falsche Hoffnungen, wird die euphorische Aufbruchstimmung von Enttäuschungen gedämpft, wächst man zusammen und treibt auseinander, blühen zwar keine Landschaften, aber dafür gedeihen Perspektivlosigkeit und Frustrationen – und damit auch ein Nährboden für Rechtsextremismus. Oder kurz: Tretti ist im Heckert aufgewachsen und hat ein Lied darüber geschrieben.
Beste Textzeile: eigentlich alle.
Klingt wie: ein Spaziergang in der Markersdorfer Oase, grauer Himmel, feiner Nieselregen, kalter Wind im Gesicht – all the Chemnitz-Feels.
Unbedingt hören, wenn: ihr nachempfinden oder noch mal erleben wollt, wie sich Aufwachsen in den Neunzigerjahren im Plattenbau angefühlt hat.

Chemnitz feat. Youdon (2001)
von: Tefla & Jaleel
Worum geht’s: Chemnitz ist Schrödingers Katze unter den Städten: Gleichzeitig lebendig und tot, gleichzeitig die geilste und die schlimmste Stadt aller Zeiten. Liebe und Hass, eine toxische Beziehung, von der man einfach nicht loskommt. Das war anscheinend schon vor 20 Jahren so, deshalb gibt es diesen Song – der beschreibt das widersprüchliche Chemnitz-Gefühl recht perfekt.
Beste Textzeile: Der komplette erste Verse. Und: „Der erste Sonnenstrahl entspringt im Dunst der Stadt / begleitet meine Frage nach dem Grund, was mich in deren Schoß gehalten hat. / Schlender entlang dem Kaßberg um meine Emotion zu fang’ / und Ausreden zu finden dafür wie man hier eigentlich noch leben kann.“
Klingt nach: Früher, als alles besser war. Als Hip Hop von Phlatline in Chemnitz erfunden wurde und das splash! noch am Stausee Rabenstein stattfand. Klingt aber auch so, als hätte sich in Chemnitz seitdem nichts verändert. Stimmt zwar nicht, das im Song berappte Lebensgefühl ist aber das Gleiche geblieben.
Unbedingt hören, wenn: euch zwiespältige Chemnitz-Gefühle mal wieder das Herz zerreißen.
Alternativ hören: Ein Tag am See, Meine Gegend

Bye, Bye Chemnitz (2021)
von: Jus’Thiz
Worum geht’s: Aus Chemnitz wegzuziehen ist eine große Kunst, die nur den allerwenigsten Menschen so richtig gelingt. Denn selbst diejenigen, die es aus Chemnitz raus schaffen, haben die Stadt nie so wirklich verlassen und schreiben immer noch Songs oder Gedichte oder Bücher über sie.
Beste Textzeile: „Heut hab ich verstanden, was die Message ist / Liebe diese Stadt, aber rette dich!“
Klingt wie: ein nur so mittelmäßig guter Drogentrip, der viel zu lange anhält.
Unbedingt hören, wenn: ihr es nach 3000 langen Chemnitz-Jahren dann doch endlich schaffen solltet, nach Leipzig zu ziehen. 

Die „500 besten Chemnitz-Songs aller Zeiten“-Spezial: Wenn Ostdeutsche auf Gangster machen
Es gibt kaum etwas Peinlicheres als Typen, die so tun, als wären sie betonharte ostdeutsche Gangster aus einer betonharten ostdeutschen Gangsterstadt („Crimenitz“), in Videos dann aber mit „Good Vibes All The Way“-Sweater vorm Segway Point posen. Während Chemnitz-Rapper auf Original Ostler machen und ständig ihre toxische Sächsichkeit raushängen lassen, lachen echte OGs vermutlich einfach nur über Chemnitz. Zum Beispiel über den Cracky City Chemnitz Rap von ähem Crack David, der sich offensichtlich in der Droge geirrt hat – Crack ist hier nicht das Problem, David! Der Track bietet auch sonst nichts weiter, außer Einblicke in die minderwertigkeitskomplexe Chemnitzer Gangster-Seele. In Chemnitz City rappt ein Dude namens H3XOR neben frauenfeindlicher Scheiße auch fast schon niedliche Bars wie „091 checkt den Sound und fühl den Bass, Chemnitz City, wir machen Hip Hop wieder krass“. Der Chemnitzer Möchtegern-Shindy träumt von einem Sektempfang am Uferstrand – das scheint sowas wie der absolute Gipfel im Chemnitzer Gangster-Game zu sein. Ein Typ namens Taiga sehnt sich wiederum nach einem Leben als Chemnitz Most Wanted  und nascht dabei Törtschen vorm Konditor, wie man das als harter Chemnitz-OG eben so macht. Dann gibt es noch (Bengalo) Dobermann, einen Rapper aus dem rechten Milieu, der neben traditionell nazihaftem CFC-Liedgut auch Songs macht, die direkt als Aufmarschmusik der örtlichen Identitären dienen könnten (Ostdeutschland / wo der Stolz noch den Trend fickt / das ist Chemnitz / hier hat Erde noch Tradition / Sachsen / ist im Herzen ein Patriot“. )
Was Chemnitzrap kann, kann Schlager übrigens schon lange: Im Schornstein- und Straßenfeger „Chemnitz und der Schornstein-Song Du bist der Größe“ (2021) flext SchlagaMike mit dem Lulatsch, dem toxischsten aller maskulinen Chemnitzer Phallus-Symbole, und disst dabei sogar Szenestadtgrößen wie Paris und Berlin.

Sonnenberg (2020)
von: Til Schweighöfer, unserem Mann in Hollywood.
Worum geht’s: Auch Matthias Schweighöfer ist in Chemnitz aufgewachsen, und musste damals (ca. Mitte der Neunziger) mit dem Bus über den Sonnenberg fahren, denn sein Schulweg sollte kein leichter sein. Diese Busfahrten waren anscheinend romantischer als ein Sonnenuntergang am Seine-Ufer, und deshalb hat er einen Song darüber geschrieben. Der ist die kitschige Antithese zu „Grauer Beton“ und trägt lieber „Blüten im Haar“, weil der Sonnenberg wie ja San Francisco ist, nur eben ohne Hippies. Fraglich bleibt, ob er wirklich den „echten“ Sonnenberg meint oder ihn einfach nur mit dem Kaßberg verwechselt hat (wo er ja tatsächlich zur Schule ging), was genau er damals geraucht hat oder ob adoleszente Liebe derart blind macht, dass man eine dissoziative Störung entwickelt und alles andere ausblendet und dann ausgerechnet so einen Song über den SONNENBERG!!! in den NEUNZIGERN!!!1!! komponiert.
Beste Textzeile: Träumen uns Zelte auf den Berg / Keine Schlösser in die Luft / Aber das ist viel zu lang her / Und ich vergess‘ deinen Duft
Klingt wie: die inoffizielle Sonnenberg-Hymne, der ultimative Tesla-Rausschmeißer, der beliebte Fürstenkeller-Engtanz-Hit für jung und alt.
Unbedingt hören, wenn: ihr die handelsüblichen „Heil Hitler“-Rufe an der Gellertstraße mal mit was richtig Schönem übertönen wollt.

Am Schlossteich weiß ich eine kleine Bank (1965)
von: Peter Michael und die Kolibris
Worum geht’s: Hach, Chemnitz! Wo die Romantik am Schlossteich sitzt und sich am Feuer der Einweggrille wärmt und nachts pfeffitrunken unter den polizeiblauen Lichtern des Walls tanzt. Dieser Song hat die europäische Kulturhauptstadt schon gespürt, da hatte Chemnitz noch nicht mal ihr ewiges Opfernarrativ entwickelt, sondern noch so etwas ähnliches wie ein Selbstbewusstsein.
Beste Textzeile: Wenn morgens früh der Tag erwacht zum Leben / spürst du den Pulsschlag unsrer großen Stadt / und tausend Hände schaffen die Wende / die ihr Gesicht so wunderbar verändert hat. / Und alle unsere Mühe wird sich lohnen / die Zukunft wird dich noch viel schöner sehen […] / Am Schlossteich weiß ich eine kleine Bank für dich und mich / dort wollen wir von der Zukunft glücklich träumen.
Klingt wie: ein schwärmerisch schwelgender DDR-Sinatra
Unbedingt hören, wenn: ihr euch nostalgisch durch alte „Unser Chemnitz und Karl-Marx-Stadt“-Fotogalerien klickt.
Alternativ hören: Ich hab in Chemnitz einen Liebsten wohnen

CFC Song von Steffen 
von: Steffen
Worum geht’s: FCK, das steht für Fuck – und es kann kein Zufall sein, dass es auch für den FC Karl-Marx-Stadt steht, schließlich ist der CFC am Ende. Trotzdem halten tapfere Fans weiterhin die Reichsfahne oben und versprechen sich selbst das Blaue vom Himmel. Zum Beispiel in diesem Song, der wahrscheinlich wirklich glaubt, dass der CFC noch in irgendeiner Weise relevant ist.
Beste Textzeile: „Unsre Farben in voller Pracht / denn der CFC bleibt eine Macht / und die Südkurve, die Stimmung ist gut / das macht der Mannschaft neuen Mut / und wir feuern die Spieler an / himmelblaue Fahnen schwenken dann.“
Klingt wie: der größte anzunehmende Bautz’ner Senf-Unfall.
Unbedingt hören, wenn:  ihr im CFC-Kreissaal gerade dafür sorgt, dass dem CFC die treuen Fans niemals ausgehen werden.
Alternativ hören: Meine Liebe mein Verein“ von die Arbeitslosen Bauarbeiter

Triff Chemnitz  (2009)
von: Hörfaktor
Worum geht’s: Die wenigsten wissen es, aber das Internet, wie wir es heute kennen und nutzen, wurde einst in Chemnitz erfunden. Es hieß damals in seiner Beta-Version noch Triff Chemnitz und war eine Art digitaler Dorfplatz der Stadt, ein Forum der Verzweiflung. Wenn die Chemnitzer Straßen mal wieder wie leergefegt waren, dann nur, weil gerade alle online auf Triff Chemnitz abhingen. Mittlerweile wurde Triff Chemnitz zwar von Condé Nast gekauft und in Reddit umbenannt, aber es hat einen eigenen Song und der wird für immer bleiben.
Beste Textzeile:Alter, ein Gewinnspiel für zwei Kinokarten / steht direkt unterm ‚Chemnitzer des Tages‘, den bis heute niemand kannte“
Klingt wie: The Frontpage of the Chemnitzer Internet
Unbedingt hören, wenn: euch die Chemnitz Memes auf Instagram zu langweilig geworden sind.

Chemnitz Girl (2019)
von: Barock Project
Worum geht’s: Die Chemnitzer Girls: Sie schleichen ständig schlecht gelaunt durch die Straßen, die Haare nicht gemacht, die harte Chemnitz-Vergangenheit in schwermütiges Schweigen gehüllt. Sie rauchen viel und lächeln nie, sie sind so verschlossen wie ihre Stadt (Vgl. Anonyme Melancholiker). Der Mann hinter re:marx kann das bestätigen.
Beste Textzeile:Grey silent buildings standing up /shatterd games from stolen memories“ oder so und „She wears thick old-fashioned clothes / and hair-do clearly out of style.“ 
Klingt wie:  ein barock mansplaintes Ostklischee.
Unbedingt hören, wenn: ihr auf dem Mittelaltermarkt im Badezuber chillt und die Chemnitz-Fressen an euch vorbeiziehen seht.

Bochum:
Von: Herbert Grönemeyer
Worum geht’s: Chemnitz gilt gemeinhin als sehr hässliche Stadt. Aber das macht Chemnitz weder besonders, noch ist die Stadt damit allein, denn andere Städte haben auch hässliche Häuser. Bochum zum Beispiel. Über Bochum gibt es einen Herbert Grönemeyer-Song, in dem er die Hässlichkeit der Stadt derart inbrünstig besingt, dass man a) denkt, er würde Chemnitz meinen, und sich b) allein vom Zuhören so fühlt, als würde man selbst aus Bochum kommen. Und tatsächlich gibt es zwischen potthässlichen Pott-Städten und ostdeutschen Industriewracks wie Chemnitz mehr Parallelen, als man denkt: Eine davon ist die Abneigung gegenüber einer dekadenten Landeshauptstadt, die sich in beiden Bundeslandfällen mit DD abkürzen lässt. 
Beste Textzeile: „Du bist keine Schönheit / vor Arbeit ganz grau / du liebst dich ohne Schminke / bist ne ehrliche Haut / leeiiiiider total verbaut / aber gerade das macht dich aus!“ 
Klingt wie: eine etwas aus dem Ruder geratene Cover-Version des echt erzgebirgischen Steigerlieds und wie der beste Chemnitz-Song, der niemals über Chemnitz geschrieben wurde.
Unbedingt hören, wenn: ihr euch im harten Chemnitz-Alltag allein und unverstanden fühlt. 

Honorable Mentions (oder: wir hatten leider keine Lust mehr)

Lied der Chemnitzer Köche(Chemnitzer Köche)

Chemnitz du ALTES HAUS

Hitradio RTL Sachsenhit: Chemnitz 

Chemnitz (The Inserts)

Karl-Marx-Stadt (Convex Level)

Chemnitz (Sendemann)

Lost in Chemnitz (Onlee)

Chemnitz Cracker (Jens Gamboni)

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