Zwischen Druckschluss und Trugschluss: Die Chemnitzer Presselandschaft. Ein abgefakt in eigener Sache.

Die Veranstaltung, über die hier geschrieben werden soll, fand im Druckhaus des Chemnitzer Verlages statt, kuratiert von Kreatives Chemnitz, das in verschiedenen öffentlichen Diskussionen einen Blick auf die städtischen Kreativ-Szenen wirft und in diesem Rahmen unter anderem schon die hiesige Film- und Designwirtschaft beleuchtete. Die Podiumsdiskussion über den Chemnitzer Pressemarkt bot für uns den perfekten Anlass selbigen endlich mal skeptisch zu beäugen.

Geladen:
waren Vertreter der Freie Presse (u.a. Geschäftsführer Ulrich Lingnau), des Sachsenfernsehens, Stadtstreichers und ein freier Fotograf. Moderiert wurde das Ganze von Lars Neuenfeld, dem Chefredakteur des 371.

Re:marx: wurde komischerweise nicht eingeladen, weshalb wir es uns zum Ziel machten, diese Podiums-Party – verkleidet als profesionelle Presse-Mitarbeiter – durch extremes Hyper-Lokal-Guerilla-Blogging aus dem Hinterhalt zu sabotieren.

Wer ebenfalls fehlte:
Dass Frau Baburske, eine absolute Koryphäe der Chemnitzer Medienlandschaft, eine Frau, die schon in Chemnitz Fernsehen machte, als die Braun`sche Röhre noch gar nicht erfunden war, nicht auf dem Podium anwesend war, ist schlichtweg ein Skandal. Für ein bisschen mehr Brisanz hätten sicher auch Gäste von BILD und Morgenpost gesorgt. Wobei die Morgenpost vermutlich zu beschäftigt damit ist, üble Fremdwörter wie präsentieren vom Leser fernzuhalten und die BILD in letzter Zeit derart starke Konkurrenz durch re:marx bekommen hat, dass beide auch einfach gar nicht mehr relevant sind.

Wie oft re:marx erwähnt wurde: Einmal.

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Seltener Anblick: eine echte Zeitung in freier Wildbahn.

Wie die Presselandschaft in Chemnitz aussieht (laut Podium):

Ökonomisch: Blendend! Es gibt drei große Tageszeitungen, wobei die Freie Presse mit einer Gesamtauflage von rund 260.000 Exemplaren (inklusive E-Papers) wohl die größte ist, und zwar die größte Sachsens. Bäm! Nimm das, Hypezig! 65-70 Prozent Anteil Anzeigengedöns (kurze Unaufmerksamkeit beim Protokollieren) sind absolut großartig, die Kundenbindung ist perfekt und auch die Einschaltquoten des Sachsenfernsehens scheinen sensationell.

Inhaltlich: Bombastisch! Die Freie Presse stilisiert sich als letztes regionales Flaggschiff des seriösen Journalismus, kann dann aber leider doch nicht immer „Pulitzer-Preis verdächtigen Journalismus bringen“, denn das ist in einer regionalen Tageszeitung einfach mal derbe unangebracht. Der Stadtstreicher glänzt mit preisintensiven Fotostrecken, das Sachsenfernsehen stopft stolz die Berichterstattungslücke, die der MDR Sachsenspiegel täglich auf’s Neue hinterlässt und hat(te) außerdem Frau Baburske. Und Partypics.

Was Zukunft hat (laut Podium):
Lokaljournalismus. Denn die lokale Verbundenheit der Region ist überraschenderweise enorm. Überregionale Zeitungen werden in Chemnitz scheinbar nicht gelesen, weil das ohnehin schon geschwundene Interesse der Leser kaum über die Grenzen des Erzgebirges hinaus reicht. Proud to be a Chemnitzer! Die Berichterstattung der Zukunft adressiert deshalb den Chemnitzer Stolz und nur den Chemnitzer Stolz. Die re:marx-Redaktion adressiert erstmal die nächste Flasche Braustolz, während verlockende Wortfetzen wie „Content Gold“ und „Lust aufs Lokale“ durch den Raum schweben.

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Eine typische Schlagzeile in Chemnitz.

Was keine Zukunft hat (laut Podium):
Das Internet. Der Freie Presse-Geschäftsführer hat den Teufel getroffen und der heißt Crowdfunding. Denn Crowdfunding führt zu einer elenden Verarmung der demokratischen Landschaft. Wir richten an dieser Stelle schon mal eine Spendenhotline ein. Spotify ist ohnehin sinnlos, Facebook-Werbung bringt nichts und zum Trend-Thema Blogs hat plötzlich keiner was zu sagen. Zurecht! Nieder mit dem Netz!

Was früher besser war (laut Podium):
alles. Besonders aber die Malboro-Cowboys. Nur wurden die ja leider verboten.

Was es überhaupt gar nicht gibt:
Zeitungssterben. Das gibt es nicht, das gab es nie, das wird es nie geben. Sagt der Freie Presse Boss. Nur die Auflagen sind vielleicht ein kleines bisschen rückläufig, und ja, die Zeitungslandschaft verändert sich. Letztendlich ist alles aber nur Definitionssache. Der Mann hat Recht: Zeitungssterben gibt es nicht. Es muss Lesersterben heißen.

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Das Ende der Zeitung: in viele Blätter kann man nur noch Fisch einwickeln.

Wie die Chemnitzer Presselandschaft wirklich aussieht:
So wie die Stadt auch: sie ist kurz vorm einschlafen. Den beiden großen Stadtmagazinen kann man wenig vorwerfen, die BILD und die Morgenpost werden immer irgendwie da sein und ihre Geschichten über Angst, Horror, Neid, Geld und Sex ans einfältige Volk bringen.
Die Freie Presse hat zwar die regionale Vormacht und ist meistens um seriöse und auch mal qualitative Berichterstattung bemüht, aber insbesondere in den Lokalausgaben manchmal so unkritisch oder belanglos, dass man den Unterschied zu einem öffentlichen Amtsblatt kaum noch erkennt, wobei das zum Teil auch ein Phänomen der Provinz zu sein scheint, denn wo selten Bedeutendes passiert, kann auch selten Bedeutendes geschrieben werden. Und: Nicht überall wo frei auf der Presse steht ist auch automatisch Pressefreiheit drin – das wiederum scheint allerdings ein grundlegendes journalistisches Problem zu sein. Das Problem, das Chemnitz hat, ist ein anderes: es gibt bald keine Leser mehr. Zumindest keine unter 50. Und anscheinend auch keine, die sich wirklich noch für ansprechende Inhalte fernab von Ruhestörung, Unfallfotos oder Sonderangeboten interesseieren.
Aber anscheinend ist das egal, so lange es noch zahlungswillige Anzeigekunden gibt. Denn darüber redet irgendwie keiner. Sicher wäre es dringend notwendig intensive Junge-Leser-Beschaffungsmaßnahmen durchzuführen – nicht nur marktwirtschaftlich, auch inhaltlich. Aber dafür bräuchte man wohl das Internet. Und das wird sich eh nicht durchsetzen.

Was die freie Blogger-Szene dazu zu sagen hat:
Wir glauben an das Printmedium, aber wir glauben auch an das Internet. Woran wir noch nicht so richtig glauben, ist eine relevante Blogger-Szene, eine kritische Gegenöffentlichkeit in Chemnitz, denn dafür sind uns bisher zu wenig Gleichgesinnte begegnet. Leider. Was wir außerdem glauben ist, dass die hiesige Presse auch nur ein Spiegel der Stadt ist: Zu alt, zu verschlafen, zu viel Angst davor, zu viel Lärm zu machen. Darüber, welches berauschende Kraut nun gegen dieses übergreifende, ewige Chemnitzer Dilemma gewachsen ist, konnte man bisher nur spekulieren. Gefunden wurde es noch nicht, auch wenn wir uns alle immer wieder darum bemühen.

4 Gedanken zu „Zwischen Druckschluss und Trugschluss: Die Chemnitzer Presselandschaft. Ein abgefakt in eigener Sache.

  1. Ich kenne mehr als 5 ehemals und noch aktive Praktikanten der FP und ich sage es ganz vorsichtig: Richtig helle sind nur wenige und eine, die es ist, arbeitet momentan in der Onlineredaktion. Andere, die es auch sind, haben das Praktikum an den Nagel gehängt. War ihnen zu doof, dass die Texte a) keinen intellektuellen Anspruch haben dürfen und das b) es kein ernsthaftes Lektorat gibt. B) kommt den Praktikanten allerdings zu Gute denen es an a) fehlt (persönliche Einschätzung) und diese Praktikanten fühlen sich fast pudelwohl. Warum es vielleicht auch an guten Journalisten oder Praktikanten in der FP fehlt: Die Bezahlung ist einfach unter aller Sau. Wenn man als freier Journalist nichts verdient, dann doch lieber bei einem über regionalen Blatt.

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