Abgevagt: CVAG. Weil wir auf dich abfahren. 

Zugegeben, so schlecht steht es gar nicht um die CVAG, der schönsten Nahverkehrsgesellschaft, seit es intimen Stadtverkehr gibt. Die Busse und Bahnen fahren meistens, und das sogar nachts. Außer natürlich, es ist gerade Winter, womit aber vorher niemand rechnen konnte, mitten im Januar. Oder es ist gerade Unfall, Bergparade, Roland Kaiser oder Bombenfund, da kann es schon mal zu Ersatzverkehr kommen. Die Preise sind je nach Kontostand mit 2,20 Euro pro Stunde einigermaßen akzeptabel oder unverschämt teuer. In Berlin kostet das aber auch nur 60 Cent mehr, und dort gibt es U-Bahnen, Doppelstockbusse und das Kotti. Hier gibt es stattdessen immerhin die Zenti, die ist mindestens genau so gefährlich, und überhaupt ein krasser Partytouristen-Hotspot, vielleicht sogar der einzige der Stadt. Und obwohl niemand versteht, was genau da eigentlich gerade „modernisiert“ wird an der Zenti und warum sie jeden Tag anders aussieht und der Bus schon wieder an einem anderen Bahnsteig abfährt, ist im Prinzip alles okay mit der CVAG: Es gibt das Chemnitzer Modell und ab Sonntag eine revolutionäre Ringbuslinie im 20-Minutentakt. Wären da nicht der Youtube-Kanal, die Image-Filme und die Fahrplanauskunft auf der Homepage.

Plötzlicher Wintereinbruch im Januar. Das konnte wirklich keiner wissen. Alle Screenshots sind  von der CVAG-Facebookseite.

Der Medienauftritt einer Verkehrsgesellschaft muss nicht unbedingt immer aufregend sein, außer natürlich, man ist zufällig „Arm-aber-Sexy“-Berlin und muss mit poppigen Kampagnen davon ablenken, dass es mit anderen Verkehrsprojekten gerade eher nicht so gut läuft. #weilwirnichtfliegen
Vielmehr sollte der Medienauftritt einer Verkehrsgesellschaft funktionieren, Übersicht geben, durchs Liniennetzdickicht navigieren. Außer natürlich, man ist zufällig „Alt-aber-Sexy“-Chemnitz, dann ist der Medienauftritt weder aufregend noch übersichtlich, sondern hochgradig modernisierungsbedürftig.

Alle elf Minuten übergibt sich ein Single an der Zenti.

Die Homepage:  ist in etwa so sexy wie ein sturzbesoffener CFC-Ultra beim Wasserlassen und so übersichtlich wie ein Billig-Wühltisch bei Primark. Die Website liefert zwar die wichtigsten Informationen und neuesten Nahverkehrs-Nachrichten, sieht dabei aber aus, als wäre sie Anfang der Nullerjahre von Photoshop-Phillips Praktikanten aufgesetzt und seitdem nie wieder renoviert worden. Alles ist irgendwie blau, CFC-blau, Chemnitz-Blau. Blau ist die Farbe der CVAG, das hat sicher irgendwas mit dem Gemütszustand oder dem Sprit-Pegel der blaugetankten Fahrgäste zu tun. Aber es ist ein lebloses Blau, farblos wie die Stadt und ihr Verein, fast schon ein Grau. So klickt man sich durch Bilder von blauen Bussen, von blauen Bahnen, blaue Tarife, durch blaue Mouse-Overs im Menü, bis man endlich zu den Fahrplänen kommt, wobei man nie weiß, ob man jetzt den Haltestellen- oder den Linienfahrplan braucht und ob man nur den Pop-Up-Blocker oder gleich den ganzen Browser deaktivieren muss, dabei will man doch eigentlich nur schnell wissen, wann der verdammte Bus kommt. An diese seltene Information kommt man aber erst über umständliche Umleitungen. Oder ganz schnell und einfach über…

Die Fahrplan-Auskunft: Gäbe es da nicht ein Problem: Die Fahrplanauskunft spuckt so ziemlich jedes Ziel aus, nur nicht das, das man gerade am meisten braucht. Stattdessen schickt sie die den geneigten Busfahrpassagier nach Rechenberg-Bienenmühle, nach Dresden, Wörgl, Glauchau, nach München, Mailand und Madrid. Überall dorthin eben, wo von Chemnitz aus auch ein ICE hinfährt.

Dabei wollte man doch nur fix zum Chemnitzer Hauptbahnhof, um seltene Fotos von der Leipziger Reichseisenbahn zu machen, hatte aber keine Zeit mehr, auch das komplizierte Fachwort „Chemnitz“ umständlich mit in die Suchmaske einzugeben. Die Fahrplan-Auskunft bestraft Suchmasken-Nachlässigkeit härter als die Türkei kritische Journalisten,  datiert sogar die Uhrzeit der Anfrage gnadenlos um zwei Stunden zurück. Das liegt wohl daran, dass hier der VMS und die City-Bahn mit drin hängen wie die Camorra in Neapel und sich das Ganze dadurch schwieriger programmieren lässt. Aber das ist alles nicht so schlimm, denn zum Glück gibt’s ja die Ääääh..

Die App: Achso ja. Die App. Natürlich gibt es keine App, das wäre auch ein bisschen zu fortschrittlich für die kommende Kulturhauptstadt, das wäre einfach nicht mehr authentisch.  Der Zug ist ohnehin längst appgefahren. Dafür gibt es ein Handyticket, das ist sehr beliebt und sehr praktisch, das haben wir aber noch nie getestet, weil wir Geld wie Rollsplit haben und im Bus gerne damit um uns schmeißen. Wenn ihr in Chemnitz mit den Öffis von Adelsberg nach Bernsdorf wollt, und nach einer Verbindung sucht, dann nehmt lieber die App der Deutschen Bahn. Da steht alles drin, mehr sogar als in der hauseigenen Fahrplanauskunft. Schneller und übersichtlicher ist es auch. Das ist aber auch nicht so schlimm, denn zum Glück hat die CVAG ja noch…

Facebook: Die CVAG owned die Sozialen Medien like a Bus! Auf Facebook findet man neben vielen Fotos von blauen Bahnen vor allem die besten Unfallmeldungen von heute morgen, liebevolle Erinnerungen an abgelaufene Monatstickets, nostalgische  Busmomente, lustige Memes zu veränderten Linienführungen und neuen Bauabschnitten sowie wütende Kommentare der Einwohner von außerhalb des Südrings, die sich durch das neue Netz vom Leben abgeschnitten fühlen. Und es gibt das Haltestellenrätsel — das beste Meth-Meme von Chemnitz. Einmal wöchentlich zeigt die CVAG hier bis zur Unkenntlichkeit entstellte Haltestellen in schockierenden Schwarzweiß-Fotos und lässt die Community erraten, wie das Schild früher mal aussah. Zu gewinnen gibt es nichts, das ist wie im echten Leben, nicht mal ein Kurzstreckenticket im Wert von 1,80 Euro.

Im Sommer ließ man die eingefleischten Busfahrfans sogar an der Neubenennung von Haltestellen wichtiger Chemnitzer Verkehrsknotenpunkte teilhaben. Die CVAG kommt eben von der Straße – sie hat das nie geleugnet, hat nie versucht, jemand anderes zu sein, nie den Kontakt zum harten Pflaster verloren. When the going gets though, the bus gets going — das weiß jeder, der schon mal mit einem schlecht gelaunten Busfahrer die Kaßbergauffahrt runterrumpeln durfte. Die CVAG hat rechtzeitig erkannt, dass wirklich niemand Haltestellen namens „Hauptstraße“ braucht — und das gemeine Fußvolk nach Alternativen befragt.

Vorschlag der Community: „Hauptstraße“.  Vorschlag von uns: „Helmut-Kohl-Haltestelle“

Vorschlag der Community: „Schnitzstube Uhlig“. Vorschlag von uns: „Community-4-you-Haltestelle“

Vorschlag der Community: „Am Zaun“. Vorschlag von uns: „An der Straße“.


Youtube:
  Wenn ihr Netflix schon zehn Mal durchgebinged und jedes Bibi-Video schon drei mal kommentiert habt, wenn ihr „Gähn of Thrones“ sagt, weil ihr das sooo langweilig findet, und bei Stranger Things immer während des Intros einschlaft, wenn ihr lieber „Sachsenklinik“ als „Grey’s Anatomy“ guckt, dann probiert doch mal den Youtube-Kanal der CVAG. Der kostet weniger als ein Monats-Abo und bietet mehr Action als eine einsam durchzechte Nacht am Omni-Busbahnhof. Hier findet ihr aufregende Imagefilmchen, nostalgische Baustellenvideos und harten Nachtbus-Porn mit seltsamen Omas in Nebenrollen. Es gibt ein wissenswertes Sicherheits-Tutorial mit #metoo-Charakter, das den Haltegriff zum Übergriff macht, eine Anleitung zum strategisch besoffen Busfahren nach der nächsten CFC-Heimniederlage und exklusives Material aus dem Ersatzteillager.

 

Das Beste an diesem Kanal sind allerdings die Videos, die man am rechten Rand vorgeschlagen bekommt: Die schönsten Führerstandsmitfahrten von 1990 bis heute, von Hutholz bis Mittweida. Gerne würden wir an dieser Stelle ein wenig zum Thema „unerschütterliche Führer-Affinität der deutschen Sprache“ abschweifen, wollen uns aber auf das Wesentliche konzentrieren. Emotionale Filme in Sitcom-Länge, bei denen selbst die kleinsten Eruptionen der Schienenführung fühlbar intensiv nacherzählt werden. Filme, die uns aufrütteln wie die Schockfotos von der Zenti im Bauzustand oder halbamputierten Raucherbeinen, die uns nachts um den Schlaf bringen, die unsere Träume zu endlos fiebrigen Gleisen werden und uns schweißgebadet „Nächste Haltestelle: Zentroalhaldestelle“ schreien lassen. Wenn ihr auch so aufgewühlt vom Bahnfahr-Experience seid, dann lest doch vorm Schlummern einfach…

Das CVAG-Kundenmagazin: Das heißt „Einsteigen. Abfahren“ und ist auf der Homepage als PDF-Version oder im Service-Center als Printausgabe verfügbar. Man blättert sich durch unzählige blaue Grafiken und Blaustellenbilder, durch Fotos von friedlich vor sich hin fahrenden Bussen und wird gleich ganz müde, denn Blau wirkt beruhigend. Dabei erfährt man nicht nur die Stadt, sondern alles über Hochbahnsteige, Bauabschnitte, die 903 ADtranz / Bombardier NGT 6 LDZ „Variobahn“ und die dreizehn neuen Busse vom Mercedes Benz Typ Citaro. Das Magazin gibt Tipps zur sicheren Rollatoren-Benutzung und stellt Stadtteile vor, ist im Grunde also wie re:marx, nur in Blau. Mit „Bus.Tram.Antwort. Das abgefahrene Rätsel“ erreicht es seinen Höhepunkt, seine Endhaltestelle an der letzten Papierkreuzung vor dem Impressum. Hier kann man dann auch endlich mal was gewinnen. Blaue CFC-Tickets zum Beispiel.

Der Service: Falls der Bus mal wegen der „aktuellen Verkehrslage“nausfällt, man beim Bremsen schmerzhaft durch die Bahn geschleudert oder an der Zenti überfahren wird. Falls der Bus wegen akuter Vollgekotztheit ausgetauscht werden muss, die Bahn schon losfährt, obwohl man noch wie behämmert auf den Türknopf einschlagt, man kein Ticket lösen kann, weil man kein Kleingeld mehr hat, man sich also mal so richtig schön auskotzen will, gibt es immer noch den Fahrgastbeirat. Oder digitale Service-Dienstleistungen wie den Twitter-Account @CVAGdialog und diverse Messenger-Dienste (WhatsApp, Telegram). Dort kann man mit der CVAG in Kontakt treten, sich mit  den Busfahrern über die spektakulärsten Kurven austauschen, einen Dia- oder Monolog führen, sich ein Monatsticket aufschwatzen lassen oder ungestört beschweren. Als Antwort erhält man vermutlich immer nur die aktuellsten Verspätungen und  Unfallstellen-Beräumungen.

Führeraffin: Verkehrsbetriebe in Mittelsachsen, die deutsche Sprache im Allgemeinen.

Die Souvenirs: Wenn ihr die CVAG trotz alledem immer noch so liebt wie wir und auch mehr als die BVG, die eh nur ironisch hedonistische Hipster von Zone A nach Zone B befördert und das harte Großstadt-Bussen nur vom Hören-Fahren kennt, dann investiert doch euer beim Schwarzfahren gespartes Geld in eines der tollen CVAG-Souvenirs. Hier gibt es alles, was das Personen- und Nahverkehrsherz begehrt und sogar Rabatte für treue Monats-Abo-Kunden: Eine Lunchbox, eine Einkaufstasche frechem Spruch („Ich fahre Bus. Was fahren Sie?“), Kaffeetasse, edle Tintenschreiber und den Amazon-Fire-TV-Stick äh den CVAG-Straßenbahn-USB-Stick für nur 19 Euro Normaltarif. Unser Highlight: Das Bus-Modell „Happy“ im Maßstab 1:87, gerade reduziert auf 20 Euro, die Versandkosten für den Ominibus betragen  28 Euro — also so viel, dass man sich den Bus auch gleich im Original nach Hause liefern lassen kann. Alle, die mehr wollen, können sich in der Erlebniswelt austoben: Sonderfahrten für Familien- und Firmenfeiern buchen, Werksbesichtigungen machen — und heiraten, das ist das ultimative Lifelgoal. Im Straßenbahnmuseum. In einer Tram eurer Wahl. Klingt doch nach einer echten Tramhochzeit. #weilwiraufdichabfahren

2 Gedanken zu „Abgevagt: CVAG. Weil wir auf dich abfahren. 

  1. schöner Beitrag, nur einen Spielverderber-Kommentar muss ich loswerden: der Souvenir-Bus kostet 20 Euro, wenn man ihn abholt oder 28 Euro wenn man ihn sich schicken lässt. Also 8 Euro Versandkosten.

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