Lonely Planet Chemnitz: Als Tourist im rauen Herz des Ostens.

Bis vor kurzem fuhr man für die Selbst- und Sinnsuche und natürlich für den Insta-Travelfame noch mit dem Rucksack durch Südostasien, in überfüllten alten Rumpelzügen, jeder Halt ein kleines Abenteuer auf dem langen Weg zur Katharsis. Zwischendurch musste man den Kopf aus dem Fenster in die tropisch-schwüle Luft halten und ganz tief vom Kulturschock inhalieren, damit man sich das später in die Social-Media-Vita schreiben konnte. Doch auch Reisetrends wandeln sich so stet wie die Mode an der Zenti. Und seitdem der Lonely Planet entdeckt hat, dass sein Name nirgendwo mehr Programm ist, als in Chemnitz, gilt die kleine graue bei Stadt bei Leipzig als der Geheimtipp für Leute, die schon jede peruanische Panflöte gespielt und jeden neuseeländischen Nationalpark durchwandert haben, die also nichts mehr kulturschockieren kann. Außer eine Reise nach Chemnitz: Leer wie die karge Steppe der Mongolei, bergig wie das Himalaya, kalt und dunkel wie ein Winter auf Spitzbergen, der Verkehr so hektisch wie in Hanoi, die Straßen so kriminell wie ganz Südamerika, der Charme postindustriell wie in Detroit und überall kleben die Klischees an den Laternen — kurz: Chemnitz hat alles, was das rucksackreisende Herz begehrt. Nach Chemnitz reist man nicht wie nach Indonesien, um die innere Leere mit Abenteuern zu füllen, sondern damit sich die innere Leere weiter ausdehnen kann. Wer nicht wenigstens einmal im Leben fast an einer trockenen Roster erstickt oder mit einem dieser MRB-Züge gefahren ist, die selbst in Myanmar ausrangiert worden wären, weiß nichts über die Welt oder das Leben im Allgemeinen. Nicht umsonst wurde Chemnitz vom Lonely Planet zu dem Reiseziel 2018 erkoren. Ihr solltet lieber schnell hin, bevor alle anderen kommen. Damit ihr euch besser orientieren könnt, haben wir typische Touristenfallen aufgespürt und ein paar nützliche Insider-Tipps für euren Trip ins wilde Herz Mitteldeutschlands gesammelt.

Blendend schön – der Lulatsch: Die rauchspuckende Neonröhre lockt jährlich über 30 Besucher in das Gemäßigte-Klimazonen-Paradies am Fuße des Erzgebirges. Der heilige Schornstein gilt als Symbol für Toleranz und den Aufbau Ost, und ist von fast schon religiöser Bedeutung für die gesamte Metropolregion Chemnitz. Unzählige Heizungs-Hippies, Kommune Einsenergie-Anhänger und Essoterik-Touristen pilgern in Hoffnung auf Erleuchtung nachts zum Heizkraftwerk-Chemnitz-Nord, um spirituell im Regenbogenlicht zu tanzen und Stromrechnungen als Opfergaben niederzulegen — der Lulatsch ist mehr Schrein als Schein. Vorsicht! In der Innenstadt werden überteuerte Schutzbrillen verkauft, unter dem Vorwand, der ungeschützte Blick in das grelle Lulatschlicht schädige die Netzhaut und beeinträchtige das Sehvermögen im gleichen Ausmaß wie Masturbation. In Wirklichkeit will man hier aber nur hässliches Merchandise loswerden. Für den Blick in den Lulatsch braucht ihr keinen besonderen Sichtschutz – eine gewöhnliche 3D-Brille reicht, damit könnt ihr die siebenfarbige 300-Meter-Esse nämlich dreidimensional sehen.

Kraftklubbing: Manche Chemnitzer Reisebüros bieten für viel Geld Kraftklub-Erlebniswochenenden an. Das Basis-Paket für 371 Euro pro Person verspricht eine Stadtrundfahrt zu bekannten Hotspots, einen Jochen Schweizer Eventgutschein für das Atomino sowie einen Besuch im „Schüsse in die Luft“-Schacht. Achtung: Abzocke! Das Ganze kann man als Individualreisender wesentlich billiger haben: Bei der „Rundfahrt“ handelt es sich um eine handelsübliche Ringbus-Runde mit Abstecher in den Heckertbus, die kostet zwischen 2,20 bis 4,40 Euro, im Atomino kann man sich für etwa 20 Euro (zzgl ca. acht Euro Eintritt) an der Bar volllaufen lassen und die Bazillenröhre ist für Fußgänger und Fahrradfahrer frei zugänglich. Auch die modischen, kugelsicheren Merch-Shirts die man euch dort am Eingang andrehen will, braucht ihr nur, wenn ihr danach noch einen Abstecher auf den Sonnenberg plant. 

Der menschenleere Wall am Morgen: Bald werden hier hunderte feierwütige Sauftouristen einfallen.

Saufen am Wallermann: Malle ist nur einmal im Jahr, Walle ist in Chemnitz jeden Tag. Der Wall, der berühmte Betonstrand rund um den legendären Szeneclub „Stadthalle Chemnitz“, gilt als der Ballermann von Chemnitz, als 17. Bundesland des Erzgebirges. Bereits gegen Mittag verwandelt sich die unscheinbare Einkaufsstraße zur Partymeile, weshalb sich vor allem sächsische Touristen meistens schon früh mit Attitüde und Alditüte die besten Plätze vorm Rewe reservieren. Hier her kommt man nicht wegen der vielfältigen Kultur oder der spannenden Industriegeschichte, hier her kommt man zum Komasaufen aus Zehn-Liter Sterni-Eimern. Britische Sauftouristen grölen sich zum Sonnenstich, auf dem heißen Asphalt kommt es häufig zu Hitzschlägereien, die Leute tragen Chemnitz-Fahnen und „König von Wallorca“-T-Shirts, und jeden Freitag singt Walle-Wolle im Braubraubrauclub Heino-Lieder. Der Wall ist der Inbegriff des Partytourismus, ein Ort, den Einheimische meiden wie Leipziger das Barfußgässchen. Wer die Stadt wirklich und nüchtern kennen lernen will, macht einen großen Bogen um den Wallermann. 

Restaurants rund um den Marx-Kopf:  Nach Chemnitz zu reisen, ohne den Nischel zu sehen ist, als würde man irgendwo über eine Brücke gehen, ohne ein Liebesschloss ranzuhängen — undenkbar. Die monumentale Bronze-Büste ist nach dem Pariser Eiffelturm das meist kommerziell missbrauchte Wahrzeichen Europas und eigentlich immer menschenüberlaufen, aber ein Ausflug zum Nischel ist trotzdem Pflicht. Rund um das Marx-Monument haben sich zahlreiche hippe Restaurants angesiedelt, die auch ein Stück vom kapitalismuskritischen Kuchen haben und den Touristen das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Vor allem die mittlerweile weltweit angesagten Soljanka-Suppenbars bieten hier maßlos überteuerte und viel zu dünne Suppen an, auch die Mac and Jagdworscht-Preise sind mit umgerechnet ca. 30 D-Mark recht unverschämt. Unser Tipp: Gleich um die Ecke befindet sich die Mensa der Chemnitzer Uni. Da gibt es das gleiche Essen zum kleineren Preis, und ein wesentlich authentischeres Ambiente. Oder ihr holt euch im Rewe Chips und fünf Flaschen Sterni und setzt euch damit gemütlich in den Stadthallenpark, wie es viele Chemnitzer Natives im Sommer Abend für Abend tun. Das Klirren der Glasflaschen definiert den eindrücklichen Klang der Stadt – das sollte man unbedingt mal erlebt haben.  

Der Nischel im Frühling: Brutstätte für die seltenen Nischelhupper

Nischelhupping: Jedes Jahr im Frühjahr wird der Nischel eine Woche lang zum geschützten Naturreservat, weil die seltenen Nischelhupper, eine vom Aussterben bedrohte Jumpstyle-Art, während ihrer Brunftzeit hier ihren magisch schönen Paarungstanz aufführen. Touristen sollten sich während dieser Zeit möglichst unauffällig verhalten: Hupperschützer empfehlen, sich dem Naturspektakel nur mit sanft aus Smartphonelautsprechern abgespieltem Hardcore-Techno zu nähern oder das Ganze lieber gleich von der Plattform des Terminal 3 aus zu beobachten. Die sensiblen und scheuen Nischelhupper können sehr aggressiv werden, wenn man sie bei ihrem Balzritual stört. 2012 kam es zu tätlichen Übergriffen auf südkoreanische Touristen, die beim Fotos machen über ein Kabel stolperten und damit versehentlich die Musik abdrehten. 

Andenken Roter Turm: Viele Souvenirshops verkaufen neben Marx-Münzen und mercureförmigen Schnapsflaschen auch handgeziegelte „Roter Turm Miniaturen“ als dekorative Elemente für eure Wohnzimmer – Napp, den niemand braucht. Kauft euch stattdessen lieber eine Flasche „Fit“ im Rossmann, dabei handelt es sich um die originale Replik des Roten Turms. Wenn das kultig grüne Spülmittel (Achtung – nicht mit „Pfeffi“ verwechseln) aufgebraucht ist, könnt ihr euch die schicken Plastikflaschen ins Regal stellen, sie mit dem Beton füllen, den ihr euch als Andenken vom Wallermann mitgebracht habt oder ein Upcycling-Video für euren DIY-Vlog drehen.

Roster nur mit dem Echten.

Roster kosten: Wer nach Chemnitz fährt, ohne eine Roster zu probieren, war auch in Peking, ohne Hunde-Schaschlik gekostet zu haben. Nur kulinarisch Couragierte trauen sich an original Roster ran —echte Chemnitzer essen sie im Darm und mit mittelscharfem Bautz’ner Senf. Das mag gewöhnungsbedürftig klingen, lohnt sich aber. Doch Obacht: Im Zentrum verkaufen die mobilen Straßenküchen zwar unter der Hand halblegale Würste für wenig Geld – aber ob das hygienisch korrekt ist, weiß keiner, und statt des traditionellen Bautz’ner wird hier meistens Thomy-Senf serviert. Unser Tipp: Beim Reisen geht es darum, andere Geschmäcker, aber auch andere Gesichter und Geschichten kennenzulernen. Falls ihr im Sommer nach Chemnitz fahrt, lohnt es sich, abends durch die Gartensparten zu schlendern, und euch von den Einheimischen zum Grillen einladen zu lassen — das sind garantiert die authentischsten Roster, die man in Chemnitz bekommen kann.

Strand am Schlossteich: Chemnitz ist ein Badeparadies, egal ob an entlegenen Teichbuchten, am touristischen Stausee oder in einem der idyllischen Freibäder. Der Playa del Schlossteich mit seiner zugemüllten Schönheit und seinem kilometerlangen Grastrand wohl der berühmteste Strand von Chemnitz: Allerdings ist das Baden hier gebührenpflichtig, hinzu kommen Aufschläge für Parken, Schirm und Liege. Überall tummeln sich Strandhändler, die Einweggrille, CFC-Schals und Lulatsch-Brillen verkaufen wollen und die FKK-Insel ist eigentlich immer voll. Ruhiger und wesentlich unberührter badet man am „Uferstrand“ der Chemnitz – das ist ein abgelegener Sandstrand, die Strandbenutzung kostet hier nichts, aber es gibt eine Beachbar, an der man sich entspannt sonnen und ungesehen gehen lassen kann. 

Paradiesisch: Der Strand vom Schlossteich

Kaßberg: Wenn der freigeistige Hipster-Spirit von Williamsburg, Brooklyn auf die zeitlose Eleganz des Montmartre, Paris trifft, dann ist man auf dem Kaßberg. Überlaufen, übersaniert, überteuert: Das Venedig des Ostens verwandelt sich zunehmend vom Traumstadtteil zur Disney-Hölle. Die engen Straßen von russischen Reisebussen verstopft, die Cafès so voll, dass das Wlan ständig zusammenbricht, die Mietpreise dank Air bnb so hoch, dass selbst die linksgrünversnobbten Locals schon xenophobe „Touri go home“-Parolen auf die Gehwege sprühen — am Kaßberg stößt Chemnitz allmählich an seine Grenzen. Viele Touristen buchen für den anstrengenden Aufstieg über die Kaßbergauffahrtsflanke zudem einen sächsischen Sherpa — das sind Chemnitzer aus unteren Kasten, aus Banlieus wie dem Heckert, die sich ein Leben auf dem „Kassi“ niemals leisten könnten, hier aber  tagtäglich für ein bisschen Mindestlohn das Gepäck der reichen Reisenden die Weststraße hinaufschleppen müssen. Eine der vielen schaurigen Schattenseiten des Massentourismus.
Unser Tipp: Ein Besuch auf dem unsanierten Sonnenberg, dem inoffiziellem Rotlichtviertel von Chemnitz, ist viel aufregender: Der Sonnenberg ist hart und hässlich und steigert eure Streetcred um mindestens fünf Prozent. Hier kann man sich vor brennenden Tonnen für Instagram als furchtloser Weltenwanderer inszenieren und zudem wirklich coole Streetart fotografieren.

Im Compton von Chemnitz gibt’s wesentlich mehr zu entdecken

Taxi, MRB oder VMS fahren:  Die Chemnitzer Taxis sind nicht nur teuer, sie sind meistens auch stark überlastet, oft kommt es vor, dass ein vor drei Stunden gerufenes Taxi gar nicht erst erscheint.  Auch die S-Bahnen des Chemnitzer Modells sind immer voll und die Tarife unübersichtlich. Besser: Die Stadt per Segway erkunden, das kann man günstig in der Innenstadt mieten, man sieht viel mehr und wird viel mehr gesehen. Oder ihr leiht euch einen SUV,  das ist in Chemnitz das, was in Hanoi das Moped ist, und cruist damit durch die verstopften Straßen, wie es auch die Einheimischen tun. Wir garantieren euch: Mehr Abenteuer geht nicht!  

Bloß nicht: 

  • Freundlich lächelnd auf Chemnitzer zu gehen: Die Chemnitzer sind von Natur aus ein sehr verschlossenes Volk und von übermäßiger Offenheit schnell verschreckt. Wie alle Großstädter sind sie oft in Eile und ohnehin schon genervt von den vielen Touristen, da möchten sie nicht noch ständig angelacht werden. 
  • Wie ein typischer Tourist aussehen: Stilvolle Kleidung, aber auch riesige Reiserucksäcke und handgehäkelte Ponchos fallen in Chemnitz sofort als „fremdartig“ auf. Versucht euch lieber ein bisschen anzupassen: Mit Jeans, Karohose, 88-Tattoo oder Camp David Hemd macht ihr hier nichts falsch. 
  • Versuchen, „Ragout Fin“ französisch auszusprechen: Es heißt „Ragout Fäng“, alles andere lässt euch nur wie weltgewandte  Wessis wirken.
  • Sächsisch imitieren: Die Verheißung ist groß, während des Chemnitz-Aufenthaltes, auch mal den Unterkiefer auszuhängen, doch davon müssen wir dringend abraten. Zwar mögen es die Chemnitzer auch nicht, wenn man sie auf Englisch oder überhaupt anspricht, aber nichts hassen die nicht sehr selbstsicheren Sachsen mehr als „falsches Sächsisch“. 
  • Freitagabend ins N’Dorphin: Vorm Chemnitzer Berghain stehen die  Party-Touristen Schlange wie sonst nur Kunstliebhaber vorm Gunzehauser. Mit Chemnitzer Clubkultur hat das nicht mehr viel zu tun, hier geht es nur noch darum, auch mal da gewesen zu sein.

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