Poesie.
Die Post der Moderne: Was im November in Chemnitz geschah

Die Post der Moderne: Was im November in Chemnitz geschah

Das No in November steht bekanntermaßen für „nichts“, denn nichts war gut im November. Das ist jetzt natürlich aus Gründen der qualitätsjournalistischen Überdramatisierung ein bisschen übertrieben, immerhin wurde Trump abgewählt, ein Impfstoff präsentiert und der Sonnenberg von tag24 zur Boom-Hood gekürt. Und trotzdem hat man sich beim resignierten Nachrichten-Scrollen gefühlt wie der Protagonist  einer düsteren dystopischen Bundesregierungs-Produktion, der zuhause bleiben und die Welt bequem vom Sofa aus brennen sehen muss. Also danke für nichts, November. 

Im März noch wirkte Chemnitz wie eine Fantasiestadt aus einem Märchen der Gebrüder Querdenken: Eine kellnbergersche Trutzburg aus aerosolsicherem Beton, an der Corona ähnlich kläglich abzuprallen schien wie Trump an den US-Gerichten. Nur um die 200 Fälle zählte die Stadt von März bis Oktober – was uns damals schon ziemlich verdächtig vorkam, denn demographisch gesehen ist Chemnitz, nun ja, eine einzige riesige Risikogruppe. Vielleicht, dachte man damals, sind die Straßen zu breit oder zu leer für alle Arten von Aerosolen, vielleicht sind die ICE-Anbindungen in europäische Hotspots zu schlecht, vielleicht ist das Chemnitzer Leben zu zurückgezogen, um Superspreader zu sein. Chemnitz hat während der ersten Welle  jedenfalls so krass geregelt, dass die Stadt nun als Kommune des Jahres ausgezeichnet wurde – das ist eine Art Friedensnobelpreis, nur dass er von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und nicht vom Nobelkomitee verliehen wird, aber ist ja ähnlich.

Jetzt aber ist alles anders, jetzt ist Corona so richtig da, und das leider ziemlich heftig: Chemnitz hat die sachsenweit vollsten Intensivstationen, ein Gesundheitsamt, das mal ebenso vergessen hat, die Hälfte aller Todesfälle zu melden und eine Inzidenz, für die uns der stattliche Staatsminister Söder längst abgeriegelt hätte. Schuld daran kann nur das Erzgebirge sein, das ist viel zu nah an uns dran, hält nicht richtig Abstand, räuchert Kette, hat „coronakritische“ Bürgermeister, zum Beispiel in Stollberg, trifft sich zu „Superspreading und Glühwein“ im Chemnitz-Center und fährt ständig nach Tschechien Benzin und Kippen kaufen. Es ist also eher kein sächsisches Weihnachtswunder, dass ausgerechnet AfD-Hotspots wie Bautzen oder das Erzgebirge, oder sagen wir einfach ganz Sachsen außer Leipzig, unter der fehlenden Fuchtel von Kretsche jetzt auch zu Corona-Hotspots geworden sind. 

Der November geht auch der mittlerweile weltberühmten Chemnitzer „Stillen Mitte“ stark an die wutbürgerliche Substanz: Nicht nur, dass Weihnachtsmarkt und Bergparade abgesagt sind und der Darm von Karl Marx noch bis Sommer im Schillerpark liegt, jetzt wird auch noch der „Glühwein to go“ verboten und das Weihnachtsfest damit seiner Existenzberechtigung und traditionellen boomer-ländischen Werte beraubt. Was will man unseren Kindern dieses Jahr eigentlich noch alles wegnehmen? Doch als hätte uns das Jahr 2020 nicht schon genug geplagt, erschüttert auch noch ein Drama um den Weihnachtsbaum die verunsicherte Stadtgesellschaft. Der Chemnitzer Weihnachtsbaum ist wie Gegenwarten, nur im Winter: Er steht im öffentlichen Raum, scheidet die Geister und kostet Steuergelder. Die diesjährige Fichte hatte jedenfalls einen 13-Meter langen Riss im Stamm und musste abmontiert werden — woraufhin einige Bürger eine tragische Symbolik für Chemnitz als Kulturhauptstadt im Besonderen und die Gesellschaft im Allgemeinen heraufbeschworen. Sie liegen alle völlig falsch, diese „Stille Mitte“ genannten Schlafschafe, denn der Riss markierte natürlich den Eingang zur Chemnitzer Hohlerde, in der Sven Schulze die Sachsen-Juwelen versteckt hält – aber die da oben wollen das vertuschen, und haben deshalb jetzt schnell einen neuen Baum aufgestellt.

Dem Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex hingegen dürfte es derzeit ziemlich gut gehen. Er kann mit zaghafter Genugtuung nach Leipzig lugen und sich mit stiller Twitter-Schaulust an den Bildern der Querdenken-Eskalationen dort laben. Endlich hat es das gelobte Land Leipzig, die liberale Oase in der trockenen sächsischen Wutwüste, auch mal erwischt. Er kann aber auch aufhören, mit dem Finger auf andere Städte zu zeigen, und sich stattdessen an der eigenen Stadt erfreuen, denn:
Chemnitz ist jetzt wieder ziemlich oft in den Medien, aber dieses Mal ist alles anders als vorher: Chemnitz ist jetzt Trend-Stadt im Corona-Clip der Bundesregierung, Chemnitz bekommt 25 Millionen Euro vom Bund, Chemnitz wird im Feuilleton besprochen und in der Süddeutschen im gleichen Atemzug mit New York City und Frankfurt am Main genannt. Wobei man eher sagen müsste, New York wird im gleichen Atemzug mit Chemnitz genannt, oder wie oft war New York schon europäische Kulturhauptstadt?

Genau. 

Chemnitz ist immer noch europäische Kulturhauptstadt 2025, auch wenn die kollektive Euphorie darüber recht schnell im nebligen Novembergrau (also im metaphorischen, war ja ständig schönes Wetter) verhallt ist und mittlerweile so weit weg scheint, dass man sich manchmal fragt, ob man das eigentlich alles nur geträumt hat. Hat man nicht, denn jetzt gibt es den offiziellen Jury-Bericht, und da steht drin, warum es Chemnitz geworden ist (wegen guter Einbindung der Bevölkerung, europäischer Relevanz des „Stille-Mitte“-Narrativs, dem meckerspace.eu und dieser Seite mit dem Nazi-Arsch-Bild), warum es Hildesheim fast geworden ist (wegen schönem zeitgemäßen Motto, wichtigem Provinzthema, aber nicht gut genug entwickelter europäischer Vision) und warum es Hannover überhaupt gar nicht geworden ist (wegen fehlendem Narrativ, schlechter Einbindung der städtischen Kultur-Institutionen, unrealistischem Programm und fehlender europäischer Relevanz). Da freut sich das dauergebeutelte Chemnitzer Selbstbewusstsein noch mal ein bisschen. Ab jetzt heißt’s bei uns jedenfalls: bye bye Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex, hello Chemnitzer Minderwertigkeits-Flex.

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