Früher wollte Chemnitz immer unbedingt so sein wie andere Städte. Jetzt wollen andere Städte unbedingt so sein wie Chemnitz, Leipzig zum Beispiel. Zumindest haben dort neulich ganz normale Nazis von nebenan Krawall gemacht, während die stille Mitte aus Schwaben in der zweiten Reihe verschwurbelte Verschwörungs-Mantren getrommelt und so lange Polonaise getanzt hat, bis eine dicke, keimige Aerosol-Wolke über der ganzen Stadt hing, die viele an das alte Rußchams von früher erinnerte. Ach nee, falscher Chemnitz-Vergleich: Es war natürlich der mächtige „Weisheitszahn“ im Hintergrund, der von weiten ganz verdächtig nach dem Chemnitzer Dorinth-Hotel aussah. 

Ja okay, im Ernst: In Leipzig kommen alle Kulturhauptstadt-Trends durchschnittlich zwei Jahre später an: Pyro-affine Faschos, ein paar aus Dortmund importierte Neonazi-Kader, überrannte Polizeiketten, hanebüchene 1989-Vergleiche, Journalisten, die auf der Straße angegriffen werden, und unser Ministerpräsident und Helfer Micha Kretsche, der von all dem natürlich mal wieder nichts gesehen haben will – was in Hypezig plötzlich hip ist, war in Chemnitz schon 2018 angesagt. 

Weil wir Angst haben, dass Leipzig jetzt nachträglich noch Kulturhauptstadt und Chemnitz wie immer gar nichts wird, ist uns eingefallen, dass wir ja schon längst mal checken wollten wie viel Chemnitz eigentlich in Leipzig steckt. Zufällig hatten wir da noch ein passendes Format parat: Den Endhaltestellen-Check, für den wir vor ein paar Jahren mal Städte entlang des Chemnitzer Modells abgefahren, aber nicht sehr weit gekommen sind. Also bis nach Burgstädt und nach Mittweida. Leipzig gehört zwar noch nicht zum Chemnitzer Modell, aber es gibt eine Bahnverbindung dahin, deshalb zählt das auch. Wir haben Leipzig auf entscheidende Chemnitz-Faktoren wie Lärmpegel, Fassmansches Freiraumpotenzial, Zenti-Feeling und Kulturhauptstadtstitel gecheckt. 

Die Anreise: Als mit Abstand berühmteste Sehenswürdigkeit beider Städte gilt der Zug, der sie verbindet: Die so genannte „MRB nach Leipzig“ ist längst viel mehr als nur ein Geheimtipp unter Eisenbahnern: Sie kommt in Romanen vor, wird in Liedern besungen, sie hat Chemnitz zur Kulturhauptstadt gemacht, Matthias Schweighöfer plant eine Action-Verfilmung sowie eine Amazon Prime Miniserie über sie. Ohne die „MRB nach Leipzig“ wäre re:marx inhaltlich längst pleite. Es gibt Leute, die lieben das nostalgische Reichsbahnfeeling der „MRB nach Leipzig“. Das romantische Geruckel durchs Mittelsachsen of Nowhere, dem Nebraska Ostdeutschlands, die kuscheligen Abteile, die man gern nur für sich allein hätte, die schroffen Schaffnerinnen, das Gefühl der Entschleunigung, wenn der Zug 20 Kilometer lang bremst, nur um dann im Narsdorfer Nichts stehen zu bleiben, das Quietschen der Bremsen. Hier findet man sie noch, die echte, unverfälschte Eisenbahnromantik, wie man sie in den modernen, unpersönlichen Schnellzügen von heute schmerzlich vermisst. 

Für andere wiederum ist die Strecke nach Leipzig eine Höllenfahrt, denn man weiß nie so richtig, wann man ankommt – und ob überhaupt. Manche stellen beim Einsteigen sogar ihre durchschnittlichen Überlebenschancen in Frage. Kein Wunder: die Ahnung eines drohenden Schienenersatzverkehrs liegt stets leise in der stickigen Luft. Man kann nachts in Geithain stranden, plötzlich im Bus nach Burgstädt sitzen, von einem durch den Zug fliegenden Koffer erschlagen werden, die Laune der Schaffner kann ganz plötzlich entgleisen, manchmal fängt auch eine Lok Feuer. Die „MRB nach Leipzig“ gilt vielen deshalb als Zugmutung, als rollender Schandfleck auf Schienen. 

Nach Leipzig führt von Chemnitz aus notfalls auch eine Autobahn, die allerdings ebenfalls ein Mysterium, weil sie wie die Chemnitzer Innenstadt nach 20 Uhr ist: Immer leer. Das könnte daran liegen, dass einfach niemand von Chemnitz nach Leipzig will und umgekehrt oder eben daran, dass „die MRB nach Leipzig“ dann insgeheim doch so populär ist, dass Chemnitzer dafür sogar ihren SUV in der Garage stehen lassen. 

Die Stadt: Dass Leipzig tatsächlich in Sachsen liegt ist ungefähr so, als ob New York City in Texas liegen würde und Dresden trotzdem Hauptstadt wäre. Das macht jetzt irgendwie keinen Sinn, aber was wir damit sagen wollen, ist: Leipzig verhält sich zu Sachsen wie New York zum Rest der USA, weshalb die Stadt für viele das gelobte Land ist. Nicht umsonst heißt der inoffizielle Stadtslogan „Mein Leipzig lob ich mir“ und wurde 1995 von einem Chemnitzer erfunden. Leipzig hat um die 560.000 Einwohner und ist gemeinhin das, was Chemnitzer meinen, wenn sie von einer „richtigen Stadt“ reden. Es gibt Spätis, einen ICE-Anschluss, einen Starbucks, eine Reiseempfehlung der New York Times, Bars, die auch montags offen haben, andere Bands als die Kelly Familiy, die dort auftreten, mehr als zwei angesagte Cafès, mehr als 100 Menschen unter 35 und vor allem mehr als 100 Menschen, die freiwillig dorthin ziehen. Leipzig ist die Stadt, in die viele Chemnitzer ziehen, nur um dann jedes zweite Wochenende wieder in Chemnitz zu verbringen, Beton ist eben dicker als Stuck. Und dennoch: Am Ende ist Leipzig auch nur ein Dorf, die Innenstadt ist übersichtlich, und vielleicht kennt hier nicht jeder jeden, aber viele kennen hier viele. Die tolle Journalistin Ulrike Nimz hat über das Phänomen „Hypezig“ mal geschrieben, anstatt drei verschiedener internationaler Fremdsprachen höre man hier an der Ampel nur drei verschiedene Arten Sächsisch, und das trifft es ziemlich gut. Außerdem, auch wenn das manche nicht wahrhaben wollen: Leipzig liegt — trotz Connewitz – immer noch in SACHSEN, und die Menschen dort werden letztendlich genauso von Kretsche und Wölli landesregiert wie wir anderen auch.

Urbanes Gefühl/Zenti-Vibes: Vor dem Leipziger Hauptbahnhof gibt es zwar den müden Versuch einer Zenti-Replik, nur mit mehr und irgendwie auch besser aussehenden Menschen an den Bahnsteigen, aber machen wir uns nichts vor: Ohne Zentralapotheke, Zenti-Uhr und Ritter Noctulus ist es einfach nicht dasselbe. 

Fassmannsches Freiraumpotenzial: Leipzig ist mittlerweile zwar relativ gut gentrifiziert, hat aber immer noch genügend ranzige Ostlücken im Lebenslauf, und die machen einen großen Teil ihres Reizes aus. Aber keine Angst: Hätte Leipzig wirklich so großes Fassmannsches Freiraumpotenzial, hätte Lars natürlich schon längst Lindenau aufgekauft. Hat er aber nicht, deshalb gibt es absolut keinen Grund für Neid. 

Architektonischer Moderne-Faktor: Leipzig ist angesagt, jung, grün, liberal und Leipzig ist zu allem Überfluss auch noch richtig schön. Hier und da findet man ein letztes Aufbäumen des Brutalismus, das Westin Hotel zum Beispiel oder diverse Plattenbauten. Und naja, das Gewandhaus und die übriggebliebene „Blechbüchse“ sind zugegebenermaßen auch ziemlich geil, und das MDR-Hochhaus versucht verdächtig sehr so auszusehen wie unser Mercure Hotel. Aber gibt es etwas Schöneres, Beeindruckenderes, Spektakuläreres und gleichzeitig Ernüchternderes als den Blick auf Parteifalte und Dorinth-Hotel, wenn man auf der Theaterstraße steht? Natürlich nicht. 

Lärm-Pegel: Viel zu hoch für uns hochsensible Chemnitzer und deshalb im Prinzip absolut unzumutbar. 

Einsamkeitsgefühl: Auch hier enttäuscht uns Leipzig, denn die Straßen sind verhältnismäßig voll, neuerdings vor allem samstags auf dem Ring. Aber auch wir haben Lindenau sonntagabends schon leergefegt erlebt und uns am Leipziger Hauptbahnhof ein bisschen einsam gefühlt, zumindest hinten am allerletzten Gleis 23, wo der Zug nach Chemnitz fährt. Da geht also manchmal noch was ääh nichts in Leipzig. 

Was hat Leipzig, was Chemnitz nicht hat: Blöde Frage: Natürlich nichts! Leipzig hat die Sachsenbrücke, wir haben den Saxonia Brunnen. Leipzig hat die Hochschule für Buchkunst und Grafik, wir haben die Fortis Akademie. Leipzig hat den Cospudener See, wir haben den Stausee Oberrabenstein. Leipzig hat den Clara-Zetkin-Park, wir haben den Schlossteich. Leipzig hat die Brühlschen Höfe, wir haben den Brühl Boulevard. Leipzig hat Neo Rauch, wir haben Jean Schmiedel. Leipzig hat Wagner, wir haben den Ringbus. Leipzig hat Reudnitz, wir haben den Sonnenberg. Leipzig hat Bach, wir haben die Chemnitz. Leipzig hat Trettmann, wir haben den originalen Grauen Beton, und außerdem noch BLOND., Solche und Kraftklub. Leipzig hat das Grassi Museum, wir haben das smac. Leipzig hat eine anstrengende Kunstszene, wir haben eine beleidigte Subkulturszene. Leipzig hat die Eisenbahnstraße, wir haben die Limbacherstraße. Leipzig hat Löwen, wir haben den Lulatsch. Leipzig hat das Völkerschlachtdenkmal, wir haben den versteinerten Wald. Leipzig hat Plagwitz, wir haben den Kaßberg. Leipzig hat Lok, wir haben Lokomotiven. Leipzig hat den MDR, wir haben Sachsen Fernsehen. Leipzig hat den Zoo, wir haben den Tierpark. Leipzig hat die Spinnerei, wir haben unsere eigene Spinnerei. Leipzig hat Connewitz, wir haben Nazis (und Hufeisenwitze). Leipzig hat ICEs überall hin, wir haben das Chemnitzer Modell nach Burgstädt und Mittweida. Wir haben Kulturhauptstadt, Leipzig hat … 

Anzahl der europäischen Kulturhauptstadtstitel:  Null. In Worten: 0 

Wer hier hin ziehen sollte: Alle, denen die europäische Kulturhauptstadt Chemnitz zu Mainstream geworden ist, und die jetzt lieber in einer von Nazi-Demonstrationen gebeutelten Underdog-Stadt wie Leipzig wohnen würden, weil das angeblich „cooler“ ist. 

Wer lieber in Chemnitz bleiben sollte:  Alle, die Angst haben, in den nächsten fünf Jahren in Chemnitz etwas zu verpassen. 

One thought on “%1$s”

  1. Ich bin grosser Fan dieses Blogs! Der Stil vom Autor finde ich verdächtig ähnlich dem von der tollen Journalistin Ulrike Nimz. Oder vielleicht nicht. 🙂 Grüsse aus den USA.

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