Die Post der Moderne: Was im Januar in Chemnitz geschah

Traditionsgemäß ist die erste Post der Moderne des Jahres immer etwas schlecht gelaunt bis depressiv verstimmt, denn der Januar gilt in Zeitgefühl-Fachkreisen als längster und langwierigster Monat des Jahres, er nimmt einfach kein Ende. Dieser Januar hat sich besonders lang angefühlt, er hat sich angefühlt, als wäre für immer Dezember 2020. Doch zum Glück leben wir in Chemnitz, einer Stadt, in der mittlerweile immer irgendwas ist, selbst im allertiefsten Lockdown. 

Alles begann mit unserem Sachsenkönig und Satireprinz Micha Kretsche: Der begrüßte nicht nur einen Haufen verwirrter Querdenker vor seinem privaten Wohnhaus viel zu freundlich mit roter Schneeschippe und grünem „So geht Sächsisch“-Swag, sondern auch das neue Jahr feierlich in Chemnitz vorm majestätisch leuchtenden Lulatsch. Damit ist Dresden nun ganz offiziell nur noch eine belanglose Randnotiz der sächsischen Geschichte, ein unbedeutender barocker Sandstein-Fleck an der Elbe – das Hauptstadtleben spielt sich jetzt in Chemnitz ab. 

Und in genau diesem Chemnitz lag Anfang des Monats zunächst plötzlich Schnee wie ein weiches Trostpflaster über der elenden Gleichförmigkeit der Tage, und dann lagen plötzlich überall E-Roller rum, so wie wir es unlängst prophezeit hatten. E-Roller, das gibt es sonst nur in Städten mit Fernanbindungen und Spätis, in Städten mit Wahrzeichen und Touristenattraktionen und Kaltmietpreisen von 15 Euro pro halben Quadratmeter. E-Roller sind wahlweise das Symbol des urbanen Fortschritts oder ein Vorbote aus der Hölle der Gentrifizierung, und dementsprechend fielen auch die Reaktionen aus: Die einen waren vom neuen „Wie-in-einer-richtigen-Stadt“-Gefühl völlig elektrisiert, den anderen war es dann gleich ein bisschen zu viel richtige Stadt, schließlich braucht hier niemand ein zweites New York. Als pflichtbewusste Lokalblogger haben wir natürlich direkt ein „re:marx in Gefahr“ gemacht, also zumindest in Gedanken, weil im echten Leben trauen wir uns nichts, und sind mit den E-Rollern sämtliche Chemnitz-Erhebungen hoch und runter gescootert, haben den Kids im Konkordia-Park imponiert, sind in den Weltecho-Hof eingerollt und wurden leise dafür ausgelacht, haben monströsen Kaßberg-SUVs die Parkplätze direkt vor der Kühlerhaube weggeschnappt, die MRB nach Leipzig überholt und dann, dann kam tag24 und hat den ersten E-Scooter-Check einfach wirklich gemacht und wir sind am Ende wieder nur beim Segway geblieben. 

Die „Gegenwarten“ gehen scheinbar schon jetzt in die zweite Runde und provozieren wieder mit frechen Skulpturen im öffentlichen Raum. Allerdings bewegen sie sich dieses Mal etwas näher am wutbürgerlichen Durchschnittshumor, oder wie die Mopo titeln würde: „1,5 Meter hoch! Schneepenis in Sachsen aufgetaucht!“ In Adelsberg ist ein Schneepenis aufgetaucht, vielleicht ein Kunstobjekt, vielleicht ein mysteriöser Monolith im frostigen Phallus-Gewand, vielleicht die eisige Rache Frèdèric Bußmanns am Chemnitzer Gegenwarten-Gezetere, vielleicht auch nur eine übergriffige Promoaktion der GGG. Der Adelsberger Schneepenis, der erste in Sachsen, wurde erst verschönert und verlängert, dann aber eiskalt von Vandalen zerstört, als wäre er ein alter Skoda, der im Schlossteich liegt, und dann ist in Harthau ein noch größerer Penis erschienen und hat das viel bediente Narrativ vom Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex endlich mal neu erzählt. Noch besser als die plumpe Provokation war die lokale Berichterstattung dazu: Sätze wie „Bleibt nur zu hoffen, dass das eisige Glied den Chemnitzern eine Weile erhalten bleibt“ oder „Auch in den kommenden Tagen könnten in Chemnitzer und Umgebung weitere Schnee-Penisse auftauchen. Das Material ist vorhanden.“ oder „Das eisige Glied wurde von Unbekannten vermutlich in der Nacht zu Montag zerstört. Sauber zerhackt liegt das mühevoll gebaute Exemplar nun herum.“ , strotzen nur so vor sprachlicher Präzision, pointierter Gewitztheit und gesellschaftlicher Relevanz. Aber wen wundert das schon, MoPo reimt sich nicht umsonst fast auf Pulitzerniveau.

Weil Chemnitz immer noch Chemnitz ist, die ewig Gebeutelte, musste es natürlich geschehen, dass der größte Glücksmoment seit der feierlichen Eröffnung des Chemnitz-Centers ein bisschen ins Wanken geriet: Wir reden vom Chemnitzer Kulturhauptstadtstitel. Der ist mindestens genauso schmutzig wie die Fußball-WM in Katar oder der Wirecard-Skandal oder die Ibiza-Affäre – behauptete zumindest ein Mann namens Uwe Ritzer, der zufällig aus der schlechten Verliererstadt Nürnberg kommt, dort entsprechend vernetzt ist und ganz nebenbei als Haus- und Hof-Autor von Corona-König Markus Söder arbeitet. Der rigorose Rechercheur Ritzer hatte jedenfalls Blut geleckt, wie ein überambitionierter Spürhund mafiöse Machenschaften herbei geschnüffelt, wo gar keine waren, und dabei krasse Sachen herausgefunden, zum Beispiel, dass die professionellen Kulturhauptstadts-Berater auch noch andere Städte beraten und damit sogar Geld verdient haben. Die Süddeutsche Zeitung, ausgerechnet, hat Ritzers rachsüchtige Recherchen gedruckt, und uns damit persönlich das Herz gebrochen, weshalb wir auf unbestimmte Zeit erstmal keine Süddeutsche mehr anrühren können und jetzt nur noch MoPo lesen, die haben eh die besseren Texte, über sächsische Schneepenisse zum Beispiel. Die Kultusministerkonferenz, deren Vorsitz wiederum zufällig Bayern innehatte, war davon allerdings irgendwie beeindruckt, und hat die offizielle Ernennung erstmal verschoben. Dann hat Ritzer noch einmal zugeschlagen, woraufhin die Ernennung erneut vertagt und die Jury nochmal befragt wurde, und wir ein bisschen nervös geworden sind, Denn wenn man aus Chemnitz kommt, schwingt im Hinterkopf immer die leise Angst eines möglichen Versagens mit, das wird sich so schnell vermutlich auch nicht ändern. Und ja, vielleicht wurde der Chemnitzer Titelgewinn dadurch ein bisschen beschmutzt, die Loser-Stadt im Osten, die ohne Bestechung nichts kann, aber in vier Jahren haben das erstens alle vergessen und zweitens gucken auch alle immer noch viel Fußball, trotz Fifa und Sepp Blatter. Am 11. Januar jedenfalls wurde Chemnitz dann offiziell als Kulturhauptstadt bestätigt, wir sind innerlich noch mal jubelnd aufgesprungen, Nürnberg weint verbrannte Bratwursttränen und Chemnitz kann jetzt endlich, endlich auch mal eine Geschichte mit Happy End erzählen. 

Was sonst noch geschah: 
Der Chemnitzer Amtsarzt wollte auch irgendwas mit Kuha machen, hat das aber irgendwie verwechselt und ist dann auf Kuba gelandet, so ein Pech aber auch. Die Bundespolizei hat eine cringige Challenge im menschenleeren Chemnitzer Hauptbahnhof getanzt, Chemnitz hat noch mal was gewonnen, nämlich den Titel als deutschlandweit billigste Stadt für Mieten (die 5,20 Euro pro Quadratmeter lassen wir uns von den E-Rollern nicht wegnehmen!) und in der Stadt ist eine Taubenseuche ausgebrochen, die auf Menschen übertragbar ist. Stellt euch mal vor, wie das wäre, wenn die nächste Pandemie aus Chemnitz käme. 

Noch lacht ihr. 

2 thoughts on “Die Post der Moderne: Was im Januar in Chemnitz geschah

    • Author gravatarAuthor gravatar

      Der neue OB will doch den Titel “Stadt der Moderne” ändern. Wie wäre es mit “Chemnitz… das bessere Nürnberg”… Und nebenbei wird auch gleich der Titel von Nürnberg in “Nürnberg… Der Zipfel von Chemnitz” umbenannt. Wenn Neid, dann schon richtig.

      Unabhängig davon, dass die SZ die einzige überregionale Zeitung ist, die über die angebliche “Meuchelei” geschrieben hat, so ist es nicht mal verwunderlich. Das bayerische Haus-und-Hof Schmierenblatt hat schon immer Ost-Bashing betrieben. Die SZ ist quasi die Geburtsstätte des bösen Osten´s.

      Hätte Nürnberg sich mal besser beraten lassen, dann wäre ihnen der Titel sicher gewesen. Wahrscheinlich regen sich die Nünberger auch darüber auf, dass immer der selbe Briefträger zu ihnen kommt und der Fleischer um die Ecke immer die selbe Verkäuferin hat. So ist es eben auch mit Berater, einmal Berater immer Berater. Schließlich wechseln wir ja auch nicht jedes Jahr unseren Job. Heute Feuerwehrmann, morgen Bauarbeiter und dann Busfahrer.

      Aber war ja schon immer so, dass die Bayern in einer eigenen Welt leben. Und wenn andere mal besser sind, dann kann es nicht mit rechten Dingen gelaufen sein. Schließlich gewinnen die Bayern immer…

      Der nächste Lockdown kommt bestimmt… Spätestens 2025 in Nürnberg, in Form der völligen Trostlosigkeit, während wir mit den anderen unterlegenen Städten gemeinsam die Kulturhauptstadt feiern. So ist es halt im Leben, mal verliert man und mal gewinnen die anderen.

      Ganz nebenbei… Die Ninerns haben heute gegen Bayern München gewonnen. In der SZ wird morgen bestimmt was von Spielmanipulation stehen. Kann ja nicht sein, zweimal gegen Chemnitz zu verlieren… Erst den Titel, dann das Spiel und am Ende das Gesicht…

      Prost!!!

    • Author gravatarAuthor gravatar

      Juhu, noch eine Seuche!

      Ich freue mich auf etliche Jahre Shutdown. Endlich Zeit, um all die Bücherstapel weg zu lesen.

      Und das mit den günstigen Mieten ist wirklich verlockend. Und als überzeugten Tramper stört mich nicht einmal die fehlende Fernzugverbindung. 😉

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