Die Post der Moderne: Was im Juni und Juli in Chemnitz geschah
Die Post der Moderne: Was im Juni und Juli in Chemnitz geschah

Die Post der Moderne: Was im Juni und Juli in Chemnitz geschah

Eigentlich wollten wir uns ins Sommerloch zurückziehen und unsere „post“-pandemische Social Awkwardness auf Cultursommer-Veranstaltungen spazieren tragen, doch daraus ist leider nichts geworden, denn kaum hat man Chemnitz als langweilig abgeschrieben, liefert die Stadt wieder mal mehr als die DHL erlaubt: Kunst-Skandal, CFC, Dammbruch-Moment im Stadtrat, die gesamte Innenstadt wird zum „gefährlichen Ort“, Impfen bei Käse Maik und dann auch noch Weindorf, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Oder weiß man es doch?  

Der Brühl Bro hat einen neuen Homie, und damit meinen wir nicht etwa den notorisch-pelzigen Muskel- und Mietflexer „Pump-Brudi“, der kürzlich aus den Untiefen der GGG-Marketing-Hölle …äh Höhle ans Licht gekrochen kam. Nein, dieser Bro ist vermeintlich seriöser, er trägt Doktortitel statt Goldkette und maßgeschneiderte Anzüge statt Basketballshorts, also vermutlich. Wir reden natürlich von Dr. Axel Bruder. Der kommt aus dem niedersächsischen Peine, hat bestimmt Hobbys und Eigenschaften und wäre fast zum neuen Kultur- und Sozialbrudi von Chemnitz gewählt worden.
Aber von vorn: Seitdem Sven Schulze zum Obergastro-Kritiker und Ralph Burghardt zum Chemmerer aufgestiegen ist, gibt es in der europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 nicht nur keine einzige Frau in einer politischen Spitzenposition, es gibt aktuell auch keine:n Kulturbürgermeister:in. Wobei Kulturbürgermeister:in völlig untertrieben ist, denn dieses Amt wird von Experten nicht umsonst „Dezernat 5“ genannt, schließlich umfasst es die fünf sportlichen Verwaltungsdisziplinen Kultur, Bildung, Sport, Jugend und Soziales. Das ist ungefähr so, als wäre unser aller Lieblings-CSUler Andi Scheuer gleichzeitig Minister für Verkehr und für digitale Infrastruktur, völlig verantwortungslos also. Innerhalb der Stadtverwaltung gibt es nun schon länger Überlegungen, das Dezernat aufzulösen und ein eigenständiges Bürgermeisteramt für Kultur zu schaffen, was aber wiederum bedeuten würde, dass die AfD Anspruch auf das Amt für Jugend, Bildung und Soziales erheben würde, und das kann niemand wollen. Weil die Leitungsposition für Dezernat 5 gerade vakant und öffentlich ausgeschrieben ist, haben sich ein paar wenige Menschen darauf beworben, unter anderem Susanne Schaper, die kennt man immerhin noch von der letzten OB-Wahl. Frau Schaper schien zum Schluss die einzige und auch ziemlich sichere Kandidatin, bis – Achtung, fetter Plot-Twist – kurz vor der Wahl durch den Stadtrat ein mysteriöser Dr. Bruder als plötzlicher Mitbewerber auftauchte. Den kennt man von gar nichts, denn er war weder persönlich anwesend, um sich vorzustellen, noch hat er irgendwas mit Chemnitz zu tun, ja vermutlich hat er noch nicht mal das Weindorf von außen gesehen, noch – jetzt wird’s wild – kannte irgendjemand seine „Bewerbung“. Außer die CDU-Fraktion, die vorab ein „Bewerbungsgespräch“ mit Dr. Bruder geführt und ihn dann als eine Art trojanisches Pferd bei der letzten Stadtratssitzung implementiert hatte, obwohl bis heute niemand wirklich sagen kann, ob es sich bei Dr. Bruder nicht doch um den Brühl Bro auf Inkognito-Mission handelt. Jedenfalls – Achtung, noch fetterer Plot-Twist – wurde Dr. Brühlbruder dann tatsächlich zum Kultursozialalles-Bürgermeister gewählt, nämlich per Losentscheid, denn Bruder und Schaper hatten gleich viele Stimmen (28). AfD und Pro Chemnitz haben sich verdächtig laut gefreut.
Das ist erstens so, als würde man nicht zum Vorstellungsgespräch erscheinen und den Job trotzdem bekommen, zweitens war trotz geheimer Wahl klar: Die CDU hatte wahrscheinlich zusammen mit Stimmen von AfD und Pro Chemnitz den völlig unbekannten Dr. Bruder gewählt, um Frau Schaper zu verhindern. Auch wenn man von Frau Schaper halten mag, was man will: Die CDU hat offensichtlich mehr Angst vor der Linken als ein Querdenker vor Impfmücken und Nena vor linksdrehenden Energien — so viel Angst nämlich, dass sie lieber gemeinsame Sache mit Nazis und Demokratiefeinden macht,  als die Linke zu tolerieren.
Und so wäre der Chemnitzer Stadtrat fast zum Thüringer Landtag geworden, wenn Oberbürgerboss Sven Schulze, der bisher übrigens stets klare Kante gegenüber AfD und Pro Chemnitz gezeigt hat, nicht ein Veto reingehauen hätte. Jetzt ist alles wie immer: In der europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 gibt es nicht nur keine einzige Frau in einer politischen Spitzenposition, es gibt aktuell auch keine:n Kulturbürgermeister:in.

Dafür gibt es den CFC noch, also denken wir, denn ehrlich gesagt hatten wir schon länger nichts von ihm gehört. Doch seitdem ein paar seiner Fans auf Auswärtsfahrt in Most Landser-Lieder gesungen haben, ist der CFC endlich zurück. In Chemnitz ist man also mal wieder kurz aus allen himmelblauen Wolken gefallen und schockiert über die Erkenntnis aufgeschreckt, dass der CFC ein gewaltiges Problem mit der rechten Fanszene hat, nur um sich dann umzudrehen und selig weiter zu schlummern. Doch jetzt, man glaubt es kaum, hat der CFC endlich mal selbst agiert und wurde von der ultramativen Erkenntnis erleuchtet, dass man ja vielleicht doch noch was gegen Südkurven-Faschos machen kann, nämlich zum Beispiel zehn der an den Ausschreitungen Beteiligten identifizieren und kein Stadion- sondern ein Hausverbot auf unbestimmte Zeit verhängen. Nachdem der Verein seine Schulden losgeworden ist, sind jetzt wohl die Nazis dran, wir hoffen dieses Mal wirklich und nicht nur für ein bisschen Image-Politur.

Nach dem Bücherbus Konrad, dem ehemaligen Technobus, der Kulturkutsche Charlie und dem Schienenersatzverkehrbus hat Chemnitz nun einen weiteren wichtigen Bus: Den Impfbus. Weil Sachsen aktuell wenig überraschend Schlusslicht beim Impfen ist, rast der Impfbus nun wie eine mobile Gulaschkanone durchs Land und verteilt Impfsaft wie Gulaschsuppe. Was natürlich super ist, uns aber bisschen traurig macht, weil wir schon ganz langweilig im Impfzentrum gechipt worden sind und nicht an den neuen angesagten Impfspots. Denn zu denen gehört unter anderem auch das Käse Maik Headquarter in Wittgensdorf, wo natürlich Brieontech verimpft wird oder man zwei Dosen zum Pieks von einer bekommt (Johnson & Johnson) und einen mittelgroßen Käse Maik Eimer voller seltener Camemberts als Impfanreiz dazu, da würden wir uns glatt direkt die dritte Dosis reinjagen lassen. Überhaupt könnte man sich gerade wunderbar durch Chemnitz schnorren und versuchen, so viele Spritzen und Goodies wie möglich mitzunehmen: kostenlose Roster vorm Fresstheater, 10-Euro-Gutschein fürs Chemnitz-Center, 5-Euro Verzehrsgutschein für die Sachsen-Allee, CFC-Freikarte am Gellertstadion, gratis Xavier-Naidoo-Songzitat-Tattoo im Gablenzer Bad, kostenloser Platz am coolsten Tisch des  Weltecho-Hofs, Vier-Fahrten-Karte im Ringbus, neue Fatbike-Reifen an der Zenti, eine volle SUV-Betankung am Südring, die Impfanreize sind unendlich, und man sollte sie alle mitnehmen.  

Unser geliebter Hauptbahnhof bekommt ein Upgrade, und wenn jetzt eure Herzen aufgeregt höher schlagen, müssen wir euch leider enttäuschen, denn es handelt sich natürlich NICHT um einen Fernzug, sondern um das historisches Wandgemälde „Chemnitz, das Tor zum silbernen Erzgebirge“. Damit soll der Hauptbahnhof bis 2025 unter anderem aufgehübscht werden, sodass auch hoffnungsfrohe Reisende sofort wissen, dass sie hier definitiv in keiner Weltmetropole angekommen sind. Dafür kann man sich das Weltmetropolen-Gefühl dann aber auf dem Chemnitzer Markt holen, denn dort soll es aus Gründen der Innenstadtbelebung bald einen zentralen Fotopunkt mit Aufschrift „I love C“ geben, weil Chemnitz im Herzen eben doch fast wie New York, Paris oder London ist. 

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