abgefakt: Der Chemnitzer Hauptbahnhof
abgefakt: Der Chemnitzer Hauptbahnhof

abgefakt: Der Chemnitzer Hauptbahnhof

In anderen Großstädten ist der Hauptbahnhof ein Ort des Gewimmels und Gewusels, des Ankommens und Abschiednehmens. Ein Ort der großstädtischen Geschäftigkeit, ein Ort mit Geschäften. Man kann das Fernweh hören, wenn Nachtzüge oder Eurocities aus anderen Ländern langsam einrollen, wenn Rollkoffer über die Bahnsteige klackern. Es gibt Destinationen, die weiter als 70 Kilometer vom heimischen Bahnhof entfernt sind und abgehetzte Menschen, die zu ihren Zügen rennen, weil sie wichtig oder spät dran sind, und man fühlt sich immer ein bisschen mit der Welt verbunden. In Chemnitz ist der Hauptbahnhof der Ort, an den man geht, wenn man mal so richtig allein sein möchte. Eine Ruheoase für alle, die lieber rasten statt reisen. Ein Ort der Nahverkehrserholung, wobei es besser Nieverkehr heißen sollte, es fährt ja schließlich nichts. Es wird also allerhöchste Eisenbahn, dass wir unserem Hauptbahnhof ein „abgefakt“ widmen. 

Das war: Der Eisenbahnverkehr wurde bekanntermaßen in Chemnitz von Richard Hartmann erfunden, aber weil die Chemnitzer:innen immer noch nicht so richtig an sich selbst glauben, fahren sie heute lieber Auto als Zug. Dabei steht ihr Hauptbahnhof seit 1872 stabil im Stadtzentrum und ist damit nach dem Mittelaltermarkt und der allgemeinen Rückwärtsgewandtheit das Historischste, das Chemnitz zu bieten hat. Zur Jahrhundertwende rollte hier vor allem der Güterverkehr und es gab Anbindungen nach Dresden, Hainichen, Leipzig, Limbach, Adorf und Marienberg, was damals völlig ausreichte, um Chemnitz zum sächsischen Verkehrsknotensuperstar zu machen. Der Hauptbahnhof hat viel erlebt, wurde immer wieder von Krisen gebeutelt, hat sich meistens wieder davon erholt. Er war trauriger Schauplatz des sogenannten Chemnitzer Blutbads 1919, an ihm sind sowohl die Fliegerbomben der Alliierten als auch die Hoffnungen der Chemnitzer:innen auf schnelle Bahnanbindungen abgeprallt, er wurde ständig umgebaut und dabei immer hässlicher. Es gab Zeiten, da fuhren hier täglich 300 Züge, es gab Verbindungen nach Berlin und Rostock, nach Magdeburg, Stralsund und Binz, nach Oberstdorf über Nürnberg und München, nach Karlsruhe über Stuttgart, nach Aachen über Kassel, nach Köln, teilweise sogar über Hamburg nach Flensburg. Das war in den Neunzigerjahren. Dann kam die letzte große Krise an. 

Das ist: Die letzte große Krise ist einfach da geblieben, hat es sich bei Burger King bequem gemacht und wartet seit 15 Jahren darauf, dass an irgendeinem Gleis ein Fernzug hält und sie wieder mitnimmt, irgendwohin, sogar Nürnberg wäre okay.  Doch der letzte IC dorthin fuhr 2006, seitdem ruckeln nur hier nur noch Regionalbahnen los und kommen nicht besonders weit. Der Chemnitzer Hauptbahnhof ist heute wieder das, als was er im 19. Jahrhundert angefangen hat, nämlich ein kleiner Regionalbahnhof mit Anbindungen wie 1889. Selbst die Deutsche Bahn hat sich wegen Hoffnungslosigkeit fast komplett aus Chemnitz zurückgezogen und das Terrain der Mitteldeutschen Regionalbahn überlassen. Die ist in etwa so bieder wie der MDR, nur eben als Verkehrsgesellschaft, und hat den Chemnitzer Hauptbahnhof endgültig in die Provinzialität gefahren.
Wenigstens Wikipedia kennt für den Chemnitzer Hauptbahnhof noch einen Superlativ, denn angeblich ist er der „größte Bahnhof der sächsischen Stadt Chemnitz“ – das können weder der Bahnhof Mitte noch die Zentralhaltestelle von sich behaupten.

Wohin man heute fahren kann: Es gibt eine Regionalbahn nach Hof, das liegt etwa 100 Kilometer entfernt in Franken, ist also eine Art Vorort von München und gilt somit offiziell als Fernverbindung. Ähnliches lässt sich über Elsterwerda sagen, das liegt etwa 100 Kilometer entfernt in Brandenburg, ist also eine Art Vorort von Berlin und gilt somit ebenfalls offiziell als Fernverbindung. Ansonsten gibt es Züge nach Dresden, davon hat man immerhin schon mal was gehört, nach Zwickau, das kennt man vom NSU, nach Olbernhau und nach Riesa, das kennt man wegen der Nudeln und wegen irgendwas mit Sport. Immer öfter fahren hier auch Busse, und zwar Schienenersatzverkehrbusse nach Geithain. Die Frage ist, wer heute noch ernsthaft alte Intercitys braucht, wenn man in schicke Citybahnen nach Mittweida, Burgstädt und Hainichen steigen kann? Genau, niemand. Und überhaupt wäre da ja noch der Zug der Züge, der Orientexpress des Ostens, die Transsib Mittelsachsens – wir reden natürlich von der weltberühmtem MRB nach Leipzig. Die ein echter Wunderzug sein könnte, denn wenn man einmal in Leipzig ist, kommt man plötzlich überall hin: Nach Berlin braucht man nur eine Stunde, nach Hamburg, Frankfurt oder München ungefähr dreieinhalb Stunden. Das Problem ist nur, dass man überhaupt erstmal ohne Schienenersatzverkehr, Verspätung, Panne oder historische Reiseübelkeit in Leipzig ankommen muss. 

Die Reisenden:  sind entweder kurz vor uns mit der Citybahn Richtung Burgstädt abgefahren oder in Geithain gestrandet, denn irgendwie ist der Hauptbahnhof immer leer. Nicht nur ein bisschen leer, sondern richtig leer, so leer, wie die Innenstadt nach acht gerne leer wäre. Wenn man dann doch mal jemanden trifft, sind es meist versprenge Eisenbahnfans mit protzigen Eisenbahnfan-Spezialobjektiven, die auf die Ankunft einer seltenen Reichsbahn warten, alkoholisierte Fußballanhänger auf Auswärtsfahrt oder einsame Bundespolizist:innen , die gerade irgendeine TikTok-Challenge auf den kurzen Rolltreppen tanzen. Dabei zählt der Chemnitzer Bahnhof angeblich 11.000 Reisende pro Tag, was uns extrem viel vorkommt, aber nur mal zum Vergleich: München hat 433.000, Hamburg hat 537.000, der Gare du Nord hat 700.000, Berlin hat 329.000 und Leipzig hat 135.000 Reisende pro Tag. Der Vergleich ist natürlich nicht ganz fair, die anderen Bahnhöfe bieten oder sind schließlich jene dieser mysteriösen Destinationen, in die Menschen auch wirklich freiwillig reisen wollen. Doch wer soll in Chemnitz schon groß ankommen oder wegfahren, wenn hier fast gar nichts ankommt oder wegfährt?
Nur am Gleis 5 (Leipzig), dem berühmtesten Gleis seit Gleis 9 3/4, stehen die Menschen immer Schlange wie sonst nur vor Donutshops und Bubble-Tea Läden. Sie alle wollen rein in den angesagtesten Zug der Stadt, sie alle haben Tickets im Vorverkauf ergattert (die meisten jedenfalls), wollen den Rhythmus der Reichsbahn fühlen oder den Kater danach, wenn sie von der Fahrt gebeutelt in Leipzig ausgespuckt werden und beim Anblick der eleganten ICEs dort direkt den ersten Richtige-Stadt-Schock erleben.

Was man hier statt Zugfahren machen kann: Wenn man nicht aus Chemnitz wegkommt, bleibt man halt in Chemnitz hängen. Das ist schon den Besten passiert und eigentlich auch gar nicht weiter schlimm, der Chemnitzer Hauptbahnhof ist nämlich offizieller „Mein Einkaufsbahnhof“ und damit eine Art Chemnitz-Center des Regionalverkehrs. Das heißt, wenn die MRB mal wieder ein bisschen länger ausfällt, kann man hier entspannt das ganze Wochenende verbringen und zum Beispiel testen, welche seelenlose Backwaren-Kette ihre Schoko-Croissants am großzügigsten mit Nutella füllt und welche den klebrigsten Analogkäse verbäckt. Man kann sich vor Le CroBag wie in Paris fühlen. Oder man geht zu MäcGeiz, um sich die Zeit mit einem Wartebier und Billigschrabel zu vertreiben, denn MäcGeiz hat erstens sogar sonntags offen und zweitens immer Alkohol und Klopapier im Regal und gilt unter Chemnitz-Kennern als absoluter Ersatz-Späti-Geheimtipp. Im MRB-Shop gibt’s tolles Reichsbahnmerch und kostenlose Auskünfte darüber, wie man am allerbesten nicht in andere Städte kommt. Falls man nach dem ausgiebigen Bahnhofsshoppingrausch Hunger und großstadtmüde Beine bekommen sollte, kann man elegant im etwas edleren Bahnhofsrestaurant („Burger King“) dinieren oder sich vor den Döner-Imbisswürfel „Pak Döner“ setzen und dort mit romantischem Panoramablick auf Gleis 5 von einer langen Leipzig-Nacht im IfZ träumen. 

Architektur: Der Chemnitzer Hauptbahnhof vereint unterschiedliche Architektur-Stile miteinander: Eine Eingangshalle im Stil des Klassizismus, eine Bahnhofshalle im Stil der internationalen Moderne, Bahnsteige im Stil der Chemnitzer Tristesse und eine Hülle im Stil der Allianz-Arena — mit hypermoderner Medienfassade, die sich ziemlich cool mit unterschiedlichen Inhalten bespielen ließe, aber meistens nur VMS-Werbung zeigt. Ein altes englisches Sprichwort sagt: Never judge a Bahnhof by its cover. Das ist richtig, denn würde man den Chemnitzer Hauptbahnhof nur nach seiner Hülle beurteilen, würden von hier aus stündlich vier ICEs in alle hippen Himmelsrichtungen davon rasen. Da man in Chemnitz seit Jahren versucht, alle innerstädtischen Problemzonen mit modern scheinenden LED-Konzepten zu kaschieren, musste man beim Hauptbahnhof ganz besonders doll auf den Putz hauen. Und weil ein paar grelle Lampen längst nicht gereicht hätten, um all seine Mängel zu kompensieren, hat man ihm lieber gleich eine ganze Hülle übergestülpt, die sich nun tagsüber unscheinbar grau ins Chemnitz-Bild einfügt wie ein trauriges Chamäleon, nachts jedoch die paar wenigen Ankömmlinge mit einer Lichtshow willkommen heißt, wie man sie sonst nur von Rammstein-Konzerten kennt. Mit seiner Leuchthülle sieht der Bahnhof von außen zwar aus wie die Ars Electronica, also international und digital, innen ist er aber eher wie der Tag der Sachsen, also provinziell und regional. Trotzdem wurde die neue Leucht-Halle mehrfach prämiert, zum Beispiel mit der Auszeichnung der best architects 17 für öffentliche Bauten oder mit dem World Architecture Festival Award 2017 im Bereich Transport oder mit dem Deutschen Ingenieurbaupreis 2018. Und das ist noch nicht mal das Beste an unserem Hbf, denn da gibt es ja noch

Die Bazillenröhre: Nichts schreit so sehr Chemnitz wie die Tatsache, dass ausgerechnet die Fußgängerunterführung, die das Zentrum (von Miko gründlich desinfiziert) mit dem Sonnenberg (räudig und dreckig) verbindet, hier offiziell und inoffiziell „Bazillenröhre“ genannt wird. Die Bazillenröhre entstand 1887, weil der Bahnhof über die Jahre so lang geworden war, dass er immer mehr den Verkehr in der Stadt blockierte, und wurde 1889 eröffnet, schloss allerdings zunächst nachts immer für sechs Stunden, vermutlich damit keine hochgefährlichen Sonnenbergvibes ins Zentrum gelangen konnten. Die Bazillenröhre war Chemnitz: Hart und ehrlich und trotzdem mit Charme, bodenständig und ungeschminkt, ein Mekka der Höhlenmalerei, eine Zauberkugel der dunklen Magie. Man ging an einem tristen Ort rein und kam an einem noch tristeren Ort wieder raus. Das galt für beide Richtungen. Leider müssen wir hier in der Vergangenheit schreiben, denn die Bazillenröhre wird gerade endgültig desinfiziert äh saniert und danach nie wieder so sein, wie wir sie kennen, sondern schön, hell, sauber und touristenfreundlich. Stattdessen gibt es jetzt eine neue, sehr hygienische Bazillenröhre: Sie führt direkt durch den Bahnhof durch über eine steile, nicht barrierefreie Treppe auf die Dresdner Straße, und beim Durchqueren spürt man absolut nichts. Nur der seelenlose Luftzug der Gentrifizierung weht einem eiskalt entgegen.

Das könnte sein:  Der Twitter-Bot „Hat heute in Chemnitz ein ICE gehalten?“ twittert zum ersten Mal die Antwort „Ja“ und Chemnitz wird vor lauter Freude darüber gleich noch mal europäische Kulturhauptstadt, dieses Mal aber richtig. Also eine Kulturhauptstadt, in die Menschen aus anderen europäischen Ländern und anderen deutschen Städten auch wirklich reisen können, ohne durchs deutsche Autobahn-Raser-Roulette zu müssen. Chemnitz kommt auf den Titel der „mobil“, im ehemaligen Burger King eröffnet ein Starbucks und aus Leipzig rücken scharenweise Leute an, weil man in Chemnitz einfach besser feiern kann. Die Leuchthülle zeigt Arthouse-Filme, internationale Kunstinstallationen, aktuelle Käse Maik Preise und die neuesten Nachtzugverbindungen an.

Das wird wohl nichts mehr:  Der Twitter-Bot „Hat heute in Chemnitz ein ICE gehalten?“twittert zum ersten Mal die Antwort „Ja“ und Chemnitz wird vor lauter Freude darüber gleich noch mal europäische Kulturhauptstadt.

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