Die Post der Moderne: Was im Herbst in Chemnitz geschah
Die Post der Moderne: Was im Herbst in Chemnitz geschah

Die Post der Moderne: Was im Herbst in Chemnitz geschah

Die vergangenen Wochen waren wirklich hervorragende Wochen für den Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex: Chemnitz, aus Film und Fernsehen normalerweise durch brutale Bilder befackelter Nazis bekannt, wurde nicht nur in der heute show erwähnt, sondern auch im Tatort, und das sogar ganz ohne Nazi-Bezug. Wobei ausgerechnet im Tatort aus Dresden gefragt wurde, ob es “unbedingt Chemnitz sein muss“, dabei ist Dresden doch bekanntermaßen selbst die viel schlimmere Stadt. Aber nicht nur das: Chemnitz hat jetzt endlich einen eigenen Mann in Hollywood, nämlich Matthias Schweighöfer, und war quasi zu Gast bei Jimmy Fallon. Chemnitz spielt jetzt in der Champions League und hat sogar Real in Madrid bezwungen, nämlich mit dem Pseudo-Underdog Sheriff Tiraspol aus Transnistrien, der von einem ehemaligen CFC-Spieler trainiert wird. Chemnitz hat vier Buzzer bei „The Voice of Germany“, nämlich dank Mazze Wiesner, dem drittbesten Chemnitzer Musiker nach Martin Schmitt (wait…wer?) und Ecke Bauer. Chemnitz hat jetzt außerdem einen eigenen Mann im Weltall, nämlich den erzgebirgischen Nussknacker und Entrepreneur Wilhelm, der in Raumfahrtfachkreisen nur noch „sächsischer Jeff Bezos“ genannt wird. Kurz: Chemnitz ist gerade auf dem besten Weg, eine verdammte Weltmacht zu werden. Nur auf dem Titel der New York Times war Chemnitz schon etwas länger nicht mehr, aber da könnte vielleicht ein kleiner romantischer Zapfenstreich auf der Brückenstraße Abhilfe schaffen. Was Kretsche und Ramelow in Dresden können, schaffen Schulze und Runkel in Chemnitz locker. Falls ihr bei so viel kumulierten Chemnitz-Fame nun plötzlich einen zaghaften Lokalpatriotismus in euch aufflammen spürt und eure Herzen von völlig unbekannten, fast schon romantischen Chemnitzgefühlen erschüttert werden, können wir euch beruhigen – in anderen Städten ist so was angeblich völlig normal. Es wird sogar noch besser, denn Chemnitz hat in den letzten Wochen auch noch zwei Rankings gewonnen, die ausnahmsweise mal nichts mit Meth und Nazis zu tun haben – sondern mit Leerstand und Überalterung. 

Erstes Ranking: Chemnitz ist die Stadt, in der die Löhne am stärksten stärker steigen als die Mieten. Die Menschen verdienen hier zunehmend mehr, mieten aber immer noch unterdurchschnittlich günstig – das macht Chemnitz zum einzig wahren Anti-München. Hier kann man übrigens nicht nur schöner wohnen als in München, hier wird auch noch mehr Bier getrunken als in jeder anderen deutschen Stadt: Damit ist Chemnitz offiziell uriger als München, Bamberg und Sternburg zusammen. Der überdurchschnittlich hohe Bierkonsum, noch so ein Chemnitzer Superlativ übrigens, ist eigentlich auch nicht weiter verwunderlich, Bier ist schließlich so etwas wie das Meth der stillen Mitte: es ist billig, man bekommt’s an jeder Ecke und kann es sich im kalten Keller heimlich selber zusammenbrauen. Vermutlich ist es andererseits auch nur noch eine Frage der Zeit, bis in Chemnitz die erste Craft-Crystal-Küche aufmacht. 

Zweites Ranking: Chemnitz ist aktuell die Stadt mit der durchschnittlich ältesten Bevölkerung, und zwar europaweit. Das ist jetzt nichts wirklich Neues, aber dass Chemnitz dieses Ranking noch mal oder schon wieder gewonnen hat, macht selbst die misserfolgsgebeutelten Chemnitzer:innen ein kleines bisschen stolz. Chemnitz rangiert sogar als einzige Stadt in den Top 5, und ist damit älter als ganze italienische Regionen (Ligurien) oder ganze deutsche Bundesländer (Sachsen-Anhalt, Thüringen). Nun könnte man als nachweislich älteste Stadt der Welt wie so eine coole Neunzigjährige sein, die nonchalant auf den Zeitgeist scheißt, weil sie ohnehin schon immer ihr eigenes Dinge gemacht und viel erlebt hat, aber das Problem ist, dass Chemnitz mit einem Altersdurchschnitt von 52 Jahren im allerbesten Boomeralter ist. Und sich auch genauso verhält: Arbeit als Lebensinhalt, Klimakrise egal, man gönnt sich lieber alle zwei Jahre einen neuen SUV und alle zwei Tage fünf Steaks auf dem Webergrill und fährt jeden Donnerstag im Camp David-Desigual-Komplettlook zum Großeinkaufen in den Globus. Chemnitz ist das stadtgewordene Jugendwort des Jahres, nur ohne Jugend: Mindestens fünf Jahre hinterher und immer ein bisschen cringe. Nicht umsonst wird in Chemnitz alles unter 45 Jahre großzügig als „jung“ definiert – eine Ü30-Party ist in der Chemnitzer Altersdimension also ungefähr das, was in anderen Städten eine Ersti-Party ist. Das ist zwar irgendwie gut für alle quarterlifekriselnde Ü30-Jährigen, denn in Chemnitz bleibt man ganz automatisch länger jung, aber es ist gleichzeitig ziemlich schlecht für die echte Jugend, die in dieser Stadt gerne übersehen wird. So ist es kein Wunder, dass alle fünfzig Chemnitzer Jugendlichen in der Innenstadt vor Bubble Tea und Donuts anstehen müssen, wenn ihnen die Stadt kaum andere attraktive Angebote macht, außer die krasse Skate-Halle, die nicht gebaut wird, zumindest nicht von öffentlichen Geldern. Und auch das Kulturhauptstadtprogramm ist am Ende ein ziemlich zielgruppengerechtes Boomer-Spektakel im Digital-Gewand, quasi ein einjähriger internationaler europäischer Schlüpfermarkt mit bisschen Cunst, live übertragen auf apothekerspace.eu, und dürfte für die meisten Jugendlichen bisher so spannend sein wie die Aussicht auf eine Donaukreuzfahrt mit den eigenen Eltern. 

An dieser Stelle gäbe es noch einiges zu berichten, zum Beispiel darüber, dass die beiden wichtigsten Chemnitzer Gesichter im Oktober beide ihren 50. Geburtstag feierten – wir meinen natürlich das Karl-Marx-Monument und Sven Schulze – und über das tolle Diversitätspanel, das Miko Runkel anlässlich des Geburtstages von OB Svenni veranstaltet hat. Aber können uns nicht mehr so richtig konzentrieren, weil wir uns beim freiwilligen Foto-Einsatz im Heckert einen fiesen Schnupfen geholt haben und weil wir aktuell mal wieder so hart krass an Sachsen verzweifeln. Das ist ja mittlerweile eigentlich schon zum Normalzustand geworden, aber es gibt Tage, da kickt die Sachsen-Verzweiflung anders rein, wie Rezo sagen würde. Vermutlich wurde das Wort „lost“ damals nur erfunden, damit wir heute Sachsen besser beschreiben können. Jedenfalls ist die Corona-Situation in Sachsen katastrophal, aber leider auch nicht überraschend, und wenn man die Bilder der Leugner-Nazi-Verschwörer-Demos aus Zwönitz, Zwickau, Leipzig, überall sieht und die Kommentare unter Freie Presse Artikeln liest, weiß man, Sachsen ist über-lost. In Sachsen sind die Menschen stolz auf ihr eigenes Hinterwäldlertum, so als wäre es eine Lebensleistung, den gesellschaftlichen Fortschritt zu verweigern. Damit sind sie im Erzgebirge z.B, nicht allein, auch Bayern hat ziemlich dunkelrote Zahlen und auch Österreich und Südtirol sind schlecht geimpft, und das führt uns zu einer epochalen End-Erkenntnis: Es sind vor allem die bockigen Bergvölker, die sich in einer Art Widerstands-Wahn für unverwundbar halten und sich gegen die bösen Preußen aufbäumen als wärs noch 1870. Es ist aber 2021, und dieser Widerstand ist weder edel noch heldenhaft. Er ist kleingeistig, egoistisch und dumm. 

Ein Kommentar

  1. walter white

    Brillant wie immer!
    Als mit Wohneigentum im Erzgebirge Gesegneter kann ich den Aussagen im letzten Absatz nur zustimmen. Man hält sich für cool: beim Maskentragen bleibt demonstrativ der Rüssel unbedeckt, Abstände sind egal und bei jeder Gelegenheit wird über die schlimmen, diktatorischen Anti-Covid-Maßnahmen gemault.
    Gastronomen, welchen die Regeln schnurz sind und deren Lokalitäten zwangsläufig zu Corona-Hotspots mutieren, werden als Helden gefeiert, bis man selbst auf der ITS liegt.
    Ich wäre gern woanders, selbst Chemnitz ist eine Alternative…

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