re:marx in Gefahr: Als Tempolimit auf dem Auto-Tuning-Treffen
re:marx in Gefahr: Als Tempolimit auf dem Auto-Tuning-Treffen

re:marx in Gefahr: Als Tempolimit auf dem Auto-Tuning-Treffen

Es stimmt, was man über Autos und ihre Besitzer:innen sagt: Die Autos sehen fast immer aus wie ihre Herrchen oder Frauchen. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt: Die Herrchen und Frauchen sehen fast immer aus wie ihre Autos.
Deshalb trägt der rotkäppige Typ, in dessen tiefer gelegten Kofferraum ein Baseballschläger mit der Aufschrift „Zahnfee“ lockt, auch selbst eine Zahnlücke. Deshalb hat sich die Hälfte aller hier Anwesenden ihre „Friss Feinstaub“-Heckscheiben-Sprüche auch tribalförmig auf den Oberarm tätowieren lassen. Deshalb steigt aus dem schwarz-braun speziallackierten Audi A-Irgendwas ein schwarz-braun gekleideter Mann, dessen Haarfarbe denselben Ton hat wie seine Felgen. Deshalb verbringen Menschen ihren Sonntagnachmittag freiwillig auf einem trostlosen Sel Gros Parkplatz zwischen Palmen und Einkaufswagen-Barrikaden, um dem besten Freund des Deutschen zu huldigen: Dem Auto.  

Es ist das erste Tuning-Treffen seit zweieinhalb Jahren und angeblich sind über fünfhundert Autos gekommen (wahrscheinlich sind es nur 150). Geladen hat die FordSchritt-Society – der Chemnitzer Tuning-Club heißt nicht etwa so, weil die Mitglieder ihre Fords in Schrittgeschwindigkeit über die Straßen bewegen, sondern wegen des brillanten Wortspiels. Die FordSchritt-Society hat über 50 Mitglieder, und alle von ihnen haben das offizielle Motor-Mantra „GSGM“ irgendwo hin buchstabiert, aber definitiv nicht alle von ihnen fahren Ford. Denn das G in GSGM steht für „Gemeinsam stark gegen Markenhass“. Die FordSchritt-Society ist „markenoffen“, wie man in Tuner-Kreisen sagt – das ist das „weltoffen, bunt und tolerant“ der Auto-Szene und heißt, dass sich hier auch Porsche-Fahrer:innen „GSGM“ auf die windschnittig gewachste Wade tätowieren lassen dürfen. Hier wird niemand ausgegrenzt oder aufgrund seiner Motorhaube diskriminiert, hier herrscht noch echte Markenverständigung, hier nebelt der Geist der europäischen Kulturhauptstadt aus den Auspuffen. Das Tuning-Treffen ist der Beweis dafür, dass eine bunt lackierte Gesellschaft funktioniert: Die Würde des Autos ist unantastbar. 

Das ist auch gut so, das Auto hatte es schließlich oft nicht leicht in letzter Zeit – und das, obwohl es der beste Freund des Deutschen ist: Die Grünen wollen es einsperren (Stichwort Tempolimit) oder vielleicht sogar ganz verbieten, die SUVs haben kaum noch Platz auf den Straßen, Andi Scheuer ist nicht mehr Verkehrsminister (dafür aber Volker Wissing), rücksichtslose Lastenräder und E-Roller nehmen unseren Autos die Abbiegespuren weg und Putin macht die Benzinpreise kaputt. Uns ist das alles herzlich egal, wir hassen Autos. We see them rollin‘, we hatin‘. Wir haben nicht mal einen Führerschein, wir sind das Tempolimit in Person, wir sind mit dem Fatbike angereist und haben Angst, dass uns jemand hasserfüllt die Reifen zersticht, wir würden gern einfach so mit unserem Schlüssel über die seltenen Spezial-Lacke kratzen. Ford forgive us. Vorsichtig schleichen wir über die „Deep Mall“ – das ist keine seltene sexuelle Shoppingcenterpraktik, sondern ein Parkplatz voller tiefer gelegter Tuner-Karren. Viele davon sehen auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakulär aus, aber das liegt vielleicht daran, dass wir einfach keine Ahnung von den prächtigen 1.8er-Motoren haben, die man hier bestaunen kann.
Wir falten unsere fahrigen Fahrradhände und murmeln nervös das 

Ford Unser*
der du heizt auf der Piste,
geheiligt werde dein Spoiler,
deine Schnelligkeit komme,
dein Lack glänze, wie in Köln, so auch hier,
unser täglich Power gib uns heute
und vergib uns unsere Tieferlegung,
wie auch wir vergeben unseren
Tunern und führe uns nicht in ’ne Radarfalle,
sondern erlöse uns von den bösen Bullen
denn dein ist die Strasse
und die Kraft und die Schnelligkeit in Ewigkeit.
Amen

(*das haben wir uns nicht ausgedacht) 

Die Autos tragen geschmacklose Heckscheiben-Aufkleber und Lack und Leder, „Gas.Krank“-Schilder und „Gasolina“-Duftbäume. Auf einigen Autos sitzen überdimensionale Kuscheltiere, süße Einhörner kaschieren Nazi-Symbolik. Es gibt freundliche Oldtimer und brutale Kühlergrillmonster, angenehm gedeckte Farben und Folierungen, die eindeutig von der neusten Germens-Kollektion inspiriert sind. Es gibt die „Spritzessin“, einen weinrot-schwarzen Ford mit „flachgelegt“-Sticker auf dem Schutzblech und Winnie Puh auf dem Beifahrersitz, es gibt nette Autos und die, um die man lieber einen Bogen macht, weil einem die 88 schon im Kennzeichen entgegen springt.

Es ist nicht das, was man erwartet und gleichzeitig doch: Man findet keine kunstvoll auf Motorhauben geairbrushten Wolfsmotive, man hört keine Auto-Tunes aus Subwoofern wummern, man trifft leider weder Xzibit von Pimp my Ride, noch Kai Ebel von der Formel1 im Germens-Hemd. Dafür ist der Geist von Paul Walker allgegenwärtig – fast alle Tuner:innen wurden von „The Fast and the Furious“ gaspedalisiert. Die Frauenquote ist überraschend hoch, und wir müssen unsere Vorurteile doch noch mal kurz in den TÜV schicken.
Die FordSchritt Society steht schließlich für eine Gesellschaft, in der der Diesel noch Diesel sein darf, für eine Gesellschaft, die markenoffen für alles ist: Man kann mit dem Fatbike vorfahren, man kann Eintracht Frankfurt Fan sein, man kann von Hupen und Abgasen keine Ahnung haben. Man kann sich das VW-Logo in den Nacken tätowieren, obwohl VW die meistgehasste Marke ist, man kann sich völlig unbehelligt Eiserne Kreuze mit Hakenkreuz-Gravur an den Rückspiegel hängen, man kann sich Baseballschläger oder Gewehre in den Kofferraum legen und Schrothülsen verschenken, man kann Raser oder Reichsbürger sein oder ein Hippie mit Oldtimer, man kann gefälschte Umweltplaketten spazieren fahren, ja vermutlich wäre sogar ein Elektro-Auto okay. Vor Ford sind alle gleich. Nur ob man hier mit „Tempolimit-Ja-Bitte-Shirt“ auftauchen kann, ohne bespuckt zu werden, das wissen wir nicht so recht. Unsere Vorurteile sind aus dem TÜV zurück, sie haben sich bestätigt. 

Jeder dritte Tuner heißt Heiko oder Ronny: Engelbert Strauss-Hosen, Camp David-Prints, Monster-Energy-Vibes. Man wird nicht als Tuner geboren, man wird es. Manche haben Klappstühle ausgepackt und Roster mitgebracht, die zwei Heiligtümer der Deutschen: Der Kühler- und der Webergrill.

Nachdem wir es geschafft haben, über die Deep Mall zu flanieren, ohne dabei als Tempolimit-Befürworter, Führerscheinlose oder Autohasser aufzufallen, trauen wir uns endlich in den „VIP Bereich“. Im VIP-Bereich gibt es Bier, Burger und eine Bühne, vor der gerade eine „Sexy Car Wash Show“ stattfindet, als wäre Feminismus nie passiert, als wäre die Chemnitzer Tuning-Szene dann doch nicht so fordschrittlich, wie ihr Name behauptet. Eine Frau putzt sexy tanzend den orangefarbenen Ford-Bla eines Mannes, befeuert von plumpen Kommentaren des Moderators. Das scheint nicht nur fragwürdigen Entertainmentzwecken zu dienen, sondern auch eine Art heiliges Aufnahme-Ritual in die erlesenen Tuner-Kreise der FordSchritt Society zu sein. Nach der Sexy Car Wash Show ist vor dem großen Felgen-Stemmen: Wer mehr als 90 Sekunden schafft und dabei die sexistischen Kommentare des Moderators erträgt, bekommt ein Freibier. Wer allerdings auf Motor- statt auf Muskelkraft schwört, kann sein Auto bei der großen Dezibel-Messung röhren lassen – ein letztes lautes Aufbäumen gegen die Verbote der drohenden Öko-Diktatur. Der tagesaktuelle Höchstwert liegt bei 150 Db und ein leises Raunen geht durch die Menge. Wir sind nicht beeindruckt und reichen sofort Lärmbeschwerde ein. SUVs sind beim Tuning-Treffen selten, vermutlich weil sie zu hochnäsig sind, um tiefergelegt zu werden, und der eine SUV, der mutig zur Lautstärke-Messung vorfährt, versagt dabei kläglich – hier zerplatzen Dezibelträume  wie Trommelfelle. 

Tuning-Treffen ist wie Rassetierschau, nur mit Autos. Die Autos sind die Stars, sie haben eigene Instagram-Accounts, sie haben eigene Geschichten, sie haben schon viele Pokale gesammelt, vermutlich haben sie auch eigene Stammbäume und Zucht-Zertifikate, jede Auto-Rasse hat ihre eigenen Reize. Ihre Schöpfer:innen halten sich im Hintergrund, während sich Menschen um Motoren drängen, als wäre das irgendwie interessant. Die Tuner stecken viel Arbeit in ihre Autos, das betonen sie immer wieder, und viel Geld. Die Spaltung der Auto-Tuning-Gesellschaft verläuft nicht etwa zwischen Marken, sondern zwischen denjenigen, die alles selbst machen, und denjenigen, die einfach nur viel Geld ausgeben und alles machen lassen. Das nennt man FFFF – Folie, Fahrwerk, Felge und Finanzierung. (Bitte nicht verwechseln mit FFF, das ist Greta Tuneberg, und die ist hier eher nicht so beliebt.) Leise Raser-Ressentiments schwingen in der Luft, werden aber von der Dezibelmessung übertönt. Das hier ist schließlich „GSGM“ — das Woodstock für Autos. 

Bei all dem polierten Auto-Fetisch weiß man irgendwann nicht mehr, ob man noch auf dem Tuning-Treffen ist oder doch schon auf dem FDP-Parteitag. Es wäre also keine Überraschung, wenn beim abschließenden „Show&Shine“ Volker Wissing persönlich die Pokale für die 30 schönsten Autos überreichen würde, aber der macht drüben am Essensstand lieber Fotos von der Pizza-Waffel “Hawai“. Dreißig „Show&Shine“-Pokale werden vergeben, das sind ungefähr so viele, wie insgesamt Autos da sind, es gibt keine Rubriken und irgendwie gibt es auch keine richtigen Kriterien. Nicht geehrt werden das beste Kennzeichen (ABG:AS), der schlimmste Heckscheiben-Aufkleber („Nur wer bläst wird auch geleckt“), die schönste Lackfarbe (das re:marxfarbene Auto von „Begehrt“) und das beste Gesamtkonzept („Die Spritzessin“)

Zum großen Finale kommen noch mal alle Mitglieder des Tuning-Clubs auf die Bühne und rufen zusammen „FordSchritt! FordSchritt! FordSchritt!“
Die Spritzessin ist da schon längst abgerast.

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