Die Post der Moderne (Mai): Mit C
Die Post der Moderne (Mai): Mit C

Die Post der Moderne (Mai): Mit C

Wie buchstabiert man eigentlich ICE? Richtig: „I wie Ingelheim – C wie Chemnitz – E wie Essen“. Das C in ICE ist zwar stumm und eigentlich hält auch nur in Essen einer, das macht aber nichts, denn nur 180 Jahre nach Kriegsende hat Deutschland endlich seine alte Buchstabiertafel entnazifiziert. Es gibt jetzt also eine neue Buchstabiertafel mit Städtenamen, auf die es auch unser Chemnitz geschafft hat. Wobei sich Entnazifizierung und Chemnitz ja irgendwie ausschließen, Stadt und Chemnitz übrigens auch.
Aber egal: Als Stadt auf der neuen Buchstabiertafel zu sein, ist wie als Star einen eigenen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame zu bekommen – oder eine eigene Wabe in der Stadthalle Chemnitz. Vor vier Jahren gab es Chemnitz noch nicht mal auf Landkarten, jetzt sind wir direkt auf der Buchstabiertafel gelandet. Von null auf hundert in nur 879 Jahren, der gelebte sächsische Traum. Man sagt nicht mehr „C wie Caesar“, man sagt „C wie Karl-Marx-Stadt“, und man sagt „Crystal, mit C wie Chemnitz“, und man buchstabiert cringe jetzt Chemnitz Rostock Ingelheim Nürnberg Goslar Essen“, und natürlich ist es kein Zufall, dass man lost mit L wie Leipzig schreibt. 

Doch beim längeren Blick auf die Buchstabiertafel verpufft das neu gewonnene Chemnitzer Selbstbewusstsein wie die Scholz’schen Sanktionen an Putin, denn erstens ist Chemnitz scheinbar nur eine Token-Stadt (ostdeutsch und provinziell) zwischen all den richtigen Städten (Berlin, Köln, München, Hamburg) und zweitens hat es auch Zwickau auf die Buchstabiertafel geschafft, was das ganze gleich ein bisschen weniger cool macht. Cool mit C wie Chemnitz, versteht sich. Andererseits sind jetzt ganze Bundesländer sauer, weil sie es mit gerade mal einer Stadt nur knapp auf die Tafel geschafft haben (Baden-Württemberg, T wie Tübingen). Von einst selbstbewussten Städten sind nur noch kommunale Scherbenhaufen übrig, weil es nun H wie Hamburg und nicht H wie Hannover heißt, überall in Deutschland entstehen jetzt neue Chemnitze mit kaputtem Selbstwertgefühl und unheilbaren Minderwertigkeitskomplexen, während das Original zum bundesweit berühmten Buchstabiertafel-Star avanciert. Die ABC-Überfliegerin Chemnitz hätte es sogar doppelt auf die Buchstabiertafel schaffen können, für Y wie Ypsilon wäre nämlich auch das Yorckgebiet in Frage gekommen, und man frag sich, warum Deutschland nicht gleich auf eine DIN-genormte Buchstabiertafel nur mit Chemnitz-Begriffen gesetzt hat, dann hätte sich niemand schlecht fühlen müssen.
Hier unser Vorschlag: A wie Adelsberg, B wie Bernsdorf, C wie Cultur. D wie Dampflok, E wie Europäische Kulturhauptstadt, F wie Fitflasche. G wie Gablenz, H wie Huch, schon wieder aus versehen den Hitlergruß gezeigt, I wie Intercity. J wie ja, das ist wirklich das Stadtzentrum, K wie Kappel, dann ist der Kaßberg sauer, L wie Lulatsch. M wie RB, N wie nach acht nichts mehr los, O wie Oar nee. P wie Peter Patt, Q wie Querdenker-Demo mitten in der Stadt, R wie risch hart. S wie Sven Schulze, T wie TUC, U wie Umlandshose. V wie Vita Center, W wie Wittgensdorf, X wie x-beliebige neue Architektur, Y wie Yorckgebiet. Z wie Zenti. 

In Chemnitz wird C wie Chemnitz nicht nur in rauen Mengen geschnupft, am C scheint auch die gesamte städtische Identität zu hängen. Nachdem man sich ein öffentliches Liebesbekenntnis zur Teufelsdroge („I Love C“) mitten in die Stadt gestellt und erfolgreich als Touri-Hotspot und etabliert hat, sollen demnächst C-förmige „Chefsessel“ zum Verweilen in der Betonidylle einladen. Außerdem sind Sitzmöbel in Chemnitz-Form geplant. Und mit Chemnitz-Form sind weder Tränen-Tropfen noch versehentliche Swastiken gemeint, sondern die wunderschönen Umrisse der Stadt. Man stellt sich also einfach die eigene Stadt in die eigene Stadt, damit die Chemnitzer:innen auf sich selbst sitzen können – mehr Meta wird’s nur im Meta-Verse, aber das ist auch nur eine Beta-Version im Vergleich zur dilettantischen Brillanz des Chemnitzer Stadtmarketings.
Vielleicht gehört das ja alles zu einem geheimen Demografie-Rettungspaket der Stadtverwaltung: Es gibt kaum Zuganbindung, bei der Kulturhauptstadt wird das „europäisch“ immer vergessen und die Innenstadt sitzmöbelt man mit peinlichem Lokalpatriotismus auf. Wenn hier niemand mehr mitbekommt, dass es noch eine Welt außerhalb von Chemnitz gibt, zieht auch niemand mehr aus Chemnitz weg.

Leider scheint der Plan nicht aufzugehen, denn Chemnitz hat mittlerweile mehr Autos als Einwohner:innen. Also nicht ganz, aber auf zwei Chemnitzer:innen kommt mittlerweile ein PKW. Und weil der Trend zum Dritt-SUV geht und weil die Chemnitzer Stadtbevölkerung weiterhin schrumpft, werden hier wahrscheinlich bald auf drei PKW nur noch anderthalb Chemnitzer:innen kommen. So sieht sie aus, die FDP-Planstadt der Zukunft: Kaum noch Menschen auf den Straßen, dafür fühlen sich aber hier die Autos besonders wohl. 

Lars Fassmann ist zurück, dieses mal mit einem mächtigen Musk-Move: Tesla gehört ihm ja schon, also der Club an der Zietenstraße, jetzt macht er seine Millieu-Milliarden locker, um einen Ort aufzukaufen, den viele für verloren halten, an dem die Meinungen schnell hochkochen und an dem ziemlich viel gepöbelt wird. Genau, das Erzgebirge. Konkreter: Das Klein-Erzgebirge in Oederan. Noch konkreter: Das Veranstaltungshaus im Klein-Erzgebirge in Oederan. Also alles doch gar nicht so spektakulär, wie es bei tag24 klingt,  aber vielleicht geht da in Zukunft noch mehr: Ein Miniatur-Nachbau der Zietenstraße würde endlich mehr Punk ins beschauliche Klein-Erzgebirgs-Idyll bringen, und wenn im Jahr 2025 hier alles weggentrifiziert ist, könnte der Miniatur-Immobilienmarkt das nächste große Ding werden. 

Chemnitz ist mal wieder um eine Nazi-Attraktion reicher. Neben dem CFC, dem Sonnenberg, den prominenten Fascho-Ärschen aus dem Bid Book und den Freien Sachsen gibt es jetzt eine neue Nazi-Kneipe, direkt gegenüber vom neuen Kulturhauptstadt-Headquarter in der Schmidt-Bank-Passage. Alles, was Chemnitz ausmacht, findet man jetzt konzentriert an diesem Ort: Einerseits Kulturhauptstadt, andererseits macht mitten in der Stadt völlig unbehelligt eine als Sportsbar getarnte Nazi-Kneipe auf – Chemnitz in a nutshell.
Wobei OB Svenni im Spiegel-Interview jüngst den Kretsche gemacht und erklärt hat, dass das ja alles gar nicht so schlimm sei mit den Nazis in Chemnitz. Im Gegenteil: Das Narrativ vom bösen, rechten Osten sei Schuld, die Zeiten hätten sich geändert. Stimmt, man liest mittlerweile nur noch wöchentlich von „Sieg Heil“-Rufen, Hitler-Tattoos, Nazi-Kneipen etc., und gar nicht mehr täglich wie früher, also 1933. Es geht eindeutig bergauf in Chemnitz, und wenn wir noch fünf Mal bunt „Toleranz“ in die Innenstadt sprühen, sind die Nazis bis 2025 endgültig Geschichte. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.