Prunk’s Not Dead: Wie viel Chemnitz steckt in Dresden?
Prunk’s Not Dead: Wie viel Chemnitz steckt in Dresden?

Prunk’s Not Dead: Wie viel Chemnitz steckt in Dresden?

Im Freistaat Sachsen gibt es zwei Städte, die ganz besonders wichtig sind: Die eine ist Hauptstadt, die andere ist Dresden. Okay, Dresden ist zwar Landeshauptstadt, aber eben von Sachsen. Das ist ungefähr so, als wäre man zwar Chefin, aber von einem Unternehmen, das hoffnungslos pleite ist. Dresden ist deshalb quasi von Natur aus etwas weniger beliebt als alle anderen Landeshauptstädte, wobei Landeshauptstädte ja immer ein bisschen verhasst sind, vor allem im eigenen Bundesland. Das Besondere an Dresden aber ist, dass die gefühlte Unbeliebtheit an der Stadt abzuprallen scheint wie die Sachsen damals an Preußen, denn Dresden existiert auch außerhalb der überkritischen Twitterbubble – Dresden existiert im Tourismus.
Und der Tourismus liebt Dresden. Und so werden trotz geballter Sächsischkeit, trotz Pegida, trotz der Wunde, die der geklaute Sachsenschatz damals in unseren sächsischen Seelen hinterlassen hat, auch dieses Jahr wieder Busse voller silbergrauer Prä-Boomer nach Dresden reisen. Multifunktionsmaximierte E-Biker-Gangs werden den Elbradweg runter rasen,  propagandablinde Putin-Ultras werden auf dessen Spuren wandeln, Nazidemotouristen aus dem Umland und Dortmund werden vor der Frauenkriche Reichsflaggen schwenken, Menschen aus Westdeutschland, die sich endlich auch mal so richtig in den Osten trauen, werden sagen: „Schon schön hier“. Sie werden in Touristenfallen tappen, in der überlaufenen Gastro-Gasse beim Australier original sächsische Straußensteaks bestellen, im Brauhaus nach Dresdner Tradition gebrautes bayrisches Weißbier trinken, dem Schifferklavierspieler vor dem Fürstenzug großzügig Geld in den Hut werfen und an den Elbterrassen beim Bratwurst-Essen eine Bautz’ner Senf-Offenbarung bekommen. Doch die wenigsten werden wissen, dass Dresden ohne Chemnitz nur ein verschlafenes Weindorf an der Elbe wäre. Dabei hat schon Goethe gesagt: „In Chemnitz wird das Geld verdient, in Leipzig wird es verkokst, in Dresden wird es ausgegeben“. Und so hält sich in Chemnitz schon länger die Annahme, dass sich Chemnitz mit harter Arbeit schmutzig machen muss, damit Dresden so schön glänzen kann, dass Dresdens Prunk also auf Chemnitzer Steuergeldern gebaut ist, ja dass ganz Sachsen ohne die malochende Moneymachine Chemnitz eigentlich nur ein brauner Fleck zwischen Elbe und Erzgebirge wäre. Die peinliche Pracht des Freistaates lastet auf den schwer schuftenden Schultern unserer unscheinbaren grauen Stadt – nicht umsonst wird Dresden im Volksmund gemeinhin auch „Elbchemnitz“ genannt. Und weil unser Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex bei dem Gedanken daran härter reinkickt als der dritte Spumoni im Balboa, sind wir mutig in eine MRB voller maskenloser Männergruppen gestiegen, um Dresden auf Chemnitzability zu checken und zu gucken, welche Stadt jetzt besser Hauptstadt kann.

Die Anreise: Dresden erreicht man von Chemnitz aus mit einer neumodischen Version der MRB, und das ist schon das erste Problem: Über die MRB nach Dresden existieren weder Witze, noch hat sie Legendenstatus. Sie fristet ihr Regionalbahndasein im Schatten der großen MRB nach Leipzig und ist kein kultiger Hypetrain, sondern ein ganz normaler Regionalexpress, in den man ein- und wieder aussteigen kann, ohne sich dabei die Beine oder das Nahverkehr-Herz zu brechen. Und so rollt man entspannt durchs liebliche Mittelsachsenland und schrammt dabei immer gefährlich nah am Rande des Erzgebirges vorbei, bis sich die Welt schlagartig verfinstert und das Herz ganz schwarz und schwer wird und man sich fühlt, als würde einem der sächsische Innendementor Roland Wöller persönlich jegliches Glücksempfinden aus der Seele saugen: Willkommen in Tharandt. Hier beginnt die schlimmste Region Sachsens, die Sächsische Schweiz/Osterzgebirge — und gegen die wirkt selbst unser liebliches Erzgebirge wie ein friedliches Auenland.

Die Stadt: Dresden ist für Sachsen, was das Oktoberfest für Deutschland ist: Die Essenz aller Leitkultur. Soll heißen: Dresden IST Sachsen. Hier konzentriert sich alles, was den Freistaat ausmacht: Nazis, gepflegter Konservatismus, ewige Opfermentalität, historisch tief verwurzelte Komplexe und daraus resultierendes Rumgeprotze. Klar, das alles findet man auch in Chemnitz, aber eben viel barockschnörkelloser, weshalb Dresden die verdiente Landes- und Chemnitz die coolere Kulturhauptstadt ist.
Dresden zählt rund 556.000 Einwohner:innen – das sind mehr als doppelt so viele wie in Chemnitz, allerdings leben sie eingekesselt in Ahnungslosigkeit und tief im gefährlichen Schatten der Sächsischen Schweiz. Die Sächsische Schweiz ist eine Art schwarzes Sachsen-Loch, aus dem absolut nichts mehr rauskommt, außer Fascho-Strahlung und fette AfD-Prozente. Chemnitz hingegen wird zwar vom Erzgebirge im Süden und von Zwickau im Westen bedroht, aber im Norden liegt das gelobte Land Leipzig, in das man sich immer flüchten kann, vorausgesetzt natürlich, es fährt gerade was.
Eine große Stadt wie Dresden ist immer auch geprägt von großen Männern: Hier wirkten schon August der Starke, Roland Kaiser, Stumphi und Uwe Steimle. Allerdings muss sich Chemnitz diesbezüglich überhaupt nicht grämen, schließlich haben wir nicht nur unseren Stille-Mitte-Macher Sven Schulze, sondern auch den zukünftigen Sachsenkönig Martin Kohlmann.


In Dresden stehen dafür so ziemlich alle sächsischen Sehenswürdigkeiten, gemeinhin auch die „sieben Sachsenwunder“ genannt: Die Frauenkirche, der Zwinger, die Semperoper, das Grüne Gewölbe, die Elbe, Kretsches Fähnchen im Wind und montags immer Pegida. Natürlich alles aufgebaut und finanziert von Chemnitzer Steuergeldern, während die Chemnitzer:innen in schäbigen Kaßbergbuden hausen, die alten, von Dresden aussortierten E-Roller fahren und täglich Schandflecke wie die Parteisäge, die Stadthalle oder die Chemnitz ertragen müssen. Dabei hat uns Dresden so viel zu verdanken: Dynamo wäre ohne den gemeinsamen Hass aus Aue und Chemnitz nur ein popeliger Kreisliga-Klub, unser Kretsche-Micha wäre ohne seine Aussagen zu Kraftklub oder August 2018 nur halb so peinlich, Pegida wäre ohne Chemnitzer Nazis ganz leer und vor allem die Elbe wäre ohne das über die Mulde zufließende Wasser der Chemnitz nur ein kleines Rinnsal zur Nordsee hin.  

Urbanes Zenti-Gefühl: Die Dresdner Zenti heißt „Prager Straße“, beginnt hinterm Hauptbahnhof und ist die Einkaufsmeile, die die Straße der Nationen nie werden durfte: Hier gibt es alle Läden, die es in Chemnitz nicht gibt, hier trifft sich das gesamte Ostsächsische Umland samstags zum Shoppen, hier lustwandelt man zwischen hässlicher Architektur – näher kommt Dresden nirgendwo an Chemnitz ran. Wem das zu Mainstream ist, der kann in der Neustadt über die Alaunstraße bummeln. Die Alaunstraße ist, was der Brühl gern wäre: Nachts Ballermann für Alternative, tagsüber Prenzlauer Berg, nur zehn Jahre später und mit mehr Esoterik. Von den Partystadtteilen abgesehen, atmet Dresden eher das, was man sich 1697 so unter „Urbanität“ vorgestellt hat: Klassik und Kutschverkehr, Elbwiesen, Weinhänge und Schlösser. Wo die absolutistische Urbanität zerstört wurde, hat man sie natürlich nur dank der Chemnitzer Steuergelder als Disneyland wieder aufgebaut – und sich einen biederen Barock-Vergnügungspark in die Innenstadt gesetzt, gegen den selbst Chemnitz aussieht wie ein angesagter Stadtteil von Tokyo. 

Fassmannsches Freiraumpotenzial:  Dresden schmückt sich zwar mit einem angeblichen „Residenzschloss“, aber leider findet man darin keine alternativen Künstlerwohnungen mit Ofenheizung und untapezierten Wänden für sein neues internationales Artists in Residence-Programm. Dresden hat damit also keine Chance gegen das Chemnitzer Fürstentum, den Sonnenberg,  und auch generell sieht es in Dresden mit (günstigem) Wohnraum schlecht aus. Hier gibt es also rein gar nix mehr zu holen. 

Architektonischer Modernefaktor: Nachdem Bomber Harris den Dresdner Barock in Schutt und Asche gelegt hatte, wurden auch in Dresden die klaffenden Kriegswunden mit sozialistischer Architektur gestopft, und man findet hier durchaus schöne Platten und andere brutalistische Betonperlen. Allerdings wird Dresdens Chance auf echte Hässlichkeit immer wieder von nerviger Barockarchitektur, komischen Kirchkuppeln, lästigen Schlosstürmchen, üblen Elbufern und furchtbar fotogenen Panoramen getrübt. Machen wir uns also nichts vor: Dresden gilt gemeinhin als schöne Stadt und wird trotz seiner vielen Schlösser nie eine echte Betonhochburg wie Chemnitz sein.

Lärmpegel: Da man sich in Dresden ausschließlich via Pferde-Kutsche, Elbraddampfer oder E-Bike fortbewegt, ist der Lautstärkepegel für das sensible Chemnitzer Gehör eigentlich recht angenehm. Allerdings sollte man die Neustadt dringend meiden, denn hier gibt es etwas, das die Chemnitzer:innen noch mehr fürchten als neue „Schmierereien“ am Schlossteichpavillon: Nachtleben – und davon nicht gerade wenig. So viel Nachtleben sogar, dass Dresden ganz dreist das bekanntermaßen in Chemnitz erfundene „Döner Drive-In“-Konzept kopiert und historisch erhalten hat, während der Chemnitzer Original-Döner-Drive-In einer Großbaustelle zum Opfer gefallen ist – wo es früher „Salat alles“ in rauen Mengen gab, ist heute nur noch eine schmerzhafte Erinnerung an die guten alten Zeiten geblieben.

Einsamkeitsgefühl: Vor allem an Wochenenden ist Dresden oft so voll wie die Elbe bei Hochwasserstand – das kann bei Chemnitzer:innen schnell zu Überforderung führen, viele fühlen sich eingeengt, wenn sie mit mehr als fünf Menschen gleichzeitig auf der Straße sind oder werden nervös, wenn sie andere Sprachen außer Sächsisch hören. Gegen die plötzliche Platzangst und Panik, die der Anblick der Dresdner Menschenmassen auslösen kann, hilft eigentlich nur die schnelle Abreise zurück mit der MRB nach Chemnitz, dem Zen-Kloster unter den Großstädten.

Was hat Dresden, was Chemnitz nicht hat: Chemnitzer Steuergelder, Durchhaltevermögen bei Montagsdemos, die Elbe.
Was hat Chemnitz, was Dresden nicht hat: Eine erfolgreiche Kulturhauptstadtbewerbung, eine pulsierende Popkulturszene, den versenkten Sachsenschatz am Grunde des Schlossteichs.
Wer hier hinziehen sollte: Der rechtmäßige Sachsenkönig Martin Kohlmann und seine gesamte Gefolgschaft, die Macher von „Stadtbild Chemnitz“, Menschen, denen Chemnitz langsam zu „modern“ wird.

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