Poesie. – re:marx https://remarx.eu Party. Pöbeln. Poesie. Sun, 07 Dec 2025 21:32:18 +0000 de hourly 1 https://remarx.eu/wp-content/uploads/2020/11/cropped-125012464_432528241474970_4884255275929351572_n-6-32x32.jpg Poesie. – re:marx https://remarx.eu 32 32 Kunst kommt von Chemnitz – Kunst kennen leicht gemacht https://remarx.eu/2025/12/kunst-kommt-von-chemnitz-kunst-kennen-leicht-gemacht/ https://remarx.eu/2025/12/kunst-kommt-von-chemnitz-kunst-kennen-leicht-gemacht/#respond Sun, 07 Dec 2025 21:25:16 +0000 https://remarx.eu/?p=12847 Maken war letztes Jahr, seit der europäischen Kulturhauptstadt muss man in Chemnitz vor allem Kunst kennen. Bei all den wichtigen Kunstevents, die es gab und gibt, kann man schon mal die Übersicht verlieren: Was sagt man wo? Wen trifft man wo?  Wo sind die wichtigsten Spots, wer die wichtigsten Player im Chemnitzer Kunstgame? Eine Übersicht über alles, was ihr kennen solltet

Kunstsammlungen 

Wen man hier trifft: Westdeutsche Kulturtouristen mit Hüten, Kunstkompetenz und Reiseführern, Menschen, die es nicht ganz bis nach Dresden geschafft haben, Ingrid Mössingers Schatten, Leute, die Edvard Munch noch persönlich von früher kennen, Osmar Osten. 

Was man hier macht: Ganz klassisch: Die Arme hinter dem Rücken verschränken, mindestens zwei Minuten vor jedem Bild stehen bleiben, immer auch einen Schritt zurückgehen für den besseren Gesamteindruck, danach vielleicht noch ein Piccolöchen im Museumscafé. 

Was man hier sagt: „Ach, der Schrei, das ist doch nur ne kleine Litho.“ – „Ich habe mir für Ende Oktober noch mal drei Zeitslots gebucht.“ – „Wie, Munch war nur drei Wochen in Chemnitz? Ich war auch mal drei Wochen auf Capri. Machen die jetzt auch ne Ausstellung über mich, höhöhö.“ – „Das Schiff ist völlig überbewertet“ – „Die moderne Kunst wäre ohne Die Brücke heute nicht dieselbe!“ – „Also wir auf dem Kaßberg sagen ja KaSchmiR zu Schimdt-Rottluff!“

Was man hier trägt: Seidene Halstücher und Schals, Karl Schmidt-Rottluff-Colorcode (Grün, Blau, Gelb, Rot), „Schrei“-Socken aus dem Giftshop, gedecktes Beige, um dem grellen Expressionismus etwas mehr Ernsthaftigkeit entgegenzusetzen. Man kann sich auch in die Farben der Esse hüllen, eine modische Reminiszenz an Daniel Buren, aber die Wahrscheinlichkeit, dass man dann sofort von der eins Energie verklagt wird, ist hoch. 

Wen oder was man hier kennen sollte: Sämtliche Brücke-Künstler, Frédéric Bußmann, Karl Schmidt-Rottluffs Eltern, Bob Dylan, die Befindlichkeiten der ehemaligen Clara-Mosch-Mitglieder, die Kuratorin, Osmar Osten. 

Größter Fauxpas: „Die Dresdner hams gut, die haben Caspar David Friedrich“, versehentlich Kartoffelbrei auf den Schmidt-Rottluff kleckern, nichts über Edvard Munch oder Van de Felde wissen. 

Museum Gunzenhauser 

Wen man hier trifft: Leipziger:innen, die in Kunstpartybussen angekarrt werden und sich darüber beschweren, dass im Museumsfoyer nach 22 Uhr keine Afterhour mit Koks-Buffett geht, Leipziger:innen, die wieder mit Kassetten auflegen, Leute, die gerade angekauft wurden, das Who-is-Who der hippen Chemnitzer Kunst- und Kulturszene, Michael Ballacks feines Kunstgespür, Osmar Osten. 

Was man hier macht: Bier trinken und rauchen, Fotos von der „Das Kapital“-Hüpfburg, im Sommer auf der Treppe draußen rumlungern und die Leipziger:innen beim Wichtigsein beobachten, Fotos vom roten Treppenaufgang, tanzen, heimlich slowenischen Crémant trinken.

Was man hier trägt: Eine seltene deutsche Ausgabe des „European Realities“-Katalog als Accessoire unterm Arm. 

Was man hier sagt: „Wie, du wurdest noch nicht angekauft?“ – „Das Gunzenhauser ist unser Moma“ – „Nee, also es sind schon auch Dresdner da“ – „Die Topfpflanzenecke ist meine Lieblingsecke“ – „Neue Sachlichkeit ist billig im Vergleich zum Expressionismus, also kauft!“ – „Unseren größten Kunstfauxpas hatten wir in New York“ – „Die Letten sind auch echt super!“ – „Sehen wir uns dann nochmal im Balboa?“ – „Ich möchte den Kandinsky da kaufen!“

Wen oder was man hier kennen sollte: Sämtliche europäische Strömungen der Neuen Sachlichkeit, Ruprecht Geiger, Otto Dix, die Kuratorin, Osmar Osten. 

Größter Fauxpas: Zurück nach Leipzig fahren, statt endlich nach Chemnitz zu ziehen. 

Purple Path (Eröffnung) 

Wen man hier trifft: Auf jeden Fall immer jemanden von der Kulturhauptstadt GmbH, die Fotodrohne von Radar, Alexander Ochs und alle zehn kunstinteressierten Erzgebirger:innen, Osmar Osten. 

Was man hier macht: Warten, bis die lange Rede von Alexander Ochs endlich vorbei ist, warten, bis die lange Rede von Alexander Ochs endlich vorbei ist, warten, bis die lange Rede von Alexander Ochs endlich vorbei ist, warten, bis die lange Rede von Alexander Ochs endlich vorbei ist, danach vielleicht noch ein bisschen Blasmusik. 

Was man hier trägt: Opas alte Bergmannstracht, dicke Daunenjacken, Parkas, festes Schuhwerk, die „So-geht-Sächsisch“-Jacke von Michael Kretschmer, bunte „Chemnitz2025“-Beutel. 

Was man hier sagt: „Ich hab meinen ersten Turrell damals in Kalifornien gesehen, das werde ich nie vergessen.“- „Kunst im öffentlichen Raum ist noch mal ganz anders zu bewerten!“ – „Dafür ist wieder Geld da!“ 

Wen oder was man hier kennen sollte: Tony Craggs Arbeiten in Wuppertal, den James Turrell in Freising, den Kurator, Osmar Osten. 

Größter Fauxpas: Noch mehr reden als Alexander Ochs. 

POCHEN 

Wen man hier trifft: Alle wichtigen POCHEN-Männer und ab und an auch ein paar andere Gäste, Osmar Osten. 

Was man hier macht: Sich eine halbe Stunde lang über sämtliche Texte beugen und trotzdem nicht verstehen, was zur Hölle eigentlich gemeint ist, in dunklen Hallen vor schwerer, bedrückender Kunst und anstrengenden Klanginstallationen stehen und so tun, also würde man alles verstehen oder über seine strapazierte Ost-Seele sinnieren. 

Was man hier trägt: Schwarz, Stufenschnitt, seine neu entdeckte Ost-Identität, und immer ein kleines Fremdwörterlexikon mit sich herum. 

Was man hier sagt: „Es heißt Biennale, weil es aller ZWEI Jahre stattfindet.“ – „Ich verstehe einfach gar nichts“ – „Ich hasse Klanginstallationen“ – „Diesmal sind aber ein, zwei gute Arbeiten dabei“ –  „Die haben ja auch ne ordentliche Kuration“ – „Im Polylog mit der dichotomen Gesellschaft wird die paradoxe Gegenwart zu einem neuralgischen Ist-Komplex komprimiert.“ – „Ah ja, klar.“ – „Sagt doch gleich, dass es um den Ukraine-Krieg geht.“ – „Ich geh noch mal zur Bar.“ 

Wen oder was man hier kennen sollte: Mindestens einen oder zwei der wichtigen POCHEN-Männer, außerdem mindestens hundert wichtige Fremdwörter, Fördermittelgeber:innen, Osmar Osten. 

Größter Fauxpas: „Das Ost-Thema nervt mich langsam.“ In leicht verständlicher Sprache kommunizieren. 

Begehungen 

Wen man hier trifft: Eigentlich immer jemanden, den man kennt und auch mag, Osmar Osten.

Was man hier macht: Leute treffen, die man kennt und auch mag, mit denen dann an der Bar abhängen und quatschen und dabei Akteure in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten. Zwischendurch schaut man sich bisschen Kunst oder eine anstrengende Performance an, aber Kunst ist hier nebensächlich.

Was man hier trägt: Die Besucherzahlen wie eine Trophäe spazieren und Neunzigerjahre-Vintage-Bloussons.  

Was man hier sagt: „Nie wieder Regionalliga“ – „Hast du den Freie-Presse-Artikel gelesen?“ – „Früher war die Bar liebevoller gemacht“ -„Die Location ist schon cool“ – „Die haben dieses Jahr sogar mal eine richtige Kuratorin“ – „Die Arbeiten in der einen Halle sind das Beste, was ich je bei den Begehungen gesehen habe, aber der Rest ist wie immer.“ – „Die erste Halle berührt mich null!“ – „Ey, 7,50 Euro für ein Radler?“ – „Voll der Ausverkauf!“ – „Tja, so isses halt, wenn man sich professionalisiert“ – „Kleingartenanlage war am besten“ – „Brauerei war auch nicht schlecht“ – „Hach ja, damals im Gefängnis, das war schön.“ 

Wen oder was man hier kennen sollte: Die Geschichte aller Begehungen seit 2003 inklusive aller Vereinsvorstände seit 2003 und aller Locations in chronologischer Reihenfolge rückwärts, Osmar Osten. 

Größter Fauxpas: Jedes Nicht-Erscheinen angesehener Akteure wird von den Machern registriert. Jedes! 

Hallenkunst 

Wen man hier trifft: Alle alten wichtigen Graffiti-Männer der vergangenen 50 Jahre, den Erfinder der Sprühdose, Raplegenden (Torch) und Mythen von Raplegenden (Samy Deluxe), DJ Ron, DJ Shusta, alle jungen wichtigen Graffiti-Männer der vergangenen fünf Jahre, andere VIBs (Very Important Bros).

Was man hier macht: einen auf Straße, aber den Vernissage-Sekt gibt’s dann doch nur für VIBs. 

Was man hier trägt: Eigentlich egal, Hauptsache es ist von Carhartt. Außerdem: Längst verblichene Streetcredibility und die Last, jetzt ein seriöser Künstler zu sein.  

Was man hier sagt: „Das hab ich damals in New York gesprüht“ — „Meine erste U-Bahn, 1984 in Berlin“ — „Du bist Teil der Legende“ — „Beat Street hat mich radikalisiert“ — „Das meiste, was hier hängt, ist Quatsch“ — „Vieles ist Kitsch“ — „Das dort ist schön. Ja, das ist ja auch MALEREI“.

Wen oder was man hier kennen sollte: Torch, the Complete History of Hip-hop since 1973, die Leute von früher vom Splash!  

Größter Fauxpas: Die zehn Säulen des Hip-hop nicht korrekt benennen können, nix von Carhartt tragen, nicht wissen, wer Torch ist. 

Galerie Borssenanger (Eröffnung) 

Wen man hier trifft: Das hippe Who-Is-Who der Chemnitzer Kunst- und Kulturszene, Leute aus Leipzig, Dresden UND Berlin, alle wichtigen Akteur:innen von den Kunstsammlungen, Museum Gunzenhauser, POCHEN, Begehungen, Purple Path UND Hallenkunst. Osmar Osten. 

Was man hier macht: Chips essen und Wein trinken, im Wirkbauhof cornern, mal kurz rüber ins Atomino gucken und feststellen, dass man zu alt für Einlass ab 23 Uhr geworden ist, rote Punkte unter Bilder kleben lassen. 

Was man hier trägt: Beanies im Bernsdorfstyle. 

Was man hier sagt: „Nehm ich den smokenden Siebenschläfer oder die quarzende Kaulquappe?“ —„Oder doch das rauchende Rotkehlchen?“ — „Der Wirkbau ist das neue Leipzig.“ — „Wo issn der Jan?“ — „Wieso maltn der keine Frauen?“ — „Heute waren wieder Touristen da, aus Düsseldorf!“ — „Wenn der Michael Ballack dann erstmal seine Galerie in Chemnitz hat“ — „Was hattn der so?“ — „Ach, nix Gescheites“ — „Die Leipziger spielen sich wieder auf!“ — „Hat der Bohnenmeister noch auf?“ — „Der Bohnenmeister hat immer zu.“

Wen oder was man hier kennen sollte: Osmar Osten. 

Größter Fauxpas: Karaoke singen, „Ich kauf mir lieber was in der Rebel Art Gallery.“ 

Momentum Galerie 

Wen man hier trifft: Leute, die fast alle wesentlich jünger sind, als man selbst (in Chemnitz selten), aber durchaus auch renommierte Kunstakteure, Jan Böhmermann, Jan Böhmermanns alten E-Roller. 

Was man hier macht: Raven oder draußen stehen und rauchen. 

Was man hier trägt: Schwarz, Leder, Keta-Pony, klobige Schuhe, jugendliche Coolness, eine gewisse Abgeklärtheit. 

Was man hier sagt: „Ey hier ist wie Berlin!“ – „Ich kenn hier fast niemanden“ – „Krass, so viele junge Leute“ – „An der Bar kann man mit Paypal zahlen“ – „Wir spielen sowas von Berlin“ – „Das ist der Roller vom Böhmermann!“ 

Wen oder was man hier kennen sollte: Wen oder was man alles kennt, ist hier noch völlig egal. 

 

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Le Tour du Kaß – So kommt ihr am besten mit dem Fahrrad auf den Kaßberg https://remarx.eu/2024/08/le-tour-du-kass-so-kommt-ihr-am-besten-mit-dem-fahrrad-auf-den-kassberg/ https://remarx.eu/2024/08/le-tour-du-kass-so-kommt-ihr-am-besten-mit-dem-fahrrad-auf-den-kassberg/#respond Sat, 03 Aug 2024 10:09:11 +0000 https://remarx.eu/?p=12669 Alle kennen ihn, manche hassen ihn, andere meiden ihn: Der Kaßberg. Für Radfahrer:innen so anstrengend, dass viele die 500 Meter in die Innenstadt lieber mit dem Auto fahren und eine dreistündige Parkplatz-Suche in Kauf nehmen, als sich nur ein Mal mit Schaum vorm Mund und Milchsäure in den Beinen die Kaßbergauffahrt hochzuquälen. Nicht umsonst gilt der Aufstieg auf den Kaßberg als härteste Radstrecke der Welt. Doch wie so oft gilt: Viele Wege führen nach oben. Wir haben sie für euch getestet.

 

Alpes du Kaß:
Die Kaßbergauffahrt gilt als härtester Berg der Stadt: 28 Höhenmeter, über fünf Prozent Steigung, ein Mythos. Hier wurden Legenden geboren, Busse überholt, E-Roller vor Wut in die Chemnitz geschmissen, „Monster Energy“-Doping-Sünden begangen und vor allem: Fahrräder geschoben. An „Alpes du Kaß“ bzw. am Col d’Ouest sind schon unzählige große Radfahrer:innen aus- oder vom Fahrrad ab- und in den Bus eingestiegen. Von der Theaterstraße aus führt die Strecke über einen brutalen Anstieg mit teilweise bis zu 13 Prozent Steigung zum Plateau Village Danser auf über 300 Metern Höhe. Hier wartet eine Bergwertung der Kategorie 1000. Viele biegen danach direkt zur Siegerehrung ins aaltra ab. Von da aus geht es flach über die bei Sprintern und Low Performern beliebte Rue d’Henriette weiter, es folgen zwei gemäßigte Anstiege über den Col du George Landgraf (75 Meter a 1,3 Prozent Steigung) und den Col du Beau Homme (Hübschmannstraße, 250 Meter a 1,8 Prozent Steigung) auf die Weststraße zur Bergankunft bei Emmas Onkel. Das hat aber zu. Echte Kletterer mit Siegermentalität und Winning Mindset biegen an der Tanzenden Siedlung natürlich nicht ab, sondern fahren weiter auf dem Col d’Ouest, einem langen, zehrenden Anstieg, der nach oben hin allerdings flacher wird. Auch hier wartet eine Bergankunft bei Emmas Onkel, das hat aber leider immer noch zu.

Mont St. Michel
Es soll Radfahrer:innen geben, die lieber drei Mal hintereinander den Mont Ventoux hochklettern würden, als auch nur ein einziges Mal den Mont St. Michel. Der strava-umwobene Michaelberg am westlichen Kaßberg-Rand wird mit seinen mehr als 25 Höhenmetern zwar gefürchtet wie kein anderer, aber dafür ist die Route atemberaubend: Über zwei harte Ansteige mit teilweise bis zu 11,8 Prozent Steigung geht es vorbei an Promi-Friedhöfen und alten Bäumen. In Kleingärten wehen Sachsenfahnen, in Maker-Garagen schrauben „Durch die Gnade Gottes“-Ossis an ihren Simmen. Auch die kurze Abfahrt runter zur Weststraße hat es in sich: Gravel-Abschnitte, Wurzelwege, noch mehr Sachsenfahnen und immer wieder Garagen. Im Rossmann sollte man sich schnell einen Hafer-Riegel und Wundheilsalbe für den Arsch holen, um dann die letzten Meter auf der Weststraße vollends genießen zu können.

Le Puy d’Ermafa
Nicht nur eine der angenehmsten Strecken, sondern auch eine der schönsten — und eine der flachsten. Der Puy d’Ermafa bietet alles: Einkaufsmöglichkeiten, Parkplätze und Parks, Menschen, die vor Kneipen sitzen und jubeln. Er ist hügelig, er ist steil, er ist flach, er ist die perfekte Kaßbergetappe. Nach einem Sprint über den Place d’Hartmann folgt der kurze Anstieg über den Puy d’Ermafa zum legendären Centre Ermafa. Bei einer Rast im Stadler kann man sich heimlich ein neues E-Bike aussuchen, das man seinen überambitionierten Strava-Freund:innen aber lieber verschweigen sollte. Weiter geht’s: Über die herrlich grüne Uhlich-Straße, durch den Parc d’André, wo sich das Kaßbergleben tummelt und auf Picknickdecken Wein trinkt, auf die Henriettenstraße. Von dort aus nimmt man die steigungsarme Rue Eric Mûesam, dann die Rue Walter Oertel bis zum Col du Franz Mehring. Ab hier ist die Strecke eine einzige Triumph-Fahrt: Vorbei an der Weinhandlung, an Theos, an Onkel Franz, an der Haamit — und überall sitzen Fans, die einem zuwinken, auch Bekannte genannt. Außer bei Emmas Onkel.

Col d’Enzmann
Unter dem strengen Blick des Graureihers rollt man zunächst an der Chemnitz entlang und nimmt dann den Kappelbach-Schleichweg bis zur schönsten abgeranzten Platte der Stadt an der Reichsstraße. Dort beginnt der Anstieg hoch zum Col d’Haute, der Hohen Straße. An der Katholischen Kirche, dort wo wahrscheinlich gerade das Patt-Mobil parkt und Peter Patt Würste mit Kretsche grillt, nimmt man einen weiteren Schleichweg: Die Brücke über die Reichsstraße. Von hier aus hat man einen fantastischen Blick über den ganzen Autoverkehr der Stadt. Weiter geht es über den teils gepflasterten Col d’ Enzmann, dem härtesten Pflaster seit Paris-Roubaix, zur herrlich grünen Rue d’Agricola, dann Richtung Parc du Gerard Hauptmann. Von dort aus sind es nur noch wenige Meter bis zur Weststraße. Was für eine Strecke! Am Ende gewinnt man hier vielleicht nicht die Tour du Kaß, aber die Erkenntnis: Montmartre ist auch nur ein überfüllter Hügel in irgendeiner grauen französischen Stadt.

Col d’Ulmen
Von der Zwickauerstraße aus schiebt man das Fahrrad den Col d’Ulmen hoch bis zum Katzencafé, wo man trotzdem total außer Atem ist und erstmal eine halbstündige Trinkpause machen oder sich am Straßenrand übergeben muss. Vielleicht ist es nur eine Katzenhaar-Allergie, vielleicht aber auch die Erkenntnis, dass der Col d’Ulmen unbezwingbar ist. Aber wie würden die Fabrik-Maker so schön sagen: Radfahren ist nur 50 Prozent Physis, die anderen 50 Prozent sind Mindset. Und das Mindset zwingt sich jetzt noch mal aufs Rad, denn es weiß: Von hier aus geht es nur noch bergab.

Tour d’Honneur über den Champs Élimbées
Die Kaßberg-Ehrenrunde ist fast so flach wie ein re:marx-Witz über die MRB nach Leipzig: Vom Konkordiapark kommend fährt man immer geradeaus auf dem Champs Élimbées, dem auch als „Limbacherstraße“ bekannten Prachtboulevard des Unteren Kaßberges. Das Straßenbild wird vor allem geprägt von Prunk-Supermärkten: Edeka, Rewe, Penny, Lidl, Netto, Hundenetto und noch mal Lidl. Am letzten Lidl biegt man ab auf die Rue Waldenbourg und rollt triumphierend und nur leicht bergan durch Altendorf Richtung Weststraße, Richtung Kaßberg, kurz: Richtung Paris. Und auch: Zur Siegerehrung im Gartenfachmarkt Richter, wo Papagei Felix persönlich die Medaillen verleiht.

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Die schönsten 49-Euro-Ticket-Strecken ab Chemnitz https://remarx.eu/2023/06/die-schoensten-49-euro-ticket-strecken-ab-chemnitz/ https://remarx.eu/2023/06/die-schoensten-49-euro-ticket-strecken-ab-chemnitz/#respond Sun, 25 Jun 2023 12:30:55 +0000 https://remarx.eu/?p=12465 Das Sommerloch wird langsam größer und es hat Reisefieber. Das bedeutet vor allem eines: Überfüllte Züge, überhitzte Städte, überteuerte Hotels und überlaufene Strände. Wir sagen: Wegfahren lohnt sich nicht. Trendsetter verbringen ihren Sommer jetzt in Chemnitz: Weindorf statt Feriensiedlung, Uferstrand statt Ostseebad, Hitzschlag auf einem baumlosen Betonplatz statt Sonnenbrand an der Adria. Doch der Sommer in Chemnitz muss nicht langweilig sein, schließlich gibt es das 49-Euro-Ticket  – damit kommt man problemlos von Chemnitz aus in die weite Welt, also ins Chemnitzer Umland. Nicht umsonst gilt das 49-Euro-Ticket als Interrail-Ticket der Provinz, selten kam man günstiger und nachhaltiger an so viele Sehnsuchtsorte: Nach Cranzahl zum Beispiel oder nach Glauchau, nach Burgstädt, nach Tharandt oder nach Thalheim. Aber welche Strecken sind die schönsten und welche Fahrt ins Graue lohnt sich jetzt besonders? Unsere re:marxeigene Reise-Rubrik „Ohne Vergnügen“ hat die besten Strecken für euch rausgesucht, von Chemnitz aus ohne umsteigen. Und weil es da gar nicht sooo viele gibt, sind auch ein paar lohnenswerte innerstädtische Reisen dabei. 

Mit der RB 30 von Chemnitz Mitte nach Zwickau zu Käse Maik
Reisedauer: 42 Minuten
Abfahrt:  Das Tolle an der RB30 ist, dass man nicht unbedingt am Hauptbahnhof einsteigen muss,  sondern auch mal den anderen Chemnitzer Bahnhöfen eine Chance geben kann, Chemnitz Mitte zum Beispiel. Einst galt Mitte als Schandfleck mit Schienen, doch seitdem der Ruin wegbetoniert und rausgentrifiziert wurde, ist es mindestens genauso cool, in Mitte in die RB30 Richtung Zwickau zu steigen, wie mit dem ICE in Berlin Südkreuz einzufahren. Allerdings ist es auch wesentlich einsamer, denn ab Chemnitz Mitte fahren so viele Züge, wie Berlin Ringbahn-Richtungen hat: genau zwei — die RB 30 Richtung Zwickau und die RB 30 Richtung Dresden.
Unterwegs: liegen in Fahrtrichtung links die idyllischen, hakenkreuzbedeckten Hügel des Erzgebirges, blühen Apfelbäume und Rapsfelder, säumen kleine Bauernhöfe die Strecke und der traumhaft schöne Sachsenring. Rechter Hand liegt, naja, der Rest von Westsachsen. Aussteigen kann man unter anderem in Wüstenbrand, einem Ort, der nur aus einem Bahnhof besteht und die Einöde hält, die sein Name verspricht. Oder in St Egidien, das nach historischem Klosterstädtchen mit Touristenmassen klingt, aber auch nichts weiter ist. Volker Wissing Fans können zur biblischen Produktionsstätte Mosel pilgern, wo ein riesiger Auto-Tempel steht, an dessen Fassade die Initialen des Verkehrsministers prangen.
Ankunft: Nach 42 Minuten erreicht man Zwickau. Zwickau ist zwar nicht bekannt als „Die Perle an der Zwickauer Mulde“, aber immerhin die viertgrößte Stadt Sachsens. Dementsprechend hat Zwickau auch den vierttristesten Bahnhof Sachsens. Wenn man es dort raus und in die Innenstadt rein geschafft hat, hat Zwickau dann doch einiges zu bieten: Eine gute erhaltene Altstadt zum Beispiel, die mit Chemnitzer Neidgefühlen gepflastert ist, Robert Schumanns altes Klavier, ein paar gute Restaurants. Mit einiges meint man in Chemnitz aber vor allem: einen original Käse Maik Stand auf dem Markt. Außerdem ist Zwickau reich – auch an Nazi-Geschichten. Hier ist schließlich der NSU hingezogen, als es ihm in Chemnitz zu rechts wurde.  

Mit dem RE6 nach Geithain 
Reisedauer: durchschnittlich 27 bis 270 Minuten
Abfahrt: Am Gleis 5 des Chemnitzer Hauptbahnhofs geht es steil die Karriereleiter (Reichsbahntreppe) hoch Richtung Leipzig. Es kann schließlich kein Zufall sein, dass die Fahrt von Chemnitz nach Leipzig immer mit einem Aufstieg beginnt und die Rückfahrt immer mit einem Abstieg endet.
Unterwegs: rattert man durch den Chemnitzer Norden, vorbei an der Esse und ihren verblichenen Farben, vorbei an der Käse Maik Maus, die aus dem Wittgensdorfer Headquarter winkt, über die Autobahn, über die man gefühlt zehn Mal schneller nach Leipzig kommt, aber das ist eben nur ein Gefühl. Im Zug, wenn die Reichsbahn-Waggons eingleisig romantisch klappern, überwiegt ein anderes Gefühl: Der Spiegel nennt es Nostalgie, wir nennen es Abgehängt-Sein.
Ankunft: Die Wahrscheinlichkeit, mit dem RE6 tatsächlich in Leipzig anzukommen, ist gering. Warum also nicht mal dort aussteigen, wo sich sonst niemand raustraut: Im Mittleren Westen Sachsens. Denn mitten im weißen Sachsenkarten-Fleck, der sich zwischen Burgstädt und Bad Lausick ausdehnt wie ein schwarzes Loch, liegt Geithain, um die 6000 Einwohner:innen, der äußerste Rand vom Leipziger Land. Abenteuersüchtige 7 vs Wild-Fans können für ein ausgiebiges Sachsen-Survival-Training natürlich auch im Nichts von Narsdorf aussteigen, doch für alle, die mit der Zivilisation liebäugeln und dennoch Abgeschiedenheit suchen, lohnt sich ein Besuch in Geithain. Alles, wofür man normalerweise ins hippe Leipzig fährt, kann man auch hier haben: einen Döner, ein Cafè, die Nikolaikirche und einen Tierpark, der nicht so elitär-abgehoben ist wie der Leipziger Zoo, in dem Tiere noch in traurigen Gitterkäfigen gehalten werden und am Imbiss bodenständige Bockwurst statt bonziges Mövenpick-Buffet serviert wird. Das Beste an Geithain aber ist: Falls die Kleinstadt-Idylle doch zu erdrückend wird, kann man immer noch nach Leipzig fahren, und zwar nicht mit der Reichs-, sondern mit der S-Bahn. 

Mit dem RE3 in den Westen (nach Hof)
Reisedauer: 1 Stunde und 40 Minuten
Die Abfahrt: vom Chemnitzer Hauptbahnhof startet ab Gleis10, dort wo die modernen, leisen MRBs abfahren, die nur selten zu spät kommen und nie ausfallen. Der Hauptbahnhof ist unterteilt in die gute (Gleis 10) und die schlechte MRB (Gleis 5), und in den Westen reist man natürlich geschmeidig mit der guten MRB, auch als ICE Südwestsachsens bekannt.
Unterwegs: ist es wichtig, in regelmäßigen Abständen „OST OST OST Deutschland“ durch den gesamten Zug zu grölen oder wenigstens ein „Ossis – härter als der Rest“-Fraktur-Shirt prominent aufzufahren, schließlich fährt man in den Westen, da sollte man schon den leidgestählten Opfer-Ossi raushängen lassen. Nextlevel-Ossis zeigen bei solchen Fahrten gerne mal ein Best-Of ihrer strammsten Hitlergrüße, aber man muss es mit der Ost-Identität ja nicht gleich übertreiben. Wer sich schämt, Ossi zu sein, kann einfach nur betroffen aus dem Fenster schauen: Da fliegen sie vorbei, die lieblichen Landschaften Wild Wild Westsachsens, das widerwillige Vogtland, das nie so richtig zu Sachsen gehören wollte, Städte wie Glauchau, Zwickau, Plauen. Irgendwann fährt der Zug über die ehemalige Grenze, ältere Ostdeutsche werden jetzt zu Dosenbier und Leberwurstschnitte die alten Geschichten von 1990 servieren, doch bevor die nostalgische Anekdote vom Begrüßungsgeld zu Ende erzählt ist, hält der Zug schon in Hof.
Ankunft: Hof gehört zu Franken, also irgendwie auch zum Bundesland Bayern, und ist somit das exotischste Reiseziel, das man von Chemnitz aus erreichen kann (ohne umzusteigen). Man kann bei Yorma am Bahnhof einen Kaffee und eine Brezel kaufen, sich wie in München fühlen, ein bisschen „WIDERSTAND“ oder „FRIEDE FREIHEIT KEINE DIKTATUR“ durch die hübsche Bahnhofshalle skandieren und dann eigentlich auch direkt wieder heim ins Ossi-Reich fahren. 

Mit dem IC2270 von Chemnitz nach Dresden:
Reisedauer: Keine Ahnung, der IC fährt aktuell gar nicht über Dresden nach Berlin, sondern über Riesa — das 49-Euro Ticket gilt theoretisch aber trotzdem ab 01. Juli auf beiden Strecken.
Abfahrt: Mitten in der Nacht, also um 06:26 Uhr, wenn die alte Arbeiterstadt Chemnitz aufsteht und sich schon wieder über irgendetwas aufregt, fährt am Chemnitzer Hauptbahnhof einer von krassen zwei Intercitys Richtung Berlin.
Unterwegs: Es ist die Strecke Chemnitz-Dresden, wie man sie kennt, und zumindest draußen ist alles wie immer: Kurz vor Tharandt verfinstert sich die Welt, weil man sich der Sächsischen Schweiz nähert und es wird auch danach nicht besser: Freital, Dresden, you name it. Und trotzdem ist alles anders: Man sitzt in einem Fernzug, es gibt den Versuch eines Bordbistros (Snackautomat und Kaffeemaschine) und es gibt WLAN, das Personal trägt richtige Deutsche Bahn Uniform, vielleicht wird auch was auf Englisch durchgesagt und man vergisst, dass man eigentlich nur in einer weiß angemalten Regionalbahn sitzt. Wer zu lange in Chemnitz lebt, verdrückt spätestens in Freiberg eine Träne der Fernverkehrs-Rührung.
Ankunft: Das Tolle am IC2270 von Chemnitz nach Berlin/Rostock ist, dass dieser Zug nicht in Dresden endet, man kann also sitzen bleiben und nach Berlin durchfahren oder gleich ans Meer. Nur das 49-Euro Ticket gilt hier dann leider nicht mehr. 

Mit dem Ringbus über den Sonnenberg
Gefühlte Reisedauer: unendlich
Tatsächliche Reisedauer: ca. 48 Minuten
Abfahrt: Für den größtmöglichen Kulturschock lohnt es sich, an einer gut situierten Kaßberghaltestelle, z.B. der Barbarossastraße, einzusteigen, und zwar in die 82 A, die über den Sonnenberg zum TU Campus fährt.
Unterwegs: Die Ringbusfahrt führt von den goldenen Höhen des Kaßbergs durch finstere Täler wie die Limbacher Straße und zwielichtige Schattenwelten wie das Lutherviertel über die Silicon-Valley-Hügel des Technocampus zurück in die sicheren Arme des Kaßbergs. Mittendrin liegt der Sonnenberg – der Stadtteil, der Mythos, die Legende. Menschen mit ausgeprägtem „Kaßberg Saviour Komplex“ steigen hier aus, zum Beispiel an der Reinhardtstraße oder am CFC-Stadion, und machen Fotos mit armen Methgesichtern oder verlotterten Yakuza-Nazis, die sie später auf LinkedIn posten. Dazu ein eindringlicher Text: „Wir müssen diesen Leuten helfen“, Hashtag Charity. Die Kommentarspalte wird es danken: Mit andächtig gefalteten Emoji-Händen und herzerwärmenden Sätzen wie „Einfach nur traurig, was auf dem Sonnenberg passiert“ oder „Danke für deine wichtigen Worte“ oder „Wow, wahnsinnig wichtige Insights – welche Learnings hast du für dein Kaßbergleben mitgenommen?“ Nach einem derart schweren Sozialschock braucht der geneigte Sonnenberg Justice Warrior erstmal Erholung: Bevor man wieder in den Ringbus steigt, kann man im Alexxanders ein Menü für 300 Euro mit Weinbegleitung essen und mit den Golfschläger-Freund:innen im Rotary Club abkumpeln, schon ist die Welt wieder stuckverziert.
Ankunft: nie, mit dem Ringbus kann man ewig, also bis 23:30 Uhr, im Kreis fahren, und das ist es ja, was in Chemnitz zählt.

Mit Bus und Bahn einmal quer durch Chemnitz (Von Hutholz nach Ebersdorf)
Gefühlte Reisedauer: ca. 6 Stunden
tatsächliche Reisedauer:  ca. 42 Minuten
Die Abfahrt: beginnt dort, wo Chemnitz endet, wo die hohen Häuserschluchten des Heckerts abrupt ins Erzgebirge übergehen. Auf der einen Seite urbaner Grauer-Beton-Grind, auf der anderen: Das Heckert-Gebiet. Spaß: Auf der anderen Seite liegt natürlich Neukirchen, das mit seinen schattenlosen Schottergärten mindestens genau so verbaut ist wie der Ausblick in einer handelsüblichen Heckert-Platte.
Unterwegs: Ab Hutholz geht es mit der Bahnlinie 4 Richtung Hauptbahnhof oder mit der Bahnlinie 5 Richtung Gablenz einmal quer durchs Heckert. Die Plattenbausiedlung streckt sich über fünf Stadtteile oder so und gilt deshalb als das New York von Chemnitz. Es gilt aber auch als das Ruhrgebiet von Chemnitz, schließlich leben in diesem innerstädtischen Seniorenballungsgebiet über 30.000 Menschen – in der Bahn ist also mit erhöhtem Fahrgastaufkommen zu rechnen. Nach fünf Stunden Fahrt durchs Plattenmeer erreicht man die Zentralhaltestelle, den Schmelztiegel der Chemnitzer Nahverkehrs, hier muss man umsteigen. Die Zenti ist Chaos, Großstadt, Mayhem. Auf jedem zugigen Zenti-Bahnsteig lauern Gefahren: Vom Fatbike überfahren zu werden zum Beispiel, oder über die Schlange vorm Mobilitätszentrum zu stolpern. Oder die Montagsprozente in der Apotheke zu verpassen oder – allerhöchster Horror – in den falschen Bus zu steigen und aus Versehen in Penig zu landen. Man sollte also unbedingt die Nerven bewahren und für den Umstieg ein bisschen Zeit einplanen. Nach Ebersdorf fährt man weiter mit der Buslinie 21 – die fährt am tietz ab und ballert dann über Hauptbahnhof, Sonnenberg und Hilbersdorf nach Ebersdorf.
Ankunft: Ebersdorf ist vor allem für die Pro Chemnitz Bürgerwehr-Patrouille vor der Erstaufnahme-Einrichtung bekannt und hat auch sonst nicht viel zu bieten, vom Internet-Highlight „Ebersdorfer Pranger“ auf der ortseigenen „Unser Ebersdorf“-Webseite abgesehen. Nachdem man sich von der halben CVAG-Tagesreise erholt hat, kann man eigentlich auch sofort wieder den Bus zurücknehmen, in Hilbersdorf am Eisenbahnmuseum aussteigen und von Richard Hartmanns guten alten Dampflok-Zeiten träumen. 

Mit dem Bus 262 von Chemnitz in die Kulturregion (nach Oelsnitz)
Reisedauer: 1 Stunde und 18 Minuten
Die Abfahrt: beginnt vorm Chemnitzer Hauptbahnhof – wobei unklar ist, ob das jetzt ein Up- oder ein Downgrade ist.
Unterwegs: Eine Überlandfahrt mit dem Bus ins Erzgebirge gilt als Kreuzfahrt des regionalen Nahverkehrs: Gemeinsam mit reiselustigen Renter:innen schaukelt man durch die Landschaft von einem Sehnsuchtsort zum nächsten, zum Beispiel zu Haltestellen wie „Tankstelle“, „Warte“, „Gewerbegebiet“, „Kronprinz“, „Autoservice“ oder „Haltepunkt“. Wie bei einer richtigen Kreuzfahrt auch, kann man zwischendurch an Land gehen und sich zum Beispiel endlich mal den „Autoservice“ in Lugau angucken, das ist viel besser als Dubrovnik, Santorin oder Venedig: Hier gibt es keine Touristenmassen, keine überteuerten Hafenrestaurants, keine Souvenir-Händler, die einem das mühsam gesparte Kreuzfahrtgeld aus der Camp-David-Hosentasche leiern wollen. Hier ist einfach niemand und auch nichts in der Nähe, Lonely Planet würde „Slow Tourism“ dazu sagen.  Bevor man sich nach zwei bis drei einsamen Stunden im erzgebirgischen Gewerbegebiet ärgert, dass man nicht doch den SUV genommen hat, kommt vielleicht schon der nächste Bus und man kann mit dem Traumschiff weiter schippern, Richtung:
Ankunft: Oelsnitz im Erzgebirge, das ist kein unbedeutendes Nest zwischen Lugau und Niederwürschnitz, sondern Kulturregion, die coole Schwester der Chemnitzer Versager-Kulturhauptstadt. Schließlich befindet sich hier das Bergbaumuseum und ein Teilabschnitt des Purple Path – auf dem kann man dann zurück nach Chemnitz wandern, wenn man ihn denn findet.

Nach 23 Uhr mit dem ALT vom AJZ an die Zenti:
Gefühlte Reisedauer: 20 Stunden
Tatsächliche Reisedauer: 1 Stunde und 10, 16 oder 38 Minuten
Die Abfahrt: Wenn man vom AJZ – zum Beispiel nach einem Marteria Konzert – nach Hause möchte, steigt man am besten an der Haltestelle „Chemnitztal“ ein, mitten in der Glösaer Einöde.  Über der Haltestelle schimmert tröstend das Lulatschlicht, ansonsten ist da niemand, nicht mal ein Bus Richtung Innenstadt. Deshalb muss man ein ALT bestellen, das ist kein lang gärendes Craft Beer, sondern ein Anruflinientaxi, also ein normales Taxi, das entlang der Buslinie 22 fährt und in dem die normalen VMS-Tickets- und Tarife gelten. Weil man das ALT 30 Minuten vor Fahrtbeginn bestellen muss und weil es auch nur bis 23:26 Uhr fährt, braucht diese Reise etwas mehr Vorab-Planung und ist quasi nur nüchtern möglich.
Unterwegs: Falls das ALT tatsächlich kommt, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man fährt zum Zöllnerplatz und wartet dort eine Stunde lang auf den nächsten Nachtbus Richtung Zentralhaltestelle – oder man wagt ein Abenteuer durch die Chemnitzer Nacht, steigt an der Emilienstraße aus und nimmt von dort aus den Nachtbus Richtung Ebersdorf bis zur Haltestelle Helmholtzstraße. Dort steigt man um in den Bus 640 Richtung Schillerplatz und läuft anschließend vom Schillerplatz zum Hauptbahnhof, wo die letzte Citybahn zur Zenti fährt. Die Tatsache, dass man zu Fuß vermutlich schneller da gewesen wäre, kann man ignorieren, denn wie bei jeder guten Abenteuer-Van-Life-Weltreise gilt auch hier: Der Weg ist das Ziel.
Ankunft: Nachdem man bereits über eine Stunde lang unterwegs war, ist man natürlich immer noch nicht angekommen, sondern erstmal nur an der Zenti. Ein Ort, an dem es kein Ankommen gibt – und manchmal auch kein Wegkommen. 

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Not So Urban Dictionary: Kulturhauptstadt – Chemnitz, Chemnitz – Kulturhauptstadt https://remarx.eu/2023/02/not-so-urban-dictionary-kuha-chemnitz-chemnitz-kuha/ https://remarx.eu/2023/02/not-so-urban-dictionary-kuha-chemnitz-chemnitz-kuha/#respond Mon, 20 Feb 2023 11:09:16 +0000 https://remarx.eu/?p=12394 In Chemnitz laufen die Vorbereitungen für die europäische Kulturhauptstadt derzeit auf Hochtouren oder vielleicht auch nicht, niemand weiß das so genau. Aber alle reden jetzt ständig darüber, weil alle jetzt super wichtig sind. Ihr würdet gerne mitreden, versteht bei all dem coolen Kulturtalk aber nur ICE-losen Bahnhof und fühlt euch wie ein Mittedreißig-Prä-Boomer, der zwar immer noch Jugendsprache verwendet, sich dabei aber immer wieder hart blamiert? Kein Problem: Unser Not So Urban Dictionary gibt euch einen Überblick über die wichtigsten Begriffe des Chemnitzer Kulturslangs.

 

Akteur:  Im Kultur- oder Kreativwirtschaftsbereich agierende Person, die vor allem nach (finanzieller) Anerkennung der Stadt Chemnitz strebt und beleidigt ist, wenn diese nicht wie gewünscht ausfällt. Nicht selten neigt der Akteur zu einer Selbstinszenierung als Kuha-Märtyrer, der sein Leben für ein besseres Chemnitz opfert. Verteidigt sein Revier (Chemnitz) häufig streng und neigt zu Rivalitäten, wenn Akteure von außerhalb invasiv in die heimischen Akteursgefilden eindringen. Konzentriertes Akteurs-Aufkommen ist vor allem hier zu beobachten: Sonnenberg, Open Space, POCHEN Biennale, Hand in Hand Vereinstreffen. 

Apfelbaum: Der Apfelbaum, auch bekannt als Kulturapfel, lateinisch Malus domestica, ist eine populäre Obstbaum-Art, deren Frucht (Apfel) der Menschheit ihren Platz im Paradies gekostet hat, weil die Frau natürlich mal wieder schwach geworden ist. Kulturäpfel werden seit etwa 4000 Jahren angebaut, und weil in Chemnitz alle Trends 4000 Jahre später ankommen, sollen nun im Rahmen der Kulturhauptstadt 4000 Apfelbäume im gesamten Stadtgebiet gepflanzt werden. Vgl. Weparapom 

Audience Development: pseudowissenschaftlicher Kulturmarketing-Begriff aus dem Englischen. Wirkt sehr wichtig, beschreibt aber eigentlich nur, wie man es schafft, dass nicht immer dieselben 200 Leute zu Chemnitzer Kunst-und Kulturveranstaltungen kommen. Pro-Tipp: Den Begriff beiläufig in Akteursnähe fallen lassen, wichtig für Verbal Content Development (spannende Gesprächsentwicklung). 

August 2018: Ein düsterer Sommermonat im Jahr 2018, in dem Chemnitz innerhalb einer Woche vom neuen Leipzig (Begehungen in Gartensparte) zum neuen Hoyerswerda (Nazi-Mob in Innenstadt) wurde. Letztendlich ausschlaggebend für den Titelgewinn, siehe auch: Nazis, Stille Mitte. 

Autodidakt: Person, die sich das SUV-Fahren im ungeländigen, asphaltierten Stadtgebiet selbst beigebracht hat. Alternativ aber auch: Person, die sich ihr Wissen oder Können selbst angeeignet hat. Autodidakt:innen gelten als die Underdogs der Kunstbubble. Und weil Chemnitz voller cooler Underdogs ist, ist das Autodidakt:innen-Aufkommen hier sehr hoch. Geplant ist deshalb die „Garage der Autodidakten“, in der Autodidakt:innen entweder ihre SUVs parken oder nach Bauhaus-Prinzip Kunst und Design von anderen „Meister“-Autodidakten lernen können. 

Bid Book: Das Bewerbungs- oder auch Bettelbuch, mit dem Chemnitz über 100 Seiten lang erfolgreich um den Kulturhauptstadt-Titel gebettelt hat. Eigentlich nicht mehr als ein gut gestalteter Förderantrag mit Stadtentwicklungskonzept, mittlerweile jedoch die Bibel aller Chemnitzer Kulturgläubigen. Im Bid Book steht das künstlerische Programm für das Kulturhauptstadtjahr, wovon 80 Prozent umgesetzt werden müssen –  ob die Kuha GmbH das wirklich schafft, steht allerdings noch zu 80 Prozent in den Sternen. Insgesamt wurden zwei Bid Books eingereicht, wobei das Zweite von der CWE c-förmig von Rennradmännern in Chemnitz2025-gebrandeter Presswurst-Kluft nach Berlin geradelt wurde. 

Bottom-Up-Prozess: Die Dynamik in den Facebook-Kommentarspalten, wenn die wütende Bevölkerung wegen eines windschiefen Weihnachtsbaumes oder im Schlossteich versunkenen Skodas DIE DA OBEN fragt, ob das jetzt Kulturhauptstadt sein soll!!!??!?!

C3: Städtische Tochtergesellschaft, die für Veranstaltungen und Veranstaltungszentren, Freiwild-Konzerte, Esoterikmessen, die Kaisermania, aufblasbare Hüte, wichtige Maker Gatherings und Mario-Barth-Verkehrschaos verantwortlich ist. 

C The Unseen: Kulturhauptstadt-Motto, das eigentlich und offensichtlich „Chemnitz, die Ungesehene“ beziehungsweise „Sieh das Ungesehene“ heißen soll, von der Kuha GmbH neuerdings aber falsch als „Sieh das Unbekannte“ und „Unbekanntes sichtbar machen“ übersetzt wird, weil niemand in Chemnitz Englisch kann. Mit „ungesehen“ waren ursprünglich marginalisierte Menschen, junge, unentdeckte Kunst und Subkultur, europäische Nachbarn, ungesehene Biografien oder ungesehenes Engagement gemeint, die Kuha GmbH macht daraus nun aber lieber eine provinzbiedermeierliche „Bastel- und Macherkultur“. 

CWE: Städtische Tochtergesellschaft, die für Wirtschaft, Tourismus, Imagepolitur und das Kosmos zuständig ist. Hat sich im Bewerbungsprozess hauptsächlich um die stadtinterne Kommunikation gekümmert und die Stille Mitte mit Kulis, Stickern und Bratwurst ins Kuha-Boot geholt. Von Sven Schulze gehasst und gefürchtet, hat deshalb jetzt weniger Mittel zur Verfügung, siehe Kosmos. 

Capacity Building: heißt so viel wie Aufbau von Kapazitäten und ist DER neue Chemnitzer Dating-Trend 2023. In Berlin machen jetzt alle Sneating, Soft Ghosting, Apocalypsing, Street-Glueing oder CDU-Voting, in Chemnitz macht man Capacity Building. Capacity Building meint auch „Hilfe zur Selbsthilfe“ und wird vor allem in Entwicklungsländern angewandt — und in Chemnitz. Zum Selfcare-Entwicklungsprogramm für Kulturchemnitzer:innen gehören unter anderem Workshops, Konferenzen, Austauschprogramme mit internationalen Festivals, aber auch Förderprogramme zum Ausbau der Schnaps-Kapazitäten der Akteure im Balboa.

Chemnitzer Halbkreis: Halbkreisförmiges Loch mit unterschiedlichen Ausmaßen, das bei Konzerten in Chemnitz regelmäßig vor Bühnen entsteht, weil SO wenig Leute da sind, dass sich alle für Chemnitz schämen und weiter hinten verstecken. Dies führt allerdings dazu, dass es vor der Bühne noch leerer aussieht, weshalb verzweifelte Künstler:innen das Publikum darum bitten, doch etwas mehr nach vorn zu kommen. Manchmal auch in Form eines Wut- oder Tränenemojis, mittlerweile Teil des immateriellen Chemnitzer Kulturerbes.

Chemnitzer Platte: Graue Version des Leibnitz-Kekses mit Fenstern, auch bekannt Oreo des Ostens. 

Chemnitzion richteri: 291 Millionen Jahre alter Lurch, der bei Ausgrabungen in Chemnitz von einem mystifizierten Schülerpraktikanten namens Marcel gefunden wurde und früher anscheinend mal freiwillig auf der Frankenberger Straße gelebt hat. Das interessiert zwar eigentlich nur Herpetologen, trotzdem gilt der Lurch als DER Top-Anwärter für das offizielle Kuha-Maskottchen 2025, siehe Kulturlurch. 

Community Building: pseudowissenschaftlicher Marketing-Begriff, der alles und nichts heißen kann, aber super klingt. Weil Builden was für Maker ist, sollen in Chemnitz zum Beispiel Maker Communites aufgebaut werden. 

Dresden: Mehrfache Verliererstadt an der Elbe: Dresden ist erstens Landeshauptstadt Sachsens, zweitens in der ersten Runde der Kulturhauptstadtbewerbung ausgeschieden, liegt drittens im „Tal der Ahnungslosen“ und hat viertens 2019 nicht nur das Kuha-Battle gegen Chemnitz sondern auch den Sachsenschatz verloren. 

Eastern State of Mind: Cooler Chemnitzer-Kuha Slang für „Ost-Ost-Ost-Deutschland“. Ähnliches Mindset wie „Ostdeutschland, härter als der Rest“, nur in hip, international und Kulturhauptstadt.

Englisch: Eine ursprünglich in England beheimatete, germanische Sprache, die man mittlerweile auf der ganzen Welt spricht, außer in Chemnitz. In Chemnitz vermutlich unbeliebt, weil Englisch als imperialistische Muttersprache des NATO-Westens gilt. Für die europäische Kulturhauptstadt allerdings essentiell. 

europäisch: beschreibt alles, was den Kontinent Europa kulturell, politisch, sozial und wirtschaftlich umfasst, wird bei „Kulturhauptstadt“ gerne vergessen, damit Chemnitz kein internationales, weltoffenes Festivaljahr veranstalten muss, sondern unbehelligt bei Erzgebirgs-Heimattümelei hängen bleiben kann.

europäische Dimension: eigentlich Kernstück der EUROPÄISCHEN Kulturhauptstadt. Für Chemnitz heißt die europäische Dimension konkret, dass das politische Nach-Rechts-Rücken in Chemnitz und Sachsen kein singuläres, sondern auch ein gesamteuropäisches Problem ist, siehe Italien, Schweden, Ungarn, Österreich, Polen, Frankreich, Brexit und so weiter. Die europäische Kulturhauptstadt soll nun die zunehmende Spaltung der europäischen Gesellschaft durch grenzübergreifendes, internationales Maken als gemeinschaftstiftendes Element heilen. Die Stadt muss allerdings aufpassen, am Ende keine Kulturhauptstadt mit heimatdimensionalem Chemnitz-Bezug statt mit europäischer Dimension zu machen.

European Makers of Democracy: ist englisch und heißt so viel wie „Europäische Männer (Macher!) der Demokratie“. Niemand weiß, was damit gemeint sein soll. 

European Peace Ride: Neuauflage der Friedensfahrt, einst so etwas wie die osteuropäische Tour de France, aber für Amateure. Führt 2025, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, von Pilsen nach Chemnitz, entlang des Korridors, in dem sich die amerikanischen und sowjetischen Truppen bewegt haben. Eigentlich ein partizipatives Event für alle begeisterten Radfahre:innen, bisher aber vor allem sportliche Selbstinszenierung midlifekriselnder Rennradmänner. 

European Workshop for Culture and Democracy: engl. für „Europäische Werkstatt für Kultur und Demokratie“, entsteht aktuell in der Hartmannfabrik und solll das Hauptquartier und Besucherzentrum der Kulturhauptstadt werden. Ist gleichzeitig aber auch eine große, partizipative Demokratie-Werkstatt, in der die Stille Mitte entnazifiziert werden soll. 

Garage: einerseits vielmystifizierter Gründungsort von Apple UND von Chemnitz2025, andererseits pragmatischer Schuppen für das Heiligste der Deutschen, das Auto. Außerdem ideales Versteck für sexistische Nackte-Brüste-Poster, Meth-Küchen oder Nazi-Devotionalien. Eigentlich eine längst aus der Zeit gefallene Man bzw. Maker Cave, gleichzeitig edgy und cool ostig. Soll für Chemnitz2025 neu erzählt werden, mit Bars, Konzerten, Pop-Up-Stores, Kunstgalerien, Ostrale, Manga Convention, läuft aber vermutlich am Ende darauf hinaus, dass ein paar Chemnitzer:innen der Welt ihre dreckigen DDR-Dosenöffner und rostigen Reichsflaggen-Sammlungen zeigen, weil man es nicht rechtzeitig schafft, 3000 leerstehende Garagen aufzutreiben und zu bespielen. 

Garagencampus: So genannte Interventionsfläche und Prunkbau der CVAG (ehemaliger Betriebshof). Einst gigantische Garage für Straßenbahnen, bald hippes Kultur-Zentrum mit Guido Günther Streetart-Kitsch und CVAG-Nostalgie-Faktor.

Geld: reicht anscheinend nicht und alle streiten sich darum. Schuld daran sind die zwei Kämmerer, die die Stadt regieren bzw. kaputt sparen, anstatt mal was zu riskieren und in die Zukunft zu investieren. 

Hand in Hand e.V.: Angesagte Craft-Bier Brauerei (siehe Kulturbier,) außerdem Herausgeber des wichtigsten Chemnitzer Insta-Wochenrückblicks.

Headquarter: Aktuelles Büro der Kuha GmbH in der Schmidtke-Bank-Passage mit trostloser Auslegeware, direkt neben der Nazikneipe. 

Hutfestival: Fashion Week der Stillen Mitte, bei der Chemnitzer:innen und Umländer:innen mit selbstgestalteten, ausgefallenen oder hässlichen Hüten und Gründerzeit-Kostümen zu Straßenmusik, Kleinkunst und Langos über den Chemwalk flanieren. 

ICE: Abkürzung für Intercity Express bzw. für „In Chemnitz ewignichthaltend“. Schnell- und Fernzug der Deutschen Bahn, hält in Chemnitz nicht. Ist aber auch nicht so wichtig, wir haben schließlich die A4 und die A72. 

I Love C: Ein mit billigen T€DI-LEDs beleuchteter „Fotopoint“ in der Innenstadt, der 16.000 Euro gekostet hat, genau so in Magdeburg steht und Tourist:innen anlocken soll. Im Herz kann man sitzen, das C steht wahlweise für „Cringe“, „Crystal“, „Culture“, „Cunt“, „Cock“ oder Chicago. Ist nach wie vor ein bisschen peinlich, aber funktioniert ausgesprochen gut und gilt mittlerweile als einer der internationalsten Orte der Chemnitzer Innenstadt. 

Industriekultur: per Definition die Kulturgeschichte ab Industrialisierung, für Chemnitz eine Art Obsession, weil Industriekultur erstens den permanenten Vergleich mit Manchester möglich macht, zweitens ein optimistisches Synonym dafür ist, dass hier zu viele tolle Industriebrachen ungenutzt vor sich hinverfallen und drittens nostalgische Erinnerungen an eine ferne Zeit reproduziert, in der Chemnitz noch eine Weltmacht in Sachsen war.  

Interventionsflächen: Orte, in die die Stadt Chemnitz „interveniert“, also eingreift. Das wiederum heißt: Diese Orte werden für die europäische Kulturhauptstadt aufgepimpt, saniert oder umfunktioniert. Dafür werden insgesamt 30 Millionen Euro investiert. Zu den Interventionsflächen gehören z.B. die Hartmannfabrik, der Garagencampus, das Schauspielhaus, die Chemnitz (Stadt am Fluss), die Stadtwirtschaft und das Karl-Schmidt-Rottluff-Haus. 

Kahlo, Frida: Mexikanische Autodidaktin und feministische Kunst-Ikone, deren Werke laut Bid Book 2025 erstmalig auf europäischen Boden in den Chemnitzer Kunstsammlungen gezeigt werden sollen. Wahrscheinlichkeit, dass das nicht passiert: 100 Prozent. 

Karl-Marx-Monument: Großer grauer Bronze-Avatar von Karl Marx, der seine kommunistische Seele und seinen Namen regelrecht für schlechten Kulturhauptstadt-Merch und pseudo-originelle Marketing-Ideen verkauft. 

Key Indicators: festgelegte Leistungskennzahlen, an denen sich der Kuha-Erfolg empirisch messen lassen soll. Es folgen ein paar Beispiele, unkommentiert: 

  • 350.000 europäische Macher:innen haben sich im Makerspace vernetzt 
  • 2,4 Millionen Besucher:innen zwischen 2023 und 2026 in Chemnitz 
  • 80% aller Projekte passieren mit internationaler Beteiligung, davon sind 35% der Projektpartner osteuropäisch, 25 Prozent aus dem Grenzgebiet (Tschechien)  
  • 75% Prozent der Akteure machen nicht immer dasselbe und wenden sich an ein neues Publikum 
  • 35% mehr Bürger:innen sind offener und kompetenter im Umgang mit Vielfalt
  • 70% der Chemnitzer:innen haben bis 2027 ein positiveres Bild von ihrer Stadt
  • 75% dieser Indikatoren scheitern am Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex

 

Kreativ-Achse: Ambitioniertes Projekt, das die beliebten Lost-Places Brühl, Sonnenberg und StraNa mit Einzelhandel, Gastro, Kunst und Kultur wiederbeleben möchte. 

Kosmos: Gesamtheit von allem, was in Chemnitz jung, cool und urban ist. Dieses Jahr zum Mikrokosmos geschrumpft wegen Geld und weil Chemnitz junge Impulse hasst. 

Kuha: Klassische Chemnitzer Abkürzung für „Kulturhauptstadt“, die allerdings das „europäische“ ignoriert, und eigentlich Eukuha heißen müsste. In einer Tradition mit StraNa, Zenti, Babalu, Bibo, Imu und Küwa. 

Kuha GmbH: Verschwörungstheorie, wonach Chemnitz gar keine souveräne Stadt, sondern eine Firma namens Kuha-GmbH ist. Die Kuha GmbH steuert im Geheimen den Great Reset, bei dem alle Chemnitzer:innen durch englisch sprechende Kultur-Akteur:innen aus Berlin, Manchester, Ljubljana, Prag und Budapest ausgetauscht werden sollen. 

Kultur: Magisches Wort, das man in Chemnitz immer dann vor ein neues Projekt setzen kann, wenn man sonst keine gute Idee hat. Wenn man drei Mal hintereinander „Kultur“ mit bunter Kreide auf grauen Beton sprüht, gehen außerdem die Naziprobleme weg.

Kulturbier: Schwach schmeckendes Craft-Beer der Hand in Hand-Brewery, eigentlich Reichenbrander Helles. Die Einnahmen kommen  der Chemnitzer Cultur zu Gute.

Kulturlurch: Kultmaskottchen der Chemnitzer Kulturhauptstadt. Ein 300 Millionen Jahre alter Stein mit dem Spitznamen „Marcel“, siehe -> Chemnitzion richteri 

Kulturregion: neumodischer Euphemismus für „das Erzgebirge“ (und Mittweida), beschwichtigende Beschreibung für Mordor. 

Legacy: deutsch Erbe oder Vermächtnis. Legacy ist etwas, das sonst nur Rap-Legenden haben. Und Chemnitz, wobei Chemnitz in Szenekreisen auch als Rap-Legende gilt. Im Kuha-Jargon ist Legacy das, was nach der europäischen Kulturhauptstadt für Chemnitz und die Kulturregion nachhaltig erhalten bleibt. 

Maker: Modewort aus den frühen Nullerjahren, mittlerweile in Chemnitz angekommen. Angeblich jedoch 2019 von Lars Fassmann auf der Maker Faire erfunden. Maker ist Englisch und heißt auf Chemnitz übersetzt so viel wie „wichtiger Mann, der etwas macht“. Kulturhauptstadt zum Beispiel. 

Maker Communities: größere, internationale Gruppen von wichtigen Männern, die gemeinsam etwas machen, Kulturhauptstadt zum Beispiel. 

Maker Hub: Slang für Maker Husband, auch „Maker Hubbie“, häufig von MWAG (Maker Wives and Girlfriends) verwendet. Alternative Bedeutung: An acht Standpunkten in der Kulturregion entstehen Orte, an denen sich Maker mit Unternehmer:innen, Wissenschaftler:innen und Künstler:innen treffen und austauschen können. Dort soll es jeweils Labore (sogenannte „Labs), Werkstätten und Coworking-Spaces geben, in denen Kreative, Maker und Bürger:innen gemeinsam mit Millionen von Makertouristen etwas maken, also basteln, kochen oder löten, können. 

makerspace.eu: eine interaktive, digitale und bis dato komplett schwammig definierte Plattform, auf der sich europäische Maker Communities miteinander vernetzen sollen. Der Makerspace ist die virtuelle Version der europäische Kulturhauptstadt 2025 und als digitaler Raum angeblich „der größte Veranstaltungsraum“ der Kulturhauptstadt. Erwartet werden zwischen 2023 und 2026 um die 80 Millionen Website-Besucher:innen. Plot Twist: Die Seite existiert noch gar nicht. 

Makertourismus: Der Sextourismus des kleinen Machers. Tourismus für Menschen, die zum Maken gern auch mal in eine andere Stadt, also nach Chemnitz, fahren. Existiert allerdings nur in der Chemnitzer Fantasie, und gilt als eng verwandt mit dem Dark Tourism. Makertourismus wird im Handbuch zur Kulturhauptstadt folgendermaßen definiert „[Der Makertourismus] bietet Besucher:innen ein lokales Maker-Erlebnis zwischen traditionellen und digitalen Maker-Techniken.“ 

Makers United: Großes Löt-, Laser- und 3D-Druck-Festival in der Chemnitzer Stadthalle. Veranstaltet von der C3. 

ins Maken kommen: Chemnitzer Entsprechung des grausamen Business-Anglizismus „ins Doing kommen“. 

Männer: männlich gelesene Menschen, bilden gemeinsam mit Makern und Machern die drei tragenden Säulen der Chemnitzer Kulturhauptstadt. 

Mikroprojekt: Der Mikropenis der Projekt-Schwanzvergleiche, wird mit bis zu 3000 Euro von der Stadt Chemnitz gefördert und soll mehr niedrigschwellige Beteiligung möglich machen.  

Munch, Edvard: Norwegischer Maler äh Maker, der 1905 in Chemnitz gelebt und als Familienportrait-Maler ähh Maker für die Esche-Familie gearbeitet hat. Im Jahr 2025 sollen seine Werke in einer großen Ausstellung in den Chemnitzer Kunstsammlungen gezeigt werden sollen. Wahrscheinlichkeit, dass das passiert: 100%.

Narrativ: Lieblingswort der Freien Szene, klingt unglaublich gut, heißt am Ende aber auch nur so viel wie (sinnstiftende) Geschichte oder Erzählung. Für die Kulturhauptstadt-Bewerbung wurde ein eigenes Narrativ entwickelt, und das geht so: Industrie – Krieg – DDR – Wende – Spaltung der Gesellschaft bis hin zur Radikalisierung – Nazi-Aufmarsch im August 2018 – Risse kitten durch die magische Macht des gemeinsamen Makens. 

Nazis: ursprünglich: Anhänger der Nationalsozialisten, heute Rechtsextremismus-Maker. Im Chemnitzer Stadtbild nach wie vor präsent, außerdem gut vernetzt mit fest verankerten Strukturen. Nazis sind hier zum Beispiel Stadtratmaker, Supermarktmaker, Securitymaker, Montagsdemomaker oder Südkurvenmaker. Von dort aus wurden auch die Proteste im August 2018 organisiert, bei denen es nach einem Tötungsdelikt zu Hetzjagden auf migrantisch gelesene Personen, Ausschreitungen vorm Karl-Marx-Monument und dem öffentlichen Schulterschluss der AfD mit Rechtsextremisten kam. Die Chemnitzer Rechtsextremismus-Maker wollen 2025 natürlich auch mitmachen und haben schon mal neue Ausschreitungen angekündigt.

Nova Gorica: Stadt an der slowenisch-italienischen Grenze, die im Jahr 2025 ebenfalls die europäische Kulturhauptstadt stellt. 

Nürnberg: Geburtsstadt des großen Franken-Gottes Markus Söder, außerdem neben Hannover, Hildesheim und Magdeburg die (schlechte) Verliererstadt des großen Kuha-Finales 2020. Startete daraufhin gemeinsam mit Söders Biograf Uwe Ritzer und der Süddeutschen Zeitung Beef gegen Chemnitz wegen angeblicher Schiebung, woraufhin die Kultusministerkonferenz die offizielle Anerkennung des Chemnitzer Kulturhauptstadt-Titels vertagte. Den Vorsitz der Kultusministerkonferenz hatte zu diesem Zeitpunkt übrigens: genau, der Freistaat Bayern. 

Opening: Die große Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres, geplant und veranstaltet von der C3. Dabei soll die „Joy of Making“ (Freude des Machens) gefeiert werden und zwar mit einer Kulturmeile, einer Roboter-Disko, einer interaktiven Ausstellung mit „Macher-Werkzeugen“, der großen Maker-Parade mit „digitalen Performance-Elementen“, Klöppelfrauen und Bergmannszug, einem Lichtstrahl über dem Karl-Marx-Monument und dem Spruch „Macher (Männer) aller Länder vereinigt euch“. Rammstein haben zwar leider nicht zugesagt, aber die Veranstaltung klingt trotzdem wie der fantastische Fiebertraum eines kulturhungrigen Lötkolbens. 

Parade: Öffentlicher Umzug oder Marsch, bei der uniformierte oder kostümierte Menschen über Straßen ziehen, winken und dabei vom Publikum am Straßenrand im Viervierteltakt beklatscht werden. Große Chemnitzer Kulturobsession, vermutlich ein geistig abgehängtes Überbleibsel aus dem Sozialismus. Nach dem großen jährlichen Erfolg der Bergparade sind für 2025 viele weitere Paraden geplant: Die Apfelkuchen-Parade, die große Maker-Parade, die Oldtimer Parade, die Sport Parade, die European Peace Ride, eine Camp David Fashion Parade, eine Langos-Parade, eine lustige Hutparade, eine Diesel-Abgas-Parade und wahrscheinlich auch eine Nazi-Parade. Bei vielen Chemnitzer:innen beliebt: Die Idee einer Putin-Panzer-Parade vorm Marx-Monument. 

Partizipation: aus dem Lateinischen, bedeutet Beteiligung, im Kontext der Kulturhauptstadt konkret: Beteiligung durch die Bevölkerung, wird vielerorts vehement eingefordert, ist aber in Chemnitz leider nicht immer eine gute Idee.

Purple Path: englisch für Veilchenvioletter-Pfad, ein Wanderweg für Aue-Fans, der Chemnitz und das Erzgebirge durch Kunst im öffentlichen Raum verbinden soll. Eine Art Pilgerweg für kunstinteressierte Maker, die keine Angst vorm Erzgebirge (siehe Kulturregion) haben. 

POCHEN Biennale: wichtigste Kunstbiennale seit Venedig.  

Rooftop Projekt: Chemnitz ist gemeinsam mit Städten wie Barcelona, Antwerpen, Faro oder Amsterdam Teil und Gründungsmitglied des europäischen Netzwerkes für kreative Dachnutzungen. In dessen Rahmen sollen für verschiedene Dächer der Stadt neue kreative, innovative sowie nachhaltige Nutzungskonzepte entwickelt und Chemnitz endlich zu einer coolen Stadt transformiert werden. 

Self Efficacy: engl. für Selbstwirksamkeit, Konzept aus der Psychologie, beschreibt die Fähigkeit, an das eigene erfolgreiche Handeln zu glauben, selbst bei schwierigen Herausforderungen. Eng verwandt mit Selbstbewusstsein. Existiert in Chemnitz nicht, gilt deshalb auch als Antithese zum Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex. Soll durch Kulturhauptstadtprogramm und intensives internationales Maken bei den Chemnitzer:innen gefördert und gestärkt werden. 

Steimle, Uwe: geistiger Hof- und Hauskabarettist der AfD, der mit zurückgebliebenem Ossi-Ningler-„Humor“ sachsenweit die Säle füllt. Macht geschmacklose Witze über Theresienstadt, isst danach Latkes im Schalom. In Chemnitz mindestens so populär, aber nicht im geringsten so stabil wie Roland Kaiser, gern gesehener Gast in der europäischen Kulturhauptstadt.

Stille Mitte: Chemnitzer Trendbegriff für „Biedermeier“. Beschreibt Menschen, die von der Komplexität der Welt zunehmend überfordert sind, sich sich deshalb ins Private beziehungsweise Unpolitische zurückziehen und völlig haltungslos im Camp David-Polo zum Bürgerfest Bratwurst mit Bautz’ner Senf essen. Beschreibt aber auch Menschen, die sich bei Demos in die rechte Ecke hinter die Nazis stellen und sich dann im MDR darüber aufregen, dass sie von den bösen Medien in die rechte Ecke gestellt werden. Es wurde aber auch schon Kritik am Begriff laut, wonach die Stille Mitte nur eine stark relativierende Beschönigung für die vielen AfD-Wähler:innen aus den rechten Randgebieten sei.

Symposium: Akteurs-Slang für eine (wissenschaftliche) Konferenz. 

Transformationsprozess: Sehr wichtig klingendes Wort, mit dem man Akteure beeindrucken kann. Bedeutet so viel wie Industrie, Krieg, Zerstörung, Wiederaufbau und Wende. 

Weindorf: Das „Futuristic City“ Meme der Chemnitzer Kulturhauptstadt, der grauburgunderfeuchte Traum einer erfolgreichen Chemnitzer Kulturveranstaltung. Wenn sich die Stille Mitte und OB Svenni ein ideales Kuha-Jahr 2025 wünschen dürften, dann wäre ein Jahr lang Weindorf mit ein paar internationalen Alleinunterhaltern, paneuropäischer Bergparade und Streetfood-Markt, in dessen Rahmen im ganzen Chemnitzer Stadtgebiet 4000 Weinstöcke gepflanzt werden. 

Weparapom: Kunstwort, zusammengesetzt aus We, Para (wie Parade) und Pom (wie Pomologie, Obstbaukunde). Parade der Apfelbäume, für die im Stadtgebiet 4000 Apfelbäume gepflanzt und mit künstlerischen Interventionen zu Themen wie Migration, Normierung, Arbeitsbedingungen, Biodiversität und Nachhaltigkeit gefeiert werden sollen. 

Zenti: Slang für Zentrale Umsteigestelle, wird voraussichtlich auch 2025 eine Rolle in Chemnitz spielen. 

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Das große Astro:marx Horoskop: Das sagt dein Chemnitz-Zeichen über dich https://remarx.eu/2023/01/das-grosse-astromarx-horoskop-das-sagt-dein-chemnitz-zeichen-ueber-dich/ https://remarx.eu/2023/01/das-grosse-astromarx-horoskop-das-sagt-dein-chemnitz-zeichen-ueber-dich/#respond Sat, 14 Jan 2023 16:33:19 +0000 https://remarx.eu/?p=12322 Der Januar ist zäh und grau und belastend schneefrei. Kollektives Durchhängen ist angesagt, der Optimismus aus der Silvesternacht längst schon wieder verpufft. Viele Menschen suchen jetzt Trost in haltlosen Horoskopen. Wir sagen: Hört nicht mehr auf diesen pseudowissenschaftlichen Eso-Humbug – was angeblich in den Sternen geschrieben steht, sagt absolut nichts über euer Leben aus, Sternzeichen sind eine Lüge. Was hingegen wirklich zählt ist, was in den Chemnitzer Beton gemeißelt steht, und da sieht es ganz anders aus als bei den Sternen. Deshalb hat Astro:marx für euch die Chemnitzer Umlaufbahn neu berechnet, die IloveC-Konstellationen neu geprüft, die rückläufige MRB ganz genau beobachtet und ein wissenschaftlich hochgradig fundiertes, vom Kosmonauten-Zentrum geprüftes und von Harald Lesch falsifiziertes Horoskop erstellt. Sternzeichen sind was für die Brigitte, tag24 oder fürs 371 – coole Leute glauben jetzt an Chemnitz-Zeichen. Hier erfahrt ihr alles über Kulturluch, Macker, Sachsenschatz und co.  

 

 

Die Chemnitzzeichen im Überblick
Ein Klick auf den Link führt dich schneller zu deinem Chemnitz-Zeichen

Maker: 22.04. – 19.05.

Kulturlurch: 20.05. – 20.06.

Ostmaus: 24.06. – 20.07.

Sachsenschatz: 21.07. – 20.08. 

Runkel: 21.08. – 22.09.

Macker: 23.09. – 26.10. 

Ningler: 27.10. – 22.11

Bergmann: 23.11. – 24.12. 

Nischel: 25.12. – 20.01. 

Akteur: 21.01. – 20.02. 

Kosmonaut: 21.02. – 20.03. 

Leguano: 21.03. – 21.04. 

 

Aszendent berechnen: 
Dein Chemnitz-Zeichen wird bestimmt vom Tag deiner Geburt und definiert vor allem dein Verhältnis zur Stadt allgemein und natürlich maßgeblich deinen Charakter. Der Aszendent wiederum richtet sich nach der Uhrzeit deiner Geburt und gibt an, welche Stadt oder welcher Stadtteil konkret nicht nur deine Sicht auf Chemnitz prägt, sondern auch deine Außenwirkung in der Chemnitzer Szene bestimmt. 

Die Elemente
Die zwölf Chemnitz-Zeichen werden in vier Elemente eingeteilt. Die Elemente bestimmen die wesentlichen Charaktereigenschaften des Chemnitz-Zeichens. 

Beton – Bodenständigkeit, Ruhe und Pragmatismus 
Cultur – Kultur, Ästhetik und Kommunikation 
Schlossteichwasser – Drama, Tränen und Melancholie
Sprühkreide – Optimismus, Offenheit und Selbstbewusstsein

 

Dein Chemnitz-Zeichen


Maker
22.04. – 19.05.
Element: Beton

Der Maker steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen. Und in Chemnitz ist der Boden der Tatsachen ein stabil betoniertes Garagenfundament. Der Maker ist fest verwurzelt mit seinem Element, dem Beton, und gilt als das Bodenständigste aller Chemnitzzeichen. „Ich make“, lautet sein Mantra, und so hantiert er stundenlang geduldig in der Garage oder im Garten, am Lötkolben oder an der Werkbank, in der Küche oder am Computer. Viele Maker haben nicht nur einen grünen, sondern auch einen grauen Daumen und gelten als hervorragende Architekten. Allerdings ist der Maker, der seine Stille Mitte längst gefunden hat, ein ziemlicher Eigenbrötler und nimmt nur selten am gesellschaftlichen Leben teil – viele Menschen und aufgeregtes Gewimmel liegen ihm nicht so, in der überfüllten Innenstadt sieht man ihn daher nur selten. Lieber bevorzugt er die Ruhe seiner Reihenhaus-Siedlung, findet meditative Erfüllung beim Steine-Umschlichten im Schottergarten oder beim Sachsenfahnen-Klöppeln in der Hutzenstub. Wenn er sich doch mal unter Menschen mischt, dann sicher nur, weil gerade Maker Faire ist. Lockt man den Maker erstmal aus seiner Garage, hat man es mit einem humorvollen, erfinderischen, hilfsbereiten und lösungsorientierten Zeitgenossen zu tun. Der Maker verliert sich nicht in verträumten Visionen, doch hinter der pragmatischen Fassade lötet eine leidenschaftliche Flamme. 

Aszendenten:  Maker mit Aszendent Erzgebirge sind sehr traditionsliebend, geben sich häufig der Holzschnitzerei oder der Klöppelei hin oder sind berühmt für ihre handgerollten Wickelklöße. Maker mit Aszendent Sonnenberg gelten als hervorragende Methköche, Maker mit Aszendent Dresden oder Nürnberg engagieren sich häufig bei der freiwilligen Feuerwehr oder beim THW. Kaßberg-Maker sollten sich mit ihrer stabilen Maker-Energie mehr in ihrem jeweiligen Stadtteil einbringen. 

Stärken: Löten, Garten, selbstgemachte Hausmannskost, unkompliziert 
Schwächen: ungesellig, hört beim Löten zu viel RSA, hat eine seltsame Schwäche für den sächsischen Ministerpräsidenten, übertreibt manchmal beim Flexen (Winkelschleifen) 
Orte: Baumarkt, Maker Faire, Holzkombinat, Gartenkneipe, Makerspaces 
Emojis: 🤝💚🔨💶
passt gut zu: Nischel, Runkel, Ningler 
berühmte Maker: Karl Marx, Fynn Kliemann, Michael Kretschmer, Adele 

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Kulturlurch 
20.05. – 20.06.
Element: Cultur

Ewig getrieben von der Suche nach dem schönen, dem aufregenden Leben in Chemnitz, verliert sich der Kulturlurch oft in Rastlosigkeit. Der Kulturlurch läuft nicht selten einem Ideal vom coolen, angesagten Chemnitz nach, prallt dabei aber immer wieder an der mittelgrauen Chemnitzrealtität ab. So kommt es, dass viele Kulturlurche mit zunehmenden Alter resignieren oder eine zweite Seelenheimat im Zynismus finden. Dabei gelten im Zeichen Kulturlurch geborene Chemnitzer:innen als überdurchschnittlich gesellig, neugierig und kommunikativ, sie tanzen nicht nur auf allen Halbkreisen, sie reden auch extrem viel darüber. Egal ob Line-Dance-Workshop, Tuning-Treffen, intellektuell verkopfte Theaterinszenierung, wichtige Vernissage, Weindorf-Alleinunterhaltershow, wilde Clubnacht oder lethargischer Lesekreis – wenn es sein muss, geht der Kulturlurch sogar auf’s Hutfestival. Nicht selten hat sich der Kulturlurch selbst der Kunst verschrieben, gibt sich der Musik hin, schreibt eigene Theaterstücke oder philosophiert sinnlos vor sich hin. Rückschläge erleiden Kulturlurche vor allem dann, wenn ihr Idealismus und ihre Weltoffenheit auf die klassische Chemnitzer Verschlossenheit treffen – dann kann der eigentlich sehr aufgeschlossene Kulturlurch durchaus unausstehlich werden. 

Aszendenten: Kulturlurche mit Aszendent New York oder Leipzig sollten unbedingt eine Kunstkarriere verfolgen, Kulturlurche mit Aszendent Dresden gelten als überheblich, Burgstädt-Kulturlurche haben häufig Probleme mit ihrer Identitätsfindung. Der Sonnenberg Kulturlurch prasst gern mit Fördergeldern, Kaßberg-Kulturlurche sollten sich nicht zu sehr auf ihren verwelkten Lorbeeren ausruhen.

Stärken: Leben, Lachen, Lieben, Chemnitz
Schwächen: zu viel Text, hat zum Hutfestival schon mal einen Lulatschhut getragen, lässt sich zu leicht von Mackern beeinflussen und beeindrucken, widersprüchliche Einstellung zum Thema Stadtmöbel 
Orte: POCHEN Symposium, Hang zur Kultur, Kosmos, VHS, Hutfestival 
Emojis: 🦎🎨🤯🌈🎧
passt gut zu: Akteur, Macker, Bergmann 
berühmte Kulturlurche: Olaf Scholz, Veronica Ferres, Daniel Frahn 

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Ostmaus
21.06. – 20.07.
Element: Schlossteichwasser

Die scheue Ostmaus ist geprägt von innerer Zerrissenheit: Als typische Maus propagiert sie einerseits ständig Happy Vibes auf Instagram, andererseits heißt es nicht umsonst OSTmaus, und zum Osten gehört eine gewisse Lust am Leiden. Von Natur aus sehr empfindsam, grübelt sie viel und tiefsinnig über ihre komplizierte Ost-Heimat, ganz besonders über Chemnitz und darüber, wie schlimm hier alles ist. Das Zeichen der Ostmaus steht im Element Schlossteichwasser – die gefühlsbetonten Ostmausgeborenen weinen häufig derart viele Tränen, dass man damit dreimal den Rabensteiner Stausee füllen könnte. Dennoch sind Ostmäuse keine verbitterten Jammerossis, sondern häufig verkappte Chemnitz-Romantiker:innen, die die Hoffnung nie ganz aufgeben und immer wieder versuchen, mit ihren Chemnitzer Kampftränen schlechte Sachsen-Stimmung von den Straßen zu spülen. Sie fühlen sich pudelwohl in der Underdog-Rolle und kultivieren diese so sehr, dass sie mit der Zeit ein bisschen wie Chemnitz selbst werden: zurückhaltend, etwas unsicher und immer ein bisschen zu selbstkritisch. Sie nehmen selbst die harmlosesten Dinge persönlich, zum Beispiel, wenn die Stadt Chemnitz mal wieder einen total hässlichen Weihnachtsbaum aufstellt, wenn die Niners zwei Heimspiele nacheinander verlieren oder wenn sie in random re:marx Horoskopen einfach „Ostmaus“ genannt — oder noch schlimmer – gar nicht erst erwähnt werden. Als echte Empathen haben Ostmaus-Chemnitzer:innen dafür jedoch ein ausgeprägtes Mitgefühl für andere uncoole Ost-Städte wie Dresden, Magdeburg, Görlitz oder Berlin.

Aszendenten: Ostmäuse mit New York oder Tokio-Aszendent fallen oft durch ihr außergewöhnlich ausgeprägtes Selbstbewusstsein auf. Berlin-Ostmäuse sollten unbedingt in die Politik gehen. Ostmausmenschen mit Erzgebirgs- oder Dresden-Aszendent müssen aufpassen, nicht doch noch zum Jammerossi zu werden. Brühl-Ostmäuse haben sich noch nie so richtig vom Zuhause-Schild weggetraut – und sollten sich endlich mal aus ihrer Comfort Zone maustrauen. Sonnenberg-Ostmäuse fühlen sich in der Südkurve ein bisschen zu wohl. 

Stärken: Empathie, Ost-Analyse, Tränen, Chemnitz-Verständnis
Schwächen: nimmt Chemnitz zu persönlich, verprasst regelmäßig übermäßig viel Geld bei Käse Maik, tritt häufiger mal in Mausefallen 
Orte: Käse Maik Lager Wittgensdorf, Weltecho-Innenhof, Zuhause-Schild am Brühl, Chemnitz Nazifrei-Plenum 
Emojis: 🥺💕🐭😭
passt gut zu: Ningler, Kosmonaut, Nischel 
berühmte Ostmäuse: Angela Merkel, David Hasselhoff, Lars Riedel, Lana del Rey, Martin Kohlmann?

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Sachsenschatz
22.07. – 20.08. 
Element: Sprühkreide 

Glamourös, stolz, materialistisch: Ein Sachsenschatz hat gerade den Raum betreten und die ganze Stadt hält den Atem an. Im Gegensatz zu den unkomplizierten Kulturlurchen halten sich Sachsenschätze für etwas ganz Besonderes und streben nach Macht, Anerkennung und Luxus. Menschen vom Zeichen Sachsenschatz fallen in Chemnitz sofort auf, denn sie strotzen nur so vor Selbstbewusstsein und können sich elegant auffällig kleiden, ohne dabei auf Germens-Fashion zurückgreifen zu müssen – anders als der zurückhaltenden Ostmaus ist dem Sachsenschatz ein Wort wie „Minderwertigkeitskomplex“ völlig fremd. Der Sachsenschatz zeigt sich gerne, nicht selten sieht man ihn in üppigen Steppmänteln über den Wall flanieren, stundenlang Selfies am Fotopoint machen oder mit auf Hochglanz polierten Muschelfee-Schmuck in der Sachsenallee flexen. Der selbstbewusste Sachsenschatz zweifelt nie, nicht an sich selbst und noch weniger an Chemnitz. Längst hat er sich ILoveC in den millionenschweren Diamant-Ring gravieren lassen, denn der Sachsenschatz ist proud to be a Chemnitzer, und das lässt er auch raushängen. Negative Chemnitz-Schwingungen prallen einfach an ihm ab: Er lässt sich weder von empörten Facebook-Kommentaren noch von in Gesichter gemeißelten Chemnitz-Fressen irritieren. Und auch, wenn er ab und an auf unbestimmte Zeit in anderen Gefilden abtaucht, bleibt er seiner Heimat immer treu: Seine Seele ist in Sachsen und er ist Sachsens Seele. 

Aszendenten: Sachsenschätze mit Aszendent Dresden gelten als arrogant, sind aber vor allem bei Michael Kretschmer sehr beliebt,  Sachsenschatz-Geborene mit Aszendent Erzgebirge sollten sich unbedingt auf die Suche nach dem Bernsteinzimmer begeben. Sachsenschätze mit Burgstädt-Aszendent haben immer wieder Probleme mit ihrer Selbstwahrnehmung. Sachsenschatzmenschen mit Berlin-Aszendent fühlen sich zwar häufig ziemlich lost, sind aber noch nicht komplett verloren. Der Kaßberg-Sachsenschatz investiert sein Gold gern in Oliven. 

Stärken: Style, IloveSlay, Selbstbewusstsein, Sachsenliebe 
Schwächen: protzig, taucht manchmal länger in Berlin ab, anfällig für Geschichtsrevisionismus, hängt immer noch August dem Starken nach 
Orte: Cook Family, Golfplatz Klaffenbach, Grünes Gewölbe, Juwelier Roller, Niners VIP Lounge
Emojis:🤩💍💰💎
passt gut zu: Leguano, Bergmann, Akteur  
berühmte Sachsenschätze: Stefanie Hertel, Jan Josef Liefers, Barack Obama, Helene Fischer

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Runkel
21.08. — 22.09. 
Element: Beton

Am Wall liegen wieder mal verbotene Glasflaschen rum? Illegale Bratwurst-Esser schmatzen dir in der Innenstadt ungefragt ins Ohr? Ein Falschparker hat grundlos dein Karma blockiert? Keine Sorge, der rationale Runkel regelt das schon. Ein Anruf genügt, und er steht mit Besen und Bereitschaftspolizei vor dir. Die zuverlässigen Runkel-Geborenen gelten als die Marie Kondos von Chemnitz: Ordnungsliebend bis pedantisch fegen sie freiwillig die Böllerbatterien vom Brühl, verteilen Knöllchen auf dem Kaßberg, putzen Methküchen auf dem Sonnenberg und wenn es sein muss, verhängen sie auch mal eigenmächtig Verbotszonen am Wall. Runkels können eben nicht anders. Geboren im Chemnitz-Element Beton, sind sie von Natur aus besonders diszipliniert, strukturiert und gründlich. Kurz: Sie sind Perfektionisten. Im schmutzigen Chemnitz haben sie es deshalb nicht immer leicht. Das laute Leben in der Sachsen-Metropole kann für sie schnell zu viel werden, sie fühlen sich leicht überwältigt von den überbordenden Großstadt-Vibes und klammern sich deshalb an klare Strukturen. Runkels haben nicht nur ihr eigenes Leben im Griff, sondern auch das aller anderen. Typische Runkel-Chemnitzer:innen haben oft Angst vor zu viel Spaß – nichtsdestotrotz können auch sie sich ordentlich gehen lassen. Wenn die Stimmung passt, wenn Zucht und Ordnung nicht durch hemmungslosen Exzess gefährdet sind, kann auch ein Runkel durchaus kontrolliert eskalieren. 

Aszendenten: Bernsdorf Runkels tüfteln schon länger an einem Videoüberwachungssystem für den Mensavorplatz. Runkels mit Berlin-Aszendent fürchten Großstadt-Chaos noch mehr als Falschparker. Burgstädt-Runkels gelten als traditionsbewusst und konservativ. Erzgebirgs-Runkels laufen Gefahr, sich in einer Bürgerwehr zu radikalisieren. Runkel-Geborene mit Sonnenberg-Aszendent verlassen das Haus nur mit Elektroschocker und Mülltüte. 

Stärken: Zucht, Ordnung, Parklücken 
Schwächen: penibel, verübt öfter mal Selbstjustiz, hält sich nicht ans eigenhändig verhängte Alkoholverbot, seltene Vorliebe für komische Kostümierungen  
Orte: Stadthallenpark, Polizeiwache, Rewe-Aldi-Achse, Karnevalsverein 
Emojis: 👮🏼‍♀️🚨🧹🚫
passt gut zu: Maker, Nischel, Kosmonaut 
berühmte Runkels: Beyoncé, Erich Honecker, Robert Habeck 

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Macker 
23.09. – 26.10. 
Element: Cultur

Die charmanten Macker sind fürwahr keine Chemnitzer:innen von Traurigkeit: Selbstsicher schlendern sie über den Marktplatz, räkeln sich unter den Fontänen des Marktbrunnens, laufen in den Weltecho-Hof ein, ohne mit der Wimper zu zucken. Macker sind wahre Meister der Diplomatie, vor allem, wenn es darum geht, andere Macker zu beschützen – sie fühlen sich unter ihresgleichen einfach am wohlsten. Sie gelten als kommunikative Alleskönner und Vermittler, doch sobald es um sie selbst geht, gehen sie Konflikten lieber stillschweigend aus dem Weg. Ihr Element ist die Cultur, und ohne den klassischen Macker-Optimismus wäre die Chemnitzer Kulturlandschaft schon längst ausgeblutet. Und so trifft man Macker, ähnlich wie die Kulturlurche und Akteure, auf sämtlichen Chemnitzer Kulturveranstaltungen. Dort erkennt man sie meist daran, dass sie gerade so leidenschaftlich wie ausgiebig die Chemnitzer Kulturpolitik, die Laibach-Diskografie, die Kunstszene der DDR oder die richtige Zubereitung von Ramen erklären. 
Die Macker-Frau ist durchsetzungsfähig, abgezockt und prügelt sich auch mal für Frauenrechte, sie geht völlig schmerzbefreit durchs harte Chemnitz-Leben und gilt als feministische Ikone. Der typische Macker-Mann hingegen ist oft zutiefst unsicher, kompensiert dies nach außen jedoch nicht selten durch Arroganz, Machtstreben oder Größenwahn. Doch wenn der Macker erstmal lernt, dass seine Unsicherheit völlig okay und total menschlich ist, und die eitlen Kompensations-Gebaren ablegt, kann er ein durchaus liebenswertes und sehr beliebtes Chemnitz-Zeichen sein. 

Aszendenten: Dresden-Macker wollen sich demnächst bei einem ausführlichen Putin-Telefonat um Frieden bemühen. Sonnenberg-Macker sollten ihre toxische Energien lieber im CFC-Stadion lassen. Leipzig-Macker sind durchaus häufig auch in der Linken Szene heimisch. Macker mit Nürnberg-Aszendent haben schon länger eine Schwäche für Markus Söder. 

Stärken: Mackersplaining, Macht, Vermittlung, Charme,  
Schwächen:  trägt gerne alle sieben Lulatsch-Farben, obwohl es ihm gar nicht richtig steht, kann nicht gut mit Geld umgehen und spart oft an der falschen Stelle, anfällig für peinliche Posts in Sozialen Medien
Orte: Rathaus, Kulturhauptstadt-Party, einschlägige Kaßberg-Kneipen, ILoveC-Fotopoint 
Emojis: 🍆🗣😂💪🏻
passt gut zu: Kulturlurch, Akteur, Leguano 
berühmte Macker: Putin, OB Svenni,  Michael Ballack, Marianne Brandt

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Ningler 
27.10. – 22.11
Element: Schlossteichwasser

Egal, wie sehr sich Chemnitz ins Zeug legt, der Ningler hat einfach immer etwas daran auszusetzen: Nichts ist ihm gut genug, keine IC-Verbindung, keine ILovec-Latsche, kein freundlich aufgeblasener Hut auf dem Marx Monument. Der Ningler kennt nur Hate, Hate, Hate. Dabei wird er in seiner Rolle als Hater oft missverstanden, er strebt einfach nur nach Wahrheit, ist überzeugter Idealist mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und Mitgefühl, dabei aber leider sehr kritisch. Zumindest bei anderen, selbst steckt er Kritik eher mittelgut weg, schließlich gehört er zu den sensiblen Schlossteichwasser-Zeichen. Wie Ostmaus und Kosmonaut weint auch der Ningler regelmäßig viele Tränen, aber vor allem innerlich. Nach außen gibt er den abgeklärten Hater, doch die Hass-Fassade ist nur Teil seiner Attitüde, mit der er seine romantischen Chemnitz-Gefühle und seinen unerschütterlichen Optimismus kaschiert. Ein Geheimnis, das der Ningler schweigend für sich bewahrt, er gibt nicht gern viel von sich Preis, gilt als introvertiert. Lieber lenkt er durch permanentes Nörgeln von seinem Seelenleben ab. Typische Ningler werden getrieben von einer düsteren Faszination für das Abseitige, ihr Hate-Herz schlägt für das mystische, morbide Chemnitz. Wenn Saatkrähen-Schwärme über ihren Köpfen kreisen, wenn sie im Nieselregen über abgeranzte Ausfallstraßen flanieren, wenn es richtig schön grau ist und es sich ungehemmt ningeln lässt, dann fühlen sich Ningler wohl.

Der Ningler und seine Aszendenten: New York Ningler sind die heimlichen König:innen von Chemnitz. Ningler mit Bernsdorf oder Kaßberg Aszendent nörgeln gerne über schlechte Straßen oder fehlende Parkplätze. Ningler mit Berlin Aszendent wissen, dass es anderswo auch scheiße ist. Erzgebirgs-Ningler liebäugeln schon länger mit einer Teilnahme an einschlägigen Montagsdemos. 


Stärken: Hate, Abseitiges, Mystery, Wahrheit, Beobachtung
Schwächen: benutzen das Wütend-Emoji exzessiv und für ALLE Lebenslagen, ziehen immer Chemnitz-Fresse, selbst wenn sie lächeln, socially awkward 
Orte: Schlüpfermarkt, Ringbus, anonyme Melancholiker Treffen, dunkle Erzgebirgswälder
Emojis: 😡☹😢
passt gut zu: Maker, Ostmaus, Kosmonaut, 
berühmte Ningler: Miko Runkel, Friedrich Merz, Richard Hartmann

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Bergmann
23.11. – 24.12. 
Element: Sprühkreide 

Wenn der Weihnachtsbaum feierlich über den Köpfen der Chemnitzer:innen schwebt, beginnt auch die Bergmann-Season. Sie ist geprägt von einer ganz besonders magischen Stimmung, von Glanz, Glühweinduft und Lichtern. Ein bisschen davon findet man auch im Wesen der Bergmänner – trotz drückender Dunkelheit und Gräue gehen sie stets mit einem gewissen Optimismus durch die Stadt und sind immer dort, wo gerade die Blasmusik spielt. Bei ihnen ist nur selten Schicht im Schacht, denn Bergmänner sind einfach immer on: Nur wenig trübt ihre stets zuversichtliche Grundeinstellung, nicht mal OB Svennis sinnlose Sparpolitik, ein neuer Naziskandal oder eine brennende MRB kann sie erschüttern. Unermüdlich wühlen sie im Bergwerk, ihre (positive) Energie scheint dabei einfach unerschöpflich. Wie auch bei Sachsenschatz und Leguano steht ihr Zeichen im Element der Sprühkreide – diese symbolisiert Toleranz, positive Energie und ein gesteigertes Selbstbewusstsein bis hin zur kompletten Selbstüberschätzung. Charakteristische Bergmänner sind von daher fast ein bisschen wie Chemnitz in der Adventszeit:  Ihr  positiver Glanz erwärmt Herzen und spendet Hoffnung, und doch gefallen sie sich stets ein bisschen zu gut in dieser Rolle. Darüber hinaus sind sie oft anfällig für Heimattümelei und pflegen einen stark verklärten Blick auf die Stadt, zumindest an den Adventswochenenden. Abseits der Adventszeit ist der Bergmann allerdings ein aufrichtiger und erfrischend kritischer Zeitgenosse. 

Der Bergmann und seine Aszendenten: Bergmänner mit New York-, Tokio- oder Berlin-Aszendent fühlen sich immer irgendwie ein bisschen fremd in ihrer Stadt. Sonnenbergmänner sollten über eine Kandidatur als Oberbürgermeister:in nachdenken. Bergmänner mit Nürnberg- oder Dresden-Aszendenten sind oft leidenschaftliche Weihnachtsmarkt-Hopper. Erzgebirgs-Bergmänner sind so vollkommen im Reinen mit sich selbst wie kein anderes Chemnitz-Zeichen.

Stärken: Weihnachten, Stimmung, Licht, Hutzen
Schwächen: stehen auf dem Weihnachtsmarkt immer in großen Gruppen und lachen viel zu laut, haben auch mal einen Geschäftstermin im Badezuber auf dem Mittelaltermarkt, Glühweinproblem
Orte: Bergparade, erzgebirgische Wanderpfade, Hutzenstuben, Weihnachtsmarkt, 
Emojis: ✨❄🎄🎅🏻
passt gut zu: Leguano, Sachsenschatz, Kulturlurch
berühmte Bergmänner:  Katharina Witt, Taylor Swift, Karl Schmidt-Rotluff, Brittney Spears

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Nischel
25.12. – 20.01. 
Element: Beton

Der typische Nischel ist ein echter Dickkopf. So stur wie sein berühmter Namensgeber schaut das Beton-Zeichen auf seine Stadt: An der gefestigten Einstellung von Nischel-Geborenen ist nur schwer zu rütteln. Generell lockt man sie nur mit großer Mühe aus ihrer Reserve, sie wirken stets etwas kühl, nur selten sieht man sie lächeln – lieber lassen sie das Stadtgeschehen mit teilnahmsloser Miene an sich abprallen. Was sie dabei wirklich denken, weiß keiner so genau, sie hüllen sich nur allzu gern in mysteriöses Schweigen. Nischel stehen im Element Beton, das macht sie zu nüchternen Pragmatikern mit stabiler Bodenhaftung. Für sie gilt: Harte Schale, harter Kern — doch wenn man sie dann doch mal zum Sprechen bringt, zeigen sie sich als humorvolle, herzliche und loyale Wegbegleiter:innen mit Hang zu  abgedroschenen Zoten. Viele Nischel-Geborene gelten als hemmungslose Karrieristen, die keine Aufstiegs-Option auflassen: Egal ob im Textil- oder im Artbusiness, im Getränke- oder im Medien-Game, der Geschäftssinn des ehrgeizigen Beton-Zeichens sucht seinesgleichen. Geld ist ihm sehr wichtig und so findet man den Nischel überall dort, wo sich Kapital aus Chemnitz schlagen lässt. Nischel-Geborene lieben Struktur, Ordnung und klare Kanten: Es darf gern grau, kühl und aus Stein sein. In einer Eigentumswohnung in der tanzenden Siedlung mit minimalistischer Einrichtung, grauer Sofalandschaft und schwarzer High-Tech-Küche fühlt sich ein Nischel garantiert wohl. 

Der Nischel und seine Aszendenten: Nischel mit Nürnberg-Aszendent gelten als missgünstige und schlechte Verlierer. Burgstädt-Nischel verfolgen hartnäckig eine Karriere als Dorfsverein-Vorstand. Nischel mit Bernsdorf-Aszendent finden ästhetische Erfüllung bei langen Spaziergängen über den Mensa-Vorplatz. Leipzig-Nischel trifft man häufig beim Antifa-Außendienst in Chemnitz. 

Stärken: Schweigen, Denken, Humor, Kapital schlagen  
Schwächen: ist schon öfter durch seltsame Eskapaden zum Hutfestival aufgefallen, gibt sein Gesicht wirklich für ALLES her, vor allem, wenn das Geld stimmt, lässt sich vor jeden Karren spannen 
Orte: Brückenstraße, Stadthallenpark, Versteinerter Wald, smac Dauerausstellung, tanzende Siedlung
Emojis: 😐⏹🌑🤑
berühmte Nischel: Christian Lindner, Markus Söder, Aljona Savchenko, Till Lindemann 

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Akteur
21.01. – 20.02. 
Element: Cultur

Stellt euch vor, alle Chemnitz-Zeichen treffen sich zum Feiern. Die Schlossteichwasser-Zeichen weinen heimlich am Rand, die Sprühkreide-Zeichen fallen durch exzentrische Kleidung und seltsam gute Laune auf, die Beton-Zeichen sind nicht beeindruckt, doch im Mittelpunkt der Party steht: Na klar, das Schillerndste aller Chemnitz-Zeichen – der Akteur. Der Akteur ist nicht nur Cultur, nein der Akteur IST Kulturhauptstadt. Akteure sind überall, und sie sind an allem beteiligt – ohne sie wäre Chemnitz nur ein unwichtiges Nest zwischen Gera und Glauchau. Ihre Energie reicht für ganz Chemnitz UND für Leipzig noch dazu, sie sind meist zeitgleich in fünf bis zehn Projekte eingebunden – die Hälfte davon haben sie natürlich selbst ins Leben gerufen. Akteure genießen das spärliche Chemnitzer Rampenlicht – wenn man sie nicht bei Podiumsdiskussionen, Impulsvorträgen oder in der Stadtgeflüster-Kolumne antrifft, dann nur, weil sie wahrscheinlich gerade auf irgendeiner Tanzfläche abzappeln. Ihr Element ist die Cultur, und die beeinflusst sie so stark, dass sich bei Geprächen mit Akteurs-Geborenen eigentlich alles nur um ein Thema dreht: Die Chemnitzer Kulturszene, die neusten Projekte, die kürzesten Fördermittel – und natürlich, welche Tanzveranstaltungen man am Wochenende besuchen kann, ach was, muss. Ihr Hang zur Exzentrik ist einfach legendär – die individualistischen Akteure leben gerne exzessiv und erzählen die besten Absturz-Geschichten. Doch das hard knock Chemnitzer Kulturlife frisst am Ende doch mehr Energie, als sie sich eingestehen wollen. 

Der Akteur und seine Aszendenten: Akteure mit Aszendent Erzgebirge zieht es aufs Land – ein ehrenamtliches Engagement beim Purple Path ist genau das Richtige für sie. Akteure mit New York Aszendent schlafen nie, Berlin-Akteuren wird immer wieder ein Faible für MDMA nachgesagt. Akteursgeborene mit Kaßberg-Aszendent leben sehr in ihrer eigenen Welt und sollten einen Blick über den Stadtteilrand wagen. Brühl-Akteure haben derzeit etwas Höhe, Bernsdorf-Akteure wünschen sich mehr Aufmerksamkeit von der Stadt. 

Stärken: Party, Dancefloor, Glitzer, Projekte, Fördergeld
Schwächen: sehr schnell sehr beleidigt, wenn er nicht von der Stadtverwaltung wahrgenommen wird, versucht regelmäßig, sich in der Sauna abzukühlen, redet IMMER NUR über seine Projekte
Orte: überall 
Emojis: 🔥🥳🎉🙌🏻🙏🏻
passt gut zu: Macker, Kulturlurch, Sachsenschatz 
‚berühmte Akteure: Siegmund Jähn, Barbara Ludwig, Karl May 

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Kosmonaut
21.02. – 20.03.
Element: Schlossteichwasser

Kein Chemnitz-Zeichen wird derart stark vom Mond dominiert wie der Kosmonaut. Kein Wunder also, dass sich bei Kosmonautgeborenen alles ums Gefühl dreht, und zwar um das Gefühl der Einsamkeit. Denn wenn der Kosmonaut nachts allein durch Chemnitz fliegt, fühlt er sich nicht selten wie ein außerirdischer Mond- oder Marsmensch. Der Kosmonaut, im Herzen heimlich Romantiker, liebt und hasst diese gottverlassene Chemnitzer Melancholie. Menschen mit Chemnitzzeichen Kosmonaut schweben gekonnt über den Dingen, schießen dabei aber immer wieder übers Ziel hinaus. Nach derartigen Eskapaden zieht sich der Kosmonaut gern in entferntere Umlaufbahnen zurück und ist nicht mal mehr vom Kosmonauten-Zentrum aus zu erreichen. Und überhaupt: Chemnitz, wir haben ein Problem, denn Kosmonauten — im Element Schlossteichwasser geboren – lieben das Drama. Fast täglich fluten sie die leere, graue Chemnitzer Mondlandschaft mit ihren kosmischen Tränen. Das liegt vor allem an der Schwerkraft, die nur all zu leicht die Stimmung der Kosmonauten herunterzieht: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt — die Stimmung der Kosmonauten schwankt härter als die Lulatsch-Spitze auf 300 Metern. Doch sind die Tränen erstmal getrocknet, trifft man den Kosmonaut mitunter ausgelassen auf Ostalgie-Events, Tanztee-Veranstaltungen oder sogar lauten Musik-Festivals wie dem Kosmos oder dem Sputnik Springbreak. 

Aszendenten: Kosmonauten mit New York oder Tokio Aszendent leben vermutlich schon gar nicht mehr in Chemnitz, sondern haben es nach Bielefeld geschafft. Brühl- oder Kaßbergkosmonauten müssen aufpassen, den Bezug zur Chemnitz-Realität nicht zu verlieren. Ein Kosmonaut mit Aszendent Erzgebirge könnte es bald auf die Internationale Raumstation schaffen. Sonnenberg-Kosmonauten stürzen öfter ab, als die Schwerkraft erlaubt. 

Stärken: Fliegen, Fühlen, Mondphasen, Melancholie 
Schwächen: Temposünder, weil  sie Auto öfter mit einer Rakete verwechseln, sehr schnell beleidigt, sehr schlecht zu erreichen, extrem anfällig für Schwermutkraft 
Orte: Rabenstein, Küchwald, Morgenröthe Rautenkranz, Kosmos 
Emojis: 😭🚀🌚🌝
passt gut zu: Ningler, Ostmaus, Runkel 
berühmte Kosmonauten: Rihanna, Matthias Schweighöfer, Nina Hagen, Jan Böhmermann, Karl Lauterbach 

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Leguano
20.03. – 21.04. 
Element: Sprühkreide 

Der Leguano ist wirklich schwer zu greifen – er ist einfach nie zuhause. Kein Wunder: Der Leguano ist benannt nach einem prähistorischen Barfuß-Schuh-Kult, und sein Name symbolisiert die exzessive Lust an Outdoor-Aktivitäten. Leguano-Geborene können einfach nicht stillsitzen, sie sind immer unterwegs. Wenn sie mit Wildwasser-Rafting auf der Zwickauer Mulde, der 100 Kilometer Rennrad-Runde und der Wandertour in der Sächsischen Schweiz fertig sind, lassen sie den Tag entspannt bei einer Runde Bouldern ausklingen. Hauptsache, sie müssen nicht zu Hause sitzen und Däumchen drehen. Ihre Freude an Outdoor-Aktivitäten ist wirklich umfassend, meist zieht es sie ins Extreme, vielen Leguanos kann es einfach nicht genug Adrenalin sein. Sie finden ihre Erfüllung aber auch bei gediegeneren Tätigkeiten wie Festivalbesuchen, Extrem-Freisitz bei 40 Grad um 23 Uhr, beim Giftpilze-Suchen in Freital oder bei Guerilla-Sprühkreide-Demokratie-Aktionen in Chemnitz. Die Sprühkreide ist einfach ihr Element, Leguanos werden von Optimismus und positiver Energie an- und hinaus in die Welt getrieben. Nicht selten entscheiden sich Leguanos für ein bescheidenes, aber abenteuerreiches Van-Life mit Camping-Kocher, Traumfänger und eigenem Reiseblog, planen eine Katzenstein-Besteigung ohne Sauerstoff-Maske oder trainieren in ihrer Freizeit für die European Peace Ride. Solange der Leguano draußen ist, geht es ihm gut. Wenn er sich dann auch noch in Multifunktionskleidung hüllen kann, steht seinem Glück nichts mehr im Wege. Nur zu Ruhe kommen sollte das actiongetriebene Chemnitz-Zeichen lieber nicht – dann kann es unausstehlich werden.

Aszendenten: 
New-York-Leguanos sollten anfangen, für einen großen Marathon zu trainieren. Burgstädt-Leguanos finden MRB-Fahren unerwartet aufregend. Leguanos mit Berlin-oder Leipzig-Aszendent suchen das große Abenteuer bei fünftägigen Raves und in stickigen Darkrooms. Brühl-Leguanos sollten auch mal wieder Sneaker statt immer nur Barfuß-Schuhe tragen. Leguanos mit Erzgebirgs-Aszendent bereiten sich auf die Besteigung des Fichtelbergs vor. 

Stärken: Abenteuer, frische Luft, Aktionen, Adrenalin 
Schwächen: hüllt sich hemmungslos in Presswurst-Kleidung, läuft sich trotz teurer Barfußschuhe immer wieder Kieselsplitter in die Hornhaut, übertreibt mit der Sprühkreide  
Orte:  Chemnitztal-Radweg, Grüner Graben, Sächsische Schweiz, Fichtelberg 
Emojis: 🌍🏕🏔🚴‍♂️
berühmte Leguanos: Stefan Heym, Malte Ziegenhagen, Nena 

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Hinter der Tarifzonengrenze geht’s weiter: Eine Reise mit der transerzgebirgischen Straßenbahn https://remarx.eu/2022/10/eine-reise-mit-der-transerzgebirgischen-strassenbahn/ https://remarx.eu/2022/10/eine-reise-mit-der-transerzgebirgischen-strassenbahn/#comments Fri, 14 Oct 2022 09:25:54 +0000 https://remarx.eu/?p=12147 Die Transsibirische Eisenbahn kennt man, weil sie die längste Zugverbindung der Welt ist: von Moskau nach Wladiwostock, 9288 Kilometer bis ans Ende der Welt. Die Transerzgebirgische Straßenbahn kennt man kaum, obwohl sie die längste Straßenbahnverbindung Sachsens ist: Von Burgstädt nach Aue, 50 Kilometer bis ans Ende der Welt. Doch zwischen Burgstädt und Aue liegt das Ende der Welt immer genau dort, wo man gerade ein- oder aussteigt. Wir sind an einem Ende der Welt, nämlich am Chemnitzer Hauptbahnhof, eingestiegen, um an ein anderes Ende der Welt, nämlich nach Aue, zu fahren und zu gucken, was man bei der Reise mit der transerzgebirgischen Straßenbahn über die Beziehung von Chemnitz und dem Erzgebirge lernen kann. Am Ende haben wir uns dabei aber weder selbst gefunden, noch die zerrissene sächsische Gesellschaft besser verstanden, wir haben auch die Kulturregion nicht neu kennengelernt oder plötzlich unsere Liebe für Heimattümelei und Traditionen entdeckt. Wir haben einfach nur das Neun-Euro-Ticket noch mal genutzt. Ein Reisebericht, der vielleicht an viele Enden der Welt, vielleicht aber auch einfach nur ins Nichts führt.

Die Reise mit der Transerzgebirgischen Straßenbahn, von Nahverkehrspuristen auch C13 genannt, führt uns vom Mittleren Westen (Burgstädt bei Leipzig) über den verlorenen Osten (Chemnitz bei Burgstädt) bis in die tiefsten Südstaaten (Aue bei Bad Schlema). Sie erstreckt sich vom bedeutungslosen Nichts der Leipziger Suburbs über den verblichenen Gründergeist des Sächsischen Manchesters bis in die konservativen Untiefen des ostdeutschen Bible Belt und ist, neben dem gemeinsam gehegten Hass gegen die Landeshauptstadt Dresden, das Einzige, das Chemnitz und Aue heute noch miteinander verbindet. Überhaupt überwindet sie immer wieder Grenzen: die Grenze zwischen Großstadt und Provinz,  die Grenze zwischen zwei schwer verfeindeten Fußballvereinen, die Farbspektren, die zwischen Himmelblau und Veilchenviolett liegen, die Wetterscheide im Mittelgebirge, vielleicht auch die Grenzen des Anstands. Vor allem aber überwindet sie immer wieder Traifzonengrenzen. Die Tarifzonengrenze ist der eisenbahnerne Vorhang des Nahverkehrs, die magische Linie, an der eine Zone X zu einer Zone Y wird, für Normalsterbliche oft gar nicht sichtbar. Doch bei unserer Reise mit der C13 von Burgstädt nach Aue wird die Tarifzonengrenze erfahrbar gemacht, denn sie wird mehrfach durchgesagt – kleine Glücksgefühle, große Gänsehautmomente.

Die C13 ist keine gewöhnliche Straßenbahn, sie ist eine Citybahn und als solche Teil des Chemnitzer Modells. Das „Chemnitzer Modell“ klingt zwar nach einer verhaltenstherapeutischen Maßnahme für den Ostdeutschen Minderwertigkeitskomplex, beschreibt aber eine Nahverkehrsverbindung, die halb Straßenbahn, halb Eisenbahn ist. Das macht die Citybahn nach Aue zu einer Art Hybridgestalt, wie sie auch in Marvel-Filmen fahren könnte: Eine unscheinbare Eisenbahn, die eines Tages von einer elektrifizierten Oberleitung getroffen wird und sich seitdem heimlich in eine schnelle Straßenbahn verwandeln kann. Die C13 gilt als Straßenbahn der Superlative: 38 Mal hält sie auf ihrem Weg von Burgstädt ins Erzgebirge, fährt bis zu 100 km/h schnell und braucht trotzdem fast zwei Stunden vom Chemnitzer Hauptbahnhof nach Aue. Über sieben Brücken muss sie fahren, viele dunkle Täler überqueren – und unfassbare fünf Tarifzonengrenzen.
Sie bedient Haltestellen, die klingen wie mittelalterliche Kriegsstrategien, Erfenschlag Ost zum Beispiel, und Bahnhöfe, die klingen wie eine Ort gewordene Erzgebirgsfantasie, Dorfchemnitz zum Beispiel oder Einsiedel Brauerei. Man reist 
entspannt. Es gibt Gepäck-Ablagen, auf die genau ein Aue-Schal passt, es gibt sogar ein WC, das man zwischen Zentralhaltestelle und Technopark nicht benutzen darf, es gibt leider kein Bordrestaurant.
Aber das gibt es ja nicht mal im Intercity von Chemnitz nach Berlin.

Chemnitz Hauptbahnhof, erstes Ende der Welt. 
Der Chemnitzer Hauptbahnhof ist reich an Attraktionen, aber Zugverbindungen zählen nicht dazu: Eine Leuchthülle kaschiert sein Dasein als Schandfleck des internationalen Schienenverkehrs, ein falsches Versprechen vom „Einkaufsbahnhof“ lockt mit MäcGeiz und Ditsch und es gibt hier gleich zwei Unterführungen auf den Sonnenberg. Der Chemnitzer Hauptbahnhof hat fast alles, was ein guter Bahnhof braucht, außer eben Züge, die dorthin fahren, wo auch wirklich jemand hinwill. Wobei das nicht ganz stimmt, schließlich steuert die Citybahn von hier aus naheliegende Traumziele wie Mittweida, Hainichen und seit Januar diesen Jahres endlich auch Aue an. Im Schatten des weltberühmten RE6 kommt sie eingefahren, die C13. Außen ist die Straßenbahn bunt beklebt – „Kulturhauptstadt Chemnitz“ steht da eigentlich, aber das Fenster dazwischen macht „Hauptstadt Chemnitz“ draus, eine Provokation für Aue, ein Seitenhieb Richtung Leipzig, eine Kampfansage an Dresden? Vermutlich ein bisschen von allem.  In der Bahn dann wenig Hauptstadt-Flair, stattdessen dominiert der beige Allzweck-Pragmatismus: Wanderstöcke, Multifunktionsjacken, Rucksäcke, Ausflugslust. Die C13 nach Aue ist voll, wir reisen an einem Samstagvormittag im August und das Neun-Euro-Ticket liegt in seinen letzten Zügen. Hier schimmert er noch, der Silbersee, nicht als Widerstand gegen die Winnetou-Debatte, sondern als Sinnbild der überalterten Demographie. Wir steigen ein. 

Technopark,  Ende von Chemnitz.
Ausgerechnet das Ende von Chemnitz trägt einen Namen, der nach Fortschritt klingt und doch Stillstand bedeutet: In Berlin wäre der Technopark ein Pilgerort, an dem Raver ekstatische Techno-Nächte durchtanzen, aber weil das Chemnitz ist, tanzen hier höchstens Ingenieure für extralange Tech-Tagungen an. Die C13 schaltet den Motor aus – der Technopark ist der Ort, an dem die Straßenbahn zur Eisenbahn wird, an dem sie Elektro gegen Diesel tauscht, bevor sie weiter ins Erzgebirge fährt, Diesel ist dort ohnehin noch viel beliebter.
Menschen steigen zu, von denen niemand genau weiß, wo sie herkommen. Hier oben, auf dem entlegenen Silicon Hügel von Chemnitz, gibt es nichts zu sehen, außer der beiden Schornsteine, den traurigen Grauen und den fakeglücklichen Bunten. Man trifft auch niemanden, außer der Ringbusse, die in einsamen Kreisen die Chemnitzer Innenstadt großräumig umfahren.  Es ist ein mystischer Ort, an dem Chemnitz eigentlich endet, und dann muss man feststellen, dass es doch noch weitergeht. Die Bahn schiebt sich weiter durch Ortsteile, die Erfenschlag, Reichenhain und Einsiedel heißen und von denen viele ignorante Innenstadt-Chemnitzer gar nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt. Wobei: Reichenhain kennt man wegen Beate Zschäpe und Einsiedel kennt man, weil der Name genau so klingt, wie der Ort eben ist: Hinter dem Wald und hinter der Welt.  Die Grenze zwischen Chemnitz und Erzgebirge ist fließend, sowieso und schon immer gewesen. Vielleicht beginnt sie bei Einsiedel, vielleicht direkt hinterm Technopark, vielleicht auch in den Köpfen der Menschen. Irgendwann, hinter Kemtau oder hinter Burkhardtsdorf, verblasst das Himmelblau der CFC-Sticker, blühen Veilchenfarben auf. Der Schacht rückt näher.  

Thalheim, zweites Ende der Welt. 
Die C13 schraubt sich hoch ins Gebirge, schraubt sich über Tarifzonengrenzen, schraubt sich vorbei an Schafsweiden, an sich paarenden Eseln, an Trödel-Märkten, an Stadien, die „Zu den drei Eichen“ heißen, an Eigenheimen mit Rasenmäherrobotern in Rasenmäherrobotergaragen. Und dann hält sie plötzlich in Thalheim. Die Bahn wird schlagartig leer, Ausflugs-Jacken drängen sich aufgeregt am Bahnsteig. Auch Thalheim, die selbsternannte „Perle des Zwönitztals, ist einer dieser Orte, die 2015 negativ ins Schlaglicht gerieten, weil der offenherzig angelegte Begriff „Willkommenskultur“ in Sachsen traditionell eher eng gefasst wird. In Thalheim ist die Menschlichkeit damals vor der trockengelegten Schwimmhalle baden gegangen, die als Notunterkunft für Geflüchtete diente. Im August 2022, sieben Jahre später, scheint alles vergessen, heute guckt man mit skeptisch hinter dem Rücken verschränkten Armen Kunst im alten Erzgebirgsbad an – die Kulturhauptstadt schlägt Wellen, die bis ins Zwönitztal reichen. Die Begehungen mischen das Dorfleben auf: Ein alter Einheimischer sitzt selig auf der Bierbank und feuert Oden an die Citybahn in die Luft, diese Verbindung von Aue nach Chemnitz sei für ihn das Beste überhaupt gewesen, sagt er, wie Weihnachten und Ostern und Geburtstag zusammen, und das mit der Kulturhauptstadt sei gleich doppelt so toll. Ein paar Meter weiter schunkeln zugereiste Millennials in Hawai-Hemden aus dem Resales in Lößnitz zu Mundart-Musik vom Thalheimer Duo „Schluckauf“, ein stolzer Bürgermeister zapft Bier und urerzgebirgische Seniorinnen essen tapfer ihre Squirt-Eise. Ein schrecklicher Verdacht kommt auf: Ist nicht etwa Chemnitz, sondern Thalheim das neue Leipzig?

Zwönitz, drittes Ende der Welt. 
In Zwönitz steigen wir aus, weil man hier angeblich so gut spazieren gehen kann. An der Kleinstadt klebt nicht nur ein schlechtes Image, sondern auch ziemlich schlechtes Wetter. Hier muss sie sein, die Wettergrenze. In Thalheim hat schließlich gerade noch die Sonne geschienen, in Zwönitz ist plötzlich Regen. Oder Schnee. Oder Aerosol-Hagel. Oder Wutwetter – je tiefer man ins Erzgebirge fährt, desto mehr verschwimmen die Aggregats- zu Aggressionszuständen. Zwönitz wäre auch gern eine Perle, aber der Glanz ist abgeblättert, beziehungsweise hat ihn sich die Stadt selbst abgekratzt. Bei den als „Spaziergänge“ schwer beschönigten Corona-Protesten im vergangenen Winter kam es hier zu besonders heftigen Ausschreitungen: Unter anderem wurde dabei ein Polizist von einer ehemaligen Stadträtin gebissen, so viel weltfremde Absurdität kann sich keine Postillion-Schlagzeile ausdenken. Dabei ist Zwönitz eigentlich kein Ort, an dem man freiwillig spazieren gehen will, denn es gibt hier absolut nichts zu sehen. Immerhin: Es gibt das Spielcenter „Fitfty Cent“ und gleich daneben einen „Döner Point“, es gibt zwei Eisdielen, von denen sogar eine aufhat, es gibt einen Laden, der alte Karten aus den Dreißigerjahren verkauft, es gibt ein eigenes Weinfest, weil Chemnitz anscheinend doch nicht der Nabel der Region ist. An den Straßenlaternen kleben Sticker der Aue-Jugend und Sticker, auf denen steht: „Meine 3G-Regel: Grün geht gar nicht“. Es gibt Bockwurst für einen Euro und und es gibt einen 24/7-Automaten-Späti, in dem man Getränke kaufen kann, Softeis und sogar bisschen Essen. Ein Späti in Zwönitz! Zwönitz, die glanzlose Perle des Irgendwastals, hat einen Späti, und Chemnitz hat wie immer nichts. Wir sind neidisch und fahren demütig weiter.

Aue, vorletztes Ende der Welt.
Fast jedes gute Ende der Welt ist mittlerweile touristisch erschlossen, hat einen Imbiss, der Kaffee, Postkarten und Souvenirs verkauft, oder wenigstens einen WLan-Hotspot oder einen Foto-Point (sogar die Chemnitzer Innenstadt hat einen) oder irgendwas anderes, an dem man sich festklammern kann, weil hier die Welt ja angeblich endet und man sich deshalb automatisch ein bisschen einsam fühlt. Vielleicht ist es auch einfach nur ein Döner, denn wenn gar nichts mehr geht, wenn alles dicht ist in der Provinz, dann ist da immer noch ein Döner, in dem sich die Fleisch-Spieße unermüdlich weiterdrehen, der letzte Leuchtturm des aussterbenden Landlebens. In Aue haben am Samstagnachmittag sogar die Döner geschlossen, und man kann sich nicht mal am Gedanken an „Knoblauch. Scharf, Salat alles“ wärmen.
Keine Ahnung, was wir eigentlich von Aue erwartet haben: Kleine Cafés, offene Geschäfte, stolze Schacht-Schlachtrufe auf der Straße. Stattdessen: Keine Cafés, alle Läden geschlossen, keine Menschenseele auf der Straße. Dabei könnte Aue locker das Venedig des Erzgebirges sein, hier vereinen sich Schwarzwasser und Zwickauer Mulde zu einer heruntergekommenen Idylle mit Wasser, Brücken und sächsischer Kleinstadt-Trostlosigkeit, die man touristisch glänzen lassen könnte. In einem Schaufenster wirbt ein Plakat für alle drei Sehenswürdigkeiten in der Stadt. Aue hatte mal 40.000 Einwohner:innen, heute sind es nur noch 16.000. Immerhin, der FC Erzgebirge Aue hat noch 9437 Mitglieder. Ein Fanshop liegt versteckt in einer Seitenstraße und hat geschlossen, obwohl morgen Heimspiel und obwohl der FCE die einzige echte Attraktion in Aue ist, was viel heißen will, der Verein ist unlängst erfolglos in die Dritte Liga abgestiegen und klammert sich verzweifelt an alten Erfolgen aus den Fünfzigerjahren fest. Im Schaufenster des Fake-Fanshops liegen Anglerhüte mit Camouflage-Print und Aue-Wappen drauf, so was Hässliches hat nicht mal der CFC im Angebot.
Zum Schluss erfüllt uns Aue dann doch noch ein paar Klischees: Am Bahnhof steigt jemand mit Anton-Günther-Shirt und „Deutsch und frei wolln mer sei“-Print aus dem Zug, ein Typ auf einem Fatbike hat einen Wehrmachts-Soldaten auf die Wade tätowiert und auf der Straße singen die Kinder „Layla“ – man kann nicht früh genug mit dem wutbürgerlichen Widerstand beginnen. Zeit, zurück zufahren. 

Chemnitz Zentralhaltestelle, Mittelpunkt der Welt.  
Hinterm Technopark, hinter der fünften Tarifzonengrenze wird die Trostlosigkeit wieder städtischer und die Eisenbahn fährt wieder als Straßenbahn. Uns fällt auf, dass mindestens die Hälfte der Haltestellen zwischen Burgstädt und Aue in Chemnitz liegt, weil Chemnitz einfach so ein verdammtes Moloch ist. Wir steigen an der Zentralhaltestelle aus, und dann liegt es vor uns, das abgehängteste aller Dörfer auf der Strecke zwischen Burgstädt und Aue: Das Weindorf. Das Weindorf ist voll, weil alle, die in Zwönitz und Lößnitz und Kemtau und Dittersdorf nicht auf der Straße sind, hier an Büdchen stehen, und Riesling saufen. Ein Alleinunterhalter reißt unter dem weinbelaubten Baldachin richtig ab, eine besoffne Polonaise schlängelt sich zwischen den Bierbänken durch und Provinz ist immer nur da, wo man sie zulässt.

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Die Post der Moderne (Juli): Weindorfleben https://remarx.eu/2022/08/die-post-der-moderne-juli-weindorfleben/ https://remarx.eu/2022/08/die-post-der-moderne-juli-weindorfleben/#comments Sat, 06 Aug 2022 15:02:59 +0000 https://remarx.eu/?p=11763 Es ist August 2022 und in Europa wütet der Sommer.
Früher war Sommer mal schön. Als man noch unbeschwert im Gablenzer Bad Eiserne Kreuz-Tattoos zählen und sorglos auf dem Weindorf Statistiken über das Camp-David-Aufkommen erheben konnte. Als man noch täglich 5000 Kilogramm Rinderhüftsteak auf dem Webergrill oder – noch männlicher – über offenen Feuer wenden durfte, ohne dabei von permanenter Waldbrandgefahr belästigt zu werden. Heute ist Sommer vor allem eins: belastend. Schlimmer noch, der Sommer ist mittlerweile eine Art dystopischer Vorbote zur Klima-Hölle geworden, in deren Fegefeuer wir zukünftig alle schmoren werden wie einst unsere XXL-Bratwürste auf dem Grillrost. In der Sächsischen Schweiz, die ehrlich gesagt schon immer ein Vorhof zu Hölle war, lodern jetzt nicht nur die Fackeln der Nazis, sondern ganze Wälder, und auch bei Kretsche ist mal wieder der geballte Cringe entflammt. 

Der Sommer grassiert auch in Chemnitz, der Stadt, in der alle Trends fünf Jahre später ankommen, aber dem Klimawandel ist die Chemnitzer Trendresistenz egal. In der Chemnitzer City kann man sich zum Glück schon mal an das zukünftige Leben in der städtischen Sachsen-Steppe akklimatisieren, hier hat man sich bereits jetzt gut an die extremen Betonwüstenbedingungen angepasst: Baumlose Betonplätze laden dazu ein, auch bei großer Hitze im kühlen Häuserschatten zu verweilen, und wer beim Stadtbummel nicht in der prallen Sonne verglühen will, findet fast überall ein unschattiges Parkplätzchen, auf dem ein graues SUV-Lüftchen weht. Kein Wunder also, dass es viele junge Chemnitzer:innen aktuell wieder aufs Dorf zieht – also aufs Weindorf, wo man den Hitzschlag herrlich mit Grauburgunder runterspülen kann. Immerhin hat die Stadt im Frühjahr drei Trinkwasserbrunnen installiert, wobei man nie genau wissen kann, ob man es überhaupt noch dort hin schafft oder ob man vorher schon durstig auf dem heißen Pflaster des Chemnitzer Neumarktes verendet. Kurz: Selbst Death Valley ist ein lebensfreundlicherer Ort als die Chemnitzer Innenstadt. 

Doch unsere Stadtverwaltung hat mal wieder ein bisschen zu viel C gezogen und eine paradiesische Ruhe-Oase geschaffen, in der man sich in OB Svennis Schatten (Rathaus) erholen und entspannt dem modernen Yuccie-Lifestyle (Young Urban Chemnitzers) nachgehen, also Roster essen und sich aufregen kann. Fünf C-förmige Sessel, nicht mal in Lulatschfarben, eine Sitzinsel in den beeindruckend schönen Umrissen der Stadt und EINE traurige Pflanze sollen der Innenstadt jetzt Leben einimpfen. Das ist in etwa so, als würde man eine kleine Schüssel Wasser in die Wüste stellen, und hoffen, dass sich dort sofort Leben ansiedelt.
So geht er, der Chemnitzer Summer in the City: In den nicht mal ironisch hässlichen ILoveC-Badeschlappen zum C-Sessel schlürfen, ein CFC-Reservierungs-Handtuch drüber werfen, einen chilligen Hitzetag in der City verbringen, das vielfältige Culturprogramm von „Urban C“ genießen und anschließend auf dem Weindorf hitzetrunken zu Covermusik schunkeln. Die Stadt Chemnitz hat in Sachen Stadtmarketing mittlerweile ein Cringe-Level erreicht, das jegliche Satire eigentlich völlig überflüssig und uns im Grunde arbeitslos macht.
Die Stadt braucht dringend einen calten C-Entzug – seitdem ihr der Kulturhauptstadterfolg derart hart zu Kopf gestiegen ist, scheint sie völlig abhängig von dem Teufels-Ceug zu sein. Dabei gibt es auch andere tolle Buchstaben. E zum Beispiel, aber das kann man sich in Chemnitz nicht leisten. Deshalb fährt seit Juni auch „nur“ ein IC, ein langsamer Bummel-Intercity ohne Express, nach Berlin beziehungsweise Warnemünde, aber egal: Chemnitz kann jetzt Fernzug. Auch wenn Hater auf Twitter behaupten, dass der schicke neue IC nur eine weiß angemalte Regionalbahn sei. Dafür fährt er aber immerhin auch zwei mal am Tag ab Chemnitz Hauptbahnhof, für Chemnitzer Verhältnisse also richtig oft. Außerdem hat er WLan, richtiges Bahnpersonal, einen Kaffee- und einen Snack-Automaten und dazu eine Art Bordbistro-Simulation. Das einzige Problematische an diesem Zug ist eigentlich nur, dass er leider auch in Dresden hält. 

Stichwort Dresden: Während der einzig wahre rechtmäßige Sachsenkönig, Roland Kaiser, in Dresden alles abreißt, was keine Barockschnörkel hat, trumpft Chemnitz mit seiner ganz eigenen Kaiser Mania auf.  Wir meinen natürlich die Sven Schulze Sommertour. In deren Rahmen besucht OB Svenni wieder die sozialen Brennpunkte der Stadt, also das Weindorf und die Brauereimeile. Zwischendurch flext er noch lässig im CVAG-Baustellen-Fahrzeug und wenn dann doch noch nach Sozial aussehen soll (Schulze ist ein FDPler gefangen im Körper eines Sozialdemokraten, also wie Olaf Scholz), macht er noch ein paar rührige Fotos im Altersheim. Dieser Mann kennt seine Zielgruppe. Deshalb geht Svenni immer genau da hin, wo es nicht wehtut: Feuerwehr, Freibadpommesbude, FDP-Sommerempfang. Auch im größten Sommerloch bleibt er seiner weißen Wohlfühlwelt treu. An die Ränder der Chemnitzer Stadtgesellschaft traut er sich nicht, oder hat man ihn schon mal im Stadthallenpark Drogentütchen verstecken oder auf dem Sonnenberg Hakenkreuze tätowieren sehen? Hat er schon mal am Schlossteich mit Geflüchteten eingweggegrillt oder im AJZ die Küfa ausgegeben? Hat man ihn schon mal Tischkicker im Heckert-Jugendclub spielen oder bei der Obdachlosenhilfe gesehen? Besucht er auch andere dauerhaft Benachteiligte, wie z.B. den Klub Solitär und sonstige schwer marginalisierte Subkulturakteure? Steht das S in Svenni wirklich für Sozialdemokrat? Oder steht es für still, still, still, weil die Mitte schön weiter schlummern will. 

Um unseren CFC war es lange derart ruhig, dass die SuperIllu schon eine „Was macht eigentlich“-Homestory aus der Gellertstraße geplant hatte, doch jetzt meldet sich Chemnitz’ peinlichster Verein eindrucksvoll zurück, und zwar mit neuen Sponsoren: Der Energydrink 28Black prangt in der neuen Saison auf den prächtigen CFC-Spieler-Brüsten, der CFC kann sich also in Schwarze Dose Chemnitz umbenennen und das RB Leipzig Südwestsachsens werden. Auch in Sachen Fashion-Swag muss sich der CFC fortan nicht mehr hinter Spielern erstklassiger Vereine verstecken, denn unsere Himmelblauen dürfen jetzt offiziell Camp David tragen, den Stoff, aus dem Chemnitzer Textil-Träume sind. Damit ist der CFC jetzt nicht nur offiziell der neue Lieblingsclub von Dieter Bohlen, sondern auch der Aufsteiger der Chemnitzer Modeherzen und definitiv der Engelbert Strauß unter den Regionalliga-Vereinen. 

Chemnitz wird sich verändern, haben wir mal geschrieben, als die Stadt kometenhaft vom Weindorf zur Kulturhauptstadt aufstieg, und ja, Chemnitz hat sich verändert, aber ganz anders als wir dachten. Erst kamen die E-Roller, dann stiegen die Olivenpreise, dann zogen Menschen in die tanzende Siedlung, um vom benachbarten aaltra Silent Disco zu fordern. Jetzt fährt ein klimatisierter IC direkt nach Berlin, der New Yorker schreibt über die Chemnitzer Oper, und wenn das alles so weiter geht, wird irgendwann auch noch unsere gute alte MRB weggentrifiziert.  Seit neuesten hat Chemnitz auch einen eigenen Lurch, das Chemnitzion richteri, und ist damit endgültig in die erste Lurch-Liga der Großstädte aufgestiegen: In Leipzig gibt’s Lerche, in Chemnitz gibt’s Lurche. Und zwar nicht nur irgendwelche Lurche, die 291 Millionen Jahre alt und so langweilig versteinert wie die Marketingideen der Chemnitzer Stadtverwaltung sind, sondern kultige Kulturlurche, die „Marcel“ heißen und die Kulturhauptstadt als Lurch-Maskottchen noch mal auf ein ganz anderes Level bringen werden. In der Stadt ist man sich einig: Kulturlurch, das ist nicht etwa ein erfolgloser männlicher Kulturakteur, nein, das ist die Marketing-Zukunft der Stadt. Der Lurch soll mindestens Botschafter für 2025 werden, vielleicht wird der Kulturlurch aber auch Nachtbürgermeister oder Generallurch der Kunstsammlungen oder Makerlurch oder Lurch in Residence bei den nächsten Begehungen. Jedenfalls steht fest: Mit Kulturlurch Marcel hat schon wieder ein alter Mann das Sagen im Kuha-Game, in dieser Stadt wird sich so schnell wohl nichts mehr ändern. Schon jetzt werden deshalb eifrig Germens-Hemden entworfen und Maskottchen-Kostüme genäht – damit der endgültigen Infantilisierung der Chemnitzer Kulturhauptstadt auch nichts mehr im Wege steht. 

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re:marx in Gefahr: Als Tempolimit auf dem Auto-Tuning-Treffen https://remarx.eu/2022/05/remarx-in-gefahr-als-tempolimit-auf-dem-auto-tuning-treffen/ https://remarx.eu/2022/05/remarx-in-gefahr-als-tempolimit-auf-dem-auto-tuning-treffen/#comments Mon, 16 May 2022 17:50:29 +0000 https://remarx.eu/?p=11657 Es stimmt, was man über Autos und ihre Besitzer:innen sagt: Die Autos sehen fast immer aus wie ihre Herrchen oder Frauchen. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt: Die Herrchen und Frauchen sehen fast immer aus wie ihre Autos.
Deshalb trägt der rotkäppige Typ, in dessen tiefer gelegten Kofferraum ein Baseballschläger mit der Aufschrift „Zahnfee“ lockt, auch selbst eine Zahnlücke. Deshalb hat sich die Hälfte aller hier Anwesenden ihre „Friss Feinstaub“-Heckscheiben-Sprüche auch tribalförmig auf den Oberarm tätowieren lassen. Deshalb steigt aus dem schwarz-braun speziallackierten Audi A-Irgendwas ein schwarz-braun gekleideter Mann, dessen Haarfarbe denselben Ton hat wie seine Felgen. Deshalb verbringen Menschen ihren Sonntagnachmittag freiwillig auf einem trostlosen Sel Gros Parkplatz zwischen Palmen und Einkaufswagen-Barrikaden, um dem besten Freund des Deutschen zu huldigen: Dem Auto.  

Es ist das erste Tuning-Treffen seit zweieinhalb Jahren und angeblich sind über fünfhundert Autos gekommen (wahrscheinlich sind es nur 150). Geladen hat die FordSchritt-Society – der Chemnitzer Tuning-Club heißt nicht etwa so, weil die Mitglieder ihre Fords in Schrittgeschwindigkeit über die Straßen bewegen, sondern wegen des brillanten Wortspiels. Die FordSchritt-Society hat über 50 Mitglieder, und alle von ihnen haben das offizielle Motor-Mantra „GSGM“ irgendwo hin buchstabiert, aber definitiv nicht alle von ihnen fahren Ford. Denn das G in GSGM steht für „Gemeinsam stark gegen Markenhass“. Die FordSchritt-Society ist „markenoffen“, wie man in Tuner-Kreisen sagt – das ist das „weltoffen, bunt und tolerant“ der Auto-Szene und heißt, dass sich hier auch Porsche-Fahrer:innen „GSGM“ auf die windschnittig gewachste Wade tätowieren lassen dürfen. Hier wird niemand ausgegrenzt oder aufgrund seiner Motorhaube diskriminiert, hier herrscht noch echte Markenverständigung, hier nebelt der Geist der europäischen Kulturhauptstadt aus den Auspuffen. Das Tuning-Treffen ist der Beweis dafür, dass eine bunt lackierte Gesellschaft funktioniert: Die Würde des Autos ist unantastbar. 

Das ist auch gut so, das Auto hatte es schließlich oft nicht leicht in letzter Zeit – und das, obwohl es der beste Freund des Deutschen ist: Die Grünen wollen es einsperren (Stichwort Tempolimit) oder vielleicht sogar ganz verbieten, die SUVs haben kaum noch Platz auf den Straßen, Andi Scheuer ist nicht mehr Verkehrsminister (dafür aber Volker Wissing), rücksichtslose Lastenräder und E-Roller nehmen unseren Autos die Abbiegespuren weg und Putin macht die Benzinpreise kaputt. Uns ist das alles herzlich egal, wir hassen Autos. We see them rollin‘, we hatin‘. Wir haben nicht mal einen Führerschein, wir sind das Tempolimit in Person, wir sind mit dem Fatbike angereist und haben Angst, dass uns jemand hasserfüllt die Reifen zersticht, wir würden gern einfach so mit unserem Schlüssel über die seltenen Spezial-Lacke kratzen. Ford forgive us. Vorsichtig schleichen wir über die „Deep Mall“ – das ist keine seltene sexuelle Shoppingcenterpraktik, sondern ein Parkplatz voller tiefer gelegter Tuner-Karren. Viele davon sehen auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakulär aus, aber das liegt vielleicht daran, dass wir einfach keine Ahnung von den prächtigen 1.8er-Motoren haben, die man hier bestaunen kann.
Wir falten unsere fahrigen Fahrradhände und murmeln nervös das 

Ford Unser*
der du heizt auf der Piste,
geheiligt werde dein Spoiler,
deine Schnelligkeit komme,
dein Lack glänze, wie in Köln, so auch hier,
unser täglich Power gib uns heute
und vergib uns unsere Tieferlegung,
wie auch wir vergeben unseren
Tunern und führe uns nicht in ’ne Radarfalle,
sondern erlöse uns von den bösen Bullen
denn dein ist die Strasse
und die Kraft und die Schnelligkeit in Ewigkeit.
Amen

(*das haben wir uns nicht ausgedacht) 

Die Autos tragen geschmacklose Heckscheiben-Aufkleber und Lack und Leder, „Gas.Krank“-Schilder und „Gasolina“-Duftbäume. Auf einigen Autos sitzen überdimensionale Kuscheltiere, süße Einhörner kaschieren Nazi-Symbolik. Es gibt freundliche Oldtimer und brutale Kühlergrillmonster, angenehm gedeckte Farben und Folierungen, die eindeutig von der neusten Germens-Kollektion inspiriert sind. Es gibt die „Spritzessin“, einen weinrot-schwarzen Ford mit „flachgelegt“-Sticker auf dem Schutzblech und Winnie Puh auf dem Beifahrersitz, es gibt nette Autos und die, um die man lieber einen Bogen macht, weil einem die 88 schon im Kennzeichen entgegen springt.

Es ist nicht das, was man erwartet und gleichzeitig doch: Man findet keine kunstvoll auf Motorhauben geairbrushten Wolfsmotive, man hört keine Auto-Tunes aus Subwoofern wummern, man trifft leider weder Xzibit von Pimp my Ride, noch Kai Ebel von der Formel1 im Germens-Hemd. Dafür ist der Geist von Paul Walker allgegenwärtig – fast alle Tuner:innen wurden von „The Fast and the Furious“ gaspedalisiert. Die Frauenquote ist überraschend hoch, und wir müssen unsere Vorurteile doch noch mal kurz in den TÜV schicken.
Die FordSchritt Society steht schließlich für eine Gesellschaft, in der der Diesel noch Diesel sein darf, für eine Gesellschaft, die markenoffen für alles ist: Man kann mit dem Fatbike vorfahren, man kann Eintracht Frankfurt Fan sein, man kann von Hupen und Abgasen keine Ahnung haben. Man kann sich das VW-Logo in den Nacken tätowieren, obwohl VW die meistgehasste Marke ist, man kann sich völlig unbehelligt Eiserne Kreuze mit Hakenkreuz-Gravur an den Rückspiegel hängen, man kann sich Baseballschläger oder Gewehre in den Kofferraum legen und Schrothülsen verschenken, man kann Raser oder Reichsbürger sein oder ein Hippie mit Oldtimer, man kann gefälschte Umweltplaketten spazieren fahren, ja vermutlich wäre sogar ein Elektro-Auto okay. Vor Ford sind alle gleich. Nur ob man hier mit „Tempolimit-Ja-Bitte-Shirt“ auftauchen kann, ohne bespuckt zu werden, das wissen wir nicht so recht. Unsere Vorurteile sind aus dem TÜV zurück, sie haben sich bestätigt. 

Jeder dritte Tuner heißt Heiko oder Ronny: Engelbert Strauss-Hosen, Camp David-Prints, Monster-Energy-Vibes. Man wird nicht als Tuner geboren, man wird es. Manche haben Klappstühle ausgepackt und Roster mitgebracht, die zwei Heiligtümer der Deutschen: Der Kühler- und der Webergrill.

Nachdem wir es geschafft haben, über die Deep Mall zu flanieren, ohne dabei als Tempolimit-Befürworter, Führerscheinlose oder Autohasser aufzufallen, trauen wir uns endlich in den „VIP Bereich“. Im VIP-Bereich gibt es Bier, Burger und eine Bühne, vor der gerade eine „Sexy Car Wash Show“ stattfindet, als wäre Feminismus nie passiert, als wäre die Chemnitzer Tuning-Szene dann doch nicht so fordschrittlich, wie ihr Name behauptet. Eine Frau putzt sexy tanzend den orangefarbenen Ford-Bla eines Mannes, befeuert von plumpen Kommentaren des Moderators. Das scheint nicht nur fragwürdigen Entertainmentzwecken zu dienen, sondern auch eine Art heiliges Aufnahme-Ritual in die erlesenen Tuner-Kreise der FordSchritt Society zu sein. Nach der Sexy Car Wash Show ist vor dem großen Felgen-Stemmen: Wer mehr als 90 Sekunden schafft und dabei die sexistischen Kommentare des Moderators erträgt, bekommt ein Freibier. Wer allerdings auf Motor- statt auf Muskelkraft schwört, kann sein Auto bei der großen Dezibel-Messung röhren lassen – ein letztes lautes Aufbäumen gegen die Verbote der drohenden Öko-Diktatur. Der tagesaktuelle Höchstwert liegt bei 150 Db und ein leises Raunen geht durch die Menge. Wir sind nicht beeindruckt und reichen sofort Lärmbeschwerde ein. SUVs sind beim Tuning-Treffen selten, vermutlich weil sie zu hochnäsig sind, um tiefergelegt zu werden, und der eine SUV, der mutig zur Lautstärke-Messung vorfährt, versagt dabei kläglich – hier zerplatzen Dezibelträume  wie Trommelfelle. 

Tuning-Treffen ist wie Rassetierschau, nur mit Autos. Die Autos sind die Stars, sie haben eigene Instagram-Accounts, sie haben eigene Geschichten, sie haben schon viele Pokale gesammelt, vermutlich haben sie auch eigene Stammbäume und Zucht-Zertifikate, jede Auto-Rasse hat ihre eigenen Reize. Ihre Schöpfer:innen halten sich im Hintergrund, während sich Menschen um Motoren drängen, als wäre das irgendwie interessant. Die Tuner stecken viel Arbeit in ihre Autos, das betonen sie immer wieder, und viel Geld. Die Spaltung der Auto-Tuning-Gesellschaft verläuft nicht etwa zwischen Marken, sondern zwischen denjenigen, die alles selbst machen, und denjenigen, die einfach nur viel Geld ausgeben und alles machen lassen. Das nennt man FFFF – Folie, Fahrwerk, Felge und Finanzierung. (Bitte nicht verwechseln mit FFF, das ist Greta Tuneberg, und die ist hier eher nicht so beliebt.) Leise Raser-Ressentiments schwingen in der Luft, werden aber von der Dezibelmessung übertönt. Das hier ist schließlich „GSGM“ — das Woodstock für Autos. 

Bei all dem polierten Auto-Fetisch weiß man irgendwann nicht mehr, ob man noch auf dem Tuning-Treffen ist oder doch schon auf dem FDP-Parteitag. Es wäre also keine Überraschung, wenn beim abschließenden „Show&Shine“ Volker Wissing persönlich die Pokale für die 30 schönsten Autos überreichen würde, aber der macht drüben am Essensstand lieber Fotos von der Pizza-Waffel “Hawai“. Dreißig „Show&Shine“-Pokale werden vergeben, das sind ungefähr so viele, wie insgesamt Autos da sind, es gibt keine Rubriken und irgendwie gibt es auch keine richtigen Kriterien. Nicht geehrt werden das beste Kennzeichen (ABG:AS), der schlimmste Heckscheiben-Aufkleber („Nur wer bläst wird auch geleckt“), die schönste Lackfarbe (das re:marxfarbene Auto von „Begehrt“) und das beste Gesamtkonzept („Die Spritzessin“)

Zum großen Finale kommen noch mal alle Mitglieder des Tuning-Clubs auf die Bühne und rufen zusammen „FordSchritt! FordSchritt! FordSchritt!“
Die Spritzessin ist da schon längst abgerast.

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Die 500 besten Chemnitz-Songs aller Zeiten https://remarx.eu/2022/01/die-500-besten-chemnitz-songs-aller-zeiten/ https://remarx.eu/2022/01/die-500-besten-chemnitz-songs-aller-zeiten/#comments Sun, 30 Jan 2022 12:10:52 +0000 https://remarx.eu/?p=11398 Menschen, die in Chemnitz leben, müssen viel verarbeiten: Wie viele Texte, Kommentare, Tweets, Lieder, Zeit-Artikel, Insta-Posts und Bücher wurden schon über diese Stadt geweint? Wir haben den Überblick verloren. Selbst Menschen, die nicht (mehr) in Chemnitz leben, müssen Chemnitz verarbeiten – wie lässt sich sonst erklären, dass es ausgerechnet über Chemnitz so viele Songs gibt wie sonst nur über New York oder Paris oder Bochum? Es gibt finnische, französische und tschechische Chemnitz-Songs, es gibt gleich mehrere bekannte Welthits, es gibt stabile Stadtfest-Schlager und grenzwertige Gangsterrap-Versuche, es gibt viel Ironie und noch mehr Cringe, es gibt antifaschistische und Nazi-Hymnen, es gibt alles, was man sich von Chemnitz wünscht.  Wir haben uns mal wieder todesmutig ins Chemnitzer Darknet gestürzt und ALLE dort existierenden Chemnitz-Songs für euch gehört und analysiert, damit ihr es nicht tun müsst. Herausgekommen ist diese Liste der 500 besten Chemnitz-Songs aller Zeiten, deren Erstellung anstrengender war als ein Zehn/Kurze-Interview auf der Rückbank des Ringbusses: Immer, wenn wir dachten, wir hätten alles gehört, ist irgendwo ein neuer Chemnitz-Song aufgetaucht. Weil das mit den 500 Songs am Anfang nur ein Witz war, der dann aber Wirklichkeit geworden ist, ist dieser Text ein bisschen sehr lang geraten. Wer die drei Wochen Lesezeit also nicht investieren will, kann auch einfach nur die Playlist dazu hören, allen anderen wünschen wir viel Spaß mit:

Die Illustrationen hat die fabelhafte Cutseyartstuff gemacht.

The Chimneys of Chemnitz (2010)
Von: The Knockouts
Worum geht’s: „Wer zur Hölle schreibt denn ein Lied über Chemnitz?“, steht auf der Seite von laut.de, wenn man dort nach „The Knockouts“ sucht. Die Frage ist völlig falsch, wie diese intensive Darknet-Recherche zeigt, sie sollte vielmehr heißen: „Wer zur Hölle schreibt denn KEIN Lied über Chemnitz?“  The Knockouts haben jedenfalls nicht kein Lied über Chemnitz geschrieben, und das, obwohl sie aus Schweden kommen. Warum dieser Song existiert, bleibt trotzdem rätselhaft: War die Band für ein Konzert in der Stadt und hat sich im Rausch ein Lulatsch-Lichtermeer herbei halluziniert? Sind sie so gelangweilt von der schwedischen Bullerbü-Idylle, dass sie in ihren Songtexten von einer rauen beschornsteinten Industriestadt fantasieren? Ist Chemnitz mit seinem phallischen Wahrzeichen schon ein Fall für YouPorn oder doch nur ein Stadtname, der zufällig die Alliteration mit chimney perfekt macht? Dafür ist der Text dann doch zu präzise: Leere Straßen, grauer Beton, man kommt einfach nicht los davon.
Beste Textzeile: Dark grey clouds on the horizon / The dim lit streets are all empty now / The sound of factories grates in my ears / The ashes have grown cold and the flames are all gone / Bricks and glass, all smashed to pieces / And bullet holes in the concrete walls / There’s no place for us in this city / But to say goodnight took us all night long.“
Klingt wie: ein Ohrwurm, den man wochenlang nicht wieder los wird.
Unbedingt hören, wenn: Okay, „Einschusslöcher in Betonwänden“ und „kalte Asche“ klingen zwar nach Eindrücken aus dem Jugoslawien-Krieg, dieses Lied könnt ihr trotzdem gut hören, wenn ihr nach dem Punkkonzert im AJZ auf den Nachtbus wartet, der einfach nicht kommt. 


Breakfast in Chemnitz
von: Robb Johnson, dem letzten britischen politischen Liedermacher, dem Bob Dylan der Insel. Sagt zumindest Wikipedia.
Worum geht’s: Robb wollte scheinbar mal richtig dekadent in Chemnitz Frühstücken gehen, hat dann aber nur das Alex vorgefunden und seine Enttäuschung über diese orangensaftige Niederlage in einen melancholischen Song gepackt. Darin unterhält er sich mit Karl Marx darüber, dass früher alles besser war. Oder etwa nicht?
Beste Textzeile: „No, books aren’t burned now, it’s just no one reads them / and on the street of nations now we don’t need them / we let them eat Big Macs for breakfast in Chemnitz.“  Und: „Yes well, says Karl / it was nice to chat / you miss having breakfast when you’re just a statue / and on the street of nations there was this cafè you could get such good coffee / now there’s a Kaufhof the size of Berlin / but sun’s still shining and the world’s still turning and down on the street of nations the wind is blowing sharp as black coffee for breakfast in Chemnitz.“
Klingt wie: Chemnitzer „Wind of Change“.
Unbedingt hören, wenn: ihr auf der Suche nach einer guten Brunch-Location mal wieder stundenlang erfolglos durch die Stadt irrt, bis es Mittag ist und ihr völlig ausgehungert eine Thüringer Bratwurst am legendären grünen Thüringer-Bratwurst-Stand essen müsst. 

 

„Die 500 besten Chemnitz-Songs aller Zeiten“-Spezial: Andere Sprachen
Auch wenn man in Chemnitz als erste Fremdsprache lieber einen seltenen osterzgebirgischen Dialekt als Englisch spricht, scheint die Stadt doch ein Hit-Garant für fremdsprachige Musik zu sein:
Chemnitzzum Beispiel ist ein verträumt gehauchter französischer Jazz-Song von Jean-Daniel Botta über Carlfriedrich Claus oder so, den vermutlich viele Pariser:innen hören, wenn sie sehnsüchtig am Seine-Ufer sitzen und von einem Leben in Chemnitz träumen. Hach ja, Paris – das Chemnitz des Ostens. In Nic v Chemnitz wiederum singt der Tschechische Filmkomponist Michal Hruza Sachen, die wir leider nicht verstehen, aber wir wissen, dass der Song übersetzt „Nichts in Chemnitz“ heißt und dass damit auch schon alles über die Stadt gesagt ist.
Im melancholisch getriebenen „karl-marx-stadt“ von Alexander Ringbäck, einem Songwriter aus Göteborg, geht es natürlich um die Fährverbindung Sassnitz-Trelleborg. Und weil viele Künstler:innen bei der Betitelung ihrer Chemnitz-Songs so einfallsreich sind wie die Kellnberger Familiy bei der Gestaltung ihrer Betonfassaden, hat auch die finnische Gniedel-Rockband I.N.K. einen ihrer Songs ganz ausgefallen – Achtung! – „Chemnitz“ genannt.

Steig in mein Boot (Chemnitz Brühl Boulevard) (2020)
von: Poet
Worum geht’s: Zwei Freunde wollen in Chemnitz mal so richtig fett feiern und treffen sich deshalb vormittags mit einem Gummiboot und blauen Perücken auf dem Brühl, um vorm ZUHAUSE-Monument den Ballermann raushängen zu lassen. Völlig logisch eigentlich.
Beste Textzeile: „Steig in mein Boot, wir machen Fiesta / wenn du dich traust, bin ich deine Keisha“ oder auch „Badaboom Badabang / ich komm mit meiner Gang / ich stampf dich in den Boden.“ (Reimschema plötzlich vorbei).
Klingt wie: der große Rausschmeißer beim Sonntagsbrunch im Espitas.
Unbedingt hören, wenn: die Fomo mal wieder so hart kickt, dass ein klammer Schmerz im Brustkorb aufflammt. Dann hört man einfach kurz diesen Song und will garantiert nie wieder in Chemnitz feiern gehen.
Alternativ hören: I Like Karl-Marx-Stadt  von Viel zu Viel ist wahrscheinlich der bessere Abriss-Song, nervt aber nach 30 Sekunden mehr als die Nasenpenis-Armada an der örtlichen Edeka-Kasse. Dafür bringt die Textzeile „Heute Abend will ich Party machen / guck ins 371 / vergeht mir das Lachen“ das Chemnitzer Partyleben perfekt auf den Punkt.

 

Heimatkunde (2021)
Von: AG Schwebebalken
Worum geht’s: „Heimatkunde“ soll eine Art Chemnitz-Flex sein, beweist aber vor allem eines: Diese Stadt hat überhaupt gar kein, also wirklich NULL, Scham-Gefühl – sondern eine Cringe-Resistenz, von der selbst der ZDF Fernsehgarten noch viel lernen kann.
Beste Textzeile: „Noctulus mit Bollerwagen, ohne festen Standfleck/ Hinterhöfe, Beistelltische, Pinguine auf Crack“
Klingt wie: die „lustige“ Spontan-Performance von angeblichen „Freunden“ auf einer zwangsfröhlichen Hochzeit und auch ein bisschen wie „Just can’t get enough“ von Depeche Mode.
Unbedingt hören, wenn: ihr genauso fremdschamfest und cringeresistent seid wie der Rest der Stadt.

 

CHEMNITZ (unbekannt)
von: Klemmi, Sänger von ROCKWÄRTS – das waren in den Achtzigerjahren die Pioniere des Chemnitzer ROCK, und sind damit quasi die Urväter von Falko Rock. Von Klemmi gibt es übrigens ein ganzes Album namens „Made in Klemmnitz“, dieser Typ muss eine absolute Legende sein.
Worum geht’s: Was für eine verdammt geile Stadt ist eigentlich Chemnitz? Das ist eine Frage, die man hier ständig gefragt wird, woraufhin man sich natürlich erstmal euphorisch in stundenlangen Schwärmereien verliert und völlig verklärte Sachen sagt wie: „Geht schon.“ „Für Chemnitz reicht’s.“ „Vielleicht zieh ich ja auch bald weg, aber erst in drei Jahren.“
Beste Textzeile:Altes Stiefkind, wirst nie erwähnt / aber du hast dir verdient, dass du für mich die heimliche Hauptstadt bist.“
Klingt wie: die inoffizielle Kommunalhymne, bei der man im Bierzelt beim Kartoffelfest besoffen aufsteht und sich ergriffen die Hand aufs Herz legt, das „Bochum“ des Ostens.
Unbedingt hören, wenn: ihr wieder mal nachts betrunken an der Chemnitz flaniert und dabei sehr plötzlich schrecklich sentimental werdet.
Alternativ hören: Meine Stadt (Song für Chemnitz) von Felsenreich Akustik Projekt, ist nicht nur ein Lied über Chemnitz, nein, es ist auch ein Lied über die Stadt der Liebe (auch Chemnitz). „Hier drehte Kati ihre Runden, und der Ballack netzte ein, hier hab ich mein Heil gefunden und hier bin ich nie allein.“  Mehr müssen wir gar nicht dazu sagen, denn ihr „Heil“ haben hier wirklich viele gefunden, vor allem viele aus Dortmund.
In Chemnitz – Tor zum Erzgebirge  zählt die Stadtfest-Ikone Astrid Himmelreich tapfer alle drei Chemnitzer Besonderheiten auf und wird dabei grammatikalisch derart experimentell („Die Stadt heißt Chemnitz, wie ihr wisst, und das Tor zum Erzgebirge ist“ ), dass man hier schon von Pink-Floyd-Niveau sprechen kann. Von Astrid Himmelreich gibt es noch andere sächsische Super-Smash-Hits wie „Sachsen – Meine Heimat“ oder „Mein Wittgensdorf“, aber nur „Chemnitz – Tor zum Erzgebirge“ könnte auch die Titelmelodie zur Drehscheibe Chemnitz sein. Wer sich zu Punk für Astrid Himmelreich fühlt, kann alternativ auch „Chemnitz“ von den Arbeitslosen Bauarbeitern hören, das ist inhaltlich der gleiche Song, nur mit verzerrten Gitarren, und Die Arbeitslosen Bauarbeiter sind die Chemnitzer Die Ärzte, nur ohne Ironie.

 

Karl-Marx-Stadt (2011)
von: Kraftklub
Worum geht’s: Was für eine verdammt geile Stadt ist eigentlich Chemnitz? Das ist eine Frage, die man hier so gut wie nie gefragt wird. Stattdessen immer diese Fragen, in die man direkt einen mitleidigen Unterton hinein interpretiert: „Du wohnst also immer noch in Chemnitz?“ Dann verfällt man in stundenlange Rechtfertigungen darüber, warum man nicht wegziehen kann oder – noch krasser – gar nicht wegziehen will, und fühlt sich dabei, als hätte man im Leben schwer versagt. In der Allgemeinen Chemnitzwissenschaft, auch Küchenpsychologie genannt, sagt man dazu „Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex“, und der ist derart ausgeprägt, dass er sogar einen eigenen Welthit hat.
Beste Textzeile: „Ich cruise Banane essend im Trabant um den Karl-Marx-Kopf / Die Straßen menschenleer und das Essen ohne Farbstoff / Diskriminiert, nicht motiviert / Von der Decke tropft das Wasser / nix funktioniert.“ 
Klingt wie: „Loser“ von Beck.
Unbedingt hören, wenn: ihr diese kollektive, fast schon euphorische Aufbruchsstimmung der frühen Chemnitzer Zehnerjahre noch mal kurz aufleben lassen wollt.
Alternativ hören: Meine Stadt ist zu lautaber bitte nur angemessen leise hören, sonst reichen wir sofort Lärmbeschwerde ein. Oder aber Ich will nicht nach Berlin – der einzige Berlin-Song, der tief im Herzen eigentlich ein Song über Chemnitz ist. 

 

 

Karl-Marx-Stadt (1994)
von: Megapolis
Worum geht’s: Die Mutter aller Chemnitz-Lieder, das „Like A Rolling Stone“ Sachsens, hat im Prinzip gar nichts mit Chemnitz zu tun, sondern heißt vermutlich nur aus Gründen einer basiskommunistischen Sympathie „Karl-Marx-Stadt“.
Beste und einzige Textzeile: „Karl-Marx Stadt, du bist die Stadt roter Blumen, aber ich mag nur weiß.“
Klingt wie: die Aftershowparty eines Arbeiterpartei-Plenums, viel Wodka und saure Gurken.
Unbedingt hören, bevor: die supergute Schnapslaune in wehleidige Wodkamelancholie umschlägt.

 

Chemnitz California Song (2007)
von: Mittweida Community Choir – die Chemnitzer Verzweiflung strahlt bis nach Mittelsachsen.
Worum geht’s: Chemnitz, das Kalifornien Südwestsachsens, wo sich lauter liberale Linke am Long Ufer Beach sonnen, wo das Sachsen Fernsehen selbst den Hollywood-Studios Konkurrenz macht, wo die Bleichen und Schönen mit sonnenberggebräunten Strähnen im Haar am Wall flanieren, na ihr wisst schon. So zumindest scheint Chemnitz aus der Ferne zu wirken, wenn man in Mittweida wohnen oder studieren muss. 
Beste Textzeile:  We all love the sun / We eat bratwurst in a bun / Che-he-hemnitz here we come / Right back where we started from“
Klingt wie: California von Phantom Planet natürlich. Außerdem wie die wuchtige Welle der Nostalgie, die einen überrollt, wenn man zurück an die unzähligen Jugendstunden denkt, die man mit O.C., California vorm Fernseher verbracht hat.
Unbedingt hören, wenn: ihr wissen wollt, wie trostlos sich ein Leben in Mittelsachsen anfühlen muss.

 

Urlaub am Uferstrand (2018)
von: Integral
Worum geht’s: Seitdem hier die Dreharbeiten zu „The Beach“ und die Bauarbeiten zu „Stadt am Fluss“ stattfanden, wird der einst paradiesisch entlegene Uferstrand regelrecht von Touristen überrannt. Jedes Jahr verbringt die Stille Mitte ihre Sommerfrische an der ostdeutschen Copa Cabana bei Apérol und Roster, reserviert Liegen mit Deutschlandfahnen, zeigt Hakenkreuz-Arschgeweihe beim Beach Volleyball.
Beste Textzeile:3,50 Euro für die Roster sind ja günstig“ und „Ich bin zu dämlich einen See zu finden“
Klingt wie: NCW – Neue Chemnitzer Welle, und damit sind natürlich die Beach Waves des Uferstrands gemeint.
Unbedingt hören, wenn: ihr eure Chemnitz-Urlaube bisher immer auf der Schlossteichinsel, dem Mallorca Sachsens, verbracht habt und zur Abwechslung mal was anderes sehen wollt. 

 

Chemnitz Stadt (2018)
von: Baumarkt
Worum geht’s: das weiß man nicht so genau, wir vermuten aber mal um Chemnitz, Chemnitz Stadt. Übrigens wird Chemnitz, Chemnitz Stadt in keinem anderen Chemnitz-Song öfter erwähnt als in Chemnitz, Chemnitz Stadt.
Beste Textzeile:Wir tanzen Ringel-Ringel-Reihe / stehen uns auf den Füßen und gehen dann heim / Chemnitz. Chemnitz.“
Klingt wie: die Titelmusik des völlig schrägen und hochgradig neurotischen Indiefilms mit Lars Eidinger in der Hauptrolle seines Lebens als trauriger Stille-Mitte-Mann mit zurückweichendem Haaransatz, den wir uns schon so lange wünschen.
Unbedingt hören, wenn: das Lied passt eigentlich für alle Chemnitzlagen.
Alternativ hören:  Chemnitz Stadt von Augenringemann, ein Rapsong mit Baumarkt-Sample und ironischem Flex-Text: „Chemnitz, was ne aufregende Stadt / ich fahr nach Leipzig um zu sehen, wie schön ich es hab“ 

 

Chemnitz – Karl-Marx-Stadt (2020)
von: Arba Manillah
Worum geht’s: Um Vibes. Um gute Vibes, um Anti-Bengalo-Dobermann-Vibes.
Beste und einzige Textzeile: „Chemnitz/ Karl-Marx-Stadt/ everybody known the history“
Klingt wie: die friedliche Eskalation auf der Diversity-Stage beim Chemnitzer Hutfestival.
Unbedingt hören, wenn: ihr euch mal wieder vergewissern müsst, dass in Chemnitz nicht nur alte weiße Nazi-Boomer leben. 

 

Weder grau noch braun (2018)
von: Money$Mufasa, einem jungen Rapper aus Chemnitz (inzwischen anscheinend nach Leipzig gezogen, Anm. der Red), der das Ostgame owned. Zumindest hat er in einem seiner Videos schon mal vor einem Trap-bant posiert.
Worum geht’s: Während Trettmann und KUMMER unser schönes Chemnitz immer nur schlecht machen wegen der Nazis, die es hier doch überhaupt gar nicht gibt, traut sich Money$Mufasa endlich auch mal positive Vibes aus der Stadt zu senden. Sein Song appelliert an Menschlichkeit und Zusammenhalt, was eine ehrenwerte Message ist, mitunter aber etwas übertrieben bonoesque anmutet.
Beste Textzeile: „Das geht raus an die Welt / heißt doch jeden hier willkommen/ sind alle bunt wie die Esse/ darum sing ich diesen Song.“
Klingt wie: die Buntmacher*innen als Pop-Rap-Song.
Unbedingt hören, wenn: ihr mal wieder grauen Beton mit bunter Kreide anmalt, um Hakenkreuz-Schmierereien zu kaschieren.

Bastion (2017)
von: Skrab
Worum geht’s: Wenn man in Chemnitz lebt, muss man einiges aus- und gegen vieles dagegenhalten. Das war schon vor dem August 2018 so, das war während dieser Zeit noch mal um ein Vielfaches schlimmer und auch aktuell fühlt sich sachsenweit alles ziemlich finster an. Wir glauben auch nicht, dass das in nächster Zeit besser wird, diese Menschen hat man verloren, die holt man nicht mehr zurück. Wenn man in Chemnitz lebt, und zum Beispiel regelmäßig tausende Menschen mit den Freien Sachsen durch die Stadt marschieren sieht, geht man im Kopf immer wieder individuelle Fluchtoptionen durch. Gleichzeitig fragt man sich, ob man es den Rechten damit nicht erst recht leicht macht, ob Wegziehen wirklich die Lösung ist. Skrab sagt: Nein, ist es nicht.
Beste Textzeile: Ich seh mich um / Dreckskaff / Gesichter einer Meth-Stadt / über die Ausländer wird gelästert …
Klingt wie: eine düstere Bestandsaufnahme der Chemnitzer Stadtgesellschaft und gleichzeitig wie ein Mutmacher, sich hier aktiver einzubringen. 
Unbedingt hören, wenn: ihr hier auch weiterhin tapfer die Bastion gegen die braune Invasion haltet und die Gegend nicht aufgeben wollt.

 

9010 (2019)
von: KUMMER
Worum geht’s: vor Hunderttausenden von Jahren (also Anfang der Neunzigerjahre) hatte Chemnitz mal eine andere Postleitzahl – und Faschos, die sich in Ostdeutschland durch das von der Wende hinterlassene Vakuum prügelten. Heute sieht die Chemnitzer Postleitzahl auch nicht viel anders aus und die Faschos sind immer noch da, nur anders: ihre Strukturen haben sich mittlerweile gefestigt.
Beste Textzeile: „Plastikbeutel, Korn, Westpoint-Zigarillos, schlechte Haut/Chemnitz-City-Swag, alles sieht irgendwie traurig aus“
Klingt wie: ein Faustschlag in die verharmlosende „Chemnitz-ist-bunt“-Romantik, die hier gerne für Image-Politur propagiert wird.
Unbedingt hören, wenn: euch ein armseliger Stollbergnazi aus dem tiefer gelegten BMW heraus mal wieder „Scheiß Zecken“ entgegenruft, nur weil ihr ein bisschen zu weit links steht.
Alternativ hören: Schiff, aber das ist uns persönlich viel zu negativ, sorry.

 

 

Grauer Beton (2017)
von: Trettmann
Worum geht’s: Die Neunzigerjahre beginnen, die DDR ist zu Ende. Dort, wo die Wende Leerstellen hinterlassen hat, wuchern falsche Hoffnungen, wird die euphorische Aufbruchstimmung von Enttäuschungen gedämpft, wächst man zusammen und treibt auseinander, blühen zwar keine Landschaften, aber dafür gedeihen Perspektivlosigkeit und Frustrationen – und damit auch ein Nährboden für Rechtsextremismus. Oder kurz: Tretti ist im Heckert aufgewachsen und hat ein Lied darüber geschrieben.
Beste Textzeile: eigentlich alle.
Klingt wie: ein Spaziergang in der Markersdorfer Oase, grauer Himmel, feiner Nieselregen, kalter Wind im Gesicht – all the Chemnitz-Feels.
Unbedingt hören, wenn: ihr nachempfinden oder noch mal erleben wollt, wie sich Aufwachsen in den Neunzigerjahren im Plattenbau angefühlt hat.

 

 

Chemnitz feat. Youdon (2001)
von: Tefla & Jaleel
Worum geht’s: Chemnitz ist Schrödingers Katze unter den Städten: Gleichzeitig lebendig und tot, gleichzeitig die geilste und die schlimmste Stadt aller Zeiten. Liebe und Hass, eine toxische Beziehung, von der man einfach nicht loskommt. Das war anscheinend schon vor 20 Jahren so, deshalb gibt es diesen Song – der beschreibt das widersprüchliche Chemnitz-Gefühl recht perfekt.
Beste Textzeile: Der komplette erste Verse. Und: „Der erste Sonnenstrahl entspringt im Dunst der Stadt / begleitet meine Frage nach dem Grund, was mich in deren Schoß gehalten hat. / Schlender entlang dem Kaßberg um meine Emotion zu fang’ / und Ausreden zu finden dafür wie man hier eigentlich noch leben kann.“
Klingt nach: Früher, als alles besser war. Als Hip Hop von Phlatline in Chemnitz erfunden wurde und das splash! noch am Stausee Rabenstein stattfand. Klingt aber auch so, als hätte sich in Chemnitz seitdem nichts verändert. Stimmt zwar nicht, das im Song berappte Lebensgefühl ist aber das Gleiche geblieben.
Unbedingt hören, wenn: euch zwiespältige Chemnitz-Gefühle mal wieder das Herz zerreißen.
Alternativ hören: Ein Tag am See, Meine Gegend

 

 

Bye, Bye Chemnitz (2021)
von: Jus’Thiz
Worum geht’s: Aus Chemnitz wegzuziehen ist eine große Kunst, die nur den allerwenigsten Menschen so richtig gelingt. Denn selbst diejenigen, die es aus Chemnitz raus schaffen, haben die Stadt nie so wirklich verlassen und schreiben immer noch Songs oder Gedichte oder Bücher über sie.
Beste Textzeile: „Heut hab ich verstanden, was die Message ist / Liebe diese Stadt, aber rette dich!“
Klingt wie: ein nur so mittelmäßig guter Drogentrip, der viel zu lange anhält.
Unbedingt hören, wenn: ihr es nach 3000 langen Chemnitz-Jahren dann doch endlich schaffen solltet, nach Leipzig zu ziehen. 

 

Die „500 besten Chemnitz-Songs aller Zeiten“-Spezial: Wenn Ostdeutsche auf Gangster machen
Es gibt kaum etwas Peinlicheres als Typen, die so tun, als wären sie betonharte ostdeutsche Gangster aus einer betonharten ostdeutschen Gangsterstadt („Crimenitz“), in Videos dann aber mit „Good Vibes All The Way“-Sweater vorm Segway Point posen. Während Chemnitz-Rapper auf Original Ostler machen und ständig ihre toxische Sächsichkeit raushängen lassen, lachen echte OGs vermutlich einfach nur über Chemnitz. Zum Beispiel über den Cracky City Chemnitz Rap von ähem Crack David, der sich offensichtlich in der Droge geirrt hat – Crack ist hier nicht das Problem, David! Der Track bietet auch sonst nichts weiter, außer Einblicke in die minderwertigkeitskomplexe Chemnitzer Gangster-Seele. In Chemnitz City rappt ein Dude namens H3XOR neben frauenfeindlicher Scheiße auch fast schon niedliche Bars wie „091 checkt den Sound und fühl den Bass, Chemnitz City, wir machen Hip Hop wieder krass“. Der Chemnitzer Möchtegern-Shindy träumt von einem Sektempfang am Uferstrand – das scheint sowas wie der absolute Gipfel im Chemnitzer Gangster-Game zu sein. Ein Typ namens Taiga sehnt sich wiederum nach einem Leben als Chemnitz Most Wanted  und nascht dabei Törtschen vorm Konditor, wie man das als harter Chemnitz-OG eben so macht. Dann gibt es noch (Bengalo) Dobermann, einen Rapper aus dem rechten Milieu, der neben traditionell nazihaftem CFC-Liedgut auch Songs macht, die direkt als Aufmarschmusik der örtlichen Identitären dienen könnten (Ostdeutschland / wo der Stolz noch den Trend fickt / das ist Chemnitz / hier hat Erde noch Tradition / Sachsen / ist im Herzen ein Patriot“. )
Was Chemnitzrap kann, kann Schlager übrigens schon lange: Im Schornstein- und Straßenfeger „Chemnitz und der Schornstein-Song Du bist der Größe“ (2021) flext SchlagaMike mit dem Lulatsch, dem toxischsten aller maskulinen Chemnitzer Phallus-Symbole, und disst dabei sogar Szenestadtgrößen wie Paris und Berlin.

 

Sonnenberg (2020)
von: Til Schweighöfer, unserem Mann in Hollywood.
Worum geht’s: Auch Matthias Schweighöfer ist in Chemnitz aufgewachsen, und musste damals (ca. Mitte der Neunziger) mit dem Bus über den Sonnenberg fahren, denn sein Schulweg sollte kein leichter sein. Diese Busfahrten waren anscheinend romantischer als ein Sonnenuntergang am Seine-Ufer, und deshalb hat er einen Song darüber geschrieben. Der ist die kitschige Antithese zu „Grauer Beton“ und trägt lieber „Blüten im Haar“, weil der Sonnenberg wie ja San Francisco ist, nur eben ohne Hippies. Fraglich bleibt, ob er wirklich den „echten“ Sonnenberg meint oder ihn einfach nur mit dem Kaßberg verwechselt hat (wo er ja tatsächlich zur Schule ging), was genau er damals geraucht hat oder ob adoleszente Liebe derart blind macht, dass man eine dissoziative Störung entwickelt und alles andere ausblendet und dann ausgerechnet so einen Song über den SONNENBERG!!! in den NEUNZIGERN!!!1!! komponiert.
Beste Textzeile: Träumen uns Zelte auf den Berg / Keine Schlösser in die Luft / Aber das ist viel zu lang her / Und ich vergess‘ deinen Duft
Klingt wie: die inoffizielle Sonnenberg-Hymne, der ultimative Tesla-Rausschmeißer, der beliebte Fürstenkeller-Engtanz-Hit für jung und alt.
Unbedingt hören, wenn: ihr die handelsüblichen „Heil Hitler“-Rufe an der Gellertstraße mal mit was richtig Schönem übertönen wollt.

 

 

Am Schlossteich weiß ich eine kleine Bank (1965)
von: Peter Michael und die Kolibris
Worum geht’s: Hach, Chemnitz! Wo die Romantik am Schlossteich sitzt und sich am Feuer der Einweggrille wärmt und nachts pfeffitrunken unter den polizeiblauen Lichtern des Walls tanzt. Dieser Song hat die europäische Kulturhauptstadt schon gespürt, da hatte Chemnitz noch nicht mal ihr ewiges Opfernarrativ entwickelt, sondern noch so etwas ähnliches wie ein Selbstbewusstsein.
Beste Textzeile: Wenn morgens früh der Tag erwacht zum Leben / spürst du den Pulsschlag unsrer großen Stadt / und tausend Hände schaffen die Wende / die ihr Gesicht so wunderbar verändert hat. / Und alle unsere Mühe wird sich lohnen / die Zukunft wird dich noch viel schöner sehen […] / Am Schlossteich weiß ich eine kleine Bank für dich und mich / dort wollen wir von der Zukunft glücklich träumen.
Klingt wie: ein schwärmerisch schwelgender DDR-Sinatra
Unbedingt hören, wenn: ihr euch nostalgisch durch alte „Unser Chemnitz und Karl-Marx-Stadt“-Fotogalerien klickt.
Alternativ hören: Ich hab in Chemnitz einen Liebsten wohnen

 

 

CFC Song von Steffen 
von: Steffen
Worum geht’s: FCK, das steht für Fuck – und es kann kein Zufall sein, dass es auch für den FC Karl-Marx-Stadt steht, schließlich ist der CFC am Ende. Trotzdem halten tapfere Fans weiterhin die Reichsfahne oben und versprechen sich selbst das Blaue vom Himmel. Zum Beispiel in diesem Song, der wahrscheinlich wirklich glaubt, dass der CFC noch in irgendeiner Weise relevant ist.
Beste Textzeile: „Unsre Farben in voller Pracht / denn der CFC bleibt eine Macht / und die Südkurve, die Stimmung ist gut / das macht der Mannschaft neuen Mut / und wir feuern die Spieler an / himmelblaue Fahnen schwenken dann.“
Klingt wie: der größte anzunehmende Bautz’ner Senf-Unfall.
Unbedingt hören, wenn:  ihr im CFC-Kreissaal gerade dafür sorgt, dass dem CFC die treuen Fans niemals ausgehen werden.
Alternativ hören: Meine Liebe mein Verein“ von die Arbeitslosen Bauarbeiter

 

 

Triff Chemnitz  (2009)
von: Hörfaktor
Worum geht’s: Die wenigsten wissen es, aber das Internet, wie wir es heute kennen und nutzen, wurde einst in Chemnitz erfunden. Es hieß damals in seiner Beta-Version noch Triff Chemnitz und war eine Art digitaler Dorfplatz der Stadt, ein Forum der Verzweiflung. Wenn die Chemnitzer Straßen mal wieder wie leergefegt waren, dann nur, weil gerade alle online auf Triff Chemnitz abhingen. Mittlerweile wurde Triff Chemnitz zwar von Condé Nast gekauft und in Reddit umbenannt, aber es hat einen eigenen Song und der wird für immer bleiben.
Beste Textzeile:Alter, ein Gewinnspiel für zwei Kinokarten / steht direkt unterm ‚Chemnitzer des Tages‘, den bis heute niemand kannte“
Klingt wie: The Frontpage of the Chemnitzer Internet
Unbedingt hören, wenn: euch die Chemnitz Memes auf Instagram zu langweilig geworden sind.

 

 

Chemnitz Girl (2019)
von: Barock Project
Worum geht’s: Die Chemnitzer Girls: Sie schleichen ständig schlecht gelaunt durch die Straßen, die Haare nicht gemacht, die harte Chemnitz-Vergangenheit in schwermütiges Schweigen gehüllt. Sie rauchen viel und lächeln nie, sie sind so verschlossen wie ihre Stadt (Vgl. Anonyme Melancholiker). Der Mann hinter re:marx kann das bestätigen.
Beste Textzeile:Grey silent buildings standing up /shatterd games from stolen memories“ oder so und „She wears thick old-fashioned clothes / and hair-do clearly out of style.“ 
Klingt wie:  ein barock mansplaintes Ostklischee.
Unbedingt hören, wenn: ihr auf dem Mittelaltermarkt im Badezuber chillt und die Chemnitz-Fressen an euch vorbeiziehen seht.

 

 

Bochum:
Von: Herbert Grönemeyer
Worum geht’s: Chemnitz gilt gemeinhin als sehr hässliche Stadt. Aber das macht Chemnitz weder besonders, noch ist die Stadt damit allein, denn andere Städte haben auch hässliche Häuser. Bochum zum Beispiel. Über Bochum gibt es einen Herbert Grönemeyer-Song, in dem er die Hässlichkeit der Stadt derart inbrünstig besingt, dass man a) denkt, er würde Chemnitz meinen, und sich b) allein vom Zuhören so fühlt, als würde man selbst aus Bochum kommen. Und tatsächlich gibt es zwischen potthässlichen Pott-Städten und ostdeutschen Industriewracks wie Chemnitz mehr Parallelen, als man denkt: Eine davon ist die Abneigung gegenüber einer dekadenten Landeshauptstadt, die sich in beiden Bundeslandfällen mit DD abkürzen lässt. 
Beste Textzeile: „Du bist keine Schönheit / vor Arbeit ganz grau / du liebst dich ohne Schminke / bist ne ehrliche Haut / leeiiiiider total verbaut / aber gerade das macht dich aus!“ 
Klingt wie: eine etwas aus dem Ruder geratene Cover-Version des echt erzgebirgischen Steigerlieds und wie der beste Chemnitz-Song, der niemals über Chemnitz geschrieben wurde.
Unbedingt hören, wenn: ihr euch im harten Chemnitz-Alltag allein und unverstanden fühlt. 

 

 

Honorable Mentions (oder: wir hatten leider keine Lust mehr)

Lied der Chemnitzer Köche(Chemnitzer Köche)

Chemnitz du ALTES HAUS

Hitradio RTL Sachsenhit: Chemnitz 

Chemnitz (The Inserts)

Karl-Marx-Stadt (Convex Level)

Chemnitz (Sendemann)

Lost in Chemnitz (Onlee)

Chemnitz Cracker (Jens Gamboni)

 

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Sicher auf den Sonnenberg ohne Ansteckungsgefahr: Die doppelte Bazillenröhre im Verbrauchertest https://remarx.eu/2022/01/die-beiden-bazillenroehren-im-verbrauchertest/ https://remarx.eu/2022/01/die-beiden-bazillenroehren-im-verbrauchertest/#comments Sun, 16 Jan 2022 18:01:04 +0000 https://remarx.eu/?p=11324 Die Bazillenröhre galt lange als wichtigste Transitstrecke zwischen Sonnenberg und dem zivilisierten Rest der Stadt. Jetzt wurde das Original nicht nur saniert, es gibt seit August 2020 auch eine zweite Bazillenröhre und damit mehr Möglichkeiten, hygienisch sauber auf den Sonnenberg zu kommen, als man eigentlich braucht.

Für Menschen aus gutbürgerlichen Chemnitzer Stadtteilen war es bisher immer eine Herausforderung, zu Fuß auf den Sonnenberg zu gelangen, ohne sich dabei die feinen Kaßbergfüße schmutzig zu machen oder von verschwörerisch geraunten Reisewarnungen einschüchtern zu lassen. Es gibt für diese unwirtliche Chemnitz-Gegend einfach keine absolute Reisesicherheit: Die Zietenstraße ist viel zu steil für einen Aufstieg ohne Sauerstoffmaske und es kann passieren, dass man unterwegs gefälligen Sonnenberg-Akteuren begegnet und von ihrer Wichtigkeit geblendet wird und sich geschlagen geben und wieder umkehren muss. An der Straße hoch Richtung Sachsen-Allee holt man sich mit aller Wahrscheinlichkeit eine Diesellunge, an der Kreuzung von Dresdner Straße und Technischem Rathaus wird man eventuell von einem gewöhnlichem SUV oder einem Sonnenberg-SUV, also einem Fatbike, überfahren, und selbst wenn man in den vermeintlich sicheren Ringbus steigt, kann es sein, dass man sich ins Lutherviertel verfährt oder am Technopark strandet und dort an einer Überdosis Einsamkeit resigniert. Und dann gab es noch die Bazillenröhre, also die alte Bazillenröhre, durch die man viral gehen und sich dabei mit sämtlichen bekannten Chemnitz-Krankheiten anstecken konnte: Mit gefühlten Kriminalitätsraten, mit Minderwertigkeitskomplexen, akuten Leeregefühlen, mit sonnenbergspezifischen „Heil-Hitler“-Rufen. Die Bazillenröhre war schon eine Corona-Party, da existierte die Pandemie noch gar nicht, die Coronaleugnerin unter den Chemnitz-Unterführungen: Sie hat schon immer konsequent auf Hygienemaßnahmen geschissen. Doch die Bazillenröhre, wie wir sie kennen, gibt es so nicht mehr, und damit ist auch Chemnitz offiziell vorbei.

Statt nur einer gönnt sich die Stadt jetzt also gleich zwei Bazillenröhren, die auch noch unmittelbar nebeneinander liegen: Die eine ist für eine Bazillenröhre verhältnismäßig steril, die andere wurde frisch sterilisiert, beziehungsweise gentrifiziert. Doch welche Bazillenröhre ist nun sauberer und sicherer? Wo tummelt sich das Chemnitzleben, wo läuft man am wenigsten allein? Das haben wir für euch getestet und dabei beide Transitstrecken an nur einem Tag zurückgelegt. Ein Erfahrungsbericht. 

Original-Bazillenröhre (neu)
Ein altes Chemnitzer Sprichwort sagt: „Das Licht am anderen Ende des Tunnels ist immer der schlechte Ruf des entgegenkommenden Sonnenbergs“. Es stammt aus einer Zeit, als die Bazillenröhre noch ein endloser finsterer Tunnel war, den man nachts lieber nicht allein durchquerte. Eine Fußgängerunterführung wie eine 217 Meter lange Line Meth, der Tunnel eurer Chemnitz-Albträume, die wichtigste Handelsroute zwischen Sonnenberg und Zivilisation. Doch die Bazillenröhre hatte etwas, wovor sich viele Chemnitzer:innen fürchten wie Boomer vor Lastenrädern: Graffiti. Die Graffiti sorgten dafür, dass einem in der Bazillenröhre immer der coole Hauch der Urbanität entgegen wehte und man sich wenigstens ein bisschen wie in einer Südlondoner Subway-Unterführung fühlen konnte.
Diese Mischung aus Schäbigkeit und Coolness machte die Bazillenröhre sachsenweit weltberühmt: Sie war gleichzeitig Pilgerort (Kraftklubfans, mutige Chemnitz-Tourist:innen) und No-Go-Area (alle anderen). Sie war wochenlang lila illuminiert und man konnte in Aue-Farben gehüllt Richtung Gellertstadion marschieren. Sie war wie in einer richtigen Stadt. Sie war dunkel, dreckig und einsam. Sie war nicht wie in einer richtigen Stadt. Sie war wie Chemnitz.
Jetzt ist die Bazillenröhre nur noch einsam. Aus der verkeimten Virenschleuder ist eine hochsterile Hygieneschleuse geworden, wie man sie sonst nur im BioNTech-Werk findet. Man geht sauber rein und kommt noch sauberer wieder raus: die längste Ausnüchterungszelle der Welt.
Dafür spielt das schicke Kraftklub-Wandtattoo, das sie neuerdings trägt, den Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex einmal komplett durch. Da ist sich die Stadt also treu geblieben, schließlich wäre auch sie gern weniger wie sie selbst, ein bisschen mehr so wie Leipzig (aber ohne Graffiti).

Beim Betreten der neuen Bazillenröhre ist man jedenfalls erstmal kurz schockiert, weil sie jetzt so hell und freundlich ist – zu hell und freundlich für unseren Geschmack. Man geht mit einer Chemnitz-Fresse rein und kommt mit einem gentrifizierten Grinsen im Gesicht wieder raus. Als würde man die schlechte Chemnitz-Laune mit aufgesetzten Happy-Vibes reinwaschen wollen – die Bazillenröhre ist jetzt das „Dreamers“ der Chemnitz-Unterführungen. Beim Durchqueren haben wir nichts gefühlt, nichts außer Einsamkeit. Keine Angst, keine Gefahr, keinen modrigen kalten Luftzug, keine spontan ansteigende gefühlte Kriminalitätsrate, keine schlechten Vibes vom Sonnenberg, keiner ist da, niemand schießt in die Luft.
Doch selbst in dieser lebensfeindlichen Umgebung keimt ein erster Hoffnungsschimmer: Bazillenröhre is healing, denn es gibt schon wieder erste Tags oder „Schmierereien“, wie die tag24-Kommentarspalte dazu sagen würde. „Bazillenröhre-Love – sad“ zum Beispiel, das passt sehr gut, und pinke Herzchen, das hätte es früher nicht gegeben, das kennt man nur aus bürgerlichen Barista-Bezirken angesagter Trendmetropolen. In ein bis zwei Monaten werden hier vermutlich wieder die handelsüblichen Sonnenberg-Swastiken, schwurbelnde „Scholz muss weg“-Sprüche, erste zaghafte 161-Versuche und Buntmacher*innen- Aktionismus auftauchen. Die Stadt hat für diesen Fall schon mal prophylaktisch Reinigungsmaßnahmen angekündigt – falls sich hier jemals wieder Großstadtkeime festsetzen, werden sie sorgfältig weggespült wie unliebsamer Zahnstein beim Zahnarzt. Eine Frage ist uns aber zwischen den Zähnen hängen geblieben: Führt die Bazillenröhre überhaupt noch auf den Sonnenberg und zurück oder ist sie jetzt eine Sackgasse für alle Chemnitzer Ambitionen, endlich cool zu werden?

 

Bahnhofs-Bazillenröhre
Ganz anders hingegen die Bahnhofs-Bazille, die anfänglich vermutlich nur als eine Art Ersatzbazillenröhre gedacht war, sich mit der Zeit jedoch zu einem echten Unterführungs-Überraschungserfolg mauserte. Mittlerweile scheint sie die OG-Bazillenröhre als beliebteste Chemnitz-Unterführung abgelöst zu haben: Laut einer völlig aus der Luft gegriffenen Schätzung des re:marx Institutes für innerstädtische Tristesse gehen inzwischen 88 Prozent des Passantentransitverkehrs zwischen Sonnenberg und Zentrum hier durch.
Vielleicht liegt der Erfolg der Hauptbahnhofs-Unterführung daran, dass bei ihrer Eröffnung im August 2020 die original Bazillenröhre in Aue-Farben angemalt und für viele Chemnitzer:innen unbetretbar war, weshalb sie Ausweichrouten nehmen mussten. Oder daran, dass der Weg kürzer, schneller und belebter ist – wenn man beim Chemnitzer Hauptbahnhof überhaupt von belebt sprechen kann. Jedenfalls kamen uns beim Test mehr als fünf Menschen entgegen, und das an einem gewöhnlichen Samstagnachmittag Anfang Januar in Chemnitz.
Offiziell heißt der Bahnhofsdurchgang übrigens „Zugang Ost“: Das ist das, was viele Gesellschaftsanalytiker derzeit wieder suchen, aber nicht finden, weil es keinen richtigen Zugang zum Osten gibt. Der Osten will für sich sein.

Nun ist die Bahnhofs-Bazille definitiv kosmopolitischer veranlagt als die echte Bazillenröhre: Dank ihrer unmittelbaren Integration in den Hauptbahnhof spürt man hier mit jedem Schritt den Spirit exotischer ferner Städte wie Freital oder Flöha. Immer wieder lockt die Versuchung, in den Zug zu steigen und nach Zwickau zu fahren, um der erdrückenden Enge von Chemnitz zu entfliehen, überall hängen Abfahrtspläne und versprechen das große Glück in Glauchau. Außerdem wird Streetart hier explizit gefördert: Man hat extra Graffiti-Wände anbringen lassen, die offiziell besprüht werden dürfen und wahrscheinlich den alten Wänden der Original-Bazille gedenken sollen. Sie sind aber bisher leer geblieben, weil sie manche für geschmacklose Neunzigerjahre-Revival-Designkunst halten oder weil es so einfach keinen Spaß macht. 

Die Bahnhofsbazille gilt als “ Tor zum Einkaufsbahnhof“: Das Obergeschoss verspricht „Einkaufsvielfalt von morgens bis abends an 365 Tagen im Jahr“ und meint damit den MäcGeiz.
„Hier hast du direkt Anschluss an viele Angebote“, lügt die kuha-bunte Werbung für den Einkaufsbahnhof, daneben ein Foto vom Marx-Kopf, der verdrossen auf eine leere Stadt blickt. Am Ende der Durchführung, wenn man den Verlockungen von Konsum und Fernreisen erfolgreich widerstanden hat, wird man endlich mit Aufstiegschancen belohnt – man klettert eine steile Chemnitz-Leiter hoch auf die Dresdner Straße. Und gelangt zu einer brandneuen Bushaltestelle, die immer leer ist, aber egal: Hauptsache der Sonnenberg hat jetzt seine eigene Zentralhaltestelle. Man selbst hat endlich den Aufstieg geschafft und schwebt nun in ungewohnten Subkultur-Sphären bzw. neuen Nazikiez-Höhen, man ist angekommen auf dem absoluten Gipfel der Chemnitzheit. Von hier aus gibt es nur noch eine Richtung: sonnenbergab. Für den Abstieg in die Unterwelt der Innenstadt kann man dann den Fahrstuhl nehmen, das geht schneller. 

Fazit:
Wir lehnen uns mal weit aus dem Fenster und behaupten: Die Bazillenröhre dürfte als Haupt-Transitroute ausgedient haben, auch wenn sie die Bahnhofs-Durchführung in Sachen Barrierefreiheit und Fahrradfreundlichkeit um Längen schlägt. Dennoch wird ihr eine prächtige Zukunft als beliebte Jogging- und Nordic-Walking-Strecke blühen und der Kaffeewagen von der Leipziger Sachsenbrücke sollte sich hier jetzt schon mit einer Zweigstelle niederlassen: Spätestens in zwei Jahren werden hier massig Großstadt-Millennials cornern und Barista-Ansprüche stellen.

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