Die Post der Moderne: Herbstschmerz in Chemnitz.

Was bisher geschah:
Die Hitzewelle hatte eine dunstige Glocke der Apathie über die Stadt gelegt, weshalb „Dämmse“ zum sächsischen Wort des Jahres und unser Erfolgsformat „Die Post der Moderne“ vorübergehend auf Softeis gelegt wurde. Es gab einfach zu wenig, worüber man sich hätte aufregen können und die Blutdrucksenker hatten endlich angeschlagen. Jetzt aber scheint das Phlegma vom schlechten Wetter verweht, der Hass liegt gemeinsam mit den Resten des Sommers im nassen Laub auf der Straße: Der Herbst hat Einzug in die Stadt gehalten. Kälte ist in die Herzen gekrochen und hält sie mit eisiger Faust umklammert. Hochkonjunktur für Wutblogger wie uns.

In unserem Bericht über die dunkeldeutschen Winkel Sachsens hatten wir Chemnitz noch in Schutz genommen, aber the times, they are a-changein‘. Sobald der Herbst an die Tür klopft, gefrieren die Herzen. Was will man auch machen, wenn man nicht mehr allabendlich im Garten unter der Deutschlandfahne grillen kann, die Stadtfestsaison vorbei ist, die Freibäder geschlossen haben und statt buntem Holi-Pulver nur noch nasser Schnee vom Himmel fällt? Wenn nichts bleibt, außer die schmerzhafte Konfrontation damit, dass der Nahe Osten eben nicht so weit weg ist, wie es viele gerne hätten. Vielleicht kann man sich mal wieder ein bisschen wehren. Kaum wird es kalt, ist die bürgerliche Wehrmacht zurück.

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Zuerst formierte sie sich in Einsiedel, wo Flüchtlinge in einem ehemaligen DDR-Pionierlager mitten im Wald untergebracht werden sollen. Erst weigerte sich der Sicherheitsdienst, dann wehrten sich bis zu 1000 Einwohner beziehungsweise angekarrte Nazis gegen die Asylunterkunft, jetzt wehrt sich der Ortsvorstand gegen das Nazi-Image. Vielleicht hätte man vorher ahnen können, dass in Einsiedel der Name Programm ist. Vielleicht ist jegliche Ansiedlung von Leben in Einsiedel zum Scheitern verdammt – ist ein Einsiedler per Definition doch „jemand der an einem einsamen Ort freiwillig allein lebt“. Vielleicht müssen die Einsiedler erst lernen, dass es außerhalb des vorerzgebirglichen Waldes noch eine andere Welt gibt. In Einsiedel scheint der Verstand schon ins Kloster gewandert, die Bürger ins innere Mittelalter emigriert. Natürlich gibt es auch hier die, die helfen wollen und für Frieden beten, während ein Gastwirt sogleich präventiv seine Fenster vergitterte und andere schon auf Verdacht die Zufahrt blockierten, obwohl die Flüchtlinge da noch nicht mal auf dem Weg nach Einsiedel waren.

Uns besorgt die neue Völkerwanderung der Nazis, die sich so gerne in den Deckmantel des friedlichen Protests hüllt. In Limbach-Oberfrohna plant man den „Schutz der Heimat“, Schneeberg exhumiert seine legendären „Lichtelläufe“, wobei der Name angesichts brennender Asylbewerberheime hier noch perfider scheint, und in Plauen hat sich „Wir sind Deutschland“ formiert. Cegida verteilt neuerdings Handzettel, auch an unschuldige Kaßberg-Briefkästen, darauf der Karl-Marx-Kopf und das herzerwärmende Motto „Wenn ein Funke zur Flamme wird“. Dann schmelzen keine Herzen, dann brennt die nächste Flüchtlingsunterkunft.

IMG_0434Vergangenen Freitag machte sich der rechte Mob auf, um in Markersdorf – was eine Art  Euphemismus für das Heckert ist – den Einzug von 60 Flüchtlingen in eine Turnhalle zu verhindern. Woraufhin sich die Flüchtlinge, hauptsächlich aus Angst, weigerten, in die Turnhalle einzuziehen – ein gefundenes Schlagzeilenfressen für Freie Presse und Morgenpost, wobei vor allem letztere mit allerhand Ausrufezeichen ordentlich Entrüstung schürte. Die Flüchtlinge wurden von der ansässigen Kirchgemeinde aufgenommen. Dort wurden in der Nacht zu Samstag Fenster eingeschlagen und dabei Frauen und Kinder verletzt. Das fand selbst der Meinungspapst der Morgenpost nicht ganz okay, verwies in einem Kommentar über „die heiße Nacht“ auf die vorbildliche Demonstrationen in Plauen und wünschte sich „Mehr Einsiedel“. Wir hoffen immer noch inständig, dass er damit nur das Bier gemeint hat .

Doch als bewege sich die Stadt nicht schon schnell genug auf die abendländliche Apokalypse zu, wurde am Montag auch noch eine alte Fliegerbombe nahe der Sachsenallee gefunden – Ausnahmezustand am Sonnenberg, der Ausnahmezustände von seinem Ghetto-Dasein her ja eigentlich gewohnt sein dürfte. Hauptbahnhof dicht, Notunterkünfte bereitgestellt (ja, auch Deutsche müssen manchmal in Notunterkünfte), 560 Helfer im Einsatz. 2500 Chemnitzer mussten evakuiert werden, bevor die Sprengmeister mit der Entschärfung beginnen konnten, 2500 Chemnitzer, die nun am eigenen Leib erfahren mussten, wie es ist, wenn man sein geliebtes Zuhause oder den Lieblings-H&M wegen Bomben und Krieg verlassen muss. Doch die Evakuierung verlief nicht ganz reibungslos, wie Betroffene jetzt beklagen. Trotzdem hingen wir natürlich den ganzen Montagabend vorm Liveticker, während vor unserem inneren Auge schon der halbe Sonnenberg explodierte – das wäre jedenfalls mal eine unkonventionelle Abrissmethode gewesen.                                  

Was sonst noch geschah plus Fotos aus unserem imaginären Instagram-Account:

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Mysteriöse Missionierungsversuche.

Weil es nicht nur Nazis in Chemnitz gibt, sondern auch warmherzige Leute, die sich engagieren, hat das 371 im aktuellen Heft eine nette Übersicht für alle Gutmenschen und solche, die es noch werden wollen, gedruckt. Darunter auch der Sachen-Laden am Kaßberg, wo Gerüchten zu Folge hin und wieder auch mal paar Re:marxler in freier Wildbahn anzutreffen sind.

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Der Chemnitzer Abwasser-Swagverband

Brot und Spiele: Am Samstag wurden Miss und Mister Sachsen gekürt. Unkonsequenterweise nicht in der Mr. Sachsen-Allee (da performte allerdings Truck-Stop ein exklusives Cowboy-Hut-Konzert, wie uns ein geheimer Informant gestern verriet), sondern in der Galerie Roter Turm, die gleichzeitig ihr 15-jähriges Bestehen mit Sekt und kleinen Fit-Flaschen feierte, die sie kostenlos an alle Besucher verteilte. Jedenfalls waren wir selbstverständlich vor Ort, weil wir es nur richtig finden, dass in der schönsten Stadt auch die schönsten Menschen gekürt werden. Fräulein Fremdenhass und Herr Herrenrasse können gerne in Dresden bleiben.   IMG_0421Auf unserem florierenden Twitter-Account spielte uns ein Follower ein spektakuläres Chemnitzleaks-Dokument zu, das verrät, dass in diesem Sommer ganze 0 (in Zahlen: Null!) Spontanpartys bei der Stadt angemeldet wurden. Das überrascht uns natürlich sehr, gibt es doch nichts Aufregenderes als eine bei der Stadt angemeldete Spontanparty. Typisch Chemnitz – immer nur meckern, aber dann die gebotenen Möglichkeiten nicht nutzen.  

Ein Gedanke zu „Die Post der Moderne: Herbstschmerz in Chemnitz.

  1. göttlich! danke
    (wenns nicht so ein ernstes thema wär, dann schenkelklopfte ich bis ins nimmerland)
    bitte mehr von euch in dieser kalten welt
    peaceundlangehaare

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