Die Post der Moderne: Aber hier leben, nein danke
Die Post der Moderne: Aber hier leben, nein danke

Die Post der Moderne: Aber hier leben, nein danke

Wo liegt eigentlich die schwierigste Stadt Deutschlands? Duisburg soll ja ziemlich schlimm sein oder Gelsenkirchen, andere würden Kassel sagen, vielleicht sogar Berlin. Es gibt Menschen, die finden München schwierig: die Mieten, die CSU, die Lederhosen, das Austernschlürfen vorm Dallmayr und so. Und überhaupt: Beim Thema schwierige Stadt müssen wir dringend über Dresden reden. 

Vielleicht müssen wir aber auch mal wieder über uns selbst reden, also über Chemnitz, denn Süddeutsche, FAZ und co. sind sich sicher: Die schwierigste Stadt Deutschlands – das muss Chemnitz sein. „Ein Gespräch über eine der schwierigsten Städte Deutschlands“, schrieb die Süddeutsche im Teaser für ein Interview mit Frédéric Bußmann, einem, der es nicht geschafft hat auf dem harten Pflaster des deutschen Pjöngjangs. Die FAZ, anderes Blatt, selber Autor, betitelte ihre Chemnitzer Ortsbegehung mit Bitte heute kein ‚Sieg Heil‘-Gebrülle“. Dabei geht es in dem Artikel eigentlich um was anderes, um die Kulturhauptstadt. Aber weil es ein Text über Chemnitz  ist, muss es automatisch immer auch um Nazis gehen, das erzählt sich einfach besser. Die Geschichte ist quasi schon fertig, bevor die Reporter:innen überhaupt aus der MRB geklettert und einmal mit wichtigen Akteuren über die von Baggern und Beef aufgewühlte Zietenstraße spaziert sind. Mittlerweile ist das fast schon ein eigenes journalistisches Genre: Ost-Stadt-Porn. Und weil Ost-Stadt-Porn sells, also Nazis gut klicken, und der August 2018 demnächst fünf Jahre alt wird, ist Chemnitz so heiß wie eh und je: Die Platten, die Nazis, die Neunziger, die bittere Ironie des Karl-Marx-Monuments, von wegen schwierig. Keine Stadt ist als Thema für eine Ost-Stadt-Porn-Reportage mit Gefahrenzuschlag so dankbar wie Chemnitz. 

Wir hier in Chemnitz wissen das längst, also das mit der schwierigsten Stadt der Welt. Chemnitz, die härteste Tür des Landes, das Berghain als Stadt, die anderen sollen erstmal rankommen, die Gelsenkirchens und Duisburgs und Hannovers und Münchens dieser Welt. Wir kämpfen uns Jahr für Jahr durch acht Monate grau vernieselten Chemnitzer Herbst, nur der nukleare Winter ist schlimmer. Wir erleiden regelmäßig heftige Cringe-Krämpfe, wenn sich das Stadtmarketing mal wieder was Belebendes für unsere hoffnungslose Innenstadt ausgedacht hat. Wir werden in einem Moment von ungeahnten Großstadtgefühlen überwältigt, und im nächsten Augenblick schlagen wir uns auf dem brutalen Beton die Hoffnung blutig, wenn montags versprengte Faschos mit Freie Sachsen-Fahnen unbehelligt durch Innenstadt laufen. Wir müssen die Präsentkörbe der Stadt Chemnitz ertragen und dem OB dabei zusehen, wie er Rasen mäht, Pizza backt, dem Bundeskanzler zur Begrüßung eine Fitflasche schenkt, der CWE die Schuld für alles gibt. Und wenn wir mit dem Zug in die weite Welt reisen wollen, werden wir von der MRB härter durchgeschüttelt als Oppenheimer von der Detonationswelle seiner beschissenen Bombe. Wir sind trotzdem noch da. Manche sind sogar freiwillig wieder zurückgekommen, in eine der schwierigsten Städte Deutschlands. Aber schon Frank Sinatra sang über Chemnitz: „If you can’t make it here, you won’t make it anywhere.“

Nun waren die letzten Chemnitz-Wochen besonders schwierig, was am Sommerloch lag. Die Süddeutsche würde schreiben: Ein Text über das Leben in einem der schwierigsten Sommerlöcher Deutschlands. Denn seit Ende Juni klafft in Chemnitz ein veranstaltungsloser Krater in dreifacher Größe des neuen Conti-Lochs am tietz. Kein Kosmos, kein Anstehen an der Käse Maik Schlange, keine nennenswerten Konzerte, die Clubs dicht, die Lieblingskneipen im Urlaub, stattdessen: Hundert Wochen Weindorf. Dort musste die Jugend nun verdursten, in diesem auch popkulturell sehr trockenen Sommer – oder sich direkt in die Alkoholabhängigkeit treiben lassen. Eine Chemnitzer Tragödie. 

Doch seit letzter Woche hat sich das Chemnitzer Sommerloch schlagartig in Berliner Luft aufgelöst, und das liegt an dem Mann, der immer zur Stelle ist, wenn Chemnitz mal wieder vor sich selbst gerettet werden muss: Lars Fassmann. Der Projekthaussegen hängt schief in Fassmanien, und jetzt muss der Späti schließen. Weil die einen die Küche nicht geputzt haben und die anderen nie zum Plenum gekommen sind oder so, ein bisschen wie bei einem Studi-WG-Streit um den Gemeinschaftsraum – und natürlich um die Haushaltskasse.  Die Stadt ist jedenfalls tief gespalten, entweder ist man jetzt Team Fassmann oder Team Späti. Ein Riss geht durch die Bubble, ein bisschen so wie damals mit der Judäischen Volksfront und der Volksfront Judäa. Wobei eine ganz neue Front auf den Plan getreten ist, die AFA. Das steht in Chemnitz neuerdings für Anti-Fassman-Aktion oder für Akteur-Fight-Arena, ersterer wiederum nimmt’s nicht mit Humor und hat direkt eine Anzeige rausgeballert. Der Akteursbeef bedeutet vor allem eines: Das Ende des Sonnenbergs, wie wir ihn aus den immer gleichen Ost-Stadt-Porn-Reportagen kennen, und auch generell. Im Kreativ-Königreich bröckeln die labilen Strukturen wie der Putz von den halbsanierten Wohnungs-Wänden. Der Sonnenberg ist durch, aber war der Sonnenberg jemals richtig da? Dafür schlägt jetzt die Stunde der anderen Stadtteile: Der Brühl strauchelt und könnte eine Späti-Spritze gebrauchen, Bernsdorf hat auch nicht viel zu bieten. Die Akteure könnten aber mal was Neues probieren, das Yorckgebiet zum Beispiel oder Hilbersdorf als neuen Sonnenberg etablieren. Völlig unberührt von all dem bleibt der Kaßberg, der die anderen Stadtteile nur von oben herab belächelt, er hat schon viele Akteure kommen und sich zerstreiten sehen. Der Kaßberg ist trotzdem wieder da. Aber war der Kaßberg jemals richtig weg? 

Vielleicht gilt Chemnitz auch deshalb als eine schwierigsten Städte Deutschlands, weil es sich seit Jahren in endlosen Umlaufbahnen um sich selbst dreht, und zwar ausschließlich. Aber nun ist Chemnitz ja europäische Kulturhauptstadt geworden, um sich nach außen zu öffnen und sich mal ein paar neue, weitläufigere Umlaufbahnen zu suchen. Doch was macht die Stadt stattdessen? Genau, sie dreht sich noch viel härter um sich selbst als die vom Weindorf beschwipsten Säulen des Manifold-Marktplatz-Brunnens. Die Umlaufbahn, auf der Chemnitz um sich selbst kreist, wird immer kleiner. Großes Gejammer, mehr Befindlichkeiten als bei einem fünfwöchigen Poetry-Slam-Festival, eine Opfermentalität, wie man sie sonst nur aus Dresden kennt, und dann das ewig-nörgelige Beteiligungs-Geweine. Die Selbstbezogenheit der Stadt sorgt zunehmend dafür, dass das „europäisch“ in „Europäische Kulturhauptstadt“ für „egal“ steht. Dabei hat sich Chemnitz auch genau deswegen für den Titel europäische Kulturhauptstadt beworben: Damit „Leute von außen“ kommen und neue Impulse mitbringen. Weil Chemnitz das von alleine eben nicht so richtig schafft. Nun sind wieder mal „Leute von außen“ gekommen, das mag man ja generell nicht so gerne in der Stadt: Die EU-Kommission hat sich mal den aktuellen Kuha-Stand angeguckt. Das Fazit: Chemnitz fehlt das Europa-Mindset, der ganze Co-Working-Maker-Quatsch ist voll 2010, man solle sich doch bitte ans Bid Book halten und ein ordentliches Projektmanagement wäre auch nicht schlecht. Trotzdem alles entspannt,  ist ja noch bisschen Zeit bis 2025, für Projektmanagement gibt’s tolle Tools und internationale Netzwerke brauchen wir hier nicht. Schließlich sind wir eine Stadt, in der aus einem pseudo-spanischen Restaurant (Hispano) ein internationales Schnitzelparadies wird. Wenn ihr euch jetzt fragt, was „internationale (?) Schnitzel (?)“ überhaupt sein sollen und euch dabei ein leicht ungutes Gefühl überkommt: Willkommen in einer der schwierigsten Kulturhauptstädte Deutschlands.

2 Kommentare

  1. Ah, jetzt weiß ich, warum der Späti in der Zietenstraße zu ist. 🙁
    Ich habe jetzt drei Monate um die Ecke in der Tschaikowskistraße gewohnt, und kein einziges Mal, wenn ich Durst oder Schokohunger hatte, war er offen.
    Und der Bücherschrank davor ist auch weg. 🙁 Obwohl es mir schien, dass ich eh der einzige war, der ihn immer fleißig bestückt hat, dann aber irgendjemand einfach alle Bücher ratzefatz rausgenommen und wahrscheinlich an die Altpapierhändlerin verscherbelt hat.

    Naja, nächste Woche ziehe ich sowieso ins Yorckgebiet, weshalb ich Eure Forderung nach einem Späti dort vollumfänglich unterstütze!

    Und zumindest von mir wird es bald ein wahrhaft europäisches Kulturhauptstadtprojekt geben!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.