Re:marx steigt in den Ring. Eine Anleitung zum Ringbusfahren.

Der Tag, an dem sich alles ändert, ist ein Sonntag im Dezember. Zweiter Advent, der wintergraue Himmel hat den Lulatsch verschluckt, Schnee wirbelt von den Dächern. In den Kaßberg-Fenstern strahlen prachtvolle Schwibbögen, blinken epileptische Leuchtsterne — ein heimliches Wettrüsten um die größte Erzgebirgskredibilität. Alles scheint wie immer in Chemnitz, und doch ist nichts mehr wie es war. Chemnitz hat jetzt einen Ringbus. Chemnitz ist jetzt Berlin.


Seit Sonntag gilt das Netz 2017+, das ist ein mutiger Name für einen neuen Fahrplan, der Mitte Dezember startet und von 2017 nur noch drei Wochen übrig lässt. Das Plus steht wohl für die Zukunft, jenen geheimen Ort, zu dem auch die neue Ringbuslinie fährt. Doch der Weg in die Zukunft ist am Sonntag vereist, zugeschneit, der Winter ist plötzlich über der Stadt eingebrochen — und das schon im Dezember. Das neue Netz startet also unter erschwerten Bedingungen: Eisiger Wind bläst uns ins Gesicht, wir wärmen uns an unseren beheizbaren Flachmännern. Der Bus aber kommt pünktlich, wir steigen ein, es ist warm, wir haben Lebkuchen. Wir starten die Runde am Kaßberg, Haltestelle Barbarossastraße, Linie 82B Richtung Technopark. Und so beginnt unsere kostenlose Testfahrt ins Großstadtglück. Weil nicht jeder in Chemnitz mit dem plötzliche Urbanitäts-Einbruch umgehen kann, haben wir von re:marx die 82 exklusiv für euch getestet. Eine Anleitung zum richtigen Ringbusfahren.

Das Netz2017+:  In Berlin heißt die Ringbahn S41, wenn sie im Uhrzeigersinn, und S42, wenn sie in ihm entgegen fährt. Für die Chemnitzer wäre das zu kompliziert, deshalb heißt die Ringlinie hier 82A/82B. Außerdem wurde die legendäre Linie 51 so gut wie abgeschafft und fährt jetzt nur noch vom Zeisigwald zur Zenti, hält jedoch am Brühl. Dafür fährt jetzt die prestigeträchtige Transrapidlinie 3 vom Hauptbahnhof zum Campus. Am Erfenschlag, dort, wo man ohnehin nie gerne Seminare hatte, hält nur noch zwei Mal in der Stunde ein Bus, die 53, das ist der neue Heckertbus. Der „Tagesverkehr“ wurde um eine Stunde verlängert, die Busse fahren jetzt also bis 19 Uhr im Normaltakt. Sensationell – und das in einer Großstadt! Bis 20 oder gar 21 Uhr traut man sich bei der CVAG aber noch nicht raus, das wäre auch ein bisschen zu krass, zu gefährlich, zu modern. Eine Nachtbusanbindung des AJZ oder der Tesla-Lokomov-Achse gibt es natürlich immer noch nicht.

Die Linie 82:  Chemnitz ist nicht wie andere Städte, noch nie gewesen. Deshalb fährt der Ringbus auch gar keinen Ring, sondern hat eine Endhaltestelle. Deshalb heißt der Ringbus  auch gar nicht Ringbus, sondern –  frei nach jener Endhaltestelle – „Technopark“. Das ist ein cleverer Marketingschachzug der Stadt, denn er wird massenhaft Partytouristen aus Berlin in die Stadt locken, die den Technopark für einen postindustriellen MDMA-Tempel oder einen Techno-Vergnügungspark halten. Nun ist der Technopark – richtig ausgesprochen übrigens „Täschnobark“, das verrät die Ansage im Bus – nicht das Ibiza des Ostens, sondern eine hochmoderne Haltestelle mitten im Nichts. Das heimliche Ende von Chemnitz, gleich hinter dem Fraunhofer Institut. Von da aus blickt man auf ein schneebedecktes Feld, in der Ferne glitzert das Lichterbogenmeer des Heckerts, so als wäre dies ein alter Sehnsuchtsort, sagen wir mal die Italienische Riviera. Eine Bahn der brandneuen Linie 3 wartet an der Wendeschleife und wird dabei von einigen hartnäckigen Fans euphorisch gefilmt. Am Technopark wechselt der Bus die Fahrtrichtung, fährt also in die Richtung zurück, aus der er gekommen ist, aus der 82B wird die 82A. Die 82A fährt vom Technopark ausgesehen im Uhrzeigersinn Richtung Südbahnhof, die 82B gegen den Uhrzeigersinn Richtung Uni. Am Ende kommen beide wieder am Technopark an, tauschen die Buchstaben und rauchen eine gemeinsame Pausenkippe. Verwirrt? Macht nix, wir auch.

Das Beste am Ringbus ist, dass er die Stadt weitläufig, also wirklich weitläufig umfährt. Am nächsten kommt man ihr wohl am Bahnhof Mitte. Das macht die Zentralhaltestelle quasi überflüssig, sie kann jetzt endlich abgeschafft werden. Und trotzdem: Umsteigen ist immer. Wer beispielsweise vom Kaßberg aus an die Uni will, hat zwei Optionen: Option A: Man steigt am Kaßberg in die 82B und ist innerhalb weniger Minuten am Technopark, muss dort allerdings aus- und in die Tramlinie 3 einsteigen und damit circa eine Station Richtung Campus fahren. Option B: Man steigt am Kaßberg in die 82A und fährt einen 40-minütigen Umweg über Schlossviertel, Sonnenberg und co., dafür aber ganz ohne Umsteigen und mit vielen, vermutlich lebenslang prägenden Chemnitzer Busfahr-Erlebnissen. Wer vom Sonnenberg aus an die Uni will, hat es besser: Er steigt einfach in die 82A und ist in nur 20 Minuten da. Immer noch verwirrt? Macht nix, wir auch.

The Ring: Eine Runde im Ring dauert 48 Minuten. Das ist erstaunlich, denn niemand hätte je gedacht, dass Chemnitz überhaupt so groß ist. Die 82A fährt vom Technopark aus über die Fraunhoferstraße Süd und Nord, den Südbahnhof und den Bahnhof Mitte, vorbei an McDonalds, die Reichsstraße hoch, die Barbarossastraße wieder runter. Dann klettert sie über die Kanalstraße rauf zum Schloss, einem Stadtteil, der bisher hermetisch von der Außenwelt abgeschnitten schien, fährt am Schlossteich vorbei über die Müllerstraße zur Sachsenallee. Sie hält an der Reinhardtstraße, damit sind jetzt endlich auch die Alternativen ans Verkehrsnetz angeschlossen, und am CFC-Stadion, beim dauerinsolventen Prestige-Verein der Stadt. Weil die Zietenstraße gesperrt ist, nimmt sie aktuell eine Umleitung über das Yorkgebiet und die Augustusburgerstraße, fährt dann durchs Lutherviertel zur Wartburgstraße und zum Campus. Und schon ist man wieder am Technopark. Die Linie heißt im Fahrplan deshalb auch Technopark — Technopark. Sie fährt im Viervierteltakt. Also aller zwanzig Minuten – denn die durchschnittliche Chemnitzer Stunde hat bekanntermaßen 80 Minuten, genauso viel wie ein Fußballspiel.

The Ring, II:  Die 82 könnte die neue Chemnitzer Sehenswürdigkeiten-Tour werden, vor allem im Hinblick auf den sicheren Kulturhauptstadt-Zuschlag. Dann müssten anstelle der neuen Mercedes-Busse allerdings rote Doppelstock-Busse fahren, für ein verbessertes Sightseeing-Flair. Außerdem hat das jede Großstadt, die was auf sich hält. Die Linie hat viel zu bieten: Man sieht die prächtigen Jugendstil-Portale vom Kaßberg, sieht, wie der Adel am Schloss flaniert, fährt durch die Chemnitzer Bronx, und kann aus dem sicheren Bus raus arme Arbeiter angaffen. Man sieht den Chemnitzer Central Park, also den Schlossteich und das mittelalterliche Disneyland gegenüber,  sieht das abrissgefährdetste Eisenbahnviadukt der Welt, sieht Mensa und McDonalds. Man kann auch in Küchwaldnähe aus- und in die Parkeisenbahn einsteigen und dort endlich richtig und hart im Kreis fahren. Die Linie zeigt auch Geheimtipps abseits des unerträglichen Touri-Gewimmels am chronisch überfüllten Nischel: Den zweiten Lulatsch zum Beispiel, den man vom Technopark aus an der Annabergerstraße hübsche schwarze Rußwolken in die Luft schleudern sieht, den aber kaum jemand kennt. Überhaupt sieht man von der Endhaltestelle aus gleich beide Lulatschs, den bunten und den grauen — die Twin Towers von Chemnitz, von denen einer all den farbenprächtigen Fame abbekommt und der andere ein verkanntes Dasein in dessen langen Schatten führt. Eine Fahrt mit dem Technobus ist wie eine Reise durch die Stadt und ihre Gegensätze: Armut und das einfache Arbeiterleben, Alter und Jugend, Forschung und Fortschritt, Bohème und Bürgertum.

Verbesserungsvorschläge: In Dresden werden die Haltestellen-Ansagen von Kindern eingesprochen, das ist rührselig, das geht ans harte Pegida-Herz. In Chemnitz könnte man  Rentner die Ansagen einsprechen lassen. Diese sind ja ohnehin schon auf Sächsisch, damit es authentischer klingt. Noch viel authentischer wäre es, wenn sie auch auf Alt wären. Außerdem könnte man in den Bussen eine Vokü, einen kleinen mobilen Busverkauf einrichten, der Kaffee und belegte Brötchen für gestresste Studenten anbietet. An denen verdient die CVAG ja ohnehin kaum Geld, warum also nicht noch ein bisschen Profit rausschlagen. Bürgernähe entsteht durch Busfahren – das könnte BaboLu für sich nutzen und einmal monatlich eine Bürgersprechstunde im Ringbus anbieten: 48 Minuten Zeit, auch mal die Menschen hinter den dauerhaft empörten Chemnitzer Wutgesichtern kennenzulernen.

Was wir am Sonntag leider verpasst haben:  Den Weihnachtsmarkt, der dieses Jahr ohnehin erstaunlich leer wirkt – sicher, weil er durch den Ringbus gravierend vom Stadtverkehr abgeschnitten ist. Die angeblich 3000 Menschen, die das neue Netz getestet haben. Und das feierliche Anbussen der grünen Stadtratsfraktion im samtgrünen Nikolaus-Mantel.

Vorteile: Die Ringbuslinie ist eine durchweg positive Angelegenheit, die den Chemnitzern endlich ein wenig Großstadtmentalität verleihen und das städtische Selbstwertgefühl stärken dürfte. Sie eröffnet ganz neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung: Samstagabend vom Kaßberg direkt ins Kaufland, um angefaulte Kohlköpfe für 0,3 Cent zu schießen zum Beispiel.  Heimlich am Lokomov vorbeifahren und gucken, ob jemand drin sitzt, für den es sich auszusteigen lohnt, auch. Oder man fährt mit dem Ringbus zum Chemnitzer Südbahnhof, steigt dort in einen der Nahverkehrszüge, in Mitte wieder aus und zurück in den nächsten Technobus. Die 82 boykottiert außerdem alle innerstädtischen Kellnberger-Prachtparkhäuser und führt stattdessen über alle wichtigen Fassmann-Investitionen: Weststraße 31, Reinhardtstraße, Lokomov, Technik-Campus. Wem beim Busfahren immer schlecht wird, fährt die Linie einfach mit dem Fahrrad nach. Besonders praktisch für Studenten: Sonntags zum Katerfrühstück in den Barbarossa-Döner und wieder zurück bussen, am Campus hat da ja ohnehin alles zu. Denn bei der 82 handelt es sich um die inoffizielle Dönerlinie — sie passiert jeden wichtigen Imbiss der Stadt: Von Eskara über Wiking-Döner bis zu Alans Pizza und dem Vietnamese am Sonnenberg ist alles dabei. Feinschmecker können natürlich auch am Al Castello aussteigen.

Nachteile: Bedingt durch die Endhaltestelle ist es eher unpraktisch, früh um sieben besoffen im Ringbus einzuschlafen. Optimal wäre, der Bus würde durchfahren, dann könnte man auch besser ungestört durchschlafen. Die 82 verkehrt täglich nur bis 22:45 — das ist schlecht, eine 82N (das N steht für Nacht) ist unumgänglich: Dann käme man nachts nämlich endlich vom Lokomov oder Tesla nach Hause, und das vielleicht sogar ohne Umsteigen. Abgesehen davon macht der Technobus seinem Namen leider kaum Ehre: Er hält an nur einem Club und wird aufgrund seiner biederen Fahrzeiten wohl eher keine kotzgrölenden Partytouristen durch die Stadt karren. Dabei wäre ein „Rave and Ride“-Ring ein wirklich innovatives Konzept für die dauergebeutelte Chemnitzer Clublandschaft. Dass der Hauptbahnhof nicht ans Ringbusnetz angeschlossen ist, ist auch eher suboptimal, aber der Hauptbahnhof ist ja im Prinzip an gar kein Netz angeschlossen, außer an die Linie 3 Richtung, ratet mal — richtig:  Technopark. Reicht ja auch, denn von dort aus kommt man in den Ringbus. Mehr braucht man in Chemnitz gar nicht.

Fazit: Früher führten in Chemnitz alle Wege zur Zenti. Heute ist das immer noch so. Alle Wege jedoch, die nicht zur Zenti führen, führen jetzt zum Technopark. Der Technopark ist die neue Zenti. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis sich dort, mitten im Nichts, Billigbäcker und Fastfoodketten ansiedeln, Teenager zum Kiffen treffen, Überwachungskameras installiert und Alkoholverbote eingeführt werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*